Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Auf einen Cappuccino mit der Antidiva

Sie ist aufmüpfig und kann ganz schön laut werden. Die erfolgreiche Slampoetin Lara Stoll hat vom Wort zu «Bild mit Ton» gefunden.

Von Anina Ritscher (Text) und Ursula Häne (Foto)

Lara Stoll: «Wenn ich ins Mikrofon brülle wie eine Irre, denken die Leute: Heinomal, jetzt haut sie aber auf den Putz, die Kleine!»

Ein Bekannter von Lara Stoll hat mir geraten, vor dem Interview mit ihr einen Joint zu rauchen. Ich erzähle es ihr, als ich sie in einem Café treffe. Sie lacht: «Ich habe zwar nichts zu rauchen dabei, aber das können wir schon machen.» Wir haben es dann nicht getan und stattdessen Cappuccino bestellt.

Lara Stoll gehört zu den erfolgreichsten SlampoetInnen der Schweiz und zu den wenigen, die von ihren Auftritten leben können. Ihre Texte sind wunderbar absurd und komisch. Einer handelt von der surrealen Begegnung mit einer Klammer, wie man sie in Texten verwendet, um zusätzliche Information unterzubringen. Dabei zählt das lyrische Ich dauernd akribisch die Klammern, die es im Text bereits gesetzt hat. Den typischen Schweizer Kantönligeisthumor findet Stoll furchtbar: «Man muss hier nur sagen, man komme aus dem Aargau, da lachen sich die Leute schon halb tot.»

Vom Text zum Ton

Ihren ersten Auftritt bei einem Poetry-Slam hatte die jetzt 26-Jährige mit achtzehn Jahren. Lara Stoll wird in den Medien gerne als kleine, schüchterne Blondine dargestellt, die das Publikum dann mit ihrem schwarzen Humor überrascht. Stoll bestätigt diesen Effekt: «Wenn ich auf der Bühne stehe und ins Mikrofon brülle wie eine Irre, denken die Leute: Heinomal, jetzt haut sie aber auf den Putz, die Kleine!» Während sie das sagt, mimt sie einen Mann mit Stammtischstimme. Dass dieses Bild von ihr in den Medien so breitgetreten wird, stört sie nicht. Beleidigt zu sein, würde auch nicht zu ihr passen, dafür nimmt sie sich nicht wichtig genug.

In ihren Texten beweist Stoll, dass sie ein feines Gespür für den kunstvollen Umgang mit Sprache hat. Sie selber sieht das sehr nüchtern: «Ich werde manchmal gefragt, woher diese Liebe zur Sprache komme. Dabei spreche ich doch einfach wie jeder andere auch. Das ist jetzt nicht eine wahnsinnige Liebe. Sprache ist vor allem ein Mittel, um eine Idee zu kommunizieren.» Und Ideen hat sie genug. Seit zwei Jahren studiert Stoll Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Der Wandel vom Text zum Bild ist ihrer Meinung nach ein kleiner: «Eine Idee, die ich mit einem Text vermittle, kann ich genauso gut in einem Film umsetzen.»

Stolls neustes Projekt ist eine 25-minütige Fernsehsendung und heisst «Bild mit Ton». Die Sendung kommt völlig durchgeknallt und hochironisch daher. Der Witz pendelt zwischen Fäkalhumor und Gesellschaftssatire. Einer der Sketche dreht sich um eine Quizshow mit dem Namen «Das bekiffte Glücksrad» und erinnert stark an «5 gegen 5» des Schweizer Fernsehens. Stoll, als Kommentatorin im grünen Ohrensessel, malt sich zwischen den Sketchen wahlweise einen Penis auf die Handfläche oder trinkt ein Glas Milch.

Die Sendung schreibt Stoll zusammen mit Cyrill Oberholzer und Dominik Wolfinger, die sie während des Filmstudiums kennenlernte. Zudem sind die drei die HauptdarstellerInnen. Die sechs Folgen der ersten Staffel wurden zwischen Oktober und Dezember 2013 auf dem privaten Kabelsender SSF (Schweizer Sportszene Fernsehen) ausgestrahlt. Die zweite Staffel ist in Arbeit.

An ihren Slam-Poetry-Auftritten steht Stoll dem Publikum gegenüber und ist direkt mit seinen Reaktionen konfrontiert. Deshalb muss sie ihr Publikum einschätzen können und das Programm entsprechend anpassen – die Unterhaltung steht im Mittelpunkt. Bei einer Fernsehsendung wie «Bild mit Ton» ist die Distanz zum Publikum grösser. Dort will das Filmteam keine Kompromisse eingehen und setzt deshalb auf Provokation und Tabubruch. Die Sendung polarisiert: In einem Internetforum reichen die Reaktionen von «Volksverblödung» bis «Sendung mit Kultpotenzial».

Blut, Gewalt und nackte Menschen

«Bild mit Ton» kritisiert vor allem das prüde Fernsehen. Die meisten Sender – staatliche und private – scheuten sich vor gewissen Themen, und Stoll ist überzeugt, dass klar definiert ist, was man im Fernsehen darf und was nicht. «Diese Sturheit wollen wir brechen», sagt sie. Das macht das Trio mit viel Blut und Gewalt, nackten Menschen und politisch inkorrekten Witzen. Aber ein klares Konzept stehe nicht hinter der Sendung, oft machten sie einfach das, was sie selber lustig fänden.

Ironisch und provokativ ist auch der Kurzfilm «Das Loch 2», den Stoll im Rahmen ihres Filmstudiums vor zwei Jahren gedreht hat. Er fasst die Essenz ihres Humors in fünf Minuten zusammen. Es geht darin um einen Pornodreh, bei dem sich der Regisseur, gespielt von Patrick Frey, mit dem Hauptdarsteller (Jürg Plüss) darüber streitet, ob an einer gewissen Stelle das Wort «geil» oder doch eher «scharf» angebracht sei. Das Ganze artet in eine Diskussion über die Etymologie der beiden Wörter aus und endet mit einer Schiesserei, die ausser dem Tontechniker niemand überlebt.

Das Leben und der Kater

Aber es scheint im Gespräch so, als ob Lara Stoll ihre Werke lieber nicht erklären will. Die Frage nach der künstlerischen Intention ist ihr vielleicht auch nicht so wichtig, oder sie möchte sich zumindest nicht auf eine festlegen. Und diese dadaistische Unbeschwertheit ist eigentlich Intention genug. Auf jeden Fall hat sie einen Sinn für absurde Komik, die an Monty Python oder Loriot erinnert. Sie beobachtet Gesellschaftsphänomene genau und kommentiert sie pointiert.

Die Medien versuchen zwar, Stoll mit Schlagwörtern wie «Brachialgewalt im Schafspelz» zu beschreiben, aber sie lässt sich nicht richtig fassen, schon gar nicht mit derartigen Klischees. Sie bleibt auch im Gespräch souverän und auf professioneller Distanz. Trotzdem erzählt sie von ihrer Mutter. Die habe mit dem Film und der Sendung etwas mehr Mühe als mit den Slam-Poetry-Texten, sagt Stoll. Mit dem Lebensstil ihrer Tochter habe sie sich unterdessen abgefunden. Denn am Wochenende stolpert Lara Stoll am liebsten durch die Gegend und lässt sich «vom Leben und dem Kater überraschen».

Lara Stoll plant, einmal einen neunzigminütigen Film zu machen. Wohl wieder mit Dominik Wolfinger und Cyrill Oberholzer, denn die drei haben sich ewige Treue geschworen. Ansonsten hat sie keine grossen Pläne, was die Zukunft angeht. «Irgendwann vielleicht auch Kinder oder so. Mal schauen.»

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