Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Der Traum vom FC WOZ (Teil 1) Das aufgeblähte Fussballgeschäft lässt sich nur von innen heraus verändern. Deshalb hat die WOZ entschieden, einen Klub zu übernehmen und basisdemokratisch umzubauen.

Von Jan Jirát (Text) und Samuel Schalch (Fotos)

Mämä Sykora (Fussballmagazin «Zwölf») und Jan Jirát (WOZ) auf dem Weg zu den Investitionsverhandlungen in der Bieler Tissot Arena.

Der Rückruf kommt schon nach wenigen Stunden. Am Apparat ist Dietmar Faes, Präsident des FC Biel. Er lädt die WOZ zu sich in die Tissot Arena ein, um mehr über unser Angebot zu erfahren. Ende Juni haben wir ihm per E-Mail eine Investition in seinen Klub in Aussicht gestellt. In der Folgewoche machen wir uns also auf den Weg nach Biel.

Doch will die WOZ tatsächlich im Fussballgeschäft mitmischen? Und warum ausgerechnet mit dem FC Biel, in der vierthöchsten Liga der Schweiz?

Die WOZ steht finanziell zurzeit gut da. Die Abozahlen steigen, und unser GönnerInnenverein ProWOZ verschafft uns finanzielle Ressourcen, um grössere und auch mal gewagte Investitionen zu stemmen. Vor diesem Hintergrund entstand im Frühjahr die Idee, eine ansehnliche sechsstellige Summe in den Fussball zu investieren, um einen Verein aufzubauen, der das WOZ-Erfolgsmodell in die Fussballbranche überträgt. Einen Verein, der basisdemokratisch geführt wird, sich politisch einmischt, in dem alle gleich viel verdienen und der zwingend auch ein gleichberechtigtes Frauenteam stellt.

Die Ruhe vor der Übernahme: Spielt hier schon bald der FC WOZ?

Dahinter steckt die Überzeugung, dass eine Nachfrage nach einem «FC WOZ» besteht. Der Profifussball steht – zumindest in Europa – an einem Scheideweg: Die vollständige Unterwerfung unter eine Profitlogik, die insbesondere der europäische Fussballverband Uefa vorantreibt, vergrault immer mehr Fans. Die Uefa vertritt unverhohlen die Interessen der europäischen Grossklubs wie Bayern München, Real Madrid oder Manchester United, die dank TV-Geldern und Sponsorenverträgen zu milliardenschweren Unternehmen mit globaler Ausstrahlung geworden sind.

Diese Grossklubs wollen möglichst exklusiv unter sich bleiben, mit der Champions League haben sie das passende Instrument dazu. Dort spielen fix die besten vier Vereine der grossen nationalen Ligen (England, Spanien, Deutschland, Italien), die Champions der kleineren Ligen hingegen haben keinen sicheren Startplatz.

KonsumentInnen statt Fans

Der Graben zwischen wenigen reichen Grossklubs und dem finanziell wie sportlich abgeschlagenen Rest besteht dabei nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch innerhalb der nationalen Profiligen. Auch dort herrscht eine Zweiklassengesellschaft und entsprechende Langeweile: Oben stehen die immer gleichen zwei, drei Vereine, die durch die regelmässige Teilnahme an europäischen Wettbewerben horrende Summen einnehmen, während der grosse Rest bestenfalls eine ruhige Saison ohne Abstiegsängste spielt.

Die Profitlogik, die das Fussballgeschäft dominiert, führt zu einer fatalen Verschiebung: weg aus dem Stadion, hin zu den Bildschirmen, weg von den Fans, hin zu den KonsumentInnen. Der einstige ArbeiterInnensport entfernt sich immer mehr von seinen traditionell auch lokalen, sozialen und politischen Wurzeln. Dabei sind die Vereine und ihre Stadien auch Begegnungsstätten, wo Menschen – insbesondere Kinder und Jugendliche – unterschiedlichster Herkunft zusammentreffen. Insofern wirken sie integrativ und sinnstiftend. Doch dieser zentrale Aspekt wird medial wie auch politisch meist völlig ausgeblendet. Stattdessen dominieren Hooligans und die Verlockungen der Champions League die Schlagzeilen.

Doch der Widerstand gegen diese Entwicklungen lebt. Unter dem Motto «Gegen den modernen Fussball» besteht in den Fankurven längst eine internationale Protestbewegung. Sie wird meist von Ultragruppen angeführt, dem organisierten und besonders fanatischen Teil der Fans.

Von Sócrates lernen

Es ist kein Zufall, dass sportlich nur mässig erfolgreiche Vereine wie der FC St. Pauli aus Hamburg, Bohemians Prag oder der FC Winterthur, die sich der Verwertungslogik zumindest ein Stück weit entziehen und sich auch als soziale und politische Akteure verstehen, viel Publikum anziehen und grosse Sympathien geniessen. Mittlerweile gibt es sogar zahlreiche Vereine, die von unzufriedenen Fans gegründet wurden, nachdem ihr ursprünglicher Heimverein von InvestorInnen übernommen worden war – beispielsweise Austria Salzburg (gegründet aus Protest gegen die Übernahme durch den Red-Bull-Konzern) oder der FC United of Manchester (gegründet aus Protest gegen die Übernahme durch den US-Investor Malcolm Glazer), die beide in hohen Amateurligen spielen.

Es gibt sogar ein historisches Vorbild für unsere Pläne: die Democracia Corinthiana. Anfang der achtziger Jahre beschloss das Team aus São Paulo um den brillanten Mittelfeldspieler Sócrates, sich selbst zu organisieren. Über sportliche Fragen wurde im Kollektiv abgestimmt, wobei jedeR MitarbeiterIn, egal ob Spieler, Trainer oder FunktionärIn, eine Stimme hatte, die gleich viel zählte. Ausserdem bezog der Klub mittels Trikotwerbung Stellung für freie Wahlen und gegen das damalige Militärregime.

Die Democracia Corinthiana gewann 1982 und 1983 die Stadtmeisterschaft von São Paulo und erzielte erst noch einen Gewinn. Doch bereits ein Jahr später war das einzigartige Modell praktisch am Ende, Aushängeschild Sócrates zog entnervt nach Florenz. Der demokratische Widerstand gegen die Militärdiktatur kam nicht vorwärts, auch sportlich ging es zunehmend abwärts. Trotzdem bleibt das Projekt mit seinem basisdemokratischen Ansatz eine Inspirationsquelle.

Um unser eigenes WOZ-Fussballprojekt voranzutreiben, holen wir uns schon früh den Support von jenen Leuten, die das Schweizer Fussballgeschäft vermutlich am besten kennen, ohne selbst ein Teil davon zu sein: den MacherInnen des Fussballmagazins «Zwölf». Wir führten in den vergangenen Wochen auch Gespräche mit Fans, Klubverantwortlichen und Lokaljournalisten und analysierten Budgets, ZuschauerInnenzahlen und Stadionkapazitäten, um unsere Möglichkeiten auszuloten.

Fallstricke überall

Mitte Mai brach für einen kurzen Moment der Wahnsinn aus. Gerade war der Grasshopper Club Zürich, der mit Abstand erfolgreichste Verein der Schweizer Fussballgeschichte, abgestiegen und lag in Trümmern. «Jetzt ist der Moment gekommen: Die WOZ kauft GC auf! Die Chance ist einmalig!», rief ein Redaktionskollege während einer Sitzung. Wir kamen aber rasch zur Einsicht, dass eine GC-Übernahme illusorisch ist. Der Verein ist auch nach dem Abstieg finanziell einige Nummern zu gross für uns, das Budget für die kommende Saison liegt immer noch bei 13,6 Millionen Franken. Ebenso wenig lässt sich seine Geschichte und Identität als dem Freisinn zugewandter Nobelverein so einfach abschütteln.

Wir definieren die wesentlichen Eckpunkte, die für unser Engagement erfüllt sein müssen: Das Einzugsgebiet des Vereins sollte eine gewisse Grösse aufweisen, schliesslich wollen wir mit unserem Projekt möglichst viele ZuschauerInnen ansprechen. Es braucht ein Stadion, das den Auflagen des Fussballverbands entspricht, weil wir nicht in einen Stadionumbau oder -neubau, sondern in einen Verein investieren wollen. Für ein langfristiges Engagement ist eine funktionierende Nachwuchsabteilung wichtig, und bestenfalls verfügen Verein und Ortschaft über einen gewissen Bekanntheitsgrad und eine gewisse Tradition, auf denen man aufbauen kann.

Nach eingehender Prüfung eines möglichen Engagements bei den Challenge-League-Vereinen FC Schaffhausen und FC Aarau kommen wir zum Schluss, dass der Profifussballbereich für uns nicht infrage kommt. Die Vereine sind zu schwergewichtig – gerade auch finanziell gesehen: Die letztjährigen Budgets des FC Schaffhausen und des FC Aarau beliefen sich auf fast vier Millionen respektive sechs Millionen Franken.

Unser Blick bleibt schliesslich in der vierthöchsten Liga, der 1. Liga Classic, hängen: beim FC Biel. Dort scheint auf dem Papier alles zu stimmen: Einzugsgebiet (Bieler Seeland und Berner Jura), ZuschauerInnen (letzte Saison über 600 pro Spiel), Infrastruktur (brandneues Stadion), funktionierende Nachwuchsabteilung und Tradition (der FC Biel wurde 1947 Schweizer Meister). Die Ausgangslage ist vielversprechend.

Entsprechend gespannt blicken wir dem Treffen mit Dietmar Faes, dem Bieler Klubpräsidenten, entgegen. Wird der Geist von Sócrates bald über den Bielersee schweben? Steigt die WOZ tatsächlich ins Fussballgeschäft ein? Und spielt bald endlich auch ein Frauenteam in der Tissot Arena?

Mitarbeit: Mämä Sykora.

Teil 2 des Projekts «Der Traum vom FC WOZ» und wie die Verhandlungen mit dem FC Biel ausgehen, lesen Sie in der «Zwölf»-Ausgabe, die Ende August erscheint.

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