Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

«Gelobt sei die Wut!»

Von linken Machos, der Überlegenheit der feministischen Analyse und der Dringlichkeit eines neuen Sexualstrafrechts: Was Tamara Funiciello, frisch gewählte Kopräsidentin der SP-Frauen, im neuen Amt erreichen will.

Von Andreas Fagetti (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Ich könnte jedes Mal einen Strahl kotzen, wenn irgendein linker Dude sagt, man habe jetzt genug über die ‹Frauenfrage› geredet»: Tamara Funiciello.

WOZ: Frau Funiciello, erklären Sie dem weissen alten Mann, was Feminismus ist – und was er damit zu tun hat.
Tamara Funiciello: Feminismus ist ein Kampf um Freiheit – und zwar einer für die Freiheit von allen. Ein Befreiungskampf gegen ökonomische Zwangslagen, Rollenbilder, rassistische Unterdrückung, Ausbeutung der Natur und somit gegen die Gefährdung unserer Existenzgrundlage. In all diesen – und vielen anderen – Sphären kommen weisse alte Männer selbstverständlich auch vor.

In welcher Rolle?
Alle gesellschaftlichen Strukturen begünstigen wesentlich den alten weissen Mann. Zum Beispiel nimmt er eine höchst privilegierte Sprechposition im öffentlichen Diskurs ein. Um es etwas platt zu formulieren: Er spricht selbstverständlich zuerst, er hat die besten Ideen – selbst wenn er sie gerade einer Vorrednerin geklaut hat –, er lässt Leute, die weniger forsch auftreten, nicht zu Wort kommen oder übergeht, was sie sagen. Das prägt sein Selbstverständnis – ein Selbstverständnis, das nichtmachoide Menschen untergehen lässt. Wer sagt denn, dass nicht sie die besseren Ideen haben. Diese Kritik ist entscheidend. Denn die herrschenden Strukturen bestimmen letztlich die politische Praxis. Und daher gehören sie geändert.

Wie haben Sie als Juso-Präsidentin diese Erkenntnisse einfliessen lassen?
Mir war ein rücksichtsvoller Umgang wichtig. Wer dazu neigt, Gespräche, Debatten oder Sitzungen zu dominieren und das Wort an sich zu reissen, soll sich überlegen, ob andere womöglich bessere Antworten parat haben; soll darauf achten, ob er schon wieder jemanden unterbrochen hat. Alle Beteiligten müssen Rücksicht nehmen. Das ist produktiver als dieses Dominanzgehabe. Wie wir miteinander reden, beeinflusst die Politik entscheidend. Rücksichtsvoll diskutieren ist also keine esoterische Gschpürschmiveranstaltung.

Wie reagiert der weisse alte Mann, wenn seine Sprechposition infrage gestellt ist?
Viele fühlen sich frontal angegriffen. Mir kommt Roger Schawinski in den Sinn, der in seiner Sendung einmal verkündete, niemand wolle mehr den alten weissen Männern zuhören. Dabei hat er eine nach ihm benannte Sendung und erreicht schweizweit ein Publikum. Als Frau fragst du dich da vor dem Bildschirm: Was hat denn der geraucht? Auch das NZZ-Feuilleton ist ein Ort ähnlicher Lamentos. Selbstverständlich dürfen sie sagen, was sie wollen. Sie haben sich einfach noch nicht an den Widerspruch gewöhnt, der ihnen mitunter entgegenschlägt, wie das die Soziologin Franziska Schutzbach vor kurzem sehr treffend formuliert hat. Das halten sie nicht aus. Offensichtlich fehlt diesen Männern das Bewusstsein für ihre Privilegien.

Können Sie mir ein konkretes Beispiel aus der Politik nennen, an dem sich das nachvollziehen lässt?
Nehmen wir die AHV-Vorlage 2020, die eine Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 vorsah. Damals heckten linke Parlamentarier zusammen mit der CVP und den Gewerkschaften einen Kompromiss aus, der die Vorlage der Stimmbevölkerung und vor allem den Frauen schmackhaft machen sollte. Man versuchte, sie zu kaufen und den wahren Preis, den die Frauen zu bezahlen gehabt hätten, zu verschleiern. Alle linken Frauenorganisationen waren dagegen. Waren sie an den Verhandlungstisch eingeladen? Schliesslich ging es ja zentral um die Interessen aller Frauen. Natürlich nicht. Sie bekamen das Verhandlungsresultat mitgeteilt. Das wars. Die Vorlage scheiterte dann an der Urne.

Die SP-Frauen, die Sie neu präsidieren, hatten sich doch für diese Revision ausgesprochen.
Ja – für die fertige Vorlage. Mir geht es aber darum, dass man sie im Vorfeld hätte einbeziehen müssen. Schon während der Verhandlungen. Nicht erst im Nachhinein informieren und mit einer «Friss oder stirb»-Haltung konfrontieren. Das ist weder feministisch noch demokratisch.

Sie sitzen seit Dezember im Nationalrat. Das Parlament hat eine bürgerliche Mehrheit. Ohne Kompromisse und Zugeständnisse bleibt linke Politik wirkungslos. Wer an der reinen Lehre festhält, scheitert.
Die entscheidende Frage ist doch immer, ob ein Kompromiss in die richtige, die linke Richtung führt. Ist das nicht der Fall, gibt es auch keinen Kompromiss. Ich möchte meine Parlamentsarbeit zudem nicht isoliert von der Strasse, den Bewegungen und den Aktivistinnen und Aktivisten betreiben. Die politische Arbeit findet ja nicht nur im Parlament statt. Ich möchte Anliegen der Strasse ins Parlament tragen und falsche Parlamentsentscheide via Strasse bekämpfen. Ich verstehe mich selbst nach wie vor auch als Aktivistin und engagiere mich in Bewegungen.

Weshalb haben Sie für das Kopräsidium der SP-Frauen kandidiert?
Es ist ja kein Geheimnis, dass ich als Juso-Präsidentin häufig als Person herabgesetzt und üblen Anfeindungen ausgesetzt gewesen bin. Die Solidarität aus den Reihen der SP-Frauen hat mich enorm beeindruckt. Ich war nie allein. Ich stand auf den Schultern dieser Frauen. Das war ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich für die Kandidatur entschieden habe: Ich möchte, dass nun andere Frauen auf meinen Schultern stehen können. Kommt dazu, dass die SP-Frauen mit etwa 14 000 Mitgliedern die grösste feministische Organisation der Schweiz sind. Sie leisten seit langer Zeit wichtige Arbeit, theoretisch und praktisch.

Sie haben die Juso feministisch aufgemischt. Werden Sie jetzt via SP-Frauen die SP in ähnlicher Weise aufmischen?
Feminismus ist keine Top-down-Veranstaltung. Wir Feministinnen besprechen Vorhaben zuerst zusammen, erst dann setzen wir etwas um. Mir ist eine Bemerkung noch wichtig: Manche glauben ja, Feminismus sei pink und flauschig, es gehe um gendergerechte Toiletten und solche Dinge. Darum geht es auch. Aber zentral geht es um Ökonomie. Es geht um die Ausbeutung der Frauenarbeit, um die Ausbeutung der Frauenkörper. Das müsste die Gesellschaft anerkennen, aber im Allgemeinen ist dieses Bewusstsein nicht sehr hoch entwickelt.

Die Anerkennung dieses Umstands ist die Voraussetzung für Veränderungen?
Ja, aber selbst innerhalb der SP fehlt diese Anerkennung oft. Ich könnte jedes Mal einen Strahl kotzen, wenn irgendein linker Dude sagt, man habe jetzt genug über die «Frauenfrage» geredet, er wolle wieder über Arbeiter und Klassenkampf reden. Der hat etwas Grundlegendes nicht verstanden: Es gibt keine Arbeiterfrage ohne Frauenfrage. Frauen in der Schweiz leisten pro Jahr unbezahlte Arbeit in der Grössenordnung von 248 Milliarden Franken. Ohne diese Arbeit würde der Kapitalismus zusammenbrechen. Feminismus ist Analyse, Feminismus ist Utopie, und Feminismus ist praktische Politik. Er geht weiter als alle mir bekannten Gesellschaftsanalysen, inklusive des Marxismus.

Und was folgt daraus?
Daraus folgen Forderungen wie Arbeitszeitverkürzungen bei gleichem Lohn, Elternzeit, familienexterne Betreuung und die geschlechtergerechte Lösung der Rentenfrage, aber auch neue Familienmodelle, andere Wohnformen, neue Rollenbilder – und für mich aktuell ganz zentral eine rasche Änderung des Sexualstrafrechts.

Im Juni letzten Jahres gingen eine halbe Million Frauen auf die Strasse. Das war ein unglaubliches Statement.
Gelobt sei die Wut! Sie ist im feministischen Zusammenhang eine produktive Energie. Interessant dabei ist auch, dass feministische Widerstandsformen selten in Gewalt ausarten und wirkungsvoll sind. Feminismus ist für alle gut und schliesst alle ein, selbstverständlich auch weisse alte Männer, auch wenn sie bitz stiller sein könnten. Der Frauenstreik hat unserer Bewegung enormen Schub gegeben. Im Herbst wählten die Frauen, die auf die Strassen gingen, deutlich mehr Frauen ins Parlament. Das ist für diese Parlamentarierinnen ein Auftrag, die Themen voranzubringen, die ich erwähnt habe.

Sie haben die Änderung des Sexualstrafrechts für dringlich erklärt.
Hier besteht ein unglaublicher Missstand. Heute läuft die archaische Gesetzgebung in der Schweiz darauf hinaus: Es gilt alles als einvernehmlicher Sex, wogegen sich Frauen nicht körperlich wehren. Faktisch geschieht aber ein Grossteil der Vergewaltigungen, ohne dass sie das schaffen. Eine Umfrage von Amnesty in der Schweiz hat ergeben: 800 000 Frauen haben genau diese Erfahrung gemacht; rechnet man die Dunkelziffer ein, sind es wahrscheinlich eher eine Million. Das ist ein verstörender Befund. Daher: Sex darf es nur geben, wenn beide vorher ihr Einverständnis zum Ausdruck gebracht haben. So gehört es verdammt noch mal ins Gesetz.

Die Nationalrätin und ehemalige Juso-Präsidentin Tamara Funiciello (29) ist seit Samstag Kopräsidentin der SP-Frauen.

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