Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

«Es wird ausgeholzt»

Die Medienkonzentration ist nicht länger nur innerhalb der Branche ein Thema: PolitikerInnen quer durch die Schweiz und die Parteien zeigen sich besorgt über die Entwicklung.

Von Kaspar Surber

Wenn Karin Keller-Sutter den Pressespiegel des Bundes erhält, findet sie darin zum Beispiel 35 Artikel über die FDP. Einer komme aus dem Tessin oder der Romandie. «Und dann kommen fast nur noch identische Artikel», sagt die St. Galler Ständerätin. Die Entwicklung werde sich noch zuspitzen, wenn Tamedia nun ihre zwölf Tageszeitungen zusammenlege: «Die Absender werden anders aussehen, die Inhalte die gleichen sein.»

In den Medien hat die weitere Konzentration in der Branche wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die Tamedia-Zeitungen druckten SDA-Meldungen ab, die euphemistisch von der Einführung von sogenannten Kompetenzzentren berichteten. Konkurrent Ringier, der ebenfalls ein Sparprogramm ankündigte, schwieg rundweg. «So werden die Leute nicht für das Thema sensibilisiert», sagt der Berner SVP-Grossrat Samuel Krähenbühl.

Doch in der Politik brodelt es. Das zeigen die Gespräche mit Keller-Sutter, die im Frühling 2016 aus dem Verwaltungsrat der NZZ zurücktrat, mit Krähenbühl, der als Redaktor beim «Schweizer Bauer» arbeitet, und mit Manuela Weichelt-Picard, die als Regierungsrätin der Alternativen in Zug die Folgen der Monopolisierung in einem kleinen Kanton kennt.

Rücktritt wegen Zentralisierung

Karin Keller-Sutter hatte im Verwaltungsrat der NZZ den traditionellen Nichtzürcher Sitz inne. Sie verstand sich als Vertreterin der Politik, in der Ostschweiz wurde sie primär als Vertreterin des Landesteils gesehen. «Als Ständerätin kam ich in einen Interessenkonflikt zwischen dem Einsatz für eine unabhängige Regionalzeitung und den unternehmerischen Interessen.»

Anfänglich lief alles positiv. Das «St. Galler Tagblatt» gehört wie die «Neue Luzerner Zeitung» über die Freie Presse Holding der NZZ. 2014 übernahm die NZZ auch die 25 Prozent, die zuvor im Besitz der Publicitas waren. Damit war ein Einfallstor für mögliche unfreundliche Beteiligungen geschlossen, etwa durch SVP-Milliardär Christoph Blocher. Doch der Erfolg verkehrte sich ins Gegenteil. Das «Tagblatt» und die «Luzerner Zeitung» wurden einer Regionalleitung unterstellt und erscheinen heute mit einem gemeinsamen Mantel.

«Die zunehmende Zentralisierung war für mich der Grund, den Verwaltungsrat zu verlassen», begründet Keller-Sutter zum ersten Mal ihren Rücktritt. «Ich konnte nicht länger die Jeanne d’Arc für die Ostschweiz spielen.» Sie habe die Strategie der NZZ nachvollziehen können angesichts der wegbrechenden Werbe- und LeserInnenzahlen, doch eine eigenständige Regionalzeitung hätte sie mehr überzeugt. «Schliesslich ist eine Zeitung keine Schraubenfabrik, sondern hat eine staatspolitische Bedeutung.»

Wenn alle Medien von Zürich aus kontrolliert würden, gingen den Regionen die Sprachrohre verloren. Der Erhalt von Regionalredaktionen sei ein schwacher Trost, sagt Keller-Sutter. «Dabei wird vergessen, dass die Innenpolitik auch eine regionale Komponente hat.» Den JournalistInnen macht sie dabei keinen Vorwurf. Diese arbeiteten unter den gegebenen Umständen engagiert.

Kündigung aus Unsicherheit

Auch eine Fachzeitschrift wie der «Schweizer Bauer», deren Onlineauftritt Samuel Krähenbühl verantwortet, ist den Umwälzungen ausgesetzt. Tamedia war bis 2012 an der Zeitschrift beteiligt. Er kenne die digitalen Herausforderungen von seiner täglichen Arbeit, sagt Krähenbühl. Doch Restrukturierungen, wie sie die Tamedia betreibe, seien keine taugliche Antwort: «Der Blätterwald wird ausgeholzt.» Er habe während seiner Zeit bei Tamedia eine Betriebskultur erlebt, die einseitig aufs Sparen und Abbauen ausgelegt sei. «Wer Innovationen will, muss aber auch investieren.» Tamedia entwickle kaum eigene Innovationen, sondern kaufe diese mit ihrer prall gefüllten Kriegskasse ein.

Krähenbühl ist überzeugt, dass die Zentralisierung mit je einer Redaktion für die Deutsch- und die Westschweiz einschneidend sein wird. «Was bleibt auf dem Medienplatz Bern bestehen?» Wo die Berner Zeitungstitel «Bund» und «BZ» früher einen ganzen Strassenzug prägten, belegten sie heute wenige Stockwerke. Am Ende werde eine einzige Redaktion bleiben, die über die Region berichte.

In der kommenden Session will Samuel Krähenbühl als SVP-Grossrat eine Interpellation im Berner Kantonsparlament einreichen und vom Regierungsrat wissen, welche medienpolitischen Möglichkeiten er in Betracht ziehe, um den Kahlschlag bei Tamedia aufzuhalten. Angesichts der Pressefreiheit sieht Krähenbühl wenige staatliche Interventionsmöglichkeiten. Er hofft auf kleine Titel, die den Monopolisten den Platz streitig machen, wie die «Jungfrau Zeitung» im Berner Oberland. Für sich selbst hat Krähenbühl die Konsequenzen aus der Unsicherheit gezogen. Er wechselt vom Journalismus zu einer Firma im Bereich Rindviehzucht.

Die Zuger Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard beginnt mit einer überraschenden Einschätzung: «Eine Vielfalt von Lokalzeitungen ist noch keine Garantie für Meinungsvielfalt.» Die Zuger Linke sei für ihre Kritik am Rohstoffhandelsplatz von der Lokalpresse jahrzehntelang geschnitten worden. Und noch heute richte sich der Lokaljournalismus kritisch primär gegen links. «Ohne die Berichterstattung der grossen Titel von aussen wie des ‹Tages-Anzeigers› und der NZZ gibt es in kleinen Kantonen kaum eine Kontrolle durch die vierte Gewalt.» Es sei deshalb bedenklich, dass die grossen Zeitungen ihre KorrespondentInnenstellen in den Regionen abbauten.

Eine Monopolisierung habe stets Gewinnsteigerungen zum Ziel, was bei den Medien wie fast überall am wirksamsten über Personalabbau gehe. In ihrer Tätigkeit als Regierungsrätin habe sie vor allem erlebt, dass JournalistInnen immer weniger Zeit hätten. Weichelt-Picard sagt, auch wenn die Aussage ihren eigenen Interessen zuwiderlaufe: «Es ist auffallend, wie häufig Stellungnahmen und vollständige Medienmitteilungen unhinterfragt abgedruckt werden.»

Mit «Biss und Leidenschaft»

Bei einigen JournalistInnen stellt sie eine zu grosse Nähe zu PolitikerInnen fest, man treffe sich zum Bier oder zum Sport. «Die kritische Distanz zur Politik wird dann über Aufregergeschichten reklamiert wie bei der Berichterstattung nach der Zuger Landammannfeier.» Einen möglichen Ausweg aus der Medienkrise sieht Weichelt-Picard darin, gute JournalistInnen zu fördern, «die Biss haben und Leidenschaft für ihren Job». Es lohne sich, eine staatliche Förderung zu diskutieren, die den JournalistInnen mehr Zeit verschaffen könnte.

Dass die Medienkonzentration in der föderalistischen Schweiz die Politik aufgeschreckt hat, zeigt auch ein Beschluss der SP-Geschäftsleitung vom Wochenende: Die Partei will in der Herbstsession eine Reihe von Vorstössen einreichen, unter anderem zur Frage, wie eine staatsferne, unabhängige Journalismusförderung aussehen könnte.

Tamedia dürfte kaum dazu beitragen, dass die Verärgerung abnimmt: Diese Woche veröffentlichte sie ihren Gewinn aus dem ersten Halbjahr 2017, er beträgt 76 Millionen Franken.

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