Nr. 09/2011 vom 03.03.2011

Mit Händen, Ohren, Augen, Nase

Sie betreiben miteinander eine Praxis, führen einen Laden und bieten Kurse an: Die Berner Hebammen vom Projekt 9punkt9 lieben ihre Arbeit. Doch die Löhne der freischaffenden Hebammen sind tief, und das wird sich wohl nicht so bald ändern.

Von Bettina Dyttrich

So hatte sich Christa Wernli die Geburt ihres ersten Kindes nicht vorgestellt. «Ich wollte natürlich gebären.» Aber nach der Ultraschalluntersuchung im siebten Monat wusste sie, dass das nicht realistisch war: Sie hat eine sogenannte herzförmige Gebärmutter. Das Kind lag quer, ohne Möglichkeit, sich noch zu drehen. «Also machte ich mich auf einen Kaiserschnitt gefasst», sagt die 31-jährige Sozialarbeiterin. «Aber ich wollte ihn erst dann, wenn die Wehen einsetzen.» Doch es kam anders als geplant: Im achten Monat öffnete sich die Fruchtblase. Die ÄrztInnen im Berner Inselspital entschlossen sich zum Kaiserschnitt – fünf Wochen vor dem Geburtstermin.

«Lisa wog nur 2240 Gramm», erzählt Christa Wernli. «Sie wurde sofort ‹verkabelt›: Sauerstoffmessung, Magensonde, Infusion ... Zum Glück konnte sie schon selbstständig atmen.» In den ersten Lebenstagen lief Lisa gelb an, weil ihre Leber zuerst arbeiten lernen musste. Und sie war auch noch zu schwach, um Milch von der Brust zu trinken. Trotzdem konnte sie nach einer Woche mit ihrer Mutter nach Hause zum Vater Michael Hunziker.

«Am Anfang besuchte ich Christas Familie jeden Tag», sagt die Hebamme Nadia Ruchti. «Es gibt viele Unsicherheiten, wenn gerade das erste Kind zu früh kommt. Aber nach den Anfangsschwierigkeiten ging alles gut. Bald klappte es auch mit dem Stillen.»

Selbstständig, aber nicht allein

Nadia Ruchti war früher Kinderkrankenschwester und arbeitete auch auf der Intensivstation für Neugeborene. «Ich merkte immer mehr, wie wichtig das Umfeld für die Gesundheit ist. Es macht viel aus, ob eine Frau nach dem Gebären sofort wieder funktionieren muss oder ob sie Unterstützung bekommt. Es kommt vor, dass eine erschöpfte, gestresste Frau ein gesundes Kind auf die Notfallstation bringt, weil sie nicht mehr erkennen kann, dass ihr etwas fehlt und nicht dem Kind.»

Nach sieben Jahren hatte Ruchti genug von den Spitälern «mit ihren steilen, oft nicht nachvollziehbaren Hierarchien. Ich wollte individueller mit Familien arbeiten.» Sie machte eine Zweitausbildung als Hebamme.

Die Mehrheit der rund 3500 Hebammen der Schweiz ist in Spitälern angestellt. Gut 800 arbeiten freiberuflich und rechnen direkt mit den Krankenkassen ab – wie Nadia Ruchti. Trotz Selbstständigkeit ist sie aber nicht allein: In der Praxisgemeinschaft 9punkt9 an der Berner Effingerstrasse arbeitet sie mit anderen Hebammen zusammen. «Unser Name umreisst das Arbeitsfeld der Hebamme: neun Monate vor bis neun Monate nach der Geburt. Es geht nämlich auch etwa neun Monate, bis sich eine Frau vollständig erholt hat, ein neuer Alltag einkehrt und der Bauch wieder flacher ist.» Die Hebammen von 9punkt9 bieten Schwangerschaftskontrollen, Hausgeburtshilfe und Wochenbettbegleitung an. Sie leiten auch Kurse, etwa in Schwangerschaftsyoga, halten Vorträge und bieten Akupunktur, Massage oder Shiatsu an.

Inzwischen ist Lisa fünf Wochen alt und gerade so gross wie ein Neugeborenes. Ruchti besucht die junge Familie nur noch einmal pro Woche. «Sollen wir sie zuerst wiegen?» Christa Wernli zögert: «Dann fängt sie vielleicht an zu weinen.» Ruchti insistiert nicht: «Du bist die Chefin.» Die Mutter entscheidet sich doch fürs Wiegen – und es läuft gut. Lisa protestiert nur leise, als sie von der Hebamme unter der roten Wärmelampe ausgezogen, behutsam untersucht und gewogen wird. Seit der Geburt hat sie mehr als ein Kilo zugenommen.

Anschliessend setzen sich die beiden mit Lisa aufs Sofa. Brüste und Kaiserschnittnarbe täten ihr weh, sagt Wernli. Auch Lisa jammere oft: «Sie will bei mir auf dem Bauch schlafen, ich schlafe dann auch ein.» – «Ihr macht genau das Richtige», kommentiert die Hebamme. «Ihr therapiert euch gegenseitig.» Ruchti stellt gezielte Fragen, hört aufmerksam zu, gibt Tipps zur Körperpflege. Sie empfiehlt Wernli Feuchttüchlein mit Extrakten vom Wiesengeissbart, um die Schmerzen in den Brüsten zu lindern. Dann massiert sie ihr den Bauch.

Sie schätze die Betreuung sehr, sagt Christa Wernli. «Die Hebamme bestärkt uns, geht viel mehr auf uns ein als die Leute im Spital, wo vieles nach Schema läuft und die Zeit oft knapp ist.»

In einem altmodischen Lederkoffer hat Nadia Ruchti ihre Wochenbettutensilien verstaut: Waage, Spiegel, Teemischungen und Öle, ein Akupunkturset und die wichtigsten homöopathischen Arzneien. Sie setzt ganz auf Naturprodukte, sogar beim Desinfektionsmittel. Einige technische Hilfsmittel braucht sie auch, etwa Blutdruck- und Herztonmessgerät. «Aber unsere wichtigsten Werkzeuge sind Hände, Augen, Ohren und Nase.»

Ruchti erklärt die Philosophie der Hebammen von 9punkt9: «Wir wollen die ganze Frau und ihre Familie betreuen, nicht eine potenziell kranke Person auf Mängel scannen. Ärztinnen und Ärzte suchen meist nach Krankheitszeichen. Wir orientieren uns dagegen an der Salutogenese, an der Frage, warum und wie jemand gesund bleibt. Wir helfen der Frau, ihre Stärken und Bedürfnisse zu erkennen.» Manche Schwangere hätten zum Beispiel das starke Bedürfnis nach Ruhe und Platz. Manche wollten klare Informationen und Anweisungen, andere störe gerade das. Ruchtis Erfahrung dabei: «Die meisten Leute wissen ziemlich genau, was sie brauchen, wenn man sie aufmerksam fragt.»

Es sei unmöglich, die medizinischen Leistungen von der persönlichen Betreuung zu trennen. «Meine Arbeit ist bei jeder Frau anders. Die eine hat gerade problemlos das dritte Kind geboren, wir reden mehr über die neue Familiensituation als übers Baby. Die andere ist psychisch völlig am Anschlag, und ich schaue, wie ich sie unterstützen kann.»

Noch mehr Kaiserschnitte?

Ruchti nimmt sich Zeit für die Frauen – auf Kosten ihres Einkommens. «Die Taxpunktwerte für eine Schwangerschaftskontrolle oder einen Wochenbettbesuch sind festgelegt. Aber die Zeiten sind viel zu knapp berechnet. Es ist schon möglich, eine Kontrolle in einer halben Stunde abzuspulen, aber das entspricht nicht meinem Berufsverständnis. Ich kenne keine Hebamme, die das macht.» Sie nimmt sich mindestens eine Stunde Zeit für eine Frau im Wochenbett, obwohl sie nur 85.60 Franken verrechnen kann. Davon muss sie noch Sozialversicherungen, Ferien und Büromaterial abziehen. Und während der Anfahrt und der Büroarbeit verdient sie nichts.

Carole Lüscher, eine der 9punkt9-Geschäftsleiterinnen, stimmt zu: «Wir sind total unterbezahlt in Anbetracht der Verantwortung, die wir tragen.» – «Die Tarife wurden seit 1995 nicht mehr erhöht», sagt Doris Güttinger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands (SHV). Die Verhandlungen mit dem Krankenkassenbranchenverband Santésuisse lägen auf Eis. «Santésuisse hat von uns Kostenabrechnungen einzelner Hebammen verlangt, und zwar nicht anonymisierte. Das widerspricht dem Datenschutz und ist unüblich bei Tarifverträgen. Wir konnten das nicht akzeptieren.»

Die Schweiz ist nicht nur beim Mutterschaftsurlaub knausrig, sondern auch bei der Wochenbettbetreuung: Die Krankenkassen bezahlen Hebammenleistungen bis zum zehnten Tag nach der Geburt. «Das ist im internationalen Vergleich sehr rückständig», sagt Carole Lüscher. «In Deutschland werden Leistungen sechzig Tage lang bezahlt, und die Hebammen legen fest, was nötig ist. Eine gute Begleitung am Anfang ist wichtig!»

2012 wird in der Schweiz das DRG-System eingeführt, die sogenannte Fallpauschale. Damit bekommt ein Spital nicht mehr die realen Kosten einer Behandlung vergütet, sondern einen Pauschalbeitrag pro Diagnose. Davon ist auch die Geburtshilfe betroffen. Carole Lüscher befürchtet «einen Trend zu Geburtsmedizin statt Geburtshilfe» – und noch frühere Entlassungen aus dem Spital. «In vielen Gegenden gibt es jetzt schon zu wenig frei praktizierende Hebammen. Mit dem DRG-System wird sich das noch verstärken.»

Doris Güttinger vom SHV teilt diese Bedenken. «Der Beruf der frei praktizierenden Hebamme muss dringend attraktiver werden.» Wenn eine Hebamme schon die Unsicherheit der Selbstständigkeit in Kauf nehme, sollten zumindest Arbeitszeiten und Lohn so gut sein wie für eine Spitalhebamme.

Zu 9punkt9 gehören nicht nur Kurse und Praxis, sondern auch ein Laden im Parterre des Hauses. Er bietet ein beeindruckendes Sortiment für Schwangerschaft und Stillzeit: Schwangerschafts- und Babykleider, Lammfelle, Wickel, Salben und Tees, ganze Wellnesssets für die Zeit vor und nach der Geburt, Milchpumpen von einfach bis Hightech, Stillkissen, Bücher ... Praktisch alle Textilien sind bio, Salben und Kräuter und stammen von einer Aromatherapeutin aus dem nahen Schwarzenburg, die Bürsten sind aus Holz und Ziegenhaaren statt Plastik. «Fast alles kommt aus der Schweiz oder Europa. Wir führen keine Billigprodukte», betont Nadia Ruchti. Die Sorgfalt geht bis ins Detail, zum Beispiel bei der Literatur: «Wir verkaufen Bücher, in denen die Entwicklung des Kindes im Zentrum steht – keine Anleitungen, wie man sie möglichst schnell ruhigstellt.» Ratgeber im Stil von «Jedes Kind kann schlafen lernen» gibt es hier nicht.

Nach der Führung durch den Laden schwingt sich Nadia Ruchti auf ihren Elektroroller für einen weiteren Hausbesuch. Ihre Arbeitstage dauern oft zehn Stunden und länger, aber sie wirkt voller Energie: «Ich möchte keine andere Arbeit.» Auf den Roller hat sie den Slogan des Hebammenverbands geklebt: «Es ist wichtig, wie wir geboren werden.»

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