Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Der Griff nach dem Zipfelchen

Die Arbeitszeitfrage in Deutschland wieder aufgeworfen, die Mitglieder besser einbezogen und Care-Arbeit zum Thema gemacht: Das Auftreten der IG Metall in der Tarifauseinandersetzung war aussergewöhnlich – auch wenn am Ende des Konflikts ein kleinteiliger Kompromiss steht.

Von Daniel Hackbarth, Stuttgart

Arbeitskampf kann ein ziemliches Spektakel sein. «Kolleginnen und Kollegen, die Hallen sind leer, das Zelt ist voll: Ich bin stolz auf euch!», ruft Björn Kallis voller Inbrunst von der Bühne herab – und erhält überschwänglichen Beifall als Antwort.

Kallis, ein junger Mann, der mit seinem gepflegten Vollbart eher wie ein Innenstadthipster aussieht, ist Mitarbeiter der deutschen Industriegewerkschaft IG Metall und für den Stuttgarter Automobilzulieferer Bosch zuständig. Im Stadtteil Feuerbach arbeiten 14 000 Menschen für den Konzern, fast 4000 davon in der Produktion. An diesem Abend aber stehen die Bänder still: Die IG Metall hat zu einem 24-stündigen Streik aufgerufen. Hunderte ArbeiterInnen drängen sich in das eigens errichtete Zelt auf dem Werksgelände, die Stimmung ist kämpferisch. Einpeitscher Kallis hat leichtes Spiel.

Die Gewerkschaft bietet aber auch viel auf. Es gibt eine Liveschaltung zu KollegInnen, die andernorts streiken, via Skype jubelt man sich zu. Delegationen von Bosch-Betrieben in Frankreich und Spanien sind gekommen, um ihre Solidarität zu erklären. Und auch Roman Zitzelsberger, der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, ist vor Ort, um der Basis von den Gesprächen mit den Unternehmensvertretern zu berichten.

«Verkürzte Vollzeit»

Tagelang hatten Zitzelsberger und seine Kollegen verhandelt, ehe sie zu den Warnstreiks aufriefen. Knackpunkt waren weniger die sechs Prozent mehr Lohn, die die Gewerkschaft wollte, als vielmehr die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei teilweisem Lohnausgleich. Für die Kapitalseite war das ein rotes Tuch, es passe «politisch überhaupt nicht in die Zeit», wie Rainer Dulger, Präsident des Unternehmensverbands Gesamtmetall, im Fernsehen sagte.

Trotz dieser unversöhnlichen Töne kam es Anfang der Woche zu einem – recht kleinteiligen – Kompromiss: Ab April gibt es 4,3 Prozent mehr Lohn, dazu kommen einige weitere finanzielle Boni. In der Arbeitszeitfrage handelte die Gewerkschaft einen individuellen Anspruch auf eine sogenannte verkürzte Vollzeit heraus. Vollzeitbeschäftigte können ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 28 Wochenstunden reduzieren und danach wieder zu 35 Stunden zurückkehren – ohne finanziellen Ausgleich für die Lohneinbussen. Wer allerdings Schichtarbeit leistet, Kinder betreut oder Angehörige pflegt, hat künftig Anspruch auf zusätzliche freie Tage.

Das entspricht nicht ganz den Vorstellungen, um derentwillen die Streikenden die Arbeit niedergelegt hatten; dass aber am Ende des Konflikts ein Kompromiss stehen würde, war abzusehen. Unabhängig vom konkreten Ergebnis ist es jedoch aussergewöhnlich, wofür sich die IG Metall dieses Mal in den Kampf geworfen hat – und dies gleich in mehrerlei Hinsicht.

Das Ende der Arbeit?

Dass die mächtige deutsche Gewerkschaft das letzte Mal arbeitszeitpolitische Forderungen derart ins Zentrum gestellt hat, ist lange her. Deswegen horchte nun selbst die internationale Presse auf. In den achtziger Jahren hatte man die 35-Stunden-Woche errungen. 2003 war die IG Metall dann mit dem Versuch, diese auch für Betriebe in den neuen Bundesländern durchzusetzen, krachend gescheitert. Danach blieb es an dieser Front ruhig.

Das ist erstaunlich, wenn man sich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte vergegenwärtigt. So haben Innovationen die Produktivität enorm erhöht: Immer wieder rechnen Studien vor, dass Roboter und Algorithmen die Menschen in vielen Bereichen schon bald überflüssig machen werden; erst vor ein paar Tagen prognostizierte eine Untersuchung des IT-Verbands Bitkom den Wegfall von fast dreieinhalb Millionen Jobs in Deutschland bis zum Jahr 2022. Das provoziert Ängste, nährt aber auch Utopien von einer Gesellschaft, die sich vom Joch der Lohnarbeit befreit hat.

Für Klaus Dörre jedenfalls kann die Tatsache, dass die IG Metall nach langer Zeit wieder die Arbeitszeitfrage auf die Agenda gesetzt hat, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. «Natürlich ist das zunächst nur ein kleiner Zipfel, nach dem die IG Metall mit der Forderung nach einem individuellen Recht auf Arbeitszeitverkürzung greift», sagt der Sozialwissenschaftler an der Universität Jena. «Aber dass sich die Unternehmen mit Händen und Füssen dagegen gewehrt haben, zeigt, dass sie fürchten, dass eine Tür geöffnet werden könnte, die sich nicht so leicht wieder schliessen lässt.»

Tatsächlich hat die jetzige Auseinandersetzung Stimmen auf den Plan gerufen, die radikalere Schritte fordern. Die Sozioökonomin Ursula Stöger etwa brachte in einem Beitrag für die Zeitung «Neues Deutschland» kürzlich die 30-Stunden-Woche ins Spiel. Der Augsburger Wissenschaftlerin zufolge würden Studien zeigen, dass dies die Wunscharbeitszeit vieler Menschen sei. Zwar sei die 30-Stunden-Woche gegenwärtig eine Utopie, doch lohne sich der Kampf für jeden Schritt in diese Richtung, schrieb Stöger im Beitrag.

Die Linke ist gefordert

Dörre verweist allerdings darauf, dass die Situation heute völlig anders ist als in den achtziger Jahren, als die IG Metall die 35-Stunden-Woche erkämpfte. So ist die Arbeitswelt mittlerweile extrem fragmentiert: «Wir haben auf der einen Seite Hochqualifizierte, die fünfzig oder sechzig Stunden die Woche arbeiten, und auf der anderen prekär Beschäftigte, die lieber länger arbeiten würden, als sie können.» Dazu komme der grosse Niedriglohnsektor: Wer dort arbeite, verdiene oft kaum genug, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Soziologe Dörre sagt aber auch: «Dass es trotz dieser Fragmentierung gelungen ist, die Arbeitszeitfrage auf die Tagesordnung zu setzen, nötigt mir schon Respekt ab.» Entscheidend wird nun sein, inwieweit die IG Metall den eingeschlagenen Kurs weiterverfolgt. Dafür aber brauche es eine breite gesellschaftliche Bewegung, meint Dörre – so wie in den achtziger Jahren: «Damals gab es auch viele Wissenschaftler, die den Kampf publizistisch begleitet haben. Das hat richtig intellektuelle Funken geschlagen.» Heute dagegen würde die akademische Linke zwar gerne mal über die Idee eines Grundeinkommens philosophieren, die «praktischen Kämpfe» interessierten sie aber leider viel zu oft «einen feuchten Kehricht».

Eine Stimme für die Basis

Die Arbeitszeit ist jedoch nicht alles. So ist es nicht minder bemerkenswert, dass die IG Metall die Rolle von Care-Arbeit in den Fokus gerückt hat. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung wurde nämlich damit begründet, dass viele neben der Lohnarbeit Kinder betreuen oder Angehörige pflegen müssen. Dass sich eine männlich dominierte Industriegewerkschaft für diese Probleme sensibel zeigt, ist keine Selbstverständlichkeit – Sorgearbeit erledigen ja traditionell nicht die Arbeiter, sondern deren Ehefrauen, und das auch noch unentgeltlich.

Auch hier reagiert die IG Metall auf gesellschaftliche Veränderungen. «Heute ist es auch in der Industrie durchaus üblich, dass junge Väter Elternzeit nehmen. Das sah vor zwanzig, dreissig Jahren noch ganz anders aus», sagt Walter Mugler vom Stuttgarter IMU-Institut, das Gewerkschaften und Betriebsräte berät: «Nach wie vor ist es aber so, dass Männer eher Voll- und Frauen eher Teilzeit arbeiten.» Insofern sei es ein wichtiger Impuls, dass die IG Metall dieses Thema nun aufgegriffen habe. Generell sei es der Gewerkschaft um «mehr Flexibilität zugunsten der Beschäftigten» gegangen, sagt Mugler – gerade in Fällen, in denen dies die familiäre Situation erfordere.

Der dritte aussergewöhnliche Punkt ist schliesslich der Weg, auf dem die Forderungen überhaupt zustande gekommen sind. Die IG Metall entwickelte diese aus einer Beschäftigtenumfrage aus dem letzten Jahr, an der Hunderttausende teilgenommen hatten; faktisch wurde also auch der Basis eine Stimme verliehen. «Unter Beteiligungsgesichtspunkten ist das sicher sehr positiv», sagt Walter Mugler. Letztlich bedeutet das auch, dass die Frage, welche Themen die Gewerkschaft weiter forciert, nicht allein in den Händen von Spitzenfunktionären liegt.

Die Streikenden bei Bosch haben schon mal vorgemacht, wie es aussieht, wenn die Basis ihre Stimme erhebt: Während der Versammlung in Stuttgart-Feuerbach fordert ein Arbeiter auf einmal lauthals eine Festanstellung. Die StammarbeiterInnen stimmen nach und nach mit ein in die unerwartete Wortmeldung ihres prekarisierten Kollegen, bis schliesslich das ganze Zelt «Festvertrag! Festvertrag!» skandiert.