Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Zwischen Weltliteratur und Schweizer Provinz

Er wusste viel und wollte es weitergeben: Werner Morlang war ein immenser Literaturvermittler. Letzte Woche ist er 66-jährig einer Krebserkrankung erlegen.

Von Stefan Howald

Sein Name ist zuerst einmal mit Robert Walser verbunden, der als «Meister der Kleinkunst» in wechselnden Interpretationen immer wieder als typisch für die Schweiz herhalten muss. Werner Morlang entzifferte zusammen mit Bernhard Echte in den achtziger Jahren nachgelassene Manuskripte von Walser, die sogenannten Mikrogramme, und war dann als Leiter des Robert-Walser-Archivs Zürich von 1987 bis 1995 für den weiteren Ruhm des Schriftstellers besorgt.

Aber Morlang hat viel mehr vermittelt. Unermüdlich war er für die Literatur tätig. Gerhard Meier, Ludwig Hohl, Elias Canetti und Hanny Fries hat er grössere Arbeiten gewidmet, auf viele andere unsere Aufmerksamkeit gelenkt.

1949 in Olten geboren, erlebte er Literatur als Befreiung. Einmal hat Morlang geschildert, wie er als Kind im Schlafzimmer beim Licht der Strassenlampe von draussen die ersten Bücher entziffert habe. Später fand er lesend eine «Bande aufmüpfiger Geister, die einem bücherverschlingenden Jüngling, der in den fünfziger Jahren aufwuchs, die nötige Munition gegen eine muffige Umgebung lieferte».

Im Bleistiftgebiet

Schon früh war er, am Jurasüdfuss, auch auf den Bieler Robert Walser (1878–1956) gestossen. In den siebziger Jahren wurde Walser langsam vom Geheimtipp zum Klassiker. Der erste Herausgeber Jochen Greven hatte bereits erkannt, dass viele Nachlasstexte nicht in einer esoterischen Geheimschrift, sondern in einer extrem verkleinerten Normalschrift abgefasst waren, und er begann mit deren Entzifferung. Morlang und Echte führten die Arbeit weiter und zu Ende, mit der Lupe jahrelang über die scheinbaren Krakeleien gebeugt. Die Schwierigkeiten haben sie ebenso nüchtern wie faszinierend beschrieben: Die Sütterlinschrift verschleift einzelne Buchstaben, Walser hat Korrekturen in die winzigen Wörter eingewoben, und im Übrigen «kommt der Beschaffenheit des Bleistifts entscheidende Bedeutung zu», weil er natürlich abstumpft und damit alles nochmals verunklärt. Sechs Bände mit Walser-Mikrogrammen sind daraus geworden: «Aus dem Bleistiftgebiet», erschienen zwischen 1985 und 2000. Seither liegt auf 4500 Druckseiten kein ganz neuer, aber ein ungemein reicherer Walser vor. Das Unterfangen hatte wie alle solche Editionen etwas Unzeitgemässes, dem hektischen Zeitfluss und den modernsten Technologien entzogen – wiewohl sie in der Erfassung und Umsetzung der Texte von diesen profitieren.

Morlang hatte in Zürich Germanistik und Anglistik studiert, mit einem Gastjahr in Swansea. 1982 dissertierte er über Arno Schmidt: auch so ein Literaturbesessener, der dem Eigenwilligen, Aparten auf der Spur war. Die Wertschätzung für den englischen Autor Wilkie Collins zum Beispiel hat Morlang von Schmidt übernommen, so wie er generell ein gutes Wort für das veredelte Triviale des Kriminalromans einlegte. Ungemein belesen, verfügte er über die Weltliteratur in ihren grossen philosophischen Entwürfen wie in ihren Details, die er anekdotenhaft vortragen konnte.

Beutezüge durch Antiquariate

Morlang war eine im Wortsinn mächtige Erscheinung, imposant, zugleich bedächtig im Sprachduktus. Dass er viel wusste, breitete er gerne aus, ohne Eitelkeit, doch ohne die Freude am eigenen Wissen zu verbergen. Regelmässig unternahm er Beutezüge durch die Antiquariate und berichtete stolz, wie er in der Wohnung, die er mit seiner Partnerin Ruth Känel teilte, jeden Zentimeter für seine Schätze auszunutzen verstand.

Der Sammler ist ein Egoist, er will alles für sich. Aber er will es, im besseren Fall, auch mit den andern teilen. Im Kulturmagazin «Du» schrieb Morlang in den neunziger Jahren eine regelmässige Kolumne über «Sonderlinge» und «Sonderfälle» der Weltliteratur. Tatsächlich steht auch der Vermittler im Kulturbetrieb und kann sich dessen Klappern nicht ganz entziehen. Die Kolumnen, unter dem Titel «So schön beiseit» (2001) in Buchform gesammelt, wurden als «Gegenkanon der Weltliteratur» angeboten – was ihre Absicht umkehrt, Schönheit und Bedeutung des je individuellen Werks zu zeigen.

Aus dem Abseits

Die Entzifferung der Mikrogramme entlarvte den Mythos um Walsers angebliche Geheimschrift. Diese Neuinterpretation ist seither weitergegangen: Walser war nicht ganz der weltfremde Einzelgänger, als den er sich selbst und die andern ihn zuweilen stilisierten.

Umgekehrt lag der Fall bei zwei anderen von Morlangs Heroen, Gerhard Meier und Ludwig Hohl. Im erfolgreichen Gesprächsband «Das dunkle Fest des Lebens» mit Gerhard Meier sowie in einem Sammelband über die Beziehung von Ludwig Hohl mit Hanny Fries sollte gezeigt werden, wie es aus dem Abseits heraus – der Provinz, dem Keller – gelingen konnte, die Welt und die Weltprobleme in den Griff zu bekommen. Da kehrte die alte Schweizer Ambivalenz von Grösse und Kleinheit, von Selbstbescheidung und Anspruch auf den Sonderfall zurück. Morlang konnte sich ihr nicht entziehen, sie aber eloquent vermitteln.

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