Nr. 22/2011 vom 02.06.2011

Die Fifa ist unglaubwürdig wie nie zuvor

Von Carlos Hanimann

In der Fifa bleibt kein Stein auf dem anderen. Fast täglich werden neue Korruptionsvorwürfe erhoben und Beweise für die Käuflichkeit der Sportfunktionäre vorgelegt. Zuletzt am Dienstagnachmittag: Ein Informant wollte den Medien Beweise präsentieren, dass einzelne Fifa-Funktionäre für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 nach Katar zwanzig Millionen Dollar Schmiergeld angenommen hätten. Die Pressekonferenz fand allerdings nicht statt. Bis Redaktionsschluss war der Informant nicht erreichbar. Die Turbulenzen der vergangenen Tage verleiten zur Frage: Geht in der Fifa noch irgendetwas mit rechten Dingen zu?

Anfang Mai trat Fifa-Präsident Joseph «Sepp» Blatter vor die Medien und kündigte eine «wegweisende Unterstützung» im Kampf gegen Korruption im Fussball an. An seiner Seite befand sich Ronald K. Noble, der Generalsekretär von Interpol, der mit 188 Mitgliedsstaaten grössten internationalen Polizeiorganisation. Die Fifa lässt Interpol in den nächsten zehn Jahren die höchste Spende zukommen, die diese je von einer privaten Organisation erhalten hat: zwanzig Millionen Euro. Damit sollen illegale Wetten und Spielmanipulationen bekämpft werden. Dass dies nur ein PR-Spektakel war, offenbart sich jetzt, wo ein Fussballfunktionär den anderen der Korruption bezichtigt: Blatter verwahrt sich gegen jeden Eingriff von aussen. «Schwierigkeiten lösen wir in der Familie», sagte er diese Woche. Stattdessen engagiert die Fifa Interpol, um «asiatische Wettsyndikate» zu bekämpfen.

SVP-Nationalrat Roland Büchel hat wegen dieser Spende eine Einfache Anfrage beim Bundesrat eingereicht. Er stellt die «Neutralität und Unabhängigkeit dieser kriminalpolizeilichen Organisation» infrage, zumal die Fifa-Spende «rund vierzig Prozent des Jahresbudgets von Interpol» ausmache. Die Antwort des Bundesrats ist für nächste Woche zu erwarten.

Derweil versucht Blatter, die Wogen zu glätten. Doch die Pressekonferenz des Präsidenten endete am Montag im Eklat. Es war ein selbstherrlicher Auftritt Blatters, der in seiner Sturheit an einen absolutistischen Herrscher erinnerte: Kritische Fragen strafte er mit Schweigen, die JournalistInnen blieben empört, ratlos oder belustigt zurück.

«Gekauft» meint nicht «bestochen»

Vorausgegangen war eine Woche der Anschuldigungen, Skandale und Peinlichkeiten, die einen Tiefpunkt in der 36-jährigen Fifa-Karriere Sepp Blatters bedeuten. Der vorläufige Zwischenstand: Eine sogenannte Ethikkommission suspendierte Vizepräsident Jack Warner sowie Blatter-Herausforderer Mohamed bin Hammam vorübergehend, weil sie versucht haben sollen, Stimmen für die Präsidentenwahl zu kaufen. Warner übergab daraufhin den Medien eine E-Mail, in der sich Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke dahingehend äusserte, die Vergabe der WM 2022 nach Katar sei «gekauft» worden. Valcke dementierte umgehend: Mit «gekauft» habe er keineswegs Bestechung gemeint, sondern lediglich auf die «finanzielle Kraft» der Katarer angespielt.

Und Blatter? Er wurde von der (mit fünf von dreizehn Mitgliedern) reichlich unterbesetzten familieninternen Fifa-Ethikkommission reingewaschen. Zwar mehren sich die Stimmen, die eine Verschiebung der Wahl fordern, doch wird Blatter aller Voraussicht nach am Mittwoch (bei Erscheinen dieser WOZ) per Akklamation als Präsident wiedergewählt, da sich Konkurrent Mohamed bin Hammam aus dem Wahlkampf zurückgezogen hat. Dabei hatte Blatter mitten im Wahlkampf «als Geschenk» eine Million Dollar an «Entwicklungshilfe» und andere Kleinigkeiten spendiert: «Als Präsident darf ich das – und noch viel mehr», sagte er am Montag. Danach redete er wieder von «Nulltoleranz», «Stärkung der Ethikkommission» und «Fussballfamilie».

Was ist von diesem Jahrmarkt der Absurditäten zu halten? Zuerst einmal, und das kann man ohne Angst vor der Fifa-Rechtsabteilung sagen, weil es gerichtlich dokumentiert ist: Die Fifa ist mit Lügnern und korrupten Funktionären besetzt. Fast die Hälfte der aktuellen Fifa-Entscheidungsträger hat in der Vergangenheit Schmiergelder angenommen – oder war zumindest in Korruptionsaffären verwickelt. Sekundiert werden sie von ehemaligen Journalisten (wie Walter de Gregorio, siehe WOZ Nr. 16/11), die sich als Medienberater einspannen lassen, um diese Schlammschlacht medial zu orchestrieren.

Kritik wird weggegrinst

Die Fifa ist ein höchst intransparentes Milliardenunternehmen. In den neunziger Jahren zahlte die Sportmarketingfirma ISL über 140 Millionen Franken an Fifa- und andere Sportfunktionäre. Ein Grossteil der Empfänger ist noch immer unbekannt; auch weil die Fifa mit einer «Wiedergutmachungszahlung» über 5,5 Millionen Franken dafür sorgte, dass die Namen geheim bleiben.

In einem anderen Fall läuft eine Untersuchung des Staatssekretariats für Wirtschaft, nachdem die WOZ publik gemacht hatte, dass die Fifa als «Entwicklungshilfe» Bauprojekte in Burma finanziert: Der Weltfussballverband steht unter Verdacht, gegen Sanktionsbestimmungen verstossen zu haben.

Schliesslich: Die Vergabe von Weltmeisterschaften birgt die grösste Gefahr zur Korruption. Rund neunzig Prozent ihres Ertrags erwirtschaftet die Fifa mit der WM.

Das sind keine blossen Anschuldigungen. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt Wahrheit über die Fifa – ein milliardenschweres Unternehmen, deren Vertreter Kritik mit einem selbstgefälligen Lächeln weggrinsen. Die Fifa ist unglaubwürdig wie nie zuvor. Reformen reichen nicht mehr aus. Der Weltfussballverband muss von Grund auf erneuert werden. Dazu braucht es jetzt den Druck der Politik. Wer ist bereit, das Schweigen zu brechen? Wer ist bereit, den Monolithen zu zerschlagen?

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