Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Die Uefa ist schlimmer als die Fifa?

Mämä Sykora sorgt sich um die Zukunft des Fussballs, den er liebt. Hoffnung gibt ihm ein Blick nach Schweden. Die Schweizer Super League hingegen gibt er verloren.

Von Jan Jirát und Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann

Mämä Sykora – hier im Auswärtstrikot der russischen Nationalmannschaft von 2008: «Wegen der Champions League geht auch die Schweizer Super League vor die Hunde.»

WOZ: Mämä Sykora, warum haben Sie für dieses Gespräch ausgerechnet das EM-Spiel Polen gegen Nordirland als Hintergrundkulisse ausgewählt?
Mämä Sykora: Weil dieses Spiel eine fatale Entwicklung im Fussball zum Ausdruck bringt: Spiele wie Polen gegen Nordirland oder Ungarn gegen Island würde es niemals geben, wenn der europäische Fussballverband Uefa die Europameisterschaften nicht auf 24 Mannschaften aufgebläht hätte. Bis 1992 nahmen acht Mannschaften an der EM teil, vor vier Jahren waren es noch sechzehn. Die Uefa zerstört den Fussball – jedenfalls den, wie ich ihn mag.

Wenn schon ist doch der Weltfussballverband Fifa der Bösewicht.
Die Fifa hat nach den diversen Korruptionsfällen einen verdammt miesen Ruf. Das ist für das Image des Fussballs sehr schlecht. Doch die Fifa macht viel Gutes: Sie lässt unzählige Fussballplätze in allen möglichen Ländern bauen, und sie organisiert viele defizitäre Turniere im Frauen- und Jugendbereich. Ausserdem finde ich das grundlegende Konzept sinnvoll: Jeder einzelne nationale Fussballverband erhält genau gleich viel Geld, jeder Verband hat dieselben Mitbestimmungsrechte. Es ist ein Konzept, das den Ausgleich sucht. Die Uefa handelt komplett anders: Der Verband hat sich darauf eingeschossen, den grossen Landesverbänden und vor allem den grossen Vereinen immer noch mehr Vorteile zu verschaffen.

Und wie macht sie das?
Die Uefa will in erster Linie ein Produkt verkaufen. Aktuell ist es die EM. Je mehr grosse Landesverbände wie England, Deutschland, Spanien oder Italien dabei sind, desto grösser ist das Interesse der Fernsehsender und Sponsoren. Die Aufblähung auf 24 Teams bringt den Landesverbänden wiederum Planungssicherheit. Es ist für die «Grossen» mittlerweile ja fast unmöglich, sich nicht für die EM zu qualifizieren, nur Holland hat es dieses Mal vergeigt. Der Preis dieser Planungssicherheit sind dann Spiele wie jenes, das wir gerade schauen.

Wie sieht es im Klubfussball aus?
Am krassesten sind die Auswüchse in der Champions League, dem Premiumprodukt der Uefa. Um die Champions, die Landesmeister, geht es schon lange nicht mehr. Aus den grossen Ligen nehmen ja auch die Zweit-, Dritt- und sogar Viertplatzierten teil. Wiederum stehen TV-Gelder und Sponsorengelder im Vordergrund. In dieser Logik ist Borussia Dortmund gegen Arsenal London nun mal interessanter als Steaua Bukarest gegen Malmö FF. Zur Aufblähung der Champions League wurde die Uefa von den grossen Vereinen geradezu genötigt.

Wieso lassen sich die Uefa und die kleinen Vereine dermassen von den Grossen dominieren?
Ich sehe hier Parallelen zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen. Steuererhöhungen für die Reichen sind an der Urne chancenlos. Die Kleinen blicken zu den Grossen auf und träumen davon, auch mal dazuzugehören. Mit solchen Zückerchen gewinnt die Uefa die kleinen Verbände. Nun darf auch der FC Basel in der Champions League mitspielen, aber spätestens im Viertelfinal bleiben die Grossen unter sich. Das hat mit einem Wettbewerb nicht mehr viel zu tun, dafür sind die Unterschiede zwischen den Grossen und dem Rest viel zu riesig. Ich schaue deshalb keine Champions-League-Spiele mehr. Schlimm ist aber vor allem, dass wegen der Champions League auch die Schweizer Super League vor die Hunde geht.

Was hat das mit der Super League zu tun?
Durch die jährliche Teilnahme an der Champions League erhält der FC Basel derart viel mehr Geld als alle anderen Schweizer Vereine, dass er konkurrenzlos bleibt. Und zwar für die nächsten zehn Jahre. Die Super League ist – der Uefa sei Dank – stinklangweilig geworden.

Sind Sie nicht einfach ein hoffnungsloser Fussballromantiker?
Natürlich bin ich das. Und ich weiss auch, dass die Uefa getrost auf Fans wie mich verzichten kann. In Asien oder auch in Nordamerika stehen dem Verband riesige Märkte offen, die genau das wollen, was die Uefa pusht: ein Premiumprodukt mit Topstars wie Messi, Ronaldo oder Ibrahimovic. Bereits jetzt spielen die grossen Vereine wie Real Madrid, Manchester United oder Bayern München ihre Saisonvorbereitungsturniere in Schanghai oder New York.

Gibt es auch Hoffnungsschimmer?
Da lohnt sich ein Blick nach Schweden. Dort haben wir eine Meisterschaft, die etwas bietet, was in der Champions League und auch in der Super League fehlt: Spannung! In den letzten zehn Jahren gab es in Schweden sieben verschiedene Meister. Kein Team profitiert Jahr für Jahr von den Champions-League-Geldern. Und es gibt Mannschaften wie Hammarby IF aus Stockholm, die zwar meistens gegen den Abstieg spielt, aber eine treue und sehr aktive Fanszene hat. Da kommen im Schnitt 25 000 Zuschauer an die Heimspiele! Die schwedische Liga ist zwar nicht gut, aber den Fans sind Spannung und fairer Wettbewerb anscheinend wichtiger als Glamour und Topstars. Es wäre toll, wenn sich auch andere Meisterschaften so entwickeln würden, sozusagen als Gegenentwurf zum marktbestimmten Fussball.

Mämä Sykora (40) hat an der EM erste Erkenntnisse gewonnen: Die Russen sterben für einmal nicht in Schönheit, doch ihr «Steinzeitfussball», mit dem sie gegen England ein Unentschieden geholt haben, macht keinen Spass. Dafür haben die Engländer fast schon russisch gespielt: schnell und variabel. Sykoras Turnierfavorit bleibt aber Frankreich.

Nach diesem Interview hat Mämä Sykora ein Mail mit mehreren kritischen Nachfragen zu seinen Aussagen erhalten. Sykoras ausführliche Antworten, die den Rahmen dieses Interviews sprengen, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten: www.woz.ch/sykora.

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