Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Frau Doktor mit den grossen Schuhen

Eigentlich ist Sibylle Schneller-Jost ausgebildete Lehrerin, doch ihre Berufung fand sie als Clownin. Sie besucht im Auftrag der Stiftung Theodora kranke Kinder im Kinderspital Luzern.

Von Mario Walser (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Welcher Doktor hat schon einen Marienkäfer auf der Nase? Sibylle Schneller-Jost alias Frau Doktor Ah bei einer Visite im Kinderspital Luzern.

Lisa jauchzt vor Vergnügen. Das schmächtige braunhaarige Mädchen mit den wachen blauen Augen soll mit einer Zahnbürste Frau Dr. Ahs Haare kämmen. Kaum ist Lisa damit fertig, pustet Frau Doktor der quirligen Zehnjährigen Seifenblasen ins Gesicht. Diverse Zaubertricks folgen. Die lustige Melodie, die Doktor Ah auf der mitgebrachten Ukulele spielt, lässt Lisa strahlen. Die rund fünfzehnminütige Visite vergeht für beide wie im Flug.

Das Kinderspital Luzern, Doktor Ahs Arbeitsplatz, ist sehr kinderfreundlich eingerichtet. Bereits im Eingangsbereich sind die Wände bunt und mit diversen Motiven aus der Fabelwelt bemalt. Auf Station B, wo Lisa untergebracht ist, findet man überall Kinderzeichnungen. Sogar eine Bibliothek wurde eingerichtet. Doch in den Gängen hängt der typische Spitalgeruch nach Desinfektionsmitteln. Das plötzlich in Richtung eines Krankenzimmers eilende Pflegepersonal und von Chemotherapie gezeichnete Kinder machen klar, wie ernst der Alltag hier ist.

Zweijährige Clownausbildung

Frau Dr. Ah entspricht nicht dem klassischen Bild einer Ärztin – viel Wangenrouge, aufgemalte Sommersprossen, ein Marienkäfer auf der Nasenspitze. Ihr weisser Kittel ist mit aufgestickten Blumen und bunten Schmetterlingen verziert. Die viel zu grossen Schuhe lassen sie bei ihrer wöchentlichen Visite im Kinderspital immer wieder stolpern. Frau Dr. Ah heisst im Privatleben Sibylle Schneller-Jost und arbeitet als Spitalclownin. Ihre Visiten versprechen Freude, Unbeschwertheit und Ablenkung. Die Vierzigjährige arbeitet schon ihr halbes Leben als Clownin. Nachdem sie vor zwanzig Jahren ihre Ausbildung als Lehrerin abgeschlossen hatte, begann sie sich für Akrobatik, Zirkus, Clownerie und Bewegungstheater zu interessieren. Einer zweijährigen Ausbildung im Bereich Bewegungstheater an der Mimenschule Ilg folgte ein mehrmonatiger Aufenthalt in Kolumbien, wo Schneller-Jost erste Gehversuche als Spitalclownin wagte – und ihre Berufung fand.

Die Mutter von zwei kleinen Söhnen ist eine von 58 Spitalclowns und -clowninnen der Stiftung Theodora. 1993 gegründet, organisiert diese den Besuch von Spitalclowns in schweizweit 34 Spitälern und 18 Institutionen für Kinder mit Behinderung. Die mittlerweile in mehreren Ländern tätige Organisation hat dafür rund sechs Millionen Franken zur Verfügung, finanziert durch Spenden und SponsorInnen.

Die Clowninnen und Clowns arbeiteten eng mit den ÄrztInnen und dem Pflegepersonal zusammen, erklärt Sibylle Schneller-Jost. «Doch für mich steht das jeweilige Kind im Mittelpunkt des Besuchs», betont sie. Wenn immer möglich, würden auch die Eltern und Geschwister mit einbezogen. «Mein Ziel ist es, eine leichte, unbeschwerte Atmosphäre zu kreieren.» Das falle ihr in der Rolle der Spitalclownin leicht. Denn die Kostümierung löse bei den Kindern eine andere Erwartungshaltung aus als die weissen Kittel der Ärzte. «Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich auf uns», sagt sie. «Einige sind still und in sich gekehrt, andere lachen, staunen und tanzen mit uns.» Um auf die Kinder eingehen zu können, seien eine geschärfte Wahrnehmung und Improvisationstalent sehr wichtig: «Ich muss die Stimmung im Zimmer schnell erfassen. Denn die Krankheit und der körperliche und seelische Zustand eines Kindes haben einen Einfluss auf die Interaktion, auf den Humor.»

Die Verwandlung in Doktor Ah

Ihr Arbeitstag als Clownin gestalte sich ähnlich wie der von anderen berufstätigen Müttern, erklärt Sibylle Schneller-Jost. «Tagwache ist um 7 Uhr. Eine Stunde später bringe ich die Kinder in die Kita. Um 9 Uhr bin ich dann wieder zu Hause und habe noch Zeit für mich, um den Spitalbesuch vorzubereiten. Ich bügle meinen Clownmantel, desinfiziere alle Stofftiere, Zahnbürsten, Ringe und sonstigen Gegenstände, die ich für meine Arbeit benötige. Gegen 11 Uhr fahre ich los.» Während des Mittagessens mit den anderen ClownkollegInnen würden Erfahrungen ausgetauscht, danach bei der Pflegedienstleitung die neusten Informationen zu den Kindern eingeholt, die sie besuchen wird. Erst dann verwandelt sich Sibylle Schneller-Jost in Frau Doktor Ah. Ab 12.30 Uhr beginnt die insgesamt vierstündige Visite, während der die Spitalclownin die kleinen PatientInnen mit auf eine Reise nimmt und den Fokus weg von der Krankheit lenkt. Für die ausgebildete Pädagogin ist klar: «Die meisten Kinder, ob gesund oder krank, mögen Clowns. Trotz aller Missgeschicke, die ihnen passieren, können die Clowns über sich selber lachen, und deshalb haben uns alle gern.»

Dass dem so ist, erfährt sie auch immer wieder in Gesprächen mit den Eltern. Gerade vor einigen Wochen habe eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn, nachdem er aus der Narkose aufgewacht sei, als Erstes gefragt habe, wo denn die Clownfrau sei. Dass ihre KollegInnen und sie als Spitalclowns und -clowninnen auf solche Begeisterung stossen, sei Nahrung für ihre Seele und motiviere sie immer wieder von Neuem.

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