Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

Das Leiterspiel von Como

Mehr als 500 Flüchtlinge stecken in Como fest. Die Schweiz weist sie an der Grenze ab, selbst wenn sie ein Asylgesuch stellen. Unterwegs nach Chiasso mit Hassan und Ali.

Von Meret Michel (Text) und Florian Bachmann (Fotos), Como

Hassan Muhammad und Ali Mustafa* steigen aus dem Zug und schlendern den Perron entlang zum Bahnhofsgebäude in Chiasso. Am oberen Ende des Zugs stehen bereits zwei Schweizer Grenzwächter und erwarten sie. Als hätten beide Seiten ihre Rollen einstudiert, streckt Hassan dem bulligen Grenzwächter ein paar Blätter Papier entgegen, der nimmt sie entgegen und bedeutet ihnen zu warten.

Es ist der zweite Versuch der beiden siebzehnjährigen Eritreer, in der Schweiz Asyl zu beantragen. Das erste Mal, erzählt Hassan, habe ihn die Polizei ebenfalls am Bahnhof angehalten. Danach brachten sie ihn zur Polizeistation. «Sie fragten mich, wo ich hinwolle. Ich sagte: ‹In die Schweiz. Mein Bruder ist hier.›» Hassan zeigte dem Grenzwächter den Ausdruck von der Whatsapp-Nachricht, die ihm sein Bruder zum Beweis geschickt hatte: «Mein Name ist Hassan. Mein kleiner Bruder ist in Italien. Ich möchte, dass er zu mir nach Sion kommt. Ich habe ihn seit fünf Jahren nicht gesehen, und ich vermisse ihn sehr. Mein Bruder ist 17 Jahre alt.» Auf dem Posten musste er sich nackt ausziehen, die Polizisten nahmen Abdrücke der Zeigefinger, notierten Name, Alter und Herkunftsland. Nach ein paar Stunden auf dem Posten brachten sie ihn zur Grenze zurück und übergaben ihn der italienischen Polizei. Die fuhr ihn im Auto zurück an den Bahnhof in Como.

Deportationen nach Süditalien

Hassan Muhammad und Ali Mustafa sind keine Einzelfälle. «Das ist es, was momentan an der Grenze geschieht», sagt die Tessiner SP-Kantonsrätin Lisa Bosia Mirra. Von den Flüchtlingen, die in den letzten Wochen die Schweizer Grenze passieren wollten, wurde eine grosse Zahl zurückgeschickt – unter ihnen viele, die in der Schweiz Asyl beantragen wollen. Fragt man unter den Flüchtlingen in Como herum, findet man kaum jemanden, der es nicht mindestens einmal versucht hätte – und wieder zurückgeschickt wurde. «Es ist keine Logik erkennbar», so Bosia Mirra. «Manche werden genommen, andere zurückgeschickt – darunter auch Leute, die Verwandte in der Schweiz haben. Dabei hat jede Person, die an die Grenze kommt, das Recht, Asyl zu beantragen. Mit oder ohne Dokumente.» Die meisten, die die Schweizer Grenzwache zurückschickt, werden von der italienischen Polizei wieder an den Bahnhof Como gebracht. Dort schlafen mittlerweile über 500 Menschen, um das Bahnhofsgebäude und im Park davor. Allerdings, so berichten sowohl Flüchtlinge wie auch UnterstützerInnen, werden auch immer wieder Menschen in den Süden Italiens deportiert.

«Auch Minderjährige brachte man in den Süden. Das ist nicht legal», sagt Lisa Bosia Mirra. Sie sitzt im Gras im Park vor dem Bahnhof Como und kann ihren Ärger nur schlecht verbergen. «Die Schweiz kann nicht einfach die Genfer Konventionen brechen, nur weil nun Ueli Maurer der Grenzwache vorsteht», sagt sie. Seit vier Wochen ist Bosia Mirra fast jeden Tag in Como. Akribisch sammelt sie die Geschichten jener, die in die Schweiz wollten und an der Grenze abgewiesen wurden. Sie sammelt Belege von jenen, die Verwandte in der Schweiz haben, druckt sie aus und schickt die Leute damit wieder an die Grenze. «Wir können nicht genau sagen, wie viele zurückgeschickt werden und wie viele es schaffen.» Was sie mit Sicherheit sagen kann: Von dreissig Minderjährigen, die Verwandte in der Schweiz haben und die sie mit entsprechenden Beweisen an die Grenze schickte, wurden fünfzehn wieder zurückgeschickt.

Gemeinschaftssinn stärken

Mit der Schweizer Grenze schliesst sich das letzte Nadelöhr Europas in Richtung Norden. «Wir haben grosse Probleme zu bewältigen», sagt der Helfer Alessandro Deitone. Es ist bereits dunkel, Deitone sitzt in einem Kreis von etwa 150 Menschen – Geflüchtete und einige AktivistInnen aus Como. «Die Grenze ist zu, Menschen werden deportiert, hier in Como schlaft ihr draussen im Park. Wir wollen versuchen, eine gemeinsame Lösung für alle zu finden. Ihr selber solltet über euer Leben entscheiden, nicht die Schweizer oder die europäischen Regierungen.»

Die abendlichen Treffen sind mittlerweile ein Ritual im Park von Como. Hier sprechen die Menschen über ihre Probleme, die AktivistInnen informieren die Leute, was in den nächsten Tagen geschehen wird, ob Aktionen geplant sind. Zusammen versuchen die AktivistInnen und einige Flüchtlinge, den Gemeinschaftssinn in Como zu stärken. «Als ich hier angekommen bin, sind die Menschen nur rumgesessen, haben gewartet und immer wieder versucht, über die Grenze zu kommen. Es war ein Chaos», sagt Amir Salim. Der Sudanese ist seit zwei Wochen in Como, er kam aus dem italienischen Süden. Wie fast alle hat er Schlimmes durchgemacht, um hierher zu gelangen: In Libyen wurde er entführt und entkam nur dank Glück und der Hilfe eines Polizisten. Im Camp im Süden von Italien wurde er von PolizistInnen verprügelt, bis er bewusstlos war. «Das ist normal in Italien», sagt er schulterzuckend. «Im Vergleich zu anderen habe ich Glück gehabt.» Er will weiter in die Schweiz – doch über die Grenze zu kommen, hat er gar nicht erst versucht. «Es werden sowieso alle zurückgeschickt. Wieso sollte ich mir die Mühe machen?»

Stattdessen arbeitet er daran, die Flüchtlinge in Como zu organisieren. Nach ersten Gesprächen mit AktivistInnen kam er auf die Idee, dass alle ethnischen Gruppen jemanden ernennen, der sie repräsentiert: jemanden für die Eritreer, zwei für die Äthiopierinnen, einen für die Westafrikaner, er selbst vertritt die Sudanesinnen und Somalier. Denn die Stimmung in Como ist nervös, fast täglich kommt es zu Streit oder Prügeleien. Die Gruppenleiter vermitteln, beruhigen. Für Salim ist klar: Auf die Unterstützung der Stadt oder gar der Polizei können die Menschen hier im Park nicht zählen. «Dass wir hier sind, ist in erster Linie unser Problem. Also müssen wir auch daran arbeiten, eine Lösung zu finden.»

Eine Lösung. Dieses Wort hört man oft dieser Tage in Como: Die Menschen wollen der Ungewissheit entkommen. Ein Eritreer bringt es auf den Punkt: «Wir sind nicht nach Europa gekommen, um wie Tiere behandelt zu werden, um draussen zu schlafen und für unser Essen Schlange zu stehen. Wir sind hier, weil wir aus unserem Heimatland wegmussten und in Europa ein sicheres Leben suchen.»

Doch welche Lösung kann es geben, wenn das Problem Dublin-System heisst? Den Menschen, die in die Schweiz wollen, bleibt die Hoffnung, dass ihr Asylgesuch beim nächsten Mal angenommen wird. Für jene, die die Schweiz nur durchqueren wollen, weil sie weiter zu Verwandten nach Deutschland oder in ein anderes europäisches Land wollen, gibt es nur noch einen Weg: über die grüne Grenze. Von aussen betrachtet gleicht die Reise der Flüchtlinge einem absurden Leiterspiel. Jederzeit kann man wieder ein paar Felder zurückgeschickt werden, und ob man es am Ende schafft, ist pures Glück.

Rassistische Drohungen

Der erste Zug am Bahnhof Como fährt um 5.30 Uhr. Das Kreischen bei der Einfahrt ist so laut, dass man selbst dann wach wird, wenn man sich erst wenige Stunden zuvor schlafen gelegt hat. «Schlafen ist hier unmöglich», sagt Chalid Jassin auf dem Weg zum Kaffeeautomaten. «Und zur Ruhe kommen auch. Du bist ja nie für dich allein, sondern ständig unter Menschen. Trotzdem kämpfst du für dich selbst.» Der 24-jährige Chalid ist ein Unikum in Como: Er stammt aus Gaza, ist am letzten Tag des Gazakriegs 2014 geflohen. Sein Auto, mit dem er nach Ägypten fuhr, wurde mit Raketen beschossen. Von dort ging er weiter nach Libyen, machte einen Abstecher nach Tunesien, bevor er mit dem Schiff nach Italien übersetzte. Auch ihm merkt man die Erschöpfung an, die die zwei Wochen in Ungewissheit und unter freiem Himmel in Como hinterlassen haben. Sein Ziel ist Schweden, doch auch er ist an der Grenze in Chiasso hängen geblieben. Aber Chalid ist nicht der Typ, der aufgibt. Gerade arbeitet er an seiner Idee, eine Website über Como zu machen. Er will die Geschichten der Menschen sammeln, er will erzählen, was sich hier abspielt. «Wenn du etwas über Como wissen willst, auf ‹Yalla Como› wirst du es finden», sagt er.

In der letzten Woche hat sich viel getan in Como. Das Netz der Freiwilligen ist in wenigen Tagen von ein paar Dutzend auf über 160 Menschen angewachsen. Die AktivistInnen brachten Zelte sowie einen Dieselgenerator, damit die Geflüchteten ihre Handys laden können. In der Mitte des Parks gibt es ein Infozelt mit Flyern über die rechtliche Situation in der Schweiz, an der Zeltwand hängt eine Karte Europas und eine der Schweiz. Wie schon auf der sogenannten Balkanroute sind es Zivilpersonen, die dafür sorgen, dass die Menschen nicht ganz allein gelassen werden.

Der Beitrag der Stadt beschränkt sich darauf, an einem alternativen Ort Container für die Flüchtlinge aufzustellen. Dabei scheint es ihr allerdings, nach Ansicht der UnterstützerInnen, weniger darum zu gehen, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, als sie aus dem Blickfeld der TouristInnen zu bringen, die täglich vom Bahnhof durch den Park Richtung Stadt schlendern. Como ist zwar sozialdemokratisch regiert, doch die Lega Nord hat eine solide Basis. Und die extreme Rechte hat sich auch schon bemerkbar gemacht. Manchmal tauchen in der Nacht Typen im Park auf, mit Stöcken in den Händen, und beschimpfen die Geflüchteten auf Italienisch. Am Wochenende hingen einige Leute ein Plakat im Park auf: «Como ist nicht die Müllhalde Europas.»

Das Wiedersehen

Milano Centrale, Sonntagmittag, die Sonne brennt auf den Platz vor dem Bahnhof. Ibrahim Bari sitzt auf dem schwarzen Holzrost vor einem leer stehenden Pavillon. Seit zwei Wochen schläft der Siebzehnjährige aus dem westafrikanischen Guinea hier auf diesem Rost – er ist nach Mailand zurückgekehrt, nachdem er dreimal erfolglos versuchte, in die Schweiz zu reisen. Er will es wieder versuchen, doch vor kurzem ist ihm das Geld ausgegangen. Zehn Gehminuten weg vom Bahnhof reiht sich eine lange Schlange vor dem Eingang von Progetto Arco. Wie jeden Mittag verteilt die Organisation Essen an die in Mailand gestrandeten Geflüchteten. «Den Notfall können wir immer meistern», sagt Alice Stefanetto, die für das Fundraising zuständig ist. Erst letzten Samstag schliefen 400 Menschen in den Räumen von Progetto Arco – statt wie vorgesehen 75. «Doch das Problem ist: Wie sollen wir die Zukunft meistern? Was machen wir mit all den Menschen, die jetzt in Italien bleiben?»

Zurück in Como. «Ali!», rufe ich, als ich den Jungen im Vorbeigehen sehe. Auf die Frage, was passiert sei, zuckt er nur mit den Schultern. «Wie üblich. Sie haben unsere Fingerabdrücke genommen und mich wieder nach Italien gebracht. Wo Hassan jetzt ist, weiss ich nicht. Wir sind getrennt worden. Sein Handy ist aus.» Vielleicht, weil er inzwischen im Empfangszentrum Chiasso ist. Ali will es wieder versuchen.

* Namen der Flüchtlinge geändert.

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