Nr. 26/2017 vom 29.06.2017

Milliarden in den Untergrund

Die Armee baut elektronische Schaltzentralen in die Berge. Die geheimen – und nun in einem Buch enttarnten – Standorte sind Teil eines Programms, das 3,8 Milliarden Franken kosten soll.

Von Carlos Hanimann

Das Dorf wirkt verlassen an diesem heissen Sommertag im Juni. Am Bahnhof warten ein paar Autos auf den Zugverlad, die Berggipfel, die das Dorf umschliessen, kratzen an einer vorbeiziehenden Wolke, die Kühe grasen, die Sonne brennt, und hin und wieder röhrt ein Motorrad über die Passstrasse. Hier am Ende des Urserenhochtals, kurz vor dem Furkapass, liegt Realp, ein 140-Seelen-Dorf – Schweizer Idylle, in der so manches nicht ist, was es scheint: Bei alten Steinhäusern sind schmale Schlitze statt Fenster in die Fassade eingelassen, ein Tunnel gräbt sich durch einen künstlich aufgeschütteten Hügel in der Ebene, seltsame Dächer wachsen aus dem Hang, und an mancher Stelle finden sich zwischen grün, braun und schwarz bemalten Felsen Türen, die in den Berg führen.

Im Herzen der Schweiz liess die Armee schon vor langem riesige Löcher in den Berg schlagen. Der Bunker erhielt den Codenamen «K6». Nun sollen wieder Hunderte Millionen im Untergrund versenkt werden, diesmal unter dem Namen «Fundament». So heisst eines von drei Rechenzentren, die die Schweizer Armee derzeit bauen lässt. Zwei weitere Rechenzentren tragen die Namen «Kastro II» und «Campus». Während das Rechenzentrum «Campus» in Frauenfeld lediglich teilgeschützt ist und später auch der Bundesverwaltung zur Verfügung stehen soll, ist von «Fundament» und «Kastro II» bisher kaum mehr bekannt als die Namen. Die Armee hält die Standorte der beiden militärisch vollgeschützten Rechenzentren geheim. Der Journalist Jost Auf der Maur enthüllt aber in seinem jüngst veröffentlichten Buch «Die Schweiz unter Tag» den «Fundament»-Standort Realp; der Zwillingsbau «Kastro II» soll in der Schöllenenschlucht gebaut werden. Das Militärdepartement (VBS) wollte die Recherchen nicht kommentieren, da die Standorte klassifiziert seien. Auch die Frage, ob die Enthüllung die Standorte gefährde, wollte es mit Verweis auf die Geheimhaltung nicht kommentieren.

Kryptische Beschreibungen

Die geplanten Rechenzentren sind Teil einer gross angelegten Modernisierung der Informatik- und Kommunikationstechnik (IKT) der Schweizer Armee, die unter dem Namen Fitania läuft. Mit dem Programm soll die Armee im 21. Jahrhundert ankommen. Die voraussichtlichen Kosten von Fitania belaufen sich auf knapp 3,8 Milliarden Franken, bisher wurde rund eine halbe Milliarde ausgegeben. Die Details werden in den Sicherheitskommissionen des Parlaments besprochen, die finanziellen Aufwendungen finden sich unter kryptischen Beschreibungen in den Immobilienbotschaften und Rüstungsprogrammen der Armee. Aber eine öffentliche Debatte über Sinn und Risiken des Milliardenprogramms findet nicht statt.

Wie so oft bei gross angelegten und über einen langen Zeitraum geplanten Informatikprojekten des Bundes bestehen auch hier grosse Risiken. Das Programm Fitania steht denn auch unter verschärfter Beobachtung der Eidgenössischen Finanzkontrolle und der parlamentarischen Finanzdelegation, die in der Vergangenheit bereits verschiedentlich Bedenken angemeldet haben. Corina Eichenberger, Präsidentin der nationalrätlichen Sicherheitskommission, sagt, dass die Strategie der Armee «richtig und nötig» sei. IT-Projekte seien immer schwierig, weil man der Technologie schnell hinterherhinke. Aber die Kommission prüfe die damit verbundenen Beschaffungen jeweils ernsthaft und vertieft. Im Moment befinde sich das Programm noch im Anfangsstadium, weshalb die weitere Entwicklung schwierig abzuschätzen sei.

So gross Fitania auch wirken mag, es ist ein Überbleibsel einer Strategie, die in Dimension und Idee regelrecht grössenwahnsinnig anmutete. Seinen Ursprung hat das Programm Fitania in der Strategie NEO (Network Enabled Operations). Sie war von US-amerikanischen Planspielen inspiriert, wie der Journalist Jost Auf der Maur in seinem Buch schreibt. So sollte in Realp ein «weisser Mammut» entstehen: Zwölf bis fünfzehn Milliarden hätten im Rahmen der Strategie NEO bis 2025 im Berg versenkt werden sollen – ohne dass die Schweizer Stimmbevölkerung etwas dazu zu sagen gehabt hätte. Geplant war eine Art «virtueller Feldherrenhügel», von dem aus die Armee «alle Bewegungen ihrer Truppen und – wenn möglich – die gegnerische Aktion zu Land, zu Wasser und in der Luft überblicken will». Ein totales Informationszentrum für die Armee sozusagen, eine elektronische Schaltzentrale im Untergrund, in die alle Informationen der Truppen rein und alle Befehle wieder rausfliessen. Die gigantische Strategie, schreibt Auf der Maur, sei eine «Allmachtsfantasie», eine «faszinierende Idee aus der Science-Fiction-Welt».

Skeptische Finanzkontrolle

Die Strategie NEO hätte über Jahre hinaus rund ein Fünftel der Finanzmittel der Armee beansprucht. Kein Wunder also, dass die Finanzkontrolle alarmiert war, als sie im Sommer 2012 die Strategie überprüfte. Sie warnte vor einem finanziellen Debakel. Das VBS erklärt auf Anfrage, dass NEO kein «eigenständiges Projekt» sei, sondern lediglich «ein Konzept, in welchem verschiedene Kommunikations- und Führungsprojekte zusammengefasst wurden». Die «sehr ambitionierte Konzeption NEO» sei allerdings nicht mehr aktuell und werde in der ursprünglichen Form auch nicht mehr weiterverfolgt.

Doch selbst in seiner Schrumpfversion beobachten sowohl FinanzpolitikerInnen wie auch die Finanzkontrolle die komplexen und miteinander verschränkten Projekte im Rahmen des Programms Fitania mit Skepsis. Die Finanzkontrolle warnte im Sommer 2016 vor den Risiken, die derartige Grossprojekte bergen. Und die Finanzdelegation fand in ihrem im Frühling veröffentlichten Jahresbericht ebenfalls kritische Worte für die Schlüsselprojekte des VBS. Insgesamt seien sie zwar «zweckmässig aufgestellt», aber bei allen drei Teilprojekten sehen die FinanzpolitikerInnen Gefahren: Beim Projekt «Telekommunikation der Armee» sei «die Gesamtarchitektur immer noch nicht klar», beim «Führungsnetz Schweiz» sei das Know-how «oft auf eine einzige Person beschränkt», deshalb bestehe das Risiko der Überlastung; und beim Bau der Rechenzentren sei der «Trend negativ», weil «die Schwierigkeiten beim Bauen im Fels unterschätzt» worden seien.

Auf Drängen der Finanzdelegation hat das VBS Ende April erstmals einen Projektbericht veröffentlicht, der über den Stand der Dinge informiert. Darin schreibt es, die «Top-Projekte» seien auf Kurs. Gewiss ist das allerdings nicht. Die einzige Sicherheit ist derzeit die optimistische Selbstbewertung des VBS.

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