Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Putins starker Mann im Kaukasus

An der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow soll ein Mann beteiligt gewesen sein, der in einer Kampfeinheit der russischen Republik Tschetschenien gedient hat. Welche Rolle spielt dabei der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow?

Von Anna Jikhareva

Wie so oft in Russland führt auch im Fall Boris Nemzow die Spur in die Unruheprovinz Tschetschenien. Neun Tage nach dem Mord am Oppositionspolitiker haben die russischen Behörden mehrere Verdächtige festgenommen.

Einer der Männer, die alle aus dem Kaukasus stammen, soll seine Beteiligung gestanden haben (allerdings wohl nicht ganz freiwillig). Der Mörder habe sich an Nemzow für dessen Solidarität mit «Charlie Hebdo» rächen wollen, so die Version der Behörden. Laut russischen Medien soll der geständige Saur D. in Tschetschenien im Bataillon Nord gedient haben. Die Spezialeinheit gilt auch als Privatarmee von Präsident Ramsan Kadyrow. D. ist in Grosny kein Unbekannter: Für seine Verdienste hat er bereits mehrere Medaillen erhalten.

Kaum war der 32-Jährige dem Haftrichter vorgeführt worden, nahm Kadyrow den Angeklagten auf Instagram, seinem bevorzugten Sprachrohr, in Schutz. D. sei ein «wahrer Patriot und gläubiger Muslim», der «nie einen Schritt gegen Russland unternehmen könnte». Damit rückt sich der tschetschenische Präsident selbst in den Fokus.

Kadyrows Vater Achmat kämpfte einst um die Unabhängigkeit Tschetscheniens, schlug sich dann aber auf die Seite Russlands. 2003 wurde er zum Präsidenten der Teilrepublik, bevor er kaum ein Jahr später bei einem Anschlag starb. Um sich auch weiterhin die Kontrolle über die Region zu sichern, hievte Wladimir Putin Kadyrows Sohn auf den Thron. Seit 2007 führt Ramsan Kadyrow die Provinz mit eiserner Faust – und grosszügiger Finanzhilfe aus Moskau. Politische AktivistInnen werfen der tschetschenischen Führung seit langem Mafiamethoden und Menschenrechtsverletzungen vor. Vor ihrem gewaltsamen Tod 2006 hatte auch die Journalistin Anna Politkowskaja Verbrechen in der Provinz aufgedeckt und den Präsidenten harsch kritisiert.

Kadyrows Beziehung zu Putin

«Russlands Präsident und der 38-jährige Lokalherrscher brauchen sich», sagt Alexei Malaschenko, Nordkaukasusexperte bei der Moskauer Denkfabrik Carnegie, gegenüber der WOZ. «Ohne Putin kann sich Kadyrow nicht an der Macht halten – und ohne Kadyrow hat Putin Tschetschenien nicht unter Kontrolle.» Nach Jahren der Unruhe habe Kadyrow den Nordkaukasus überwiegend befriedet. Tatsächlich: An Russlands Peripherie kommt es zwar nach wie vor zu terroristischen Anschlägen. Zum neuen Unruheherd ist aber das benachbarte Dagestan geworden.

Im Gegenzug darf der tschetschenische Herrscher vieles, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Putins Ziehsohn gilt als unberechenbar und aggressiv, bei seinen Äusserungen gegen RegierungskritikerInnen geht er so weit wie kein anderer russischer Politiker. Vor kurzem bedrohte er einen oppositionellen Journalisten mit dem Tod.

Kadyrow bemüht sich stets, dem Kreml seine uneingeschränkte Loyalität zu zeigen. Vor einigen Monaten versammelte er Hunderte seiner Männer im Stadion von Grosny. «Wir sind die Infanterietruppe Putins», erklärte er. «Jeden Befehl des nationalen Führers werden wir an jedem Ort der Welt ausführen.» Zuvor hatte Kadyrow angekündigt, seine Männer zur Unterstützung der prorussischen Separatisten in die Ukraine zu schicken. Inzwischen häufen sich Hinweise darauf, dass tatsächlich Tschetschenen im Donbass kämpfen. Neben der Rolle als loyaler Gefährte an Putins Seite inszeniert sich Kadyrow als religiöses Oberhaupt der knapp zwanzig Millionen MuslimInnen in Russland und finanziert Moscheen von Grosny bis nach Sewastopol. «Tschetschenien selbst hat er mit dem Einsatz von Schariagerichten und der Schleierpflicht für Frauen islamisiert», sagt Alexei Malaschenko.

Eine Warnung an Moskau?

Im Mordfall Nemzow sorgt die tschetschenische Spur derweil für Spekulationen. An die «Charlie Hebdo»-Theorie glauben die meisten Oppositionellen in Russland nicht. Dafür werden andere Motive diskutiert. «Kadyrows Verbindung zu einem angeblichen Täter macht ihn für seine Gegner verwundbar», schreibt etwa Oleg Kaschin auf seinem Blog. Liberale Moskauer Kreise fürchteten sich vor einer Willkürherrschaft im Rest des Landes. Geheimdienstkreise könnten also versucht haben, Kadyrow in die Schranken zu weisen, mutmasst der russische Journalist.

Im Umlauf ist aber auch eine andere Theorie. Manche glauben, der Mord an Boris Nemzow sei Kadyrows Warnung an Moskau, ein Zeichen, dass der Kreml ihn nicht mehr ganz kontrolliert. Der 38-Jährige drängt bereits seit längerem auf die nationale Bühne. Angeblich sind Ministerposten – und sogar die Nachfolge Putins – im Gespräch. Die These, wonach Kadyrow mit dem Mord versuche, seinen Platz in Moskau zu sichern, hält Alexei Malaschenko jedoch für wenig glaubhaft. «Ein politischer Posten für Ramsan Kadyrow müsste erst noch erfunden werden», so der Politologe. Kadyrow sei zwar ambitioniert, Tschetschenien aber die Endstation auf seiner Karriereleiter.

Ob Kadyrow wirklich in den Mordfall Nemzow verwickelt ist, wird vermutlich nie aufgeklärt werden. Schliesslich blieben bei sämtlichen ermordeten RegierungskritikerInnen die Hintermänner im Dunkeln. Für Kadyrows bisherigen Einsatz hat sich Putin aber erkenntlich gezeigt: Er verlieh ihm am Montag einen Ehrenorden «für besondere Verdienste».

Die Auszeichnung ruft jene ins Gedächtnis, die Ramón Mercader 1940 erhielt. Stalin bedachte den sowjetischen Agenten mit dem Leninorden, der damals höchsten Auszeichnung des Landes. Zuvor hatte Mercader in Mexiko den russischen Revolutionär Leo Trotzki ermordet.

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