Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Die Kraft des Denkens

Ein Porträt der Philosophin, Psychoanalytikerin und unermüdlichen Menschenrechtlerin – anlässlich eines runden Geburtstags und ihres jüngsten Buches.

Von Thomas Barfuss und Stefan Howald

Maja Wicki lädt gern zu sich ein, ins Zürcher Seefeldquartier. Wir Gäste werden dann sorgsam platziert, sodass wir durchs Fenster den See im Blick haben; Maja tischt auf, nur eine Kleinigkeit, wie sie versichert, um die Gehirnströme in Gang zu setzen, was sich, natürlich, als opulentes Mahl erweist.

Während des Gesprächs klingelt das Telefon, Maja verspricht einer Asylbewerberin, sich um eine Lehrstelle für ihre Tochter zu kümmern, oder sie vermittelt die Adresse eines befreundeten Rechtsanwalts. Wenn die Zeit nicht gereicht hat, einen Kuchen zu backen, wird die Nachspeise zumindest mit ausgesuchten exotischen Zutaten angereichert, früh am Morgen frisch auf dem Markt gekauft. Wir unterhalten uns über das Leben und unsere Projekte – kennt jemand vielleicht eine geeignete Lehrstelle? Traurig ist sie und empört über die politische Situation. Am 17. März ist ein nigerianischer Asylbewerber bei der Zwangsausschaffung auf dem Zürcher Flughafen ums Leben gekommen. Ein Skandal, sagt Maja, und sie hat bereits einen offenen Brief an den Bundesrat aufgesetzt und ist daran, für den 17. April eine Manifestation der Trauer in Bern zu organisieren.

Späte Karriere

So geht das immer wieder, intensiv und eindringlich. Seit Jahren engagiert sich Maja Wicki für Menschenrechte und gegen die Diskriminierung von Asylsuchenden. 2008 stellte sie ein Kolloquium an der Universität Freiburg auf die Beine, zusammen mit der dortigen Ethikprofessorin Simone Zurbuchen, das unter dem Motto «Unrecht darf nicht Recht werden» das neue Asyl- und Ausländergesetz analysierte und kritisierte. Die neuste Aktion hat sie spontan lanciert, unterstützt von Afra Weidmann, der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht und Solidarité sans frontières, von konservativeren Organisationen im Asylbereich vorsichtig distanziert bis misstrauisch betrachtet.

Ihr 70. Geburtstag, Anfang Jahr im weiteren Kreis gefeiert, machte ihre Fähigkeit, Menschen aus verschiedenen Gebieten zu bewegen und zusammenzubringen, noch augenfälliger: Da sassen nebeneinander alte Schulfreunde und Menschenrechtsaktivistinnen, ihre Töchter und Söhne samt Grosskindern, Journalistenkollegen und Malerinnen, Psychoanalytikerinnen, Anwälte, Philosophinnen, Musiker.

Wicki hat eine späte, aber vielfältige Karriere gemacht. Die «Jahre des pubertären Aufruhrs musste ich in Mädchenpensionaten verbringen. In bürgerlichen Familien galten damals freiheits- und bildungshungrige Töchter als Verhängnis», hat sie geschrieben. Mit 22 Jahren heiratete sie einen gleichaltrigen Jurastudenten, zog dann vier Kinder auf, übersetzte daneben für den Verlag ihres Vaters Bücher aus dem Französischen und unterrichtete Deutsch für AusländerInnen. Die 68er-Revolte beobachtete sie «aus dem Hinterhof. Ich hatte damals bereits Kinder geboren, sie waren noch klein und wuchsen heran; ich war ihnen am nächsten verpflichtet. Kinder und Studium, Haushalt und Geldverdienen bedurften des Rückzugs. Der Alltag war widersprüchlich.»

Geduldig lernte sie das eigenständige Denken und Handeln aus diesem widersprüchlichen Alltag heraus. Das Philosophiestudium konnte sie erst 1983 mit einer Dissertation über Simone Weil in Zürich abschliessen, eine Denkerin, die sie bis heute fasziniert. Anschliessend immatrikulierte sie sich für Psychologie und Traumatherapie bei Stefan Herzka. In all den Jahren kam es zur vielfältigen Zusammenarbeit und Freundschaft mit anderen DenkerInnen, mit Brigitte Weisshaupt, Arnold Künzli, Hans Saner, Ueli Mäder, Berthold Rothschild, Willi Goetschel und vielen mehr.

Ästhetisch und ethisch zugleich

Mitte der achtziger Jahre wurde sie Journalistin, bei der «Weltwoche», beim «Tages-Anzeiger», beim «Magazin». Sie hat mutige Reportagen geschrieben, über sizilianische Frauen im Kampf gegen die Mafia, aus Krisengebieten wie der Türkei und Ex-Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien, Porträts über bedeutende und zugleich wenig beachtete Menschen, zum Beispiel den Dichter Lajser Ajchenrand oder die Buchhändlerin Emmie Oprecht. Immer widmete sie sich ihren Themen mit einer feinen Wahrnehmung, die ästhetisch und ethisch gleichermassen war. Bis diese Art Journalismus in den Printmedien nicht mehr gefragt war. 1991 gab sie unter dem Titel «Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen» ein Buch zum Frauenstreiktag heraus, mit Beiträgen von über sechzig FotografInnen sowie Kultur- und Frauenrechtlerinnen. Mit Esther Spinner und anderen baute sie das Netzwerk schreibender Frauen auf und setzte sich mit Barbara Elsasser für ATD Vierte Welt ein. Beim Schweizer Fernsehen trug sie zum Aufbau der «Sternstunden Philosophie» bei und war von 1994 bis 2000 Redaktionsmitglied beim «Moma», einem lebhaften, kurzlebigen Magazin der Linken.

Die journalistische Arbeit lief immer parallel zum humanitären und politischen Engagement. Über zehn Jahre war Maja Wicki im Vorstand des «Forums gegen Rassismus». 1997 gab sie mit der Menschenrechtsaktivistin Anni Lanz einen Sammelband von Flucht- und Exilgeschichten aus dem ehemaligen Jugoslawien heraus, der dazu beitrug, dass bosnische Frauen und Kinder nicht aus der Schweiz ausgeschafft wurden.

Gelegentlich, wenn sie müde wird, fällt sie im Gespräch ins Französische ihrer zweisprachigen Jugend zurück, und das ist ein besonderes Zeichen: Ende 1999 hat Maja Wicki einen Hirnschlag erlitten und dabei jede Sprachfähigkeit verloren. Sie kämpfte sich Wort für Wort zurück, leichter auf Französisch, mühsamer auf Deutsch, schliesslich zur alten Beredsamkeit und Genauigkeit – eine erstaunliche Leistung.

Wicki ist eine bestrickende Rednerin. In ihrem freien Vortrag kann man die Verfertigung der Gedanken beim Reden mitverfolgen. Ja, als multikulturelle Geschichtenerzählerin scheint sie die mündliche Sprache geradezu als Zauberkraft zu benützen. Woher sie ihre Kraft nimmt, ist zuweilen ein Rätsel. Manchmal überfordert sie einen. Ihre Unmittelbarkeit wird von uns anderen gelegentlich als Anspruch wahrgenommen: die Empathie zu teilen, sofort auf eine Anfrage zu antworten, so schnell und so weit als möglich für Hilflose einzustehen. In dunkleren Augenblicken mag das einem als Zumutung erscheinen und ermattete Melancholie auslösen.

Zuweilen überfordert sie auch sich selber. Immer wieder geht die therapeutische Tätigkeit in die praktische Hilfe über. Dann muss, dringlich, Geld aufgetrieben oder eine Amtsstelle kontaktiert werden. Was die eigenen physischen und psychischen Möglichkeiten an die Grenzen treibt. Gegen all die Not, der sie begegnet und der sie sich annimmt, bleibt ihr Lebensmut ungebrochen. Es ist, als vermöchte sie mit ihrer ästhetischen Sensibilität Funken aus dem Alltag zu schlagen und ihn damit zu erhellen.

Für eine kreative Vernunft

Jetzt liegen einige von Maja Wickis Texten gesammelt vor, unter dem Titel «Kreative Vernunft. Mut und Tragik von Denkerinnen der Moderne». Dreizehn Frauen versammelt der Band, von Vorläuferinnen wie Mary Wollstonecraft über Bertha Pappenheim bis zu Hannah Arendt, von der Gründerin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks, Regina Kägi-Fuchsmann, über Simone Weil und Margarete Susman bis zu Ulrike Meinhof. Dazwischen eingestreut sind Essays zur Geschlechterfrage, zum Alleinsein, zur Frage nach der Heimat oder der Suche nach dem Glück.

Die «kreative Vernunft des denkenden Herzens» ist es, was Wicki in Biografie und Werk herausarbeitet. Immer wieder mussten die porträtierten Frauen lernen, sich in widersprüchlichen Situationen zu bewegen, ohne sich um den Verstand bringen zu lassen und sich von ihren Träumen, Wünschen und Gefühlen abzuschneiden. Das «denkende Herz» sucht nach einer Übereinstimmung von Intellekt und Emotionen, damit ausgetretene Pfade verlassen und kreative Lösungen gefunden werden können. Mit dem Begriff vom «denkenden Herzen» bezieht sich Wicki auf Etty Hillesum, eine junge jüdisch-holländische Philosophin, die von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurde und nicht überlebt hat.

Mit dem Herzen denken? Wo Sachzwang, Konkurrenzdenken und oberflächliche Provokation das Feld beherrschen, erscheint Maja Wickis Beharren auf der kreativen Vernunft eigentümlich unspektakulär und leise. Natürlich weiss auch sie, dass der Zeitgeist eine andere Sprache spricht: Feindbilder werden aufgerichtet, Ängste und Empörung verlangen rasche Lösungen. Diesen Konformismus durchkreuzt Wicki immer wieder, sei es als Autorin, sei es in den zahllosen Vorträgen und Vorlesungen, die sie über Jahrzehnte vor Frauengruppen gehalten hat, vor Studierenden und SozialarbeiterInnen; sei es als Frauenrechtlerin mit langem Atem, als Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin, die mit Gewalt- und Folteropfern arbeitet, oder als Menschenrechtlerin, die Proteste organisiert und an Netzwerken knüpft.

Bei all ihren Tätigkeiten geht es ihr darum, die Fähigkeit der Menschen freizulegen, «gegen den Zwang der inneren und äusseren Verhältnisse, gegen den Druck der Gesellschaft, gegen Erziehung, Machtstrukturen und Profitkalkül, gegen den Trend und gegen den Strom das eigene Handeln zu bestimmen». Allerdings hat die Beharrlichkeit ihrer Arbeit, die keinen Unterschied macht zwischen prestigeträchtiger Publikation und alltäglicher Solidarität, ihren Preis: Im Zirkus intellektueller Eitelkeiten wird sie viel zu wenig zur Kenntnis genommen.

Unbeirrt bleibt ihr Denken darauf gerichtet, inmitten der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche und Anforderungen einen Ort der Freiheit zu öffnen, wo kreative und verantwortbare Entscheidungen getroffen werden können. Dabei gilt: «Mut beruht auf der Überwindung der Angst.» Maja Wicki besteht freilich darauf, dass Angst «nicht durch Anpassung an die ängstigenden Ursachen überwunden werden kann, nicht durch Unterwerfung unter die Gewalt». Den Zirkel von Angst und Gewalt möchte sie unterbrechen, indem sie die Fähigkeit unterstützt, den Ursachen auf den Grund zu kommen und zu lernen, auch in Widersprüchen und unter Sachzwängen frei zu denken und zu handeln. Zunächst für die einzelne Person, indem diese Intellekt, Emotion und Handlungsentscheid in eine Übereinstimmung zu bringen vermag. Dieses persönliche Vorhaben steht natürlich in Verbindung zu jenem grösseren, politischen eines zwangfreien Zusammenschlusses der Verschiedenen, «damit im Chaos der Differenzen eine Dynamik der Übereinkunft zur Verwirklichung der Gemeinschaftsinteressen gefunden und realisiert werden kann».

Die Sprachlosen

Zu Maja Wickis Arbeit gehört der Kampf gegen die Sprachlosigkeit. Eindringlich mahnt sie, in unserer sprachlich vernebelten und lauten Gesellschaft «Kinder, Gebrechliche und Kranke, Fremde» – kurz «die Sprachlosen» – nicht zu benachteiligen. Sprachlos sein, wenigstens vorübergehend, ist ein Schicksal, das sie aus eigener Erfahrung kennt. Deshalb tragen ihre Arbeiten zu einer Vernunft bei, welche die Sprachlosen und Vergessenen einbezieht. Am 17. April 2010 wird Maja Wicki jedenfalls in Bern sein, gemeinsam mit vielen, damit der in einem Hangar des Flughafens Kloten verstorbene nigerianische Asylsuchende nicht vergessen wird.

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