Nr. 03/2014 vom 16.01.2014

«Versuchen wir es doch einmal mit Oxytocin»

In Gerhard Meisters Hörspiel «In meinem Hals steckt eine Weltkugel» entwickelt das Nachdenken über die globale Ungerechtigkeit einen spannenden Sog. Wie können wir aus dem Kreislauf von schlechtem Gewissen und Verdrängung ausbrechen?

Von Eva Pfister

«Ich weiss das!» Der Ausruf wiederholt sich wie ein Refrain. Einmal wird der Satz nur belästigt beiseite gesprochen, dann kommt er als Stossseufzer, irgendwann wird er zum Aufschrei: «Ich weiss, ich weiss!» Nämlich: dass jede Sekunde ein Kind verhungert, dass eine Milliarde Menschen von einem Dollar im Monat leben, während wir im Überfluss ersticken und im Supermarkt Neurosen bekommen, weil wir uns im Überangebot nicht entscheiden können.

Die Stimmen im tiefschürfenden Hörspiel von Gerhard Meister, das Erik Altorfer für das Schweizer Radio inszeniert hat, gehören nicht einzelnen Individuen. Sie stehen für unser gespaltenes Bewusstsein. Einerseits wehrt es sich gegen die Flut von Informationen, die das Gewissen belasten. Unser Hirn könne doch nur eine Horde von etwa dreissig Leuten als Mitmenschen an sich heranlassen, so sinniert einer, und eine weibliche Stimme fleht um einen berechtigten Zweifel: «Gibt es wirklich keinen Welthungerskeptiker, der mich weitermachen lässt wie bisher?» Eine andere stellt fest, dass sie zwar nach dem Horrorfilm «Der Exorzist» nicht schlafen konnte, aber Bilder von hungernden Kindern in Afrika gleichgültig betrachten kann. «Ich halte das aus.»

Haben wir einfach zu wenig von jenem Hormon in uns, das Mitleid erzeugt? «Versuchen wir es doch einmal mit Oxytocin.» Das Schwangerschaftshormon unterstützt nachweislich die Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen. Man kann es anwenden wie Nasenspray. Warum gibt es das nicht in der Apotheke zu kaufen? Warum wird es nicht ins Salz gemischt wie Fluor? Denn gleichgültig wollen wir ja nicht sein: «Ich will ausbrechen aus der Festung in meinem Kopf … Ich will das an mich heranlassen!»

Grosse Kinderaugen

Das Stimmengewirr bringt die paradoxe Situation genial auf den Punkt. Denn ist man oder frau mitfühlend und will helfen, ergeben sich neue Schwierigkeiten. Drastisch wird vorgeführt, wie verlogen mit der Dankbarkeit der Patenkinder geworben wird, wie verkitscht mit schönen, grossen Kinderaugen die Spendenbereitschaft angeheizt wird. Aber wenn ich spende, dann muss ich mich ja entscheiden, wen ich jetzt vor dem Hungertod rette – und wen nicht: «Das ist Selektion! Ich entscheide über Leben und Tod. Bin ich ein gottverdammter Nazi?»

Das Nachdenken über die globale Ungerechtigkeit dreht sich ausweglos im Kreis. «Ich lebe in einer Blase, die sofort platzt, wenn ich zu denken beginne», stellt jemand fest. Also lieber verdrängen, um weiterzuleben, um sich Normalität vorzugaukeln. Sich zum Beispiel auf einen selbstgerechten eurozentrischen Standpunkt stellen: «Wir hier in Europa haben uns immer selbst geholfen.» Als hier Hunger herrschte, vor noch nicht einmal 200 Jahren, da sind die Vorfahren halt ausgewandert. Ja, die Wirtschaftsflüchtlinge! Den Auswanderern von einst baut man Museen, für die heutigen Einwanderer hingegen Gefängnisse.

Stimmen im ewigen Widerspruch von Anklage und Rechtfertigung, Echos, dazu bedrängende Musik (von Martin Schütz), tragen das spannende Hörspiel. Nur einmal driftet es ins Fantastische ab – die globale Situation wird in eine grauenvolle Szenerie gefasst: Fettleibige auf der einen Strassenseite, die sich nicht mehr selbst ernähren können, Abgemagerte auf der anderen, die hinüberkriechen und wie Insekten die Überfressenen füttern. «Welcome to the Global Village!»

Nicht zum Revolutionär begabt

Die pointierten Aussagen kippen immer wieder in Sarkasmus, ja Zynismus, denn alle Erkenntnis mündet in Ohnmacht. Oder? Da gibt es einen Satz, der in der Luft hängen bleibt: «Wenn Hunger ein Gewaltverbrechen ist, hilft nur Gegengewalt. … Aber ich bin nicht zum Revolutionär begabt.» So rasch wird die Möglichkeit einer politischen Gegenwehr erledigt. Das ist schade, denn damit verzichtet Gerhard Meister darauf, aus dem Kreislauf von schlechtem Gewissen und Verdrängen auszubrechen. Aber es spiegelt natürlich auch die aktuelle Lage, in der eine starke politische Bewegung gegen die Weltwirtschaftsordnung kaum auszumachen ist.

Und so kann das Hörspiel nur mit einer weiteren brutalen Geschichte plus zynischer Pointe enden: Ein reicher, westlicher Nierenkranker will seiner indischen Organspenderin etwas Gutes tun; er trifft sie, bezahlt sie zusätzlich. Aus Dankbarkeit benennt sie ihr erstes Kind nach ihm. Leider stirbt sie bei der Geburt.

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