Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Jack und Chucks reger karibischer Bestechungsverkehr

Es waren die Fälle der Fifa-Funktionäre Jack Warner und Chuck Blazer, die die US-Ermittlungen gegen die Fifa auslösten. Welche Rolle spielten die beiden beim Rücktritt Blatters?

Von Lasana Liburd, Port of Spain

Blatters Rücktritt vom Fifa-Thron nur vier Tage nach seiner Wiederwahl kam überraschend. Weniger überraschend wäre es, wenn das auch mit den ehemaligen Fifa-Funktionären Austin «Jack» Warner aus Trinidad und Tobago und Chuck Blazer aus den USA zu tun hätte. Kaum waren nämlich vergangene Woche in Zürich die Haftbefehle des US-Justizdepartements gegen vierzehn hochrangige Fussballfunktionäre ausgeführt worden, wurde im karibischen Inselstaat Trinidad und Tobago Jack Warner verhaftet. Warner war 2006 als erstes Fifa-Exekutivkomiteemitglied von einem Gericht wegen Korruption schuldig gesprochen worden. Fünf Jahre später musste er auch die Fifa verlassen, nachdem er eine regelrechte Bestechungsorgie für den damaligen Blatter-Konkurrenten und Präsidentschaftskandidaten Mohamed Bin Hammam orchestriert hatte.

Ein Skandal nach dem anderen

Immer wieder ist Warner durch Korruption aufgefallen, etwa als er 1998 eine Million US-Dollar für Fernsehrechte in die eigene Tasche steckte. Als er 2012 das Präsidium des karibischen Fussballverbands abgab, war alles Geld verschwunden; nicht einmal mehr die Hauptversammlung des Verbands konnte finanziert werden. Oder als er 2010 hauptsächlich aus dem Hilfsfonds der Fifa 750 000 US-Dollar für die Unterstützung der Erdbebenopfer in Haiti sammelte, aber nur Hilfe im Wert von 60 000 US-Dollar die Menschen in Port-au-Prince erreichte.

Die nun bekannt gewordenen Schmiergeldzahlungen zwischen dem südafrikanischen und dem nord- und zentralamerikanischen Fussballverband sowie der Fifa sind nur ein weiterer Skandal in dieser Reihe. Ein wesentliches Puzzleteil in dieser Affäre publizierte die südafrikanische «Sunday Times» diese Woche.

In einem Brief aus dem Jahr 2008 erteilte der damalige Präsident des südafrikanischen Fussballverbands, Molefi Oliphant, dem Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke Instruktionen, zehn Millionen US-Dollar des Organisationsbudgets für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zurückzuhalten und stattdessen an Jack Warner zu überweisen. Dieser sollte die hohe Summe in ein «Diaspora-Programm» in der Karibik fliessen lassen.

9,6 Millionen US-Dollar «Provisionen»

Die US-Generalstaatsanwältin Loretta Lynch, die in der Sache ermittelt, erachtet diese Zahlung als Bestechung, zumal es keinerlei Beleg dafür gebe, dass dieses Diaspora-Programm überhaupt existiert. Gemäss den Anklageschriften der US-Behörden soll Warner seinem US-amerikanischen Freund, dem ehemaligen Fifa-Funktionär Chuck Blazer, eine Million davon versprochen, aber nie gezahlt haben. Die zehn Millionen wurden laut Anklageschrift von einem «hochrangigen Fifa-Funktionär» in drei Tranchen gestückelt und auf Konten überwiesen, die Jack Warner kontrollierte. In den folgenden drei Jahren soll Warner verschiedene Zahlungen an ungenannte «Ko-Konspiratoren» getätigt haben.

Im Wahlkampf um das Fifa-Präsidium 2011 war es schon einmal zu Spannungen zwischen «Jack and Chuck» gekommen, als Blatters Herausforderer Mohamed Bin Hammam aus Katar in die Karibik reiste und «Geschenke» in der Höhe von 40 000 US-Dollar verteilte. Bin Hammam und Warner wurden innerhalb von drei Wochen von der Fifa-Ethikkommission suspendiert. Anders Chuck Blazer, der beteuerte, in den zwei Jahrzehnten als Fifa-Funktionär nie Stimmen gekauft zu haben. Kurze Zeit später ermittelte das FBI aber auch gegen Chuck Blazer wegen sogenannter Provisionen in der Höhe von 9,6 Millionen US-Dollar.

Diese Summe wurde von der Karibischen Fussballunion an eine US-amerikanische Sportmarketingfirma auf den Cayman Islands transferiert. Es wird vermutet, dass Warner den US-Behörden den entsprechenden Tipp gegeben und Blazer verpfiffen hat.

Noch mehr Ermittlungen?

Die Fifa glaubte, den Skandal klein halten zu können. Und Warners Nachfolger Jeffrey Webb schob alles Übel im nord- und zentralamerikanischen Fussballverband auf Warner und Blazer. Am 27. Mai ist nun aber auch Webb mit sechs weiteren Fifa-Funktionären in Zürich wegen mehrerer Fälle von Betrug und Bestechung verhaftet worden.

Obschon sich die Ereignisse in den letzten Tagen überschlugen, glaubte König Blatter, dass ihn die Flut auch diesmal nicht erreichen würde. «Für die nächsten vier Jahre werde ich wieder das Kommando über dieses Schiff namens Fifa übernehmen», sagte Blatter nach seiner Wiederwahl. Erst in den Tagen nachdem sich Jack Warner auf Trinidad der Polizei ergeben hatte und Blatter befürchten musste, dass dieser gegen ihn auspacken würde, verliess er das sinkende Schiff.

Die Zeit wird zeigen, ob sich der Weltfussballverband nach der Ära Blatter ändern kann. Es wäre wohl unrealistisch zu erwarten, dass das US-Justizministerium alle Korruptionsvorwürfe beweisen kann. Aber es ist in jedem Fall ein Zeichen, wenn Regierungen ihren Teil dazu beitragen, den Weltfussball von der Korruption zu befreien.

Auch Britannien und Australien haben inzwischen ihren Unmut über die Fifa kundgetan und fordern Reformen. Wenn es diese beiden Regierungen ernst meinen, beginnen sie umgehend mit Ermittlungen in ihren eigenen Reihen – in der Hoffnung, dass andere Länder nachziehen. Das wäre der effektivste Weg, den beliebtesten Sport der Welt für die Menschen zurückzugewinnen.

Aus dem Englischen von Corina Fistarol und Carlos Hanimann.

Lasana Liburd ist ein Journalist aus Trinidad und Tobago. Seit vielen Jahren berichtet er als profunder Kenner regelmässig über die Fifa. Zuletzt schrieb er in der WOZ Nr. 28/2014 über Aufstieg und Fall von Jack Warner.

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