Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Ein Spiegel der Träume von vielen

Mangas für Teenager, Kinder oder Singles: Die japanischen Comics sind ein wichtiger Teil der japanischen Gesellschaft und begleiten viele JapanerInnen ihr Leben lang. Einzigartig ist allerdings auch das dahinterstehende Geschäftsmodell.

Von Igor Kusar, Tokio

Was unterscheidet die japanischen Manga-Comics von westlichen Comics? Sind es die tellergrossen Augen der Charaktere, die hübschen Mädchen und schönen Jungs, die die Manga-Welten bevölkern? Oder eher die starke Dynamik, der für westliche LeserInnen chaotisch wirkende Bildaufbau und die spektakulären Bildausschnitte? Oder doch vielmehr die berühmten vier Sekunden, die geübte Manga-LeserInnen durchschnittlich für eine Seite brauchen?

«Es ist vor allem und zuerst einmal das Geschäftsmodell», meint Jaqueline Berndt, Professorin für Comics/Manga-Theorie an der Manga-Fakultät der Kyoto-Seika-Universität. Natürlich gebe es stilistische Besonderheiten, doch die seien genre- und altersgruppenabhängig. Vieles davon sei heute im Zeitalter der Globalisierung auch in westlichen Comics anzutreffen. Aber das Modell, das auf der Erstveröffentlichung der Manga-Geschichten in Manga-Magazinen beruht, auf kundennaher Produktion und zielgruppenorientierter Kundensegmentierung, sei genuin japanisch und scheine nur hier zu funktionieren.

So sind die Manga-Magazine nicht thematisch, sondern nach Altersgruppen und Geschlecht ausgerichtet. Für Jungs gibt es die Shonen-, für Mädchen die Shojo-Mangas und für erwachsene Männer die Seinen- und für die Frauen die Josei-Mangas. All das findet sich noch jeweils unterteilt in viele Subkategorien.

Die Manga-Lektüre begleitet viele JapanerInnen durch fast ihr ganzes Leben. Als Kinder wachsen sie auf mit Märchen in Manga-Form. Schulzeit und erste Liebe sind beliebte Themen des Teenie-Mangas. Die Hauptfigur macht wie in einem Bildungsroman eine Entwicklung durch und bietet für die jungen LeserInnen volle Identifikationsmöglichkeit. Der Adoleszenzkonflikt ist eines der beliebtesten Themen überhaupt. Danach gibt es für die jungen Erwachsenen Geschichten, die sich um die Arbeitswelt und das Familienleben drehen, um Karriere, Kindererziehung, aber auch immer mehr um das Leben als Single. Und schliesslich findet man selbst für ältere Menschen Manga-Geschichten. Zudem deckt eine Fülle von Subgenres praktisch jedes Hobby und jedes Interesse ab – von Ballett, Kochen und Sport über Fantasy und Horror bis Porno und «Boys Love» für weibliche Leserinnen.

Die genaue Recherche ist entscheidende Grundvoraussetzung für den Aufbau eines realistischen Settings. Da kann es vorkommen, dass einE Mangaka (Manga-KünstlerIn) für eine Boxergeschichte gar einen Boxklub eröffnet, um die Bewegungsabläufe besser studieren und den Zeichnungen stimmige atmosphärische Dichte geben zu können. Den erfolgreichsten Mangakas winkt viel Prestige: Sie gelten in Japan als absolute Stars.

In den Manga-Magazinen laufen ein bis zwei Dutzend Serien nebeneinander in Episodenform im Wochen- oder im Monatsrhythmus, die erfolgreichsten gut und gerne während zehn oder mehr Jahren. Die bekannteste und bedeutendste Zeitschrift «Shonen Jump» erreichte in ihren besten Zeiten Ende der neunziger Jahre eine Auflage von sechs Millionen Exemplaren. Kostenpunkt: umgerechnet etwa 2.80 Franken für den 450 Seiten starken Wälzer.

Alle Magazine werden auf billigem Papier gedruckt und landen nach dem Lesen im Müll, denn sie dienen vor allem als Katalog. Sie sollen den LeserInnen entscheiden helfen, welche der später erscheinenden Sammelbände sie erstehen möchten. Dieses Modell, so Berndt, habe sich in Japan in den sechziger Jahren etabliert und übe einen grossen Einfluss auf die Ästhetik aus. Damit könne man etwa die vereinfachten Hintergründe in den einzelnen Bildern erklären, die mit den kurzen Abgabezyklen zusammenhängen – oder die grosse Zahl an Fortsetzungsserien, die dazu dienen, die LeserInnen bei der Stange zu halten.

Fussballstars dank Mangas

Das Nebeneinander der Einzelserien in den Manga-Magazinen sorgt für Wettbewerb. Durch Umfragepostkarten, die den Magazinen beiliegen, sind die Verlage stets über den jeweiligen Popularitätsgrad der Geschichten informiert. Erfolglose Serien werden umgehend abgesetzt. Finanziell ist dies für den Mangaka, meist Zeichner und Szenarist in einem, eine Katastrophe, da er erst mit dem Erscheinen der Sammelbände so richtig an den Einnahmen mitverdient. Die Mangakas sind daher darum bemüht, eine persönliche Bindung zum Leser aufzubauen. Berühmt sind die Bemerkungen am Seitenrand, die die Leserin direkt ansprechen, oder auch die vielen Fanservicegeschichten. Stets versuchen die Mangakas, ihre Serien von anderen abzuheben, etwa durch einen eigenen Zeichenstil oder eine eigenwillige Geschichte.

Mehr als die Hälfte aller Mangas richtet sich an Erwachsene. Allerdings, so Manga-Forscherin Berndt, stimme es nicht, wie oft behauptet wird, dass alle JapanerInnen Mangas lesen würden: «Es ist immer noch ein Medium für eher jüngere Leute, die Manga-Lektüre nimmt insbesondere bei Frauen mit dem Alter ab.» Trotzdem sind Mangas im japanischen Alltag verwurzelt und kaum mehr aus der Gegenwartskultur wegzudenken. Dies belegen auch die Verkaufszahlen: Fast vierzig Prozent aller Drucksachen in Japan sind Mangas. Manchen Mangas gelingt es sogar, das Verhalten einer ganzen Generation zu beeinflussen. In den achtziger Jahren löste zum Beispiel «Captain Tsubasa» unter Jungen ein richtiges Fussballfieber aus und inspirierte viele der später im Lande berühmt gewordenen japanischen Nationalspieler.

Interessantes Detail: Da alle dem Protagonisten der Manga-Serie Tsubasa Ozora, einem Mittelfeldspieler, nacheiferten, fehlte es dieser Generation an erstklassigen Stürmern. In den neunziger Jahren wiederholte sich dieses Phänomen mit dem Basketball-Manga «Slam Dunk», der jedoch nie die gleiche Breitenwirkung erreichte.

«Im Manga spiegeln sich die Träume eines ganzen Volkes», sagt der Manga-Kritiker Fusanosuke Natsume: «Die Manga-Lektüre gibt uns Kraft und Trost zugleich.» Doch Mangas seien nicht nur Unterhaltung und Fiktion, sondern auch Bildungsstoff. Mangas über Geschichte, Kunst, Kochen, japanische Brettspiele und vieles mehr geben ausgezeichnete Einblicke in die jeweilige Thematik und sind gespickt mit theoretischen Abhandlungen und Anleitungen.

Doch bis zur vollen gesellschaftlichen Akzeptanz um die Jahrtausendwende erlebte der Manga in Japan einige Tiefpunkte und Rückschläge. Immer wieder wurde er von Eltern und Lehrerinnen als jugendgefährdend und von Kritikern als billige Massenware verschrien. Wegen der Nähe vieler Mangakas zur Studentenbewegung trug der Manga in den sechziger Jahren den Geruch des Subversiven, der Protestkultur gegen die Elterngeneration, die Universitäten, die soziale Ordnung.

Auch danach entstanden viele Geschichten, die sich in metaphorischer Darstellung gegen soziale Zwänge und Rollenmuster richteten oder neue Visionen des Zusammenlebens thematisierten. 1989 warf der Vorwurf, der pädophile Serienmörder Tsutomu Miyazaki sei durch Horrorfilme zu seinen Taten angestachelt worden, ein schiefes Licht auf die ganze japanische Popkulturbranche. Auf die Kritik antworteten viele Verlage mit freiwilliger Selbstzensur bei der Darstellung von Sex und Gewalt.

Marketingstrategie «Cool Japan»

Zur Aufwertung der Popkultur in der japanischen Wahrnehmung der letzten Jahre trug wesentlich ein Bewusstseinswandel in den öffentlichen Stellen bei. Die stagnierenden Exporte der japanischen Industrieprodukte machten die Suche nach neuen Expansionsfeldern unumgänglich. Die japanische Kreativwirtschaft geriet in den Fokus, zumal Mangas und Animes, japanische Animationsfilme, im Ausland bereits grosse Erfolge feierten und Japan in ausländischen Medien als neue «Soft Power» gepriesen wurde.

Unter dem Schlagwort «Cool Japan» begann man nach 2005, neue Marketingstrategien für den Export zu entwickeln. Um das National Branding besser fördern zu können, wurde versucht, Mangas als Medium zu vermarkten, das in einer langen japanischen Tradition steht, die mit den Emakimono, eine Form von illustrierten Erzählungen, oder dem Kabuki, dem traditionellen japanischen Theater, ihren Anfang genommen hatte und mit Farbholzschnitten, etwa jenen des Künstlers Katsushika Hokusai (1760–1849), weitergeführt wurde. Solche Erklärungsversuche stiessen in einem Klima des stärker werdenden Nationalismus auf fruchtbaren Boden. «Auch in Europa existiert in der Tradition des Orientalismus und Japanismus die Tendenz, in allen kulturellen Produkten aus Japan stets das typisch Japanische zu suchen», sagt Eiji Otsuka, Professor an der Kobe-Design-Universität, Manga-Kritiker und selbst aktiver Manga-Szenarist.

Doch für ihn ist es die westliche Technik, insbesondere die Filmtechnik, die dem Manga die wichtigsten Impulse gab: «Neuste Forschungsergebnisse haben deutlich gezeigt, dass der Einfluss der stilistischen Mittel der europäischen Filmavantgarde und der US-amerikanischen Comics und Disney-Zeichentrickfilme in den Jahren um 1930 entscheidend gewesen sind für die Entwicklung des Mangas nach dem Zweiten Weltkrieg».

Trotz der immer noch dominanten Stellung des Mangas in der heutigen japanischen Gegenwartskultur sieht Otsuka dessen zukünftige Entwicklung nicht optimistisch. Die Konkurrenz aus Internet und Computerspielen, die schwindende Zahl der Kinder und die fortschreitende Digitalisierung der Medien haben den Manga-Magazin- und -Büchermarkt in den letzten fünfzehn Jahren mächtig schrumpfen lassen. Die überragende Position des Mangas im Medienverbund mit Animationsfilmen, Filmen, Games, Light Novels (illustrierten Romanen) und Merchandising-Produkten, die bis vor zehn Jahren vorherrschte, bröckelt immer mehr. Manga-Adaptionen von Light Novels beispielsweise seien keine Seltenheit mehr, sagt Otsuka. Die Cool-Japan-Kampagne stosse in Europa und Amerika überall an ihre Grenzen, obwohl das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie 2010 eigens ein Cool-Japan-Büro eingerichtet hat.

Vor allem aber stösst sich Otsuka an den Inhalten der heutigen Manga-Geschichten, die meist im alltäglichen Einerlei verharren, obwohl die Welt draussen aus den Fugen gerät.

«Manga hat nach 1995, als die Aum-Sekte einen Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn verübte, einen spürbaren inhaltlichen Schwenk erlebt», sagt auch der Kulturkritiker und Publizist Tsunehiro Uno. Das Ende der Studentenunruhen um 1970 brachte Wohlstand, Ruhe und Frieden ins Land. Doch die Zeit war arm an Spannung und Spektakel. Die fanden viele in der Popkultur, insbesondere in Mangas und Animes. Apokalyptische Science-Fiction-Epen hatten Hochkonjunktur, die «Gundam»-Serien oder «Neon Genesis Evangelion» etwa stiegen zu Ikonen der japanischen Popkultur auf. Doch als 1995 die Aum-Sekte eigenhändig für den Weltuntergang sorgen wollte, war die Fiktion plötzlich in der Realität angekommen und das Spektakel in den Alltag zurückgekehrt.

Wunsch nach friedlichen Geschichten

Die anhaltende Wirtschaftskrise, fehlende Perspektiven und eine fortschreitende soziale Kälte führten zu einer Sehnsucht nach Geschichten, die einen friedlichen Alltag inmitten von guten FreundInnen thematisieren. Bestes Beispiel dafür, so der Publizist Uno, sei «One Piece», die seit 1997 laufende Manga-Serie: «Zwar handelt es sich dabei um eine Piratenstory, doch Ruffy, der Protagonist, strebt weniger nach Heldentum und siegreichen Schlachten als nach Vermehrung der Zahl seiner Gefährten. Obwohl einige Mangas konkret auf die Dreifachkatastrophe von Fukushima im März letzten Jahres, Erdbeben, Tsunami und einen GAU im AKW in Fukushima, eingegangen sind, hat sich der Trend zu Alltagsgeschichten im letzten Jahr noch verstärkt.»

Trotzdem finde man auch heute noch viele Mangas, die sich sowohl auf der realistischen wie der fantastischen Ebene auf die politischen oder sozialen Probleme Japans beziehen, meint Jacqueline Berndt, die Professorin für Comics/Manga-Theorie. So etwa die seit 2008 laufende Science-Fiction-Geschichte «Coppelion», die von drei Oberschülerinnen handelt, die nach einem AKW-Unfall in offizieller Mission in Tokio nach Überlebenden suchen: «Viele Problemfelder rund um die japanische Atomkraft werden in diesem Manga angesprochen: die Kritik an den staatlichen Eliten etwa, oder die verminderten Sicherheitsstandards.»

Der Aufstieg der Mangas

«Kinderkram mit nackten Brüsten»

Die Erfolgsgeschichte des modernen Mangas beginnt mit der Besetzung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Zeichner Osamu Tezuka, der in Japan bis heute als «Gott des Mangas» gilt, kombinierte klassische japanische Schnittbilder mit Einflüssen aus der amerikanischen Comicwelt, die mit den GIs nach Japan gekommen war. So zirkulierten US-amerikanische Superheldencomics unter den Soldaten zeitweise in grösserer Auflage als das «Time Magazine». Ebenfalls hatte Walt Disney 1937 mit «Schneewittchen und die sieben Zwerge» den ersten Zeichentrick-Spielfilm überhaupt erschaffen und damit dem Medium den Weg in die breite Öffentlichkeit geebnet.

Tezuka übernahm Elemente wie die überdimensionierten Augen von Mickymaus oder die actiongeladenen, «bewegten» Bilder von Jack Kirbys «Captain America». Dies vermischte er mit der bestehenden, seit dem 18. Jahrhundert existierenden Zeichentradition Japans. Alles zusammen verband er zu einem neuartigen, cinematografischen Stil, der bis heute die Welt der Mangas prägt – mit «Kamerafahrten», Zooms und nicht zuletzt der Idee, das Tempo der Narrative mithilfe der Grösse und der Anordnung der einzelnen Bilder zu kontrollieren. All dies meisterlich ausgeführt – von seinem wohl bekanntesten, wenn auch eher banalen Werk «Astro Boy» über die spirituelle Erzählung «Buddha» bis hin zum unvollendeten Magnum Opus «Phoenix».

Während heute Mangas eher für grafische Gewaltdarstellungen oder durchgeknallte Sexakte mit Tentakelmonstern bekannt sind, war die Frühphase der japanischen Comickultur eher harmlos. Selbst Tezukas anzüglichstes Werk, auf Englisch unter dem reisserischen Titel «Cleopatra: Queen of Sex» veröffentlicht, war in den Worten eines Kritikers der Ära nur «Kinderkram mit nackten Brüsten».

Die Verschiebung zu erwachseneren Themen und Bildern fand erst ab den siebziger Jahren statt, vielleicht am ehesten verkörpert in den Werken von Kazuo Koike, der als Autor mit verschiedenen Zeichnern arbeitete – für Japan ein seltener Fall. «Kozure Okami» («Lone Wolf & Cub»), die Geschichte eines herrenlosen Samurai, der mit seinem Kind durch das bürgerkriegszerrissene Japan des 17. Jahrhunderts streift, ist eines der einflussreichsten Comicwerke der Neuzeit, und «Lady Snowblood» stand Pate für Quentin Tarantinos «Kill Bill». Beide Werke scheuen sich nicht davor, explizit Gewalt und Sex darzustellen, ohne dabei jedoch die Handlung in den Hintergrund treten zu lassen.

Als Beginn der Manga-Manie im Westen gilt das postapokalyptische Epos «Akira» von Katsuhiro Otomo, das von 1982 bis 1990 erschien. Das Werk, das wie kein zweites die Katastrophe und das Leben danach in erdrückenden Bildern zelebriert, wurde handkoloriert: Dem US-Comickonzern Marvel, der die Rechte erstanden hatte, war es zu riskant, eine Serie für den US-Markt in Schwarz-Weiss zu veröffentlichen – wie dies bei Mangas normal ist. Die farbige Version, die auf Deutsch bei Carlsen erschien, ist bis heute ein begehrtes Sammlerstück.

Ebenfalls an kulturellen Übersetzungsschwierigkeiten hatte die Kultserie «Ranma 1/2» der erfolgreichen Zeichnerin und Autorin Rumiko Takahashi zu leiden. Die Geschichte um einen pubertierenden Jungen, der bei Berührung mit kaltem Wasser zum Mädchen wird, war den Verantwortlichen des französischen Staatsfernsehens zu heikel: Nachdem bereits die Erstausstrahlung der Serie – die ebenfalls als «Kinderkram mit nackten Brüsten» gelten muss – nur in einer zensierten Form möglich war, wurde der kindliche Umgang mit Transgender-Identitäten zum Politikum. «Ranma 1/2» wurde nach Interventionen konservativer französischer Politiker abgesetzt.

Etrit Hasler

Otaku

Zuhause in der Manga-Welt

Ab 1995 begann sich der Tokioer Stadtteil Akihabara langsam zu verändern. War er damals zunächst noch das Elektronikmekka der Stadt, so begannen sich nun die Manga-Otakus mit ihrer Kultur, ihren Produkten und Symbolen hier einzunisten. Otakus sind hartgesottene Fans ganz verschiedener Themenbereiche (der Tetsudo-Otaku etwa ist der Eisenbahnbegeisterte), heute ist Akihabara ganz in den Händen männlicher Manga-Otakus.

Auf der Strasse verteilen junge Frauen im Dienstmädchenlook Flugblätter für «Maid-Cafés» in denen sie in serviler Manier die meist männlichen Kunden bedienen, die sich für einige Stunden als Herr und Meister fühlen wollen. Im Spielsalon kann Jagd auf Sammelfiguren, Stofftiere und andere Merchandising-Produkte gemacht werden. Wer erfolglos bleibt, kann seine Helden auch im Otaku-Shop nebenan zum Sammlerpreis erstehen oder gleich ein ganzes Kostüm eines Manga-Helden oder eine Manga-Heldin kaufen. Das Sammeln oder Nachbauen von Figuren und Modellen ist eines der charakteristischen Elemente der Otakus, von denen es im Bereich Mangas und Animationsfilm schätzungsweise über eine halbe Million gibt. Ein Spezialgebiet von Manga-Otakus ist Moe: Dies bezeichnet die Zuneigung zu oder die Fetischisierung von meist weiblichen Charakteren mit grossen Augen und Stupsnasen aus Mangas, Anime oder Computerspielen. Der Fokus auf die Charaktere hat in den letzten fünfzehn Jahren auch die Rezeption der Popkultur beeinflusst. Die Charaktere wurden zum eigentlichen Produkt, die Vermarktungsstrategien im Medienverbund konzentrieren sich auf die langlebige Bindung zwischen KonsumentIn und Charakter.

Die Rolle der Otakus für die japanische Popkultur hat in den letzten Jahren eine grosse Aufwertung erlebt. Früher waren sie als sozial Randständige geächtet, wurden in die Nähe der Hikkikomori gedrängt. Hikkikomori sind Menschen, die den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Doch mit ihrer starken Präsenz im Internet, die sie mit ihren Blogs und Foren einnehmen, sind die Otakus ans Licht der Öffentlichkeit getreten und zu Opinionleaders einer sehr gut vernetzten Interessengemeinschaft aufgestiegen.

Auch das kreative Potenzial der Otakus darf keineswegs unterschätzt werden. Als Zeichner von Dojinshi (ähnlich Fanzines) sind sie Teil einer zweiten Manga-Welt, der Welt der AmateurInnen, die ihre Zeitschriften im Selbstverlag herausgeben und in darauf spezialisierten Ladenketten oder auf der Comiket, der zweimal jährlich stattfindenden grössten Manga-Messe Japans, verkaufen.

Die Dojinshi-Gemeinschaft ist heutzutage gut in die Manga-Branche integriert. Die Verlage tolerieren die Produktion von Parodie-Mangas, die Inhalt oder Charaktere der Manga-Serien kopieren oder weiterentwickeln, da dies das Interesse an diesen Serien aufrechterhält.

Durch die Cool-Japan-Kampagne sind die Otakus zu «neuen globalen Helden» der japanischen Kultur katapultiert worden. Doch ob diese Entwicklung im Sinne der Otakus verläuft, ist fraglich. Viele Otakus geniessen ihre eigentliche Aussenseiterrolle, die ihnen in einer auf Formalitäten Wert legenden Kultur die ersehnten Freiräume bietet.

Igor Kusar

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