Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Lichterlöschen in der Super League?

Dem Profifussball in der Schweiz drohen weitere Monate mit Geisterspielen. Reicht da das Hilfspaket des Bundesrats, um ihn vor dem Ausverkauf zu retten?

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Am nächsten Mittwoch will der Bundesrat entscheiden, wie es mit dem Profifussball weitergeht: Bis März 2021 maximal tausend ZuschauerInnen im Stadion, wie schon angedroht? Oder doch ein Zugeständnis an die Swiss Football League, die die Stadien (mit Maskenpflicht, Verzicht auf Gästefans und gesperrten Stehplätzen) zur Hälfte füllen möchte?

Sollte den Wünschen der Liga wider Erwarten Folge geleistet werden, wären die Einbussen nicht gar so dramatisch, zumal der Bundesrat ein Darlehen von 200 Millionen Franken für die zwanzig Klubs der beiden Profiligen in Aussicht stellt. Mit Auflagen jedoch, die auf Ablehnung stossen: nicht weil die Gelder zurückbezahlt werden müssten, sondern weil damit auch alle Spielersaläre um zwanzig Prozent gekürzt werden und die Vereine solidarisch für nicht zurückbezahlte Darlehen haften müssten.

Spielerlöhne unter 5000 Franken

Bei all seiner Strahlkraft: Systemrelevant ist der Profifussball nicht. Und doch zeigen die letztgenannten Punkte, wie realitätsfremd ihn der Bundesrat taxiert. Zum Beispiel die Salärkürzung: Was für Spitzenverdiener in Basel oder Bern problemlos zu verkraften wäre, würde schon für einige Spieler eines FC Thun, die unter 5000 Franken im Monat verdienen, schmerzlich spürbar. In der Challenge League, der zweithöchsten Liga, käme eine Kürzung um zwanzig Prozent für viele gar einem Fall ins Prekariat gleich. Andreas Mösli, Geschäftsführer beim FC Winterthur, stellte darob auf nau.ch die Frage: «Ist das noch Spitzensportförderung oder vielmehr der stille Abschied vom Leistungssport in einem Land, in dem es der Spitzensport noch nie einfach hatte?»

So fragt man sich, warum der Bundesrat nicht vielmehr eine Obergrenze für Spitzenlöhne festlegt und gleichzeitig einen anständigen Mindestlohn verlangt. Dass die meisten Vereine ein solches Hilfspaket ablehnen, liegt aber primär am Punkt der Solidarhaftung. Mämä Sykora, Redaktionsleiter des Fussballmagazins «Zwölf», meint dazu: «Welcher seriöse Klub will schon Transfergelder pfänden lassen, nur weil die Konkurrenz schlecht wirtschaftet?» Auch Sykora kann sich den Inhalt des Pakets nicht anders als mit Zugeständnissen an jene erklären, für die Profifussball mit seinen Auswüchsen grundsätzlich verpönt ist.

Natürlich sind Fussballklubs wie jedes privatwirtschaftliche Unternehmen primär selbst für das Ergehen ihres Betriebs verantwortlich – und sollten im Hinblick auf Krisen darauf bedacht sein, genügend Reserven anzulegen. In dieser hochspekulativen Branche mit ihrer weltweiten Vermarktung allerdings erfordert das für viele Klubs einen Dauerspagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit: In Ländern wie der Schweiz, wo im Vergleich zu den grossen Ligen in England, Spanien, Deutschland oder Italien nur sehr kleine Summen für TV-Übertragungsrechte gezahlt werden, sind sie umso mehr auf Ticketverkäufe angewiesen. Oder den Launen von reichen Privatpersonen ausgeliefert.

Sollten bis Ende März nur je tausend Leute in die Stadien kommen dürfen, würden den Klubs in der obersten Spielklasse laut der Swiss Football League allein dadurch rund 70 Millionen Franken entgehen. Nun betrug deren strukturelles Defizit aber schon vor einem Jahr (bei einem Gesamtaufwand von rund 330 Millionen Franken) rund 130 Millionen Franken (siehe «wobei» Nr. 4/19). Mit dem Verkauf von Spielern ins Ausland und mit Champions-League-Spielen konnten der FC Basel und die Berner Young Boys lange ihre Bilanzen ausgleichen. So erhielt YB für die Champions-League-Teilnahme vor zwei Jahren fast 30 Millionen Franken. Doch inzwischen müssen die Meister kleinerer Ligen aufgrund der von europäischen Grossklubs durchgesetzten Regeln weitere Hürden überwinden, um sich für den europäischen Elitewettbewerb zu qualifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, an die Geldtöpfe der Uefa zu kommen, ist also schon vor Corona kleiner geworden – und damit auch die Aussicht für die weiteren Super-League-Klubs, ein klein wenig daran teilzuhaben.

Globale Verwicklungen

Was also, wenn weitere Monate geistergespielt würde? Sykora sieht zwei Szenarien: «Entweder gehen Klubs reihenweise hops. Oder sie werfen sich wie GC noch mehr in die Arme von Investoren ohne Bezug zu Region und Vereinsgeschichte und wandeln sich zu reinen Geschäftsmodellen, wo Spieler parkiert und baldmöglichst weiterverkauft werden.»

Klar ist: Angesichts der globalen Verwicklungen des Fussballgeschäfts bräuchte es verbindliche Reformen auf internationaler Ebene. Dagegen gibt es aber Widerstände: Erst kürzlich hat der internationale Sportgerichtshof in Lausanne die Champions-League-Sperre gegen Manchester City aufgehoben, die dem Grossklub wegen Verstoss gegen die Financial-Fairplay-Regel auferlegt worden war. Die 2011 von der Uefa eingeführte Regel hätte gewährleisten sollen, dass ein Klub nur so viel Geld ausgeben darf, wie er mit dem eigentlichen Kerngeschäft einnimmt.

Financial Fairplay wäre das eine, Verankerung in der Region das andere. Wie es trotz Corona gehen könnte, zeigt der FC St. Gallen: Transparente Geschäftsführung, realistische Budgetierung, kluge Kommunikation, konsequente Nachwuchsförderung und nicht zuletzt eine packende Spielweise haben dazu geführt, dass schon jetzt über 7000 Personen eine neue Saisonkarte lösten – ohne Garantie, die Spiele besuchen zu können.

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