Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Mit dem Geheimplan von Konzert zu Konzert

Warum nur fährt man immer und immer wieder an Konzerte, durch die ganze Schweiz und über die Grenze hinaus? Versuch einer kleinen Konzerttheorie.

Von Kaspar Surber

Der Song beschreibt eine Zugfahrt, auf gewöhnliche Weise: Einer sitzt im Abteil, zusammen mit drei anderen. Die Kirchen fliegen vorbei und die Haltestellen. «Here Comes a City» ist eine – um dieses Wort zu brauchen – coole Hymne ans Unterwegssein. Von einer Band, die das Dazwischen schon im Namen trägt, The Go-Betweens. Der Sandwichmann zieht, bis Sänger Robert Forster irgendwann fragt: «And why do people who read Dostoevsky always look like Dostoevsky?»

Warum sehen KonzertgängerInnen immer aus, als gingen sie an ein Konzert? Warum fahre ich selbst immer und immer wieder hin? Ich bin, Anfang 30, sicher schon an mehreren Hundert Konzerten gewesen, ich habe längst nicht alle Flyer behalten, und die Stempel vom Eingang waschen sich ab vom Handgelenk – glücklicherweise.

Meist sind die KonzertgängerInnen schon unterwegs zu erkennen. Beim Umsteigen oder an der Autobahntankstelle. Vielleicht, weil sie Stofftaschen tragen im Vinylformat. Weil sie über Bands reden, meist schon über die, die erst noch zu entdecken sind. KonzertgängerInnen sind vor allem an etwas zu erkennen: an ihrer Erwartung.

Freie Plätze, erste Züge

Das Konzert ist zuerst eine Fahrt dorthin. Zum «Bad Bonn» beim Bahnhof in nördlicher Richtung die Wiese hinunter. «Where the hell is Bad Bonn?» Mit diesem Spruch wirbt das Lokal. Zur Roten Fabrik entweder mit der S-Bahn nach Wollishofen oder mit dem Tram bis zur Post. Oder durch einen Schrebergarten irren, so fanden wir als Jugendliche zum ersten Mal den Weg. Zur Poolbar in Feldkirch über die Grenze. Konzerte hinter der Grenze sind mir die liebsten, beim Zwoll Schaanwald hinüber nach Vorarlberg und auf der Rückfahrt beim Baggersee halten. Wer fährt am Schluss des Konzerts? Wann fährt der erste Zug? Wie löst man schon wieder diesen Nachtzuschlag? Hast du noch Geld? Gibt es noch Schnaps? Ich mag diese Fragen, sie gehören zum Konzert.

Als ob die Konzertorte auf einer Landkarte liegen, und ich meine jene Orte knapp unter der Grösse der Open Airs: miteinander verbunden im Kopf, aufeinanderfolgend die Türen, Bars, Bühnen. «Ich bringe mich in Form, auf der Herrentoilette», singen Ja, Panik.

Die Lokale sind untereinander verbunden auf Listen, monatlich schickt der Basler DJ Pop B. Sessen alle Termine per Mail. Es ist der Fahrplan durch eine andere Schweiz, von der viele nicht wissen, dass es sie gibt, die Rechten nicht und die KulturmanagerInnen nicht – internationales, unordentliches Gebiet quasi, die meisten Bands kommen von aussen.

Einzelne Lokale sind von der Karte verschwunden: Das «Hafenbuffet» in Rorschach ist nun ein schickes Speiselokal. In der Luzerner «Boa» wird Post sortiert. Anstelle der «Kalkbreite» in Zürich werden Wohnungen hochgezogen. Aber bloss keine Nostalgie, die Lokale nur so lange betreiben, wie sie sich erneuern, ansonsten weiterziehen. «Denn in irgendeinem Zimmer hocken immer ein paar Spinner und die hören sowas gern», singt Guz in seinem «Scheisslied».

Tanz und Haltung

Ich glaube, Konzerte sind dazu da, sich ein Gegenwissen zu erschliessen, ein Geheimwissen zu erschleichen. Sie sind Aufhebung der herrschenden Ordnung, des vorgegebenen Takts: politisch, sexuell, musikalisch, elektronisch, in alle Richtungen. Die meisten Konzertlokale scheinen mir politischer als all die Theater, die ständig und subventioniert über Kultur und Politik diskutieren. Politisch in alltäglichem Sinn, als Frage von Tanz und Haltung.

Es geht mir nicht um Romantik. Am Schluss wird auch in diesen Läden das Geld gezählt. Die Mainstreammedien schreiben über die Bands, für die gerade eben noch jemand ein wildes Plakat entworfen hat. Soll man sich Animal Collective noch ansehen, jetzt, wo sie im Zürcher Palais Xtra spielen?

Selbstverständlich können Konzerte auch reaktionär sein, herkömmliche Männerbilder reproduzieren, gerade wenn Frauen spielen. Die meisten Konzerte sind einfach konservativ, gefangen im Ablauf von Beginn, Höhepunkt, Zugabe und Gitarrengewitter zum Schluss.

Und doch gehe ich immer wieder hin. Weil es vielleicht weniger darum geht, sich Gedanken zu machen über den Untergang oder die Überwindung des sogenannten Systems. Sondern vielmehr über die Vorwegnahme. Ein gutes Konzert ist vielleicht genau dies: ein künftiger, erträumter Zustand, bereits jetzt. Die Auflösung der Gegensätze, für ein paar Stunden.

So war es auch, als The Go-Betweens, die es jetzt, nach dem Tod des zweiten Sängers Grant McLennan, nicht mehr gibt, in der «Boa» spielten, die es wegen Lärmklagen nicht mehr gibt. Die Leute aus Luzern, nicht das einfachste lokale Publikum, vielleicht wegen des Katholizismus oder des Tourismus, jedenfalls erst bei der zweiten Begegnung herzlich, standen etwas steif herum. Vorne auf der Bühne waren Robert Forster und Grant McLennan und sangen: «A crowded train, a silent night. The country’s black and the cities are bright. On this flight, through the night. On this flight, historic night. Here comes a city.»

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