Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Massenschlägerei als Volksfest

Als unersetzlich galt immer nur der andere: 43 Jahre nach dem Texter René Goscinny ist der französische Comiczeichner Albert Uderzo gestorben. Der Miterfinder von Asterix und Obelix wurde 92 Jahre alt.

Von Florian Keller

Der Himmel fiel ihm 92 Jahre lang nie auf den Kopf: Albert Uderzo bei der Präsentation des Asterix-Bands «Der Papyrus des Cäsar», 2015. Foto: Bertrand Guay, Getty

Meine erste Modelektion habe ich von einem Kerl gelernt, auch wenn er sie mit seiner schieren Körperfülle gleich selbst laufend widerlegte. Längsstreifen, dank Obelix weiss das jedes Kind, machen schlank. Der Gallier Obelix, eine frühe Ikone der Body-Positivity-Bewegung! Dabei war er zu Beginn gar nicht vorgesehen gewesen.

Zeichner Albert Uderzo, Erfinder von Asterix, sah sich fast sein halbes Leben dem Vorwurf ausgesetzt, dass er als Szenarist nicht annähernd so begabt sei wie sein Partner, der Texter René Goscinny. Als dieser 1977 mit nur 51 Jahren starb, verlor der Gallier Asterix nach 24 Bänden nicht nur einen seiner beiden Väter, sondern in den Augen vieler Fans auch einen Teil seiner Seele. Uderzo hat das nicht geleugnet: In gewisser Weise, sagte er, sei mit Goscinny auch Asterix gestorben. Die ewige Kritik, wonach die späteren Bände nicht mehr denselben erzählerischen Esprit hätten, lernte Uderzo zu akzeptieren, weil er wusste, dass sie zutrifft. Dass er Asterix nach einer zweijährigen Gedenkpause trotzdem alleine weiterführte, mochte man ihm als Selbstüberschätzung auslegen. Man kann es auch als Geste des Respekts lesen, als Zeichen dafür, dass er Goscinny für unersetzlich hielt.

Dem Sturkopf sei Dank

Wie sehr eine Hälfte fehlt, merkt man ja erst, wenn sie nicht mehr da ist. Das ist die stille Tragik dessen, der überlebt: Er gilt nie als unersetzlich. Dabei haben wir es gerade dem Sturkopf Uderzo zu verdanken, dass Asterix, diesem schlauen, furchtlosen, aber halt auch etwas streberhaften kleinen Held, überhaupt dieser gemütliche, verfressene und ergo vollschlanke Tolpatsch namens Obelix zur Seite gestellt wurde. Goscinny, so will es die Legende, wollte nur einen einzelnen Helden, und der sollte gerade kein stolzer, grosser Kraftprotz sein – aber als Asterix und auch der Häuptling, der Druide und der Barde gezeichnet waren, war es Uderzo, der als letzte Hauptfigur noch diesen grossen, starken und auch etwas dümmlichen Gallier hinzufügte, wie der Zeichner vor zehn Jahren in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» erzählte: «Und ich liess Obelix einen Menhir herbeischleppen, einfach, damit er was zu tun hat.»

Die Schweiz? Flach!

In Zeiten von Social Distancing wirken seine unvergleichlichen Massenschlägereien im gallischen Dorf wie fröhliche Volksfeste aus besseren Zeiten. Die Abenteuer der beiden unbeugsamen Gallier waren von Anfang an auch als Widerstandsübung angelegt, in doppeltem Sinne: eine französische Résistance, die nicht nur (in den Geschichten) der römischen Besatzungsmacht trotzte, sondern auch (auf dem Comicmarkt) dem Kulturimperialismus der US-amerikanischen Superhelden etwas Lokales entgegensetzen wollte. Chauvinismus? Das wiederum war ein Vorwurf, den die beiden Schöpfer nicht gern hörten: «Das hat uns total geärgert», so Uderzo damals. Verständlich: Zwar spielten Goscinny und Uderzo fleissig mit kulturellen Stereotypen, die in ihrer Überspitzung manchmal ins Rassistische kippen konnten; aber mit ihren Reisen namentlich durch Europa waren Asterix und Obelix seit jeher auch als Botschafter eines interkulturellen Austauschs unterwegs.

Wobei Obelix dabei auch mal völlige Zerrbilder nach Hause brachte, wie in «Asterix bei den Schweizern». Besoffen vom Fonduegelage, verschläft er die hochalpine Gebirgstour, und als er beim Schlussbankett gefragt wird, wie dieses Helvetien denn so sei als Land, zeigts Obelix mit einer Armbewegung an: «Flach.» Das härteste Klischee über die Schweiz, mit einer einzigen Geste vom Tisch gewischt.

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