Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

«Jede het e Cousin, wo sibe Jahr im Aargou gsi isch»

Für die Berner AutorInnengruppe «Bern ist überall» ist jede Sprache gleichberechtigt. Dass diese Auffassung auch politischen Zündstoff birgt, hat die Gruppe während ihres Aufenthalts im Kosovo erfahren.

Von Felix Schneider

Die Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall», die ihre Arbeit vor fünfzehn Jahren begonnen hat, besteht heute aus zwölf AutorInnen und MusikerInnen. Sie hatte Erfolg, bekam Geld und investierte es in eine Zusammenarbeit mit dem Kosovo. Mit KollegInnen von dort ging die Gruppe auf eine dreiwöchige Tournee durch den Kosovo und tourt mit ihnen nun durch die Schweiz.

Warum ausgerechnet der Kosovo? Sicher, der Kosovo und die Schweiz sind ein Geschwisterpaar, wenn auch ein ungleiches. Viele KosovarInnen waren in der Schweiz, viele sind noch hier, das Albanische ist eine wichtige Minderheitensprache hierzulande. In einem Text von Guy Krneta, Gründungsmitglied der Gruppe «Bern ist überall», wird der Kosovo so charakterisiert: «Im Land vo de Cousins het jeden e Cousin, wo sibe Jahr im Aargou gsi isch.» Die Schweiz ist ausserdem finanziell, politisch und militärisch im Kosovo engagiert.

Aber natürlich ist der Kosovo verglichen mit der Schweiz arm, international isoliert, instabil – und fremd. Wer von uns käme schon auf die Idee, seine Ferien im Kosovo zu verbringen?

«Alle Sprachen sind Fremdsprachen»

Von der Schweiz aus gesehen, ist der Kosovo also nahe und fern zugleich. Schon das liess die neugierigen AutorInnen von «Bern ist überall» aufhorchen. Sie knüpften Kontakte, und ihre Neugier wuchs. Sie begegneten einer Idylle: einer entspannten Stimmung in Pristina, westlichen Cafés und Clubs, während gleichzeitig der Muezzin ruft, Orient und Okzident friedlich vereint sind. Was allerdings auf Spaziergängen unsichtbar bleibt: Hinter dem traumhaft freundlichen Alltag lauern Korruption, Verbrechen und latente Gewaltbereitschaft. Kommt die Kriegsvergangenheit hinzu: Die eher behütet und im Reichtum aufgewachsenen SchweizerInnen begegneten Menschen, die traumatische Erfahrungen mit Krieg und Gewalt gemacht hatten. Wie können AutorInnen mit derart existenziell verschiedenen Biografien gemeinsam auftreten? Gemeinsam Literatur und Musik machen? Können sie das überhaupt? Das sind natürlich Fragen, die die AutorInnen von «Bern ist überall» brennend interessierten, und einer von ihnen, der Filmer und Schriftsteller Antoine Jaccoud aus Lausanne, beantwortet sie so: «Das Problem ist, nicht naiv zu sein, auch den Kosovaren nicht den Kosovo zu erklären. Man kann versuchen, impressionistisch zu sein, mit Humor und Leichtigkeit.»

«Bern ist überall» schreibt und performt in Dialekt, auf Hochdeutsch, in Französisch, Englisch, Italienisch. Im Manifest der Gruppe heisst es: «Es gibt keine eigenen und fremden Sprachen. Alle Sprachen sind Fremdsprachen.» Und an anderer Stelle steht programmatisch: «Für ‹Bern ist überall› gibt es keine Sprache, die legitimer ist als eine andere. Es gibt keine Sprache, die es verdient, dominant zu sein oder dominiert zu werden.»

Dass die Auffassung von der Gleichberechtigung aller Sprachen im Kosovo politischen Zündstoff birgt, erfuhr die Gruppe bald. Offiziell gibts im Kosovo zwei Landessprachen: Albanisch und Serbisch. Aufgrund ihres Interesses an der Mehrsprachigkeit suchte die Berner Gruppe einen Serbisch schreibenden Autor oder eine solche Autorin aus dem Kosovo. Sie wurde nicht fündig, was schon mal auf die Dominanz des Albanischen im Kosovo hinweist.

Adi Blum, Musiker und Organisator der Gruppe «Bern ist überall», erzählt: «Da wir aber einen Serbisch sprechenden Gast auf der Bühne haben wollten, haben wir Milos Zivanovic aus Belgrad eingeladen, als Import sozusagen.» Als dann unter den Städten, in denen sie auftreten wollten, auch Gjakova war, wurde ihnen von kosovarischer Seite mitgeteilt, dass das ein Problem sei. «Es gibt sehr wohl Städte, wo man mit Serbisch auf die Bühne kann, in Gjakova wären wir die Ersten seit zwanzig Jahren, die öffentlich mit serbischer Sprache aufgetreten wären. Das hat mit der Geschichte zu tun, es gibt in Gjakova mehrere Tausend Witwen, und der Krieg hat da gewütet. In einer ersten Phase haben wir gesagt: Doch, das wagen wir, wir nehmen Milos mit nach Gjakova und scheuen die Konflikte nicht.»

Aber nach weiterem Überlegen hätten sie die Meinung geändert, weil sie nicht Leib und Leben eines serbischen Schriftstellers gefährden wollten und weil sie sich fragen mussten: Wer sind die richtigen Personen, um diese Provokation zu lancieren? Sind das SchweizerInnen, Internationale, die von aussen kommen? Sollten nicht innerhalb von Gjakova der Wunsch und der Prozess reifen?

Sprache als Waffe?

Mehrsprachigkeit ist im Kosovo ein Politikum. Der 41-jährige Dramatiker Jeton Neziraj erzählt, dass für ihn und seine Generation die Tatsache, dass sie auf Albanisch studieren wollten, ein Akt des Widerstands gewesen sei. Nicht die Bildungsabsicht selbst hat ihnen Prügel und Illegalität eingetragen, sondern die Benutzung der albanischen Sprache dafür. In dem von ihm mitbegründeten Qendra Multimedia in Pristina wurde deswegen der Austausch mit anders-, insbesondere Serbisch sprechenden AutorInnen systematisch betrieben.

Sprache als Waffe? Die Formulierung geht auf Kurt Tucholsky zurück: «Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf», schrieb er 1929 in der «Weltbühne». Er verstand die Sprache als ein Schwert der Linken. Im Kontext des Kosovo werden wir daran erinnert, dass Sprache ein mächtiges Instrument des Aus- und Einschlusses ist. Wer zu einer Gruppe dazugehört, wer nicht: Das wird oft über Sprache entschieden. Gerhard Meister hat aus dieser Tatsache ein Spiel gemacht, das er auf der Tournee durch den Kosovo vorführte: Er hat die Formeln «Der Soundso ist einer von uns» auf Berndeutsch mit berndeutschen Namen und auf Albanisch mit albanischen Namen in einer langen Reihe aneinandergefügt. Berndeutsch: «U dr Hirsbrunner isch eine vo dene, u dr Rindlisbacher isch eine vo dene, u dr Fankhuser …» und so weiter, Albanisch: «Edhe Krasniqi është një prej tyre …» und so weiter. Der Clou dabei, der das Spiel der Gewalt des Aus- beziehungsweise Einschlusses entzog, war aber: Die albanischen Formeln wurden auf Albanisch vom Berner Autor, die berndeutschen auf Berndeutsch vom albanischen oder serbischen Kollegen gesprochen.

Sprache ist eine Waffe – nicht nur im politischen Kampf, um den jeweiligen Gegner zu schlagen, sondern auch eine Waffe gegen den Kampf mit Sprache. Der Kampf für die Entpolitisierung der Sprache ist ein politischer Kampf.

«Bern ist überall» liest in Solothurn am Fr, 11. Mai 2018, um 16 Uhr und um 21.30 Uhr. Felix Schneider moderiert den Anlass um 21.30 Uhr.

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