Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Wer bestimmt den Takt?

Der Dokfilm zur Stunde: Dieter Fahrers «Die vierte Gewalt» holt die soziale Dimension des Journalismus zurück ins Bewusstsein.

Von Kaspar Surber

«Aber die unten, die haben keine Stimme»: Blick auf die «Watson»-Redaktion. Still: Fair & Ugly

Für einmal stirbt nicht die Hoffnung zuletzt, sondern die Leidenschaft. So ungewiss die Zukunft des Journalismus, so ungebrochen scheint der Enthusiasmus jener, die den Beruf ausüben.

Da ist zum Beispiel Marc Lettau von der Berner Tageszeitung «Der Bund». Nach einem Interview mit Fahrenden erzählt er, warum er schon ein Leben lang Lokaljournalismus betreibe: Weil man durch die Nähe etwas über die Ängste und Träume der Leute erfahre, die sich später in der grossen Politik widerspiegeln würden. Oder da ist Rafaela Roth, die als Reporterin bei der Onlineplattform «Watson» über das Wiedersehen einer Flüchtlingsfamilie berichtet. Sie habe gelernt, dass man immer nach oben und nie nach unten treten solle. «Nach unten müssen wir zuhören. Politiker, Unternehmen, grosse Player, die haben alle ihre Stimme und Geld, um gehört zu werden. Aber die unten, die haben keine Stimme.»

Klamauk regiert

Auch Dieter Fahrer hört in seinem Film «Die vierte Gewalt» über den Medienwandel den Stimmen «von unten» zu. Zu Wort kommen nicht die Chefs und ihre StellvertreterInnen, die über die neusten Mantelteile, Joint Ventures und Konvergenzen informieren, sondern jene, bei denen der Managementsprech nur als Sparmassnahme ankommt. Tragikomischer als Lettau, der heimliche Held des Films, kann man es nicht auf den Punkt bringen. Eines Tages muss er einen Teil des «Bund»-Gebäudes leer räumen, das die Tamedia nicht länger mieten will: «Der Umzug geht mit der Aufforderung einher, den alten Kram wegzuschmeissen. Aber der alte Kram, das ist eigentlich das Archiv.»

Vier Redaktionen hat Fahrer mit seiner Kamera begleitet: Neben dem «Bund» und «Watson» auch die Radiosendung «Echo der Zeit» sowie das in der Entstehung begriffene Onlinemagazin «Republik». Der Dokfilmer hat sich dafür mehrere Jahre Zeit gelassen und präsentiert ein paar Wochen vor der Abstimmung über die No-Billag-Initiative den Film der Stunde: eine eindringliche Reflexion darüber, wie Medien heute produziert werden – und wie sie trotz aller ökonomischer Triebkräfte zuerst eine soziale Dimension haben.

Fahrer zeigt dies anhand von Besuchen bei seinen Eltern im Altersheim. Ihr Leben ist von jeher bestimmt vom Takt der Tageszeitung, ihre Welt geordnet durch den «Bund». Noch immer liest die Mutter dem betagten Vater daraus vor oder beschreibt ihm ein sommerliches Foto vom Lauenensee. Das wirkt nostalgisch, führt aber zur aktuellen Frage, wie Medien heute Orientierung bieten können.

Die porträtierten JournalistInnen scheinen sich dabei vor allem auf sich selbst zu verlassen und auf die Zusammenarbeit in ihrem jeweiligen Team. «Haltung ist eine der wichtigsten Waren, die man heute verkaufen kann», löst «Republik»-Mitgründer Constantin Seibt den Widerspruch zwischen einem eigenen Standpunkt und seiner optimalen Vermarktung auf.

Zwischendurch geben die JournalistInnen unumwunden zu, dass sie selbst zur Desorientierung beitragen. Der Klamauk während der Parlamentsdebatte zur «Masseneinwanderungsinitiative» sei für die Medien eben einfacher zu vermitteln als die Details der Unternehmenssteuerreform III, meint «Echo der Zeit»-Moderator Samuel Wyss. (Bemerkenswert übrigens, wie schnell der angeblich so gemächliche öffentliche Rundfunk arbeitet.) «Trump ist das Beste, was uns passieren kann», merkt «Watson»-Chefredaktor Maurice Thiriet mitten in der US-Wahlnacht an. (Die Aufnahme der übermüdeten Gesichter der RedaktorInnen am Morgen danach hat etwas von einem Fabrikbild des 21. Jahrhunderts.)

Mehr Fragen als Antworten

Abschliessende Einsichten, wie die Medien den technologischen Wandel bewältigen und sich zukünftig finanzieren können, liefert der Film keine. Dafür aber viele hintersinnige Fragen, die Fahrer aus dem Off vorträgt, meist unterlegt von Aufnahmen von Livecams aus dem digitalen Nirwana. Angeblich sollen sie zur Beruhigung dienen, hat er bei «Watson» gelernt.

Wer Journalismus mache, übernehme Verantwortung für die Öffentlichkeit, hält er in einem dieser Kommentare fest: «Aber wie viel Verantwortung übernimmt die Öffentlichkeit für den Journalismus? Wir alle, das Volk, der Souverän? Ist die Krise der Medien vielleicht auch eine Krise der Medienkonsumenten? In einem Land, in dem die Hälfte der Leute ‹20 Minuten› liest und trotzdem zu allem eine Meinung hat?»

«Die vierte Gewalt»: Premiere am Samstag, 27. Januar 2018 an den Solothurner Filmtagen, ab 8. Februar 2018 im Kino. Am Samstag, 10. Februar 2018, 18 Uhr, findet eine Vorführung in Zürich im Riffraff in Anwesenheit des Regisseurs statt. Moderation: Kaspar Surber.