Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Die Vielfalt zum Schweigen bringen

Die Geschlechterforschung wird heftig attackiert und als «Genderismus» diskreditiert. Dahinter verbirgt sich ein gefährlicher Antiintellektualismus.

Von Franziska Schutzbach

Genderforschung ist nicht wissenschaftlich, denn sie verleugnet die biologischen Fakten: Das behauptet eine lose Allianz aus Rechtskonservativen, fundamentalistischen ChristInnen und auch Liberalgesinnten mit zunehmender Resonanz in den Medien. In Basel-Stadt kam es 2013 seitens der SVP zu ersten parlamentarischen Vorstössen gegen die seit knapp fünfzehn Jahren an der Universität etablierten «Genderstudies» (vgl. «Genderstudies» im Anschluss an diesen Text). Wann immer Resultate aus dieser Fachrichtung publiziert werden – wie vor kurzem die NFP-60-Studie zur Gleichstellung der Geschlechter –, stellen rechtskonservative wie auch bürgerliche Medien ihre Wissenschaftlichkeit infrage. Die Ergebnisse seien weder objektiv noch überprüfbar, heisst es.

Vor wenigen Tagen schüttete der Evolutionsbiologe Axel Meyer in einem grossen «Tages-Anzeiger»-Interview Wasser auf dieselbe Mühle: Der Einfluss der Gene auf das menschliche Leben beruhe auf «wissenschaftlicher Evidenz» und «statistisch abgesicherten Daten», während die Genderforschung auf «Interpretation», «Philosophie» und «Ideologie» fusse.

Der fragende Journalist selbst schrieb von «sogenannten Genderforscherinnen». Immer mehr finden die GegnerInnen der Genderforschung zusammen, um das zu bekämpfen, was sie mit dem Kampfbegriff «Genderismus» bezeichnen: Von «Gleichstellungswahn» ist dann die Rede, von einer «genderistischen» Diktatur, deren ProtagonistInnen – Gleichstellungsbeauftragte, Feministinnen, Homosexuelle und Genderforscherinnen – die traditionelle Geschlechterordnung zerstören wollten.

Comeback des Antiintellektualismus

Bei genauer Betrachtung wird klar, dass es nicht nur um Geschlechterfragen geht. Beansprucht wird auch die Definitionsmacht über Wissenschaft. AntigenderistInnen reklamieren das Comeback einer Position, die von Wissenschaft erwartet, ein für alle Mal zu beweisen, was wahr ist und was falsch. Darin spiegelt sich eine zunehmend antiintellektuelle, ja autoritäre Geisteshaltung, die sich weigert, Wissen und damit auch Gesellschaft als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen. Geworben wird für positivistische Ideale und eine Alleingültigkeit bestimmter naturwissenschaftlicher Methoden. Nach diesem Verständnis ist Wissenschaft nur dann richtig, wenn sie universell gültige Aussagen trifft, zum Beispiel darüber, wie Männer und Frauen wirklich sind.

Dabei setzt sich auch in den Naturwissenschaften zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich nicht allein anhand biologischer Dispositionen begründen lässt, warum wir auf welche Weise leben. So legt die Neurologie etwa den Fokus vermehrt auf die Interaktion von Natur und Umwelt und zeigt zum Beispiel, dass es selbst bei einer ausgeprägten Sprachbegabung immer darauf ankommt, auf welche sozialen und kulturellen Einflüsse diese Disposition trifft. Dasselbe gilt für Hormone oder Gene: Eine Disposition allein vermag kaum etwas darüber auszusagen, wie ein Menschenleben verläuft oder verlaufen soll.

Aber genau das fordert die antigenderistische Rhetorik: Eindeutigkeit statt unterschiedlicher Blickwinkel und Lesarten. Aus der wissenschaftlichen Beschreibung einer Sache erfolgt aus dieser Sicht automatisch, was man mit ihr machen soll. Proklamiert wird letztlich eine dogmatische Erstarrung des Denkens, von Wissenschaft wird nicht Diskurs, sondern Offenbarung erwartet. Die Philosophin Rosi Braidotti beschreibt diese Haltung als Ausdruck einer «theoriefeindlichen Wende». Für Braidotti zeigt sich darin auch die Ideologie der freien Marktwirtschaft, die den Antiintellektualismus zu einem hervorstechenden Merkmal unserer Zeit gemacht hat. Denn aus einer anti-intellektualistischen Position heraus können Staat und Gesellschaft aus ihrer Verantwortung entlassen werden.

Doktrinär? Totalitär?

Das lässt sich an Beispielen aus den Medien verdeutlichen. Genderstudies werden immer wieder als Gleichmacherei von oben diskreditiert. Die NZZ-Journalistin Claudia Wirz etwa bezeichnet Gender als eine «Doktrin» und behauptet, Genderprofessorinnen würden Frauen und Männern wider «ihr Naturell» vorschreiben, was für sie gut sei. «Es hat etwas Totalitäres», schreibt auch Markus Somm in der «Basler Zeitung», «wie diese Gender-Wissenschaftler den Menschen neu formen wollen: einen Frankenstein ohne Geschlecht». Dass es bis heute «kaum Zimmerfrauen gibt» und nur Zimmermänner, beweise lediglich die natürlichen und unveränderlichen Unterschiede – weil nun mal «ein Mädchen lieber mit Puppen spielt».

Solche biologistisch reduzierten Argumente sind altbekannte Strategien, um emanzipatorische Anliegen als totalitär zu diskreditieren. AntigenderistInnen inszenieren sich gegen diesen «Totalitarismus» gern als VerteidigerInnen der Freiheit. Allerdings wird schnell klar, dass diese scheinliberale Rhetorik mehr dazu dient, genau festzulegen, welche Art von Freiheit die richtige ist: nach traditionellen Stereotypen zu leben (Mädchen spielen mit Puppen). Fortbestehende Ungleichheiten und Diskriminierungen sind aus dieser Sicht «natürlich».

Dazu passt, dass neuerdings wieder vermehrt behauptet wird, die formale Gleichstellung sei in der Schweiz doch längst erreicht und das Thema damit abgeschlossen. Denn damit lässt sich die Meinung untermauern, geschlechter- und gesellschaftstheoretische Reflexionen und damit auch soziale Verantwortung seien überflüssig.

Spätestens hier wird klar, in welchem Zusammenhang Antiintellektualismus und der Imperativ des Markts stehen: «Es gibt keine Gesellschaft», verkündete Margaret Thatcher schon in den achtziger Jahren. Also müssen wir – konsequent zu Ende gedacht – auch nicht über ihre Bedeutung und Gestaltung nachdenken.

Eine Vorstellung, die im Übrigen der schweizerischen Verfassung widerspricht, denn diese reduziert Gleichheit gerade nicht auf deren blosse gesetzliche Verankerung. Vielmehr formuliert sie einen gesellschaftlichen Auftrag, die materiellen Bedingungen herzustellen, unter denen Menschen ihre Möglichkeiten auch wirklich umsetzen können. Dabei geht es nicht darum, Menschen gleichzumachen, sondern um eine Gleichheit in der Differenz – das heisst, um eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlich sein dürfen, ohne dass ihnen das zum Nachteil gerät. Eine komplexe Sache, über die immer wieder neu verhandelt werden muss.

Genau dazu leisten auch die Genderstudies einen Beitrag: Sie beleuchten die Verschränkungen von Geschlecht, Sexualität und Gesellschaft als historisch gewordene und verhandelbare Phänomene. Mit solchen Perspektiven verliert die traditionelle Geschlechterordnung ihren Status als unhinterfragbare Norm. Wenn die Natur (allein) nicht festlegt, wer wir sind, wen wir lieben oder wie wir arbeiten, dann könnte alles auch anders sein. In den Sozialwissenschaften gibt es dafür den Begriff «Kontingenz», er beschreibt die prinzipielle Offenheit menschlichen Lebens.

«Gesunder Menschenverstand»

Dabei sind es nicht nur die wissenschaftlichen Perspektiven, die sich ändern, sondern die realen Lebensweisen: Wenn Lesben und Schwule heiraten und Kinder bekommen, gerät die scheinbar natürliche heteronormative Ordnung ins Wanken, und es muss neu ausgehandelt werden, was Ehe, was Familie ist. Und das verunsichert erst einmal.

Dieser Verunsicherung suchen insbesondere christlich-fundamentalistische Gruppen wie Zukunft CH, Bündnis Christliche Schweiz und Jugend & Familie klare Werte entgegenzuhalten. Sie tun das mit Briefkampagnen gegen einzelne WissenschaftlerInnen, breit angelegten Petitionen («Kein Gender im Lehrplan 21») oder, wie kürzlich, mit einer Demonstration gegen den Besuch der US-Theoretikerin Judith Butler an der Universität Fribourg. Dabei verbreiten sie das Argument, die Gendertheorie sei schuld an der «widernatürlichen» sexuellen Vielfalt und einer zunehmend orientierungslosen, pluralisierten Gesellschaft.

Erkennbar wird hier ein typisches Merkmal moderner Gesellschaften: Sie reagieren auf Erschütterungen, indem sie über die «richtige» Weiblichkeit und Männlichkeit verhandeln. Denn Meinungen zu Geschlechterfragen sind schnell bei der Hand, alle haben subjektive Erfahrungen, alle können mitreden. Wenn sich die Welt als krisenhaft erweist, sind Geschlechterdebatten ein Weg, um ein wenig Gewissheit herzustellen. Gewissheit ist jedoch ein Feind des Denkens. Besonders deutlich zeigt sich das, wenn auf Alltagserfahrungen oder den «gesunden Menschenverstand» gepocht wird: «Ich sehe doch, dass Mädchen Puppen mögen.»

Wissenschaft wird in einer solchen Logik nur akzeptiert, wenn sie die Vertrautheit der Alltagserfahrung, das Nachvollziehbare und bereits Gewusste bestätigt. Die weitverbreitete Haltung, dass wir keine gescheiten Bücher brauchen, keine komplizierten Theorien, weil die eigene Wahrnehmung vollkommen ausreiche, spiegelt eine Selbstgenügsamkeit, eine selbstgefällige Definitionshoheit, die alles nicht sofort Verstehbare und damit auch alles Fremde zurückweist.

Im Antigenderismus geht es nicht nur um ein akademisches Fach. Es geht um eine Haltung, die weder diskutieren noch verstehen, sondern Vielfalt zum Schweigen bringen will. Diese Haltung verweigert sich der Frage, wie Menschen «ohne Angst verschieden sein können», wie es der Philosoph Theodor Adorno formulierte. Eine Frage, die vielleicht die drängendste unserer Zeit ist.

Franziska Schutzbach lehrt und forscht am Zentrum Genderstudies der Universität Basel 
und ist freie Autorin. Der Text beruht auf einem Paper mit dem Titel «Vom Antifeminismus zum ›Antigenderismus‹ – Eine zeitdiagnostische Betrachtung am Beispiel Schweiz», gemeinsam mit Prof. Dr. Andrea Maihofer.

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