Nr. 27/2015 vom 02.07.2015

Die rote Betty

Florian Keller über die Europatournee eines Herrenwitzes

Von Florian Keller

Es soll ja immer noch Leute geben, die glauben, das Internet mache den Journalismus kaputt. Eine viel grössere Gefahr für den Journalismus, die leider selten erwähnt wird, ist die Faulheit. Und mit der Faulheit ist es wie mit dem Aufschwung: Sie beginnt im Kopf.

Ein besonders anschauliches Beispiel begann vor rund zwei Wochen, eine Tournee durch europäische Medien zu drehen. Ausgangspunkt war die britische «Times», die dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras am 18. Juni die Schlagzeile in den Mund legte: «Meine Frau wird mich verlassen, wenn ich gegenüber Europa nachgebe.» Schlimmer Verdacht: Der griechische Premier steht bei seinen Verhandlungen in ideologischer Geiselhaft seiner Lebenspartnerin! Von dieser war allerdings nur in einem Abschnitt die Rede, und die «Times» verriet hier auch ihre Quelle: Gemäss der französischen Satire- und Investigativzeitschrift «Le Canard enchaîné» soll nämlich Frankreichs Staatspräsident François Hollande zu seinen Vertrauten gesagt haben, dass Tsipras ihm gesagt habe, dass seine Frau … und so weiter.

Der Rest ist Abschreiben. Ein Wirtschaftsredaktor der «Welt» nahm die Schlagzeile am 19. Juni zum Anlass für ein Porträt über Peristera «Betty» Batziana, die angeblich noch viel linker steht als ihr Lebenspartner Tsipras. Headline: «Wie sehr wird Tsipras von dieser Frau beeinflusst?» Als Aufhänger diente das kolportierte Zitat aus dem «Canard», das gesicherte Wissen über Frau Batziana war aufgewärmt aus früheren Berichten, die Spekulationen waren Eigenleistung. Fast schon rührend, wie der Mann von der «Welt» kurz sogar die Möglichkeit von Ironie erwägt: «Wenn Tsipras diese Worte tatsächlich gesagt hat, hat er es dann im Scherz gemeint?» Aber egal. Ob Herrenwitz oder nicht, ein Linker mit Selbstironie, das zündet halt nicht so gut wie die Legende von der roten Betty, die ihren Mann stramm links auf Kurs hält. Journalismus als Schwundstufe des Hörensagens.

Nun ist abschreiben zwar billiger als recherchieren, aber noch billiger ist die Zweitverwertung. So fand die Geschichte von Springer zu Tamedia, also von der «Welt» zur «SonntagsZeitung», wo das Porträt am 21. Juni in einer gekürzten Fassung erschien. Tags darauf gabs den Artikel in voller Länge nochmals auf dem Newsnet des «Tages-Anzeigers», der sich dank der Leading European Newspaper Alliance (Lena) rege mit Inhalten aus der «Welt» versorgt.

Und wie das so ist mit dem Trickle-down-Effekt, tropfte das Ganze am 24. Juni auch noch aus der «Basler Zeitung», wo alles nochmals vulgärpsychologisch versext wurde. Das war praktisch, denn so liessen sich gleich zwei Feindbilder auf einen Schlag erledigen: Der linke Mann wird zum Schlappschwanz degradiert und seine emanzipierte Frau zur intriganten Hexe, die ihn aus dem Hintergrund steuert. Schwer zu sagen, was bedenklicher ist: der Sexismus oder doch die Faulheit des Schreibers.

Kleine Anmerkung noch zu journalistischen Grundregeln: Zwar berufen sich alle Abschreiber auf «Le Canard enchaîné», aber keiner schafft es, den Titel der Zeitschrift richtig zu schreiben. Und gelesen haben sie den betreffenden Artikel aus dem «Canard» wohl auch nicht. Sonst hätten sie gemerkt: Es ist nur eine Anekdote, erschienen in einer Rubrik mit satirisch aufbereiteten Kurzmeldungen. Sie ist genau fünfzehn Zeilen kurz. Schon komisch, dass die Geschichte in Frankreich nirgends aufgegriffen wurde, oder?

Florian Keller ist WOZ-Redaktor.

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