Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Flucht ins Nirgendwo

Von Florian Keller

Und dann bist du pensioniert, also alt, und du fragst dich: Was tun mit dem Rest des Lebens? Und was hilft gegen drohende Einsamkeit? «Du brauchst mindestens zwölf Hobbys», sagt der Japaner Yamada, der nach einem Leben für die Firma plötzlich lernen muss, wie das geht: ein Individuum zu sein. In Japan kennt der Volksmund eine treffende Metapher für Männer wie ihn: Man nennt sie «nasses Laub», weil sie nach der Pensionierung an ihren Ehefrauen kleben wie feuchte Blätter am Schuh.

Drei Männer im Pensionsalter hat Jacqueline Zünd («Goodnight Nobody») für ihren neuen Film «Almost There» begleitet und dabei drei Entwürfe für einen neuen Anfang nach dem Berufsleben gefunden. Da ist der Kalifornier, der sich einen Wohnwagen kauft, für eine Flucht ins Nirgendwo. Da ist der Brite, der als Dragqueen in Benidorm an der Costa Blanca seine Zoten reisst, ein trauriger Clown im touristischen Altersheim. Und eben Yamada, der als Vorleser nachholen will, was er bei den eigenen Kindern verpasst hat.

Im Englischen gibts den schönen Begriff «mood piece» für Filme wie diesen: Es ist die Stimmung, die (er)zählt. Jacqueline Zünd ist auf sinnliche Verdichtung aus, nicht auf die «Reinheit» einer dokumentarischen Unmittelbarkeit. In stilisierten Bildern entsteht so eine zarte Studie über einen Ort im Leben, wo Erfüllung und Leere sich eng aneinanderschmiegen.

In: Solothurn, Landhaus, Sa, 21. Januar 2017, 20.45 Uhr, und Reithalle, Di, 24. Januar 2017, 14.45 Uhr.

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