Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Als Mike Tyson zum Sparring nach Grosny kam

Von Anna Jikhareva

Am 23. Februar wird in Russland der Tag des Vaterlandsverteidigers gefeiert. Und im Kaukasus gedenkt man der von Josef Stalin 1944 angeordneten Deportation der TschetschenInnen. Für die Präsentation seines Berichts «Gefahr für die nationale Sicherheit» hätte Ilja Jaschin also kaum ein besseres Datum wählen können. Seit dem Mord an Mitstreiter Boris Nemzow vor einem Jahr hatte der Oppositionspolitiker daran gearbeitet, am Dienstag stellte er das Dokument auf einer Pressekonferenz in Moskau vor.

Der Bericht enthält 65 Seiten voller Belege über das Terrorregime von Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow. Jaschin macht ihn für den Tod seines Freundes Nemzow verantwortlich wie für die Ermordung weiterer KritikerInnen. Kadyrows Herrschaft sei «das direkte Ergebnis von Wladimir Putins Politik im Nordkaukasus», sagt der 32-Jährige. Denn Russlands Präsident habe dem Lokalfürsten fast grenzenlose Macht eingeräumt, im Gegenzug für eine Zwangsbefriedung der einstigen Unruherepublik. Kadyrow selbst herrsche über ein «korruptes Kalifat», dessen Bevölkerung er einen irren Kult um seine Person verordnet habe. Und das er mithilfe einer als NGO getarnten Stiftung und seiner 30000-Mann-Privatarmee regiere.

Offiziell sollen mit dem Erlös aus der Stiftung die Bedürftigen der kaukasischen Teilrepublik unterstützt werden. Kadyrow finanziert damit jedoch offenbar seinen extravaganten Lebenswandel: teuren Schmuck und Luxusautos, millionenschwere Honorare – an Diego Maradona für ein gemeinsames Fussballspiel, an Mike Tyson für gemeinsames Kampftraining und an Oscar-Gewinnerin Hilary Swank für ein persönliches Geburtstagsständchen.

Die auf Youtube übertragene Pressekonferenz wirkte wie ein Theaterstück. Während Jaschin sprach, stürmte ein Mann auf die Bühne und liess gefälschte US-Dollarscheine über Jaschin regnen – passend zum beliebten Argument, die russische Opposition werde von den USA finanziert. Ein anderer unterbrach die Präsentation mit Schreien. «Kadyrow hat mehr für Russland getan, als du je tun wirst», brüllte der Mann mehrmals, bevor er abgeführt wurde. Schliesslich rückte die Polizei an, um den Raum zu evakuieren – angeblich wegen einer Bombendrohung.

Mit seinem Bericht will Jaschin «den Russen die Augen öffnen, damit sie nicht eines Tages in einem Russland aufwachen, in dem Kadyrows Schergen das Sagen haben». Auch wenn er über weite Strecken wenig Unbekanntes liefert: Angesichts von Kadyrows stetem Machtgewinn kommt das Dokument jedenfalls zur richtigen Zeit.

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