Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

«Es entsteht eine Politik, die absichtlich und konsequent auf Lügen setzt»

Der russisch-deutsche Schriftsteller Boris Schumatsky hat mit «Der neue Untertan» ein emotionales politisches Plädoyer verfasst. Ein Gespräch über die Lügen à la Trump und AfD, die Philosophie der Postmoderne, linke wie rechte PutinversteherInnen – und die historischen Siege der Moskauer Antifa.

Von Anna Jikhareva (Interview), Berlin

«Wir müssen unseren kritischen Blick durch eine Vision für die Zukunft bereichern. Und sollten versuchen, die Gegenwart von einer vorgestellten Zukunft aus zu denken», sagt Boris Schumatsky. Foto: Thomas Eugster

WOZ: Boris Schumatsky, Sie haben mehrere Bücher geschrieben, veröffentlichen regelmässig politische Essays, und dabei wird meist Russland verhandelt. Sind Sie ein Berufsrusse?
Boris Schumatsky: Ich mag diese Bezeichnung überhaupt nicht. Journalistisch habe ich über Russland geschrieben, weil ich die Sprache sprach und die Kultur kannte – weil es das Land war, zu dem ich den besten Zugang hatte. Meine Bücher habe ich dann aus meiner eigenen Realität heraus geschrieben – und dazu gehört Russland genauso wie die Geschichte meiner Familie. Besonders im deutschsprachigen Literaturbetrieb wird das Thema Familie ja fast überexerziert, jeder will noch irgendwo seinen Naziopa ausgraben. Den Leser kann das natürlich ermüden. Andererseits wäre es komisch, nicht über die eigene Vergangenheit zu schreiben – und zu der zählt bei mir eben der Urgrossvater, der Stalin persönlich kannte und nach einem Streit erschossen wurde.

«Silvester bei Stalin» (1999) ist eine Chronik Ihrer Familie vor dem Hintergrund der Repressionen unter Josef Stalin. Nun erscheint Ihr Roman «Die Trotzigen». Auch er spielt vor einer historischen Kulisse: dem Augustputsch in Moskau 1991. Wie sind die beiden Bücher zu verstehen – als Beitrag zur russischen Vergangenheitsbewältigung oder als Versuch, die eigene Geschichte aufzuarbeiten?
In meinem ersten Buch habe ich mich gleichermassen mit meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt wie mit der Geschichte des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Beim Schreiben des zweiten Buchs hatte ich eigentlich immer die Gegenwart im Hinterkopf – wie in der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Welt auch heute wieder in Aufruhr. Die Geschichte spielt in meinem Roman eine wichtige Rolle, aber eben als Beginn einer neuen Zeit, in der wir immer noch leben. Sehr gegenwärtig ist das Buch auch wegen der Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten dennoch.

Meinen Sie, weil Sascha und Anna eine Art On-off-Beziehung führen? Sie sind ja auch räumlich immer wieder voneinander getrennt – er lebt in Moskau, sie in Berlin, und umgekehrt.
Der Zwischenraum, in dem das Buch spielt, ist für mich typisch für das heutige Leben vieler junger Leute: Die Protagonisten bewegen sich zwischen verschiedenen Welten. Ich glaube nicht an einen sesshaften Menschen, war es selbst auch nie wirklich, von Moskau bin ich nach Berlin gezogen, später dann nach München. Die Unterschiede zwischen diesen Städten scheinen mir jedoch viel kleiner, als wenn ich in einen kleinen russischen Ort gezogen wäre.

In «Die Trotzigen» ist die Auswanderung eines der Hauptmotive. War die Emigration nach Deutschland auch persönlich das prägendste Ereignis Ihres Lebens?
Nach Deutschland zu ziehen, war für mich natürlich ein bewusster, wichtiger Schritt. In meinem Fall ist die Emigration aber ziemlich sanft verlaufen. Ich habe bereits in Moskau für deutsche Zeitungen geschrieben, war auch mehrere Male in Deutschland, bevor ich mich Mitte der neunziger Jahre entschloss, hierherzuziehen. Wahrscheinlich haben mich andere Dinge stärker geprägt: in der letzten Zeit etwa der Krieg in der Ukraine, den ich nie für möglich gehalten hätte. In politischer Hinsicht hat mich dieses Ereignis sehr verändert.

Ist es das Los jedes Emigranten, mit seiner alten Heimat zu hadern?
In einer besseren Welt gäbe es natürlich gar keine Emigranten, jeder würde leben, wo er will, wo er Freunde und Arbeit hat, ihm das Essen schmeckt. Ich habe lange gedacht, dass ich in einer idealen Welt lebe. Dieses Lebensgefühl hat mir Putins Krieg genommen – ich lebte schon in Deutschland, als ich ohne mein Zutun zu einem politischen Emigranten wurde.

Und als solcher haben Sie den politischen Essayband «Der neue Untertan» verfasst. In einem der Texte schreiben Sie, der Ukrainekrieg habe auch Ihr persönliches Umfeld verändert. Wie äussert sich das?
Zuerst haben einige linke Freunde, darunter auch Journalisten, versucht, Putins Motive für sein Vorgehen in der Ukraine nachzuvollziehen – eigentlich ein nobles Vorhaben. Zu verstehen heisst ja nicht, Verständnis zu haben. Irgendwann wurde aus dem Verstehen jedoch Verständnis: Plötzlich glaubten sie, Putin habe gute Gründe für die Annexion der Krim und die Ukrainer seien selbst schuld, dass Putin sie in einen Krieg verwickelt hat. So geht es immer weiter – und irgendwann landet man in Putins Armen.

Wie kamen Ihre Freunde darauf, Verständnis für Putin zu entwickeln?
Es gibt Menschen, für die Fakten irrelevant sind. Sie glauben, es sei legitim, wenn jeder seine eigene Perspektive auf die Wahrheit hat. Sie haben den postmodernen Zeitgeist der neunziger Jahre perfekt verinnerlicht.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Philosophie der Postmoderne dafür, dass sie zu einer «Krise der Wahrheit» geführt habe.
Natürlich haben Michel Foucault oder Jacques Derrida nicht die Vorlage für die Politik eines Wladimir Putin geliefert. Den Postmodernisten ging es darum, die Wahrheit als Instrument der Herrschaft aufzudecken, konstruiert zu einem bestimmten Zweck, eingebettet ins herrschende Machtgefüge. Diese Kritik am Wahrheitsanspruch des herrschenden Diskurses ist interessant und richtig, hatte jedoch unbeabsichtigte Folgen. Man konnte sie, auch wenn das nicht die Absicht der Postmodernisten war, auf die faktische Ebene übertragen, im Sinn von: So, wie es die Wahrheit eines herrschenden Diskurses nicht gibt, gibt es auch die Fakten und Tatsachen nicht.

Doch wenn jeder seine eigene Wahrheit hat, entsteht eine Politik, die absichtlich und konsequent auf Lügen setzt. Heute werden im Dienst der Macht die Tatsachen verdreht. Das lässt sich nicht nur bei Putin beobachten. Auch Politiker wie Donald Trump oder Parteien wie die AfD verzichten auf Tatsachen und Fakten – und lügen schamlos.

Können Sie ein Beispiel für solche Lügen nennen?
Die sogenannten grünen Männchen, die 2014 die Krim besetzt haben, waren Uniformierte ohne Rangabzeichen. Eigentlich wusste man schon nach wenigen Tagen, dass es sich um russische Militärangehörige handelte und dass ihre Lastwagen von Stützpunkten in Russland kommen. Die Fakten waren also nicht schwer zu finden. Die sogenannten Putin-Versteher haben jedoch weiterhin behauptet, es handle sich gar nicht um russische Soldaten.

Was sind denn die Motive dieser «Putin-Versteher»?
Zumindest auf der linken Seite geht es ihnen um eine relativistische Einstellung in Bezug auf das eigene Wissen, die eigenen Ideale. Es wird argumentiert, der Westen habe nicht das Recht, dem Rest der Welt sein eigenes Wertemodell aufzuzwingen. Das ist grundsätzlich richtig, kann in letzter Konsequenz aber auch bedeuten: Jeder darf seine eigene Wahrheit haben. Es gibt die Wahrheit eines Wladimir Putin, diejenige eines afrikanischen Diktators und so fort. Denkt man diesen Gedanken weiter, bedeutet es, dass der Stärkere immer recht hat.

Mir scheint, das Phänomen der Putin-Versteherei ist vor allem in Deutschland verbreitet. Warum ist das so?
Das liegt nicht zuletzt an der besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Russland – der Historiker Gerd Koenen nannte dies den Russlandkomplex: Die autoritär Gesinnten in Deutschland hatten historisch gesehen eine grosse Affinität zu Russland, schon vor dem Ersten Weltkrieg erschien ihnen das Land als Sehnsuchtsort, als Alternative zur europäischen Moderne und als ideologischer Verbündeter. Auch die AfD weist übrigens ausdrücklich auf diese Tradition hin.

Sie kritisieren Linke wie Rechte gleichermassen für deren Verständnis für Putin. Welche Rolle spielt das Internet, damit sich die beiden Gruppen finden?
Es wirkt wie ein Beschleuniger. Jahrzehntelang hatten diejenigen, die an eine geheime jüdische Weltregierung glauben, nichts mit der antiimperialistischen Linken zu tun. Ein Verschwörungstheoretiker, der irgendwelche Illuminati-Bändchen liest, würde keine linken Texte lesen. Durch das Internet entdeckten die einzelnen Subkulturen, wie viel sie eigentlich gemeinsam haben. In der Vorstellung einer personifizierten Herrschaft, die uns mit Lügen füttert und manipuliert, treffen sie sich. Ihre Elitenkritik hat immer einen verschwörungstheoretischen Beiklang – bei Spitzenintellektuellen wie bei Forenteilnehmern, die keinen geraden Satz bauen können.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Putin-Regime nicht nur lügt, sondern auf dem Prinzip der Lüge basiert. Wie muss man sich das Wesen von Putins Herrschaft vorstellen?
Es gibt nicht die eine Lüge, auf der das Regime aufgebaut ist. So könnte man ein totalitäres System wie die Sowjetunion beschreiben. Mit dem Prinzip der Lüge meine ich, dass einzelne Lügen mehr oder weniger frei wählbar sind. Die Lügen im heutigen Russland sind austauschbar – und wurden auch schon ausgetauscht: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versuchte die Regierung, eine neue nationale Idee zu entwickeln. Als Putin 2000 an die Macht kam, wollte er Russland enger an den Westen binden, inklusive einer möglichen Nato-Mitgliedschaft. Putin gab sich auch überglücklich, Teil der G8 zu sein. Diese Rhetorik ermöglichte ihm, Konkurrenten auszuschalten und seine Machtvertikale, wie es damals schon hiess, aufzubauen. Und plötzlich veränderte sich die nationale Idee: Es wurde verordnet zu glauben, der Westen habe es sich zur Aufgabe gemacht, Russland zu schwächen. Der klassische Putinist hat die Lügen des Regimes verinnerlicht und fühlt sich von der ganzen Welt schlecht behandelt.

Alle Konzepte sind – da bin ich mir hundertprozentig sicher – in der Retorte entstanden. Die Thinktanks des Kreml haben vermutlich verschiedene Dinge ausprobiert, und das Narrativ des beleidigten Patriotismus wurde von der Bevölkerung am besten aufgenommen, liess sich auch am einfachsten durch die Medien vermitteln.

Welche Funktion haben die Medien für das Regime?
Sie sind nicht gleichgeschaltet, wie dies unter Hitler oder Mussolini der Fall war. Eher sind sie eine eigenständige politische Kraft. Zu denken, der Präsident gebe zu jeder politischen Frage die Parole durch, wäre falsch. Stattdessen hat er über die Jahre eine Maschine aufgebaut, die mit ihm mitdenkt – ähnlich wie bei einer Sekte. Putin hat dafür gesorgt, dass Personen in den Medienbetrieben arbeiten, die den Erhalt seiner Macht gewährleisten. Er hat Leute rekrutiert, die unter Umständen sogar bessere Putins sein können als er selbst.

Wie muss man sich Putins Rolle in diesem Machtgefüge denn vorstellen?
Überlebenswichtig für das Machtgefüge ist neben der Person Putin auch der kollektive Putin an der Kremlspitze. Der Präsident hat ein Netzwerk errichtet: Genauso wie bei den Medien hat er Personen gewählt, die ihm treu sind, die auch in der Administration den Erhalt seiner Macht sichern. Dieses Modell weitet sich auf die gesamte russische Gesellschaft aus. Putin ist vor allem das Gesicht des Systems.

Bei einem Podium am Moskauer Sacharow-Zentrum hörte ich von russischen Dissidenten folgende These: Entweder gibt es in Russland bald eine Revolution oder eine umfassende Diktatur. Welches Szenario halten Sie für realistischer?
Prognosen anzustellen, ist ein undankbarer Job. Ich glaube, je länger Putin an der Macht bleibt, je länger das jetzige System Bestand hat, desto schlimmer wird sein Ende sein. Ich befürchte sehr, dass es blutig werden könnte. Das Regime hat wahnsinnig viel kaputtgemacht: Die Institutionen sind in einem desolateren Zustand als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Menschen vertrauen Politik, Justiz und Polizei immer weniger. Noch schlimmer ist jedoch, was das Putin-Regime dem kollektiven Bewusstsein des Landes angetan hat. Es propagiert einen aggressiven Nationalismus und das Gefühl, vom Rest der Welt ständig erniedrigt zu werden. Das ist brandgefährlich.

Ihre Einschätzungen klingen fatalistisch. Gibt es gar keine Hoffnung?
Natürlich gibt es die. Nach dem Zusammenbruch eines Systems kann etwas Neues, sogar Gutes entstehen. Wir haben das in den neunziger Jahren erlebt: Jahrelang wurden Zivilgesellschaft wie politische Institutionen gestärkt, die Presse war frei. Das war eine schöne Zeit für Russland, deshalb schreibe ich übrigens auch über sie.

Auch später gab es einige positive Momente: Vor fünf, sechs Jahren tobte in Moskau ein regelrechter Krieg zwischen der Antifa und den Neonazis, es wurde geschossen und gemordet. Die Antifa hat diesen Krieg gewonnen und die Stadt von den marodierenden rechtsradikalen Banden befreit. Sie waren auch politisch aktiv, haben etwa versucht, die Fussballultras auf ihre Seite zu ziehen. Als dann 2012 die russische Protestbewegung zerschlagen wurde, hat die Moskauer Polizei auch die Antifa marginalisiert. Seither erstarkt die rechtsradikale Szene – und die Hoffnungsträger der liberalen Opposition sind erklärte Nationalisten wie Alexej Nawalny.

Ein weiterer interessanter Gedanke, der beim Podium aufgeworfen wurde: Putins Herrschaft sei nicht etwa das letzte Zucken des Sowjetregimes, sondern die Vorhut der rechten Internationale. Was meinen Sie dazu?
Ich glaube, für die rechte Internationale ist Putin gar nicht so wichtig. Das Problem von Politikern wie Putin, Orban oder Trump ist, dass sie als Nationalisten letztlich nicht miteinander auskommen – man kann deshalb auch nicht von einer richtigen Internationale sprechen. Europas Rechtspopulisten nehmen zwar gerne Geld von Putin an, lassen sich von ihm auch unterstützen. Sind sie einmal an der Macht angekommen, ist ein Clash jedoch vorprogrammiert. Machtpolitiker dieser Art versuchen immer, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Deshalb würden sie sich sofort von Putin distanzieren, wenn sie ihn nicht mehr brauchen.

Wie können wir als Linke, die mit dem neuen Autoritarismus nichts anfangen können, der Lügenpolitik begegnen?
Wir müssen die relativistische Einstellung in Bezug auf das eigene Wissen, die eigenen Ideale und Werte, die durch die Postmoderne entstanden ist, überwinden. Der kritische Blick, den wir verinnerlicht haben, indem wir instinktiv immer alles dechiffrieren, ist zwar unbestritten wertvoll. Doch wir dürfen uns nicht im Zeichenspiel verlieren, müssen wieder Verantwortung übernehmen: den kritischen Blick durch eine Vision für die Zukunft bereichern. Wir sollten versuchen, die Gegenwart von einer vorgestellten Zukunft aus zu denken. Dieser Blick ermöglicht uns, die Kritik nicht auf Feindbilder zu reduzieren.

Genau das werfen Sie der Linken vor. An einer Stelle in Ihrem Buch heisst es: «Früher hatte die Linke Visionen, heute hat sie nur noch Feindbilder.»
Nehmen Sie die Kritik am Neoliberalismus: Ich bin damit einverstanden, wenn wir sagen, der Neoliberalismus bringe sehr viele Probleme mit sich. Bloss erklärt dieses Modell für meinen Geschmack zu wenig, das ist eher ein Feindbild als eine kritische Betrachtungsweise – denn diese würde die Möglichkeit einer Alternative voraussetzen, die über Entschleunigungs- und Aussteigerkonzepte hinausreicht. Über die Alternativen redet man viel weniger als über das politisch Böse – und das ist eben der Neoliberalismus, der auf eine Art Weltherrschaft der Banken oder der Washingtoner Weltregierung zurückgeführt wird, bis alles in einer banalen Verschwörungstheorie endet.

Welche Zukunftsvision können Sie sich vorstellen?
Statt den Neoliberalismus zu verteufeln, könnten wir uns beispielsweise über die Zukunft der Arbeit Gedanken machen. Wir können kritisieren, dass technische Entwicklung und Digitalisierung dazu führen werden, dass viele Menschen ihre Jobs verlieren. Doch wenn wir keinen perspektivischen Blick entwickeln, verläuft die Kritik im Sand. Wir sollten über den Arbeitsbegriff an sich nachdenken. So liessen sich Ideen wie das Homeoffice oder Dreistundenarbeitstage weiterentwickeln – und so entstünde eine Vision der künftigen Arbeitswelt.

Sie plädieren für mehr Optimismus im Denken?
Manchmal bekommt man das Gefühl, unsere Welt sei bereits zusammengebrochen: Die EU wird als Teufel verschrien, die Integration der Flüchtlinge sei sowieso gescheitert, heisst es oft. Wenn ich aus dem Fenster blicke, scheint die Welt im Vergleich zu dieser Beschreibung eigentlich sehr gut zu funktionieren.

Schumatskys Bücher

Erzählen aus dem Zwischenraum

Die Geschichte beginnt 1991 am Morgen des Augustputsches, als sich reaktionäre Kräfte aus KGB, Armee und Kommunistischer Partei gegen Präsident Michail Gorbatschow auflehnen und damit letztlich das Ende der Sowjetunion besiegeln. Sascha Potjomkin arbeitet als Dolmetscher – und träumt vom Auswandern. Während Panzer durch Moskaus Strassen rollen, sieht er seine Chance gekommen. Und während Potjomkin mehrfach versucht, seiner russischen Heimat zu entkommen, zieht es seine deutsche Freundin, die sich Anna Iwanowa nennt, in die umgekehrte Richtung: In der Aufbruchstimmung der neunziger Jahre sucht die Künstlerin und Aktivistin in Moskau die Freiräume, die sie im biederen Deutschland der Wendezeit vermisst. So leben die beiden ProtagonistInnen jahrelang mal mit-, mal ohne einander, meistens aneinander vorbei, mit der gewichtigen historischen Kulisse im Hintergrund.

Tänze auf den Barrikaden und in besetzten Häusern, Augustputsch in Moskau und Wiedervereinigung in Deutschland, private und historische Revolutionen, die Liebe und das Warten darauf: In Boris Schumatskys neuem Buch «Die Trotzigen» geht es um ganz grosse Themen. Der russisch-deutsche Autor beschreibt seinen Roman als «zeitgemässe Liebesgeschichte», doch eigentlich erzählt er vor allem von Zwischenräumen und Möglichkeiten. Mal müssen sie erkämpft werden, mal entstehen sie zufällig und von allein.

Schon Schumatskys erstes Buch spielte vor einer ähnlich gewichtigen historischen Kulisse. Doch während «Die Trotzigen» von einer Zeit des vermeintlichen Aufbruchs handelt, ist «Silvester bei Stalin» (1999, vergriffen) ein Dokument über den Terror des Stalin-Regimes. Eine der Hauptfiguren in der Familienchronik ist dabei Boris Sacharowitsch Schumjazki, der Urgrossvater des Autors. Der überzeugte Altbolschewik hatte während der Russischen Revolution Karriere gemacht. Später leitete er die sowjetische Filmindustrie, ging gegen Regisseure wie Sergej Eisenstein («Panzerkreuzer Potemkin») vor, organisierte nächtliche Filmvorführungen für Stalin und dessen Gefolgsleute und plante ein «sowjetisches Hollywood». Zum Verhängnis wurde Schumjazki eine Silvesternacht: Weil er das Fest lieber im Kreis seiner Familie als mit der Partei verbrachte (und sich mit Stalin überwarf), wurde der Funktionär 1938 als «Volksverräter» hingerichtet.

Anna Jikhareva

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