Die Poolbar in Feldkirch : Leert die Becken

Nr. 27 -

Ein Festival für FreundInnen querer und leidenschaftlicher Popkultur.

Hallenbäder sind meist ein Graus. Ästhetisch muten sie an wie Garagen für Wasser; den Badenden soll es dort anscheinend auf gar keinen Fall zu wohl werden. Die Muse muss draussen bleiben - nicht dass man sich vor lauter Wohlfühlen vergisst. Bei uns wird in einem Hallenbad Sport getrieben und ins Wasser geschwitzt; da wird man ernsthaft traurig beim Gedanken an die wunderschönen Bäder in Budapest. Es gibt aber eine erfreuliche Ausnahme, und die steht im Vorarlberg. Dort, fünf Kilometer hinter dem Rhein, drückt sich unter einem Felsen das alte Hallenbad von Feldkirch ins Gras des Reichenfeldparks. Es ist das Hallenbad, wo die Schwimmbecken trocken gelegt sind und sich seit gut einer Woche zum zwölften Mal das Poolbar-Festival eingenistet hat. Redet man von der Poolbar, dann redet man nicht nur über Popmusik sondern auch über Filme, Literatur, Architektur und Grafik und Herzblut. Die Poolbar ist in dem ganzen, langsam müde machenden Wust an Festivals und Feten ein Fremdling, der auf Neues in der Popkultur setzt und auf der Suche nach der Kunst im Pop wacker vorwärts schreitet.

Cake ist krank

In der Ostschweiz ist man froh, ein unabhängiges Festival in der Nähe zu haben, das bis nach Wien ausstrahlt und das nicht die grossen Namen sucht - eigentlich: Denn in diesem Jahr wurde mit Freude Cake angekündigt. Aber nur so lange, bis der Arzt der Band vor ein paar Wochen gemerkt hat, dass John McCrea und seine Mannen am gefixten Datum eine Bronchitis haben werden. Solche Geschichten nehmen die Macher der Poolbar persönlich. Zu viel Liebe und Leben stecken sie ins Hallenbad, als dass sie grosszügig darüber hinwegsehen können, dass eine Band, von der sie dachten, sie habe eine ähnliche Einstellung zum Mainstream und zum Musikzirkus, mit solch lächerlichen Tricks ankommt. Aber da steht noch die andere grosse Band mit C auf dem sechs Wochen dauernden Poolbar-Programm: Calexico - die besseren und ernsteren Cake. Calexico bringen jede Menge Wüstensand und den Traum der Weite ins von waldigen und eckigen Hügeln verstellte Feldkirch. Seit 1996 gibt es Calexico, und seither weiss man nicht, wie man dem sagen soll, was die beiden grossen Köpfe der Band, Joey Burns und John Convertino, auf ihre Platten zaubern. Aber wenn man schwört, dass man all die lieb gewonnenen Indie-Hörgewohnheiten zu Hause lässt, verschleppen einen Calexico für einen Abend an einen fernen Ort, wo es keine Rolle spielt, was wie heisst; dort brennt die Luft, und das Herz schlägt langsam, aber mit viel Leidenschaft.

Die Openair-Pilgerer sagen ja meistens, dass nur die Stimmung zähle, das grosse Zusammensein in einer Welt abseits von Job und letzten Zügen. Und in der Tat gibt es wenige Bars und Clubs, wo man in eine Welt absacken kann, in der Frieden und fröhlicher Rausch zu Hause ist. In ein Openair kann man sich verlieben - in die Poolbar auch. Zwar findet bis auf das allsonntägliche Jazzfrühstück und ein paar Gratiskonzerte auf der Terrasse alles drinnen statt, aber wie bei einem Openair wird auch hier eine kleine abgenabelte Welt geschaffen, die den Besuchern sagt, sie gehören zusammen. Das Team ist eine verschworene Bande, von der ein grosser Teil in Wien studiert und jedes Jahr westwärts nach Hause in die Provinz zieht und ein Stück Welt mitbringt. Ende Juli ist mit der Blues Explosion eine Band in der Poolbar, die es dann vermutlich so lange treibt, bis das Kondenswasser von der Decke auf die wild tanzenden Köpfe tropft. Jon Spencer, Judah Bauer und Russell Simins spielen Bluesrock mit Punk-Appeal und zeigen, was Blues ausser diesen immer gleichen Basslinien noch sein kann: ein lauter und schmutziger Sturm, der einem den Schweiss aus den Poren treibt; eine salzige und explosive Masse aus Wut, Charme und Coolheit.

Belgische Attitüde

Weniger schwitzig und schmutzig, aber nicht minder gut dürfte es bei den belgischen Zita Swoon zu- und hergehen. Die Band rund um den ehemaligen Bassisten der grossen Deus, Stef Kamil Carlens, hat sich nach ihrem Album «Life = A Sexy Sanctuary» neu formiert. Jene Platte war mehr Bühnenstück denn Pop und hat mit den bekannten Popschablonen gebrochen. Das Drama stiehlt der Melodie die Schau, und im Hirn laufen wirre kleine Meisterwerke von Filmen ab, hört man dieses Album. Und nun ist da eine neue Platte: «A Song about A Girls». Man darf auf den Auftritt gespannt sein, ist die neue doch sphärischer und bricht mit der rockigen Attitüde. Dem Grafik, Film und Theater machenden Carlens aber wird die Poolbar gefallen. Über die sechs Wochen werden zahlreiche Filme gezeigt, unter anderen Sofia Coppolas «Lost in Translation», wobei es vermutlich nicht viele Menschen gibt, die den noch nicht gesehen haben. «La mala educación» von Pedro Almodóvar wird gezeigt und «Coffee and Cigarettes» von Jim Jarmusch und «Goodbye, Lenin!» und viele mehr. Gelesen wird auch ein bisschen. Am selben Abend, an dem Zita Swoon zu beweisen haben, dass sie noch immer rocken können, tragen draussen auf der auf der Terrasse Sabine Imhof aus Brig und Carola Kilga, die Medienfrau der Poolbar, Prosa vor.

Anticon und Weilheim

Die Innenarchitektur ist zeitlich befristet wie die Poolbar selbst und jedes Jahr neu. Heuer wurde das erste Mal ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, und die Gewinner verwandelten die grosse Bar in ein gemütliches Wäldchen, in dem gut ein Nickerchen gemacht werden kann. Man braucht aber keine Angst zu haben im Wald; die Gäste der Poolbar sind reif und nett und stören Schlafende nicht. Sogar mit der Security kann man, so man will, ein nettes Gespräch führen. Auch die Grafik hebt sich wohltuend von dem ganzen bunten Openair-Gedrucke ab, und immer wieder wird gerne jene Geschichte kolportiert, dass in jeder zweiten WG zwischen Feldkirch und Wien ein Plakat der Poolbar hänge. Und doch geniesst dieses Hallenbad noch immer seinen geheimnisvollen Ruf.

Auch mit Mythen beladen ist die vierte Band, die den LiebhaberInnen von querem Pop hier ans Herz gelegt werden soll: Der Zusammenschluss der Weilheimer Popträumer von The Notwist und den US-Hip-Hoppern Themselves zu einer Supergroup namens 13 & God. Die transatlantische Zusammenarbeit der deutschen Indie-Lieblinge und der Rapper vom Anticon-Label bringt das hervor, was man von den beiden erwartet, und das ist ziemlich viel: geschichteter, mit Gitarre und Elektronik verzierter melancholischer Pop gepaart mit mal anderem Hip-Hop.

Poolbar-Festival in: Feldkirch, altes Hallenbad im Reichenfeldpark, bis 14. August. Infos: www.poolbar.at