Nr. 40/2010 vom 07.10.2010

«Eine gelassene Panik als Grundzustand»

Max Frischs posthum veröffentlichte «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» handeln von Alter und Tod und Politik. Nicht nur als Spitallektüre zu empfehlen.

Von Stefan Howald

Kurz nach dem Mittagessen kommt im Bezirksspital die fahrende Bibliothek. Es ist eigentlich ein fahrendes Büchergestell, mit rund hundert Büchern, einer Auswahl aus Krimis, Sachbüchern (Selbsthilfe, Technik, Rätsel) und ein wenig Belletristik. In der vordersten Reihe stand, prominent ausgestellt, Max Frischs Buch «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch». Weil ich das Buch Anfang Jahr verpasst hatte, griff ich danach, was die Bibliotheksbetreuerin mit einem freundlichen Nicken quittierte. Da gerade Ruhe im Krankenzimmer herrschte, begann ich gleich zu lesen.

Den zweiten Eintrag eröffnet Frisch mit der Zeile «Also Lebensabend auf dem Lande», und das tönt ein wenig resignativ. Drei Seiten später wird er mit der Diagnose «tödlicher Krebs» für den Freund Peter Noll, den bekannten Strafrechtler, konfrontiert.

Geschrieben hat Frisch dieses dritte Tagebuch 1982, 71-jährig. Alter und Tod sind darin prominente Themen. Und die Schweiz, sowie die USA. Ein bisschen auch die Liebe.

Das Buch liest sich rasch: 170, gelegentlich nur knapp bedruckte Seiten. Die Eintragungen gleiten leicht dahin und bleiben doch präzise. Frisch fühlte sich damals, mit 71 Jahren, alt: «Ich werde ein Greis.» Das ist zuweilen ein wenig kokett, aber zumeist schonungslos offen. Offenheit hat Frisch immer ausgezeichnet: Fragen zu stellen, auch sich in Frage zu stellen. Hier herrscht freilich ein anderer Gestus als in den früheren Tagebüchern. «Eine gelassene Panik als Grundzustand», meint er einmal.

Das Alter

Ich lag mit drei älteren Männern im Zimmer, einer von ihnen 86-jährig, die beiden anderen 84 Jahre alt. Der eine, vom Aussehen her der Kräftigste, hatte anlässlich einer ärztlichen Untersuchung von möglichen schwerwiegenden Komplikationen, mit denen ja immer zu rechnen sei, gesprochen – wegwerfend, halb im Scherz, und doch ein wenig verdüstert. Der zweite, ein zartes Männlein, hatte es, soweit sich das ausmachen liess, ernsthaft mit dem Magen, blieb schweigsam und wirkte schon wie weggeschmolzen. Der Älteste war halb blind und nicht mehr sehr beweglich, aber guten Mutes; als er am Telefon von seiner Frau ausgeschimpft wurde, weil er nicht genügend zu sich schaue, akzeptierte er den Tadel bereitwillig und versicherte ihr seine Liebe.

Das Spitalpersonal ist freundlich und heroisch. Man wird zusammengeflickt, wiederhergestellt. Zugleich machen Spitäler unweigerlich krank. Diese Atmosphäre, dieser Tagesablauf, diese Spitalkleider, praktisch und zugleich infantilisierend. Um die Mitbewohner im Zimmer drückt man sich vorerst ein wenig herum und breitet dann am Gemeinschaftstisch gegenseitig die Krankheiten aus, in Andeutungen oder ausführlich.

Der Tod

In den «Entwürfen» besonders eindringlich sind Frischs Reflexionen zu Peter Noll und zu dessen unsentimentalem Umgang mit dem Tod, der sich in dessen posthum veröffentlichten «Diktate über Sterben und Tod» (1984) nachprüfen lässt. Auch sonst sammelt Frisch Stimmen zum Sterben, etwa von Günter Eich oder vom 90-jährigen Ernst Bloch, der «neugierig auf das Sterben» gewesen sei, als «die Erfahrung, die er noch machen wolle und werde».

Für Frisch am bedrängendsten blieb die Angst, die geistigen Fähigkeiten zu verlieren, nicht mehr denken zu können. Daneben nahm sich der Überdruss vor dem Schreiben, vor den zerfallenden Wörtern und Sätzen schon beinahe fröhlich aus.

Die Frage, ob man diese «Entwürfe» hat posthum veröffentlichen dürfen, kann nur anhand ihrer Qualität entschieden werden. Die ist bemerkenswert hoch. Sie erreicht nicht ganz die Stärke von Frischs früheren Tagebüchern, 1950 und 1972 veröffentlicht, aber sie reicht alleweil.

Letztes Jahr hat Max Frischs Tochter, Ursula Priess, das Buch «Sturz durch alle Spiegel» publiziert, und darin redet sie von ihrem Vater, von Max; obwohl sie nicht nur von ihm reden will, kommt sie nicht davon los, was das Buch einschränkt. Eindrücklich gelingen ihr die zwanzig Seiten zum Sterben von Max Frisch 1991. Dabei schreibt sie, wie sie den von ihrem Vater gezeigten Mut bewundert habe. Dieser Mut wird, nachträglich, in den «Entwürfen» bestätigt, obwohl Frisch sich sogar in die Nähe religiöser Tröstungen begibt, wenn er jene Episode erzählt, da er das letzte Mal in einer Kirche niedergekniet sei – aber eben, als Junge, das letzte Mal. Um dann nüchtern über die Erinnerung der Hinterbliebenen zu reflektieren.

Die Politik

Mir selbst klang seit einiger Zeit ein vertontes Gedicht im Ohr, von Gerard Manley Hopkins. Für den Autor war es religiös unterlegt, aber man musste es nicht so lesen: über ein Mädchen, das in der Trauer über die fallenden Blätter und den Herbst die eigene Hinfälligkeit erahnt. 1880 geschrieben, wirkte diese Melancholie durch die überwältigende Modernität der Verse, deren Reime und deren Rhythmus sich über die Satzstruktur hinwegsetzten.

Es gibt in den «Entwürfen» auch eine politische Thematik und Dimension. Insbesondere setzt sich Frisch scharf mit den USA auseinander, die ihm nach vielen Jahren der Faszination gründlich verleidet waren. Ronald Reagan begriff er als Symbol der Aushöhlung der Politik, und das, 1982, noch bevor der Neoliberalismus wirklich in Schwung gekommen war.

Zur Schweiz äussert er sich anhand persönlicher Erfahrungen. Wie er keine Wohnung in Zürich kriegt. Wie er von einem distinguierten Herrn angesprochen wird, der ihm sagt, er teile Frischs Meinung nicht, wolle ihn aber keineswegs mundtot machen, obwohl er seine Meinung nicht teile. Und Frisch reflektiert das gemeinsame politische Engagement mit Peter Noll, «nie ohne eine gewisse Ironie, betreffend die Vereinfachung, zu der jede politische Aktion uns zwingt».

Jener Mitpatient, der am kräftigsten schien, sprach vor allem von den allzu vielen Ausländern, die in der Schweiz lebten. Das mit österreichischem Dialekt. Denn er stammte aus der Steiermark. Er hatte im Kanton Schwyz gewohnt, zusammen mit dem Sohn, in einer Villa, wie er versicherte, und seine Schwiegertochter, die irgendwo aus dem Ostblock gekommen war, was er nicht weiter spezifizierte, hatte ihn daraus vertrieben, und überhaupt machten sich zu viele Ausländer in der Schweiz breit, die nicht einmal Deutsch sprachen. Dabei werden Sie doch von einer Krankenschwester aus Sri Lanka gepflegt und einer Tschechin, von der deutschen Ärztin zu schweigen, sagte ich, was er überging. Kurz darauf wiederholte er die Geschichte: Die Schwiegertochter aus dem Ostblock, die den Sohn nur des Geldes wegen geheiratet und ihn vertrieben hatte, und überhaupt hatte es zu viele Ausländer in der Schweiz, die kaum Deutsch sprachen und unsere Spitäler und Sozialwerke ausnützten. Wir andern schwiegen jetzt, nicht aus politischer Haltung heraus, über die ich bei den zwei andern nichts mutmassen konnte, sondern eher erschöpft von diesem Wortschwall.

In Frischs «Entwürfen» verknüpft sich das Existenzielle mit dem Politischen. Dies verkörpert sich vor allem in der atomaren Bedrohung während des Kalten Kriegs. Das tönt ein wenig antiquiert, heute, wo die Atomgefahr ins Unbewusste abgesunken ist. Mittlerweile stehen andere Bedrohungen im Vordergrund. Und die soziale Frage ist zurückgekehrt. Besonders bedauerte Frisch, keine «finanzielle Autobiographie» geschrieben zu haben: «Was ist Geld? Alle Erfahrungen mit Geld.» Wie aktuell das wäre. Frischs Fragen fehlen.

Streit um Max Frisch

Das allzu menschelnde Nichtschweizerische

Im Hinblick auf den 100. Geburtstag von Max Frisch im nächsten Mai werden verschiedene Frisch-Biografien in Stellung gebracht. Diejenige von Ingeborg Gleichauf ist bereits erschienen und hat zu ersten Kontroversen geführt. In der «Weltwoche» erschien ein Totalverriss, und dann folgte der «Tages-Anzeiger», etwas gemässigter, der gelegten Spur.

Tatsächlich, die Biografie hat ihre Schwächen. Das Buch soll für junge Leute geschrieben sein, um sie zu Frisch und der Literatur hinzuführen, aber das wird weder in der Aufbereitung durch den Verlag noch im Text selbst besonders ersichtlich. Eine analytische oder wissenschaftliche Biografie war nicht beabsichtigt, sondern der Text ist nachempfindend, eine Art Paraphrase, mit vielen Fragen, die Frischs Gestus aufnehmen wollen, aber in der Unentschiedenheit enden. Zeitgeschichte wird kaum spürbar. Einleitung und Schluss, in denen sich die Autorin ein Gespräch mit Frisch imaginiert, hätte ihr die Lektorin besser ausgeredet. Immerhin, die Auswahl der Zitate aus den Frisch-Werken ist zumeist verlässlich, und es gelingen durchaus ein paar treffende Formulierungen.

Locken auf einer Glatze
Deshalb scheint die Vehemenz der bisherigen Besprechungen dem Gegenstand nicht ganz angemessen. Wenn der Biografie im Kulturteil des «Tages-Anzeigers» eine Konzentration auf das «Allgemeinmenschelnde» vorgeworfen wird, ist das vielleicht eine hübsche Form der Selbstironie, wenn man bedenkt, dass dieser Kulturteil in den letzten Jahren nicht eben selten aufs Niveau von Gesellschaftsklatsch und spätpubertärer Begeisterung hinuntergeführt worden ist. Aufschlussreicher noch ist die Besprechung der «Weltwoche». Die reitet eine wütende Attacke gegen das «Leerbuch für Dummies», rügt den «provinziellen Gestus», die «Wanderstiefel-Mentalität», das «grosse Mutmassen», dreht aber gelegentlich auch selbstverliebt Locken auf einer Glatze, etwa wenn sie Gleichaufs Nichtberücksichtigung des historischen Kontextes mit einem Kalauer als «Schweigen der Lämmer» bezeichnet.

Interessanterweise will die Rezensentin zugleich Frisch als Gesellschaftskritiker retten. Widerwillig fasziniert spricht sie von dessen «Hassliebe» zur Schweiz, seinem «Furor», seinem «Leck mich am Arsch» gegenüber den versöhnlichen Schulterklopfern. Allerdings geht der Wiedergutmachungsversuch einen zweideutigen Kompromiss mit dem Nationalpatriotismus ein, wenn Gleichauf vorgeworfen wird, «Schweizerisches in seiner Tragweite» nicht erfasst zu haben.

Ja, die Intellektuellen
Die «Weltwoche» hat mal, 2007, eine läppische Kontroverse darüber zu lancieren versucht, ob Dürrenmatt oder Frisch der wirkungsmächtigere und zukunftsträchtigere Autor sei. Daraus lässt sich immerhin lernen: Die linken Intellektuellen sind offenbar doch nicht so ganz unwichtig, wenn ihnen im Zentralblatt der rechten Intellektuellen so viel eifernde Aufmerksamkeit gewidmet wird.

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