Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Und in der Fankurve applaudiert die AfD der NZZ

Früher schrieb Cora Stephan für das Frankfurter Sponti-Magazin «Pflasterstrand». Heute liefert sie Bausteine rechtsnationaler Publizistik. Auch für die «Neue Zürcher Zeitung».

Von Daniela Janser

Sie kommt auf samtenen Pfoten daher. Als Sophie Winter schrieb sie drei Katzenromane und als Anne Chaplet mehrere Krimis. Unter ihrem eigenen Namen kam kürzlich der epische Familienroman «Ab heute heisse ich Margo» heraus. Seit den achtziger Jahren arbeitete die 1951 in Niedersachsen geborene Publizistin Cora Stephan unter anderem als Bonn-Korrespondentin für den «Spiegel» und als Lektorin für den Suhrkamp-Verlag. Die arrivierte Autorin publizierte Bücher wie «Der Betroffenheitskult», «Neue deutsche Etikette» und «Angela Merkel. Ein Irrtum», ihre Abrechnung mit der Kanzlerin. Bereits in den neunziger Jahren fiel sie durch ihre Unterstützung der US-Offensive gegen den Irak auf. In ihrem Buch «Das Handwerk des Krieges» argumentierte sie, dass der Krieg «die Bestie», aber auch «das Beste» im Mann wecke. Heute wird Stephan, die einst für das Frankfurter Sponti-Magazin «Pflasterstrand» gearbeitet und im «Linksradikalen Blasorchester» Flöte gespielt hat, von der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) als «sehr kluge Autorin» gefeiert.

Das ist nicht zuletzt deshalb brisant, weil man Stephans Namen seit Anfang 2016 auch regelmässig in der NZZ liest. Sie hat bereits in früheren Jahren sporadisch für das Blatt geschrieben. Seit allerdings René Scheu Anfang des Jahres sein Amt als NZZ-Feuilletonchef angetreten hat, durfte Stephan bereits fünf Gastkommentare für die NZZ verfassen. An ihnen kann man beispielhaft ablesen, wie die neue Rechte journalistisch argumentiert. Und wie durch immer durchlässigere publizistische Grenzen zwischen sogenannt gutbürgerlichen Zeitungen und rechten Blogs reaktionäres und rassistisches Gedankengut beharrlich normalisiert wird.

Stephans Themen sind die Geschlechterverhältnisse, die «Klimaapokalyptiker», die «ungeregelte und ungehemmte Migration», der deutsche «Nanny- und Steuerstaat» und die gefährdete Meinungsfreiheit. Wobei Stephan im Artikel «Der postheroische Mann» (NZZ, 1. Februar 2016), in dem es um die Kölner «Attacken jener fröhlichen Molestierer der Silvesternacht» ging, fast alle diese heissen Eisen aufs Mal abhandelte. Ihre Schlussfolgerung: Die «islamisch geprägten jungen Herrenmenschen» hatten auf dem Kölner Domplatz auch deshalb ein leichtes Spiel, weil unser Staat die bürgerliche Kleinfamilie «aushebelt». Und weil der «Genderquatsch» alles, was «normal» sei – «nämlich Vater, Mutter, Kind» –, zur blossen Norm erklärt habe. Das verzärtelte westliche Individuum habe angesichts starker Clans und gewalterprobter «‹überschüssiger› junger Männer» einen schweren Stand.

In «Kritik ist keine Hetze» (NZZ, 13. April 2016) stand dann jener denkwürdige Satz, der Stephan endgültig zur Galionsfigur der Rechten machte: «Wer den ‹Kampf gegen Rechts› für wichtiger hält als den Kampf gegen den islamisch inspirierten Terrorismus, hat entweder einen gewaltigen Knick in der Optik oder lebt im vergangenen Jahrhundert.» Nicht nur die AfD frohlockte und teilte das Zitat mitsamt NZZ-Schriftzug in ihren Netzwerken, der islamfeindliche Blog «Achse des Guten», zu dessen festen AutorInnen Stephan zählt, postete sogar den ganzen Artikel. Auch von der Monatszeitschrift «eigentümlich frei» («gegen die zunehmende neosozialistische Enteignung») und vom Blog «politically incorrect» («News gegen den Mainstream, proamerikanisch, proisraelisch, gegen die Islamisierung Europas») wird Stephan des Öfteren ausführlich zitiert.

Gleichzeitig bietet ihr aber nicht nur die NZZ eine seriöse Plattform. Auch im deutschen Magazin «Wirtschaftswoche» schreibt sie eine Kolumne, «Stephans Spitzen». Nach den österreichischen Präsidentschaftswahlen verunglimpfte sie da unter dem Titel «Moralisches Herrenmenschentum» alle Deutschen, die sich erdreistet hatten, zum rechtsnationalen FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer eine negative Meinung zu äussern.

Wie andere rechte PublizistInnen auch schafft es Cora Stephan stets, die eigene Position als eine sachliche, von jeder emotionalen und moralischen Verzerrung befreite darzustellen. Hetzerinnen oder Moralisten sind immer die anderen.

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