Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Die Ems-Chemie kennt in der Krise keine Gnade

Trotz der Coronamassnahmen des Bundes wachsen die Arbeitslosenzahlen rasant. Mancherorts werden nun auch langjährige MitarbeiterInnen einfach entlassen – etwa bei der Ems-Chemie, die jährlich Millionendividenden ausschüttet.

Von Sarah Schmalz (Text) und Hannes Thalmann (Foto oben)

Zuerst waren die Temporären weg, dann wurde alles runtergefahren: Das zur Ems-Gruppe gehörende Eftec-Werk in Romanshorn.

Martin Baumann* erzählt die Geschichte so: Er sei am Montag aus den Ferien in Thailand zurückgekehrt. Eine Hochzeitsjubiläum-Reise mit seiner Frau. Baumann landet am 23. März am Flughafen Zürich. Noch ein paar Ferientage in der Schweiz sind geplant vor der Rückkehr an seinen Arbeitsplatz bei der Eftec AG in Romanshorn. Am Dienstag, dem 24. März, aber meldet sich sein direkter Vorgesetzter. Er müsse wegen seiner Ferien in Asien für zwei Wochen in Quarantäne, heisst es. Baumann unterschreibt eine Vereinbarung zur Flexibilisierung der Gleitzeitsaldo-Obergrenze: Er soll seinen Ausfall mit Minusstunden bezahlen. «Es hiess, man müsse nun halt Opfer bringen», sagt er. Am 26. März folgt der zweite Anruf, diesmal von einem Vorgesetzten aus dem Management. Er teilt Baumann seine sofortige Freistellung «aus wirtschaftlichen Gründen» mit. Im Briefkasten liegt am selben Tag die der WOZ vorliegende, unbegründete Kündigung, datiert vom 24. März.

Die Eftec ist Teil der von SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher geführten Ems-Chemie Holding. Der Zulieferer für die Automobilbranche macht jedes Jahr satte Reingewinne; 2019 seien es 12 Millionen Franken gewesen, wie intern kommuniziert wurde. Die gesamte Ems-Gruppe wiederum wies letztes Jahr mit 532 Millionen Franken den grössten Reingewinn ihrer Geschichte auf. Das bedeutet Millionenausschüttungen für Magdalena Martullo-Blocher und ihre beiden Schwestern, die zusammen sechzig Prozent der Ems-Aktien besitzen. Martin Baumann arbeitete 22 Jahre als Laborant bei der Eftec. Er war in der Qualitätskontrolle tätig, prüfte die in der Firma produzierten Klebstoffe, Abdichtungsmaterialien und Beschichtungen, Elastomere etwa, deren Herstellung «eine extrem dreckige Arbeit» sei. Traditionell übten diese schlecht bezahlte Migranten aus, sagt Baumann. «Sie sind Staub, Russ und Kalk ausgesetzt.»

Martullo-Blocher hat die Ems-Chemie im Jahr 2004 von ihrem Vater, Christoph Blocher, übernommen. Seither, sagt Baumann, sei die Ems-Maxime der reinen Gewinnsteigerung noch spürbarer geworden. «Es wurde kaum etwas in die Infrastruktur investiert.» Die Sicherheits- und Gesundheitsmassnahmen habe die Eftec auf das absolute gesetzliche Minimum beschränkt. Auf Onlinejobportalen finden sich vernichtende Urteile über die Firma: «Alle haben Angst um Arbeitsplatz. Denn jeder ist ersetzbar und das wird auch so kommuniziert», schreibt ein Nutzer. «Personal wird sehr schlank gehalten = arbeitest für zwei», ein anderer, der die Frage nach den positiven Seiten der Firma mit «gibt nichts» beantwortet. Andere bemängeln die mangelnde Kommunikation der Führungsriege, die schlechten Löhne und Sozialleistungen. Baumann sagt, die arbeitnehmerfreundliche Seite des Unternehmens sei in den letzten Jahren verschwunden. Mehrere LaborkollegInnen hätten etwa trotz Fünftagewoche oft am Wochenende zusätzlichen Dienst leisten müssen. «Ich bin geblieben, weil ich in meiner Position ziemlich unabhängig arbeiten konnte und immer ein gutes Verhältnis zu den Arbeitern hatte.» Doch das Klima bei der Eftec sei immer schlechter geworden. Die Leitung habe immer weniger in teambildende Anlässe wie etwa Weihnachtsessen investiert und zum Beispiel den traditionellen Skitag irgendwann einfach gestrichen.

Temporäre traf es zuerst

Die Fabrikhallen der Eftec stehen wegen der Coronakrise, die die Nachfrage zum Erliegen gebracht hat, derzeit still, vorerst bis am 14. April. Baumann sagt, die Direktive von oben laute: unter gar keinen Umständen Kurzarbeit. Neben ihm seien noch sechs Angestellte entlassen worden. Die WOZ konnte auch mit zwei weiteren Entlassenen sprechen. Sie bestätigen Baumanns Aussagen. Alle drei wurden per sofort und ohne schriftliche Begründung freigestellt. Von Kündigungen betroffen sind gemäss ihren Aussagen MitarbeiterInnen aus verschiedensten Bereichen: etwa Kader, Buchhaltung oder Empfang – darunter auch ältere Angestellte oder Alleinerziehende. Die Ems-Chemie will mit den Kündigungen offenbar die Kosten während der Coronakrise so gering wie möglich halten – auf dem Rücken der Betroffenen. Während in diesen Tagen vermehrt Kritik an Unternehmen laut wird, die trotz Dividendenausschüttungen beim Bund Kurzarbeit beantragen, ist der Ems-Gruppe offenbar sogar diese zu teuer: Werden Angestellte stattdessen einfach entlassen, spart sich ein Unternehmen auch die Sozialleistungen, die es während der Kurzarbeit selbst berappen müsste. Baumann sagt, als Erstes habe es bei der Eftec die Temporärangestellten getroffen: «Sie sind alle weg.» Die Ungekündigten wiederum müssten die Krise mit Minusstunden und Ferien bezahlen. Auch diese Aussagen bestätigt eine zweite Quelle.

Gegen aussen freilich klingt der Verzicht auf Kurzarbeit im Inland gut. Am Montag betrieb die Ems-Gruppe mit einer entsprechenden Medienmitteilung Imagepflege: Der Umsatz des Unternehmens sei wegen der Coronakrise gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel zurückgegangen. An den Standorten im Ausland würden Ferien und Gleitzeit bezogen oder Kurzarbeit beansprucht. Die Absatzschwankungen in der Schweiz würden über das Jahresarbeitsmodell aufgefangen.

Entlassungen statt Kurzarbeit: Ems-Chemie-CEO Magdalena Martullo-Blocher bei einem Schwätzchen mit SVP-Wirtschaftsminister Guy Parmelin im Nationalrat. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

Entlässt das Grossunternehmen dafür auch an den anderen Schweizer Standorten Angestellte? Mediensprecher Conrad Gericke lässt dies auf Anfrage unbeantwortet. Die krisenbedingten Entlassungen bei der Eftec hatte er zuvor schlicht abgestritten: «Es gab bei der Eftec in Romanshorn keine Kündigungen wegen Corona.» Auf die Nachfrage, was es denn mit den aktuellen Entlassungen bei Eftec für eine Bewandtnis habe, antwortet er: «Zu einzelnen Personalveränderungen nehmen wir keine Stellung.»

Manuel Wyss, Mitglied der Sektorleitung Industrie der Gewerkschaft Unia, sagt: «Es kann sein, dass einzelne Firmen nun versuchen, unter den Massenentlassungsquoren zu segeln.» In der Schweiz ist klar definiert, was als Massenentlassung gilt: Für Firmen mit zwischen zwanzig und hundert Angestellten liegt die Grenze bei zehn Entlassungen in dreissig Tagen, bei Firmen ab hundert Angestellten bei zehn Prozent der Belegschaft. Die Eftec beschäftigt gut hundert MitarbeiterInnen. Bei einem als Massenkündigung geltenden Vorgehen müsste das Unternehmen etwa Transparenz zu den Entlassungsgründen schaffen sowie einen Sozialplan für die Betroffenen ausarbeiten. Wyss sagt, die Unia versuche, über Gesamtarbeitsverträge (GAV) die Unternehmen zu mehr Verantwortung zu verpflichten, als es gesetzlich vorgeschrieben sei. Man handle mit den Unternehmen etwa eine längere Frist aus, in der Entlassungen zusammengezählt würden. Ohne solche Vereinbarungen drohe eine Salamitaktik: «Die Unternehmen können dann Entlassungen, die aus dem offensichtlich gleichen Grund passieren, einfach auf mehrere Monate verteilen.» Die Ems-Chemie am Standort Domat-Ems untersteht zwar einem Gesamtarbeitsvertrag mit der Gewerkschaft Syna. Die Eftec in Romanshorn hat jedoch keinen GAV abgeschlossen.

«Die faulen Eier loswerden»

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat am Dienstag die neusten Arbeitslosenzahlen veröffentlicht. Sie zeigen: Die Coronakrise wirkt sich bereits stark aus. Im März ist die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vormonat um 0,4 Punkte auf 2,9 Prozent gestiegen. Insgesamt waren Ende März 135 624 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) arbeitslos gemeldet. Das sind 17 802 mehr als noch im Vormonat. Besonders betroffen sind Menschen ohne Schweizer Pass: Bei dieser Gruppe stieg die Arbeitslosigkeit in nur einem Monat von 4,6 auf 5,4 Prozent (vgl. «Wie viele Menschen verlieren ihre Arbeit?» im Anschluss an diesen Text). Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, ist überzeugt: «Es gibt keinen Grund für Entlassungen. Der Bundesrat hat mit den Liquiditätshilfen und der Kurzarbeit ein Stützprogramm lanciert, das eben gerade der Arbeitsplatzerhaltung dient.»

Doch die grösste Gewerkschaft der Schweiz erlebt grosse Unsicherheit bei den ArbeiterInnen. Alleva spricht von einer Flut an Meldungen und Anfragen. «Wir bekommen derzeit sehr viele Anrufe von Leuten, die ihren Job verloren haben oder zumindest um ihre Stelle fürchten.» Besonders betroffen sind gemäss der Unia-Präsidentin Angestellte in der Gastronomie, StundenlöhnerInnen und Temporärangestellte (vgl. «Die Kleinen sterben, die Grossen machen Deals»), aber auch Hausangestellte oder Selbstständige. «Gravierend ist die Situation natürlich für Sans-Papiers.» Wer ohne Wissen der Behörden arbeitet, hat keinen Anspruch auf Hilfe.

Von Massenentlassungen hat die Gewerkschaft bislang keine Kenntnisse, «doch wie sich die Situation mittelfristig entwickeln wird, ist derzeit schwer abzuschätzen». Derweil mehren sich die Hinweise auf andere Fälle wie jene bei der Eftec: Unia-Pressesprecherin Leena Schmitter sagt, man versuche sich gerade einen Überblick zu verschaffen. «Wir haben aber bereits Kenntnisse von mehreren Fällen, in denen Kündigungen von Festangestellten ausgesprochen wurden, obwohl die Möglichkeit für Kurzarbeit bestanden hätte.»

Auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) ist alarmiert. Chefökonom Daniel Lampart stellt fest, dass einige Unternehmen die Situation nutzen wollen, um unliebsame MitarbeiterInnen loszuwerden. Der SGB habe in der Krise schon von UnternehmerInnen gehört, man werde jetzt die «faulen Eier aussortieren». Die Auseinandersetzung darüber, wer die Krise bezahle, habe gerade erst begonnen. «Bisher waren wir mit Feuerlöschen beschäftigt», doch gerade in den Betrieben stehe nun ein Kampf um die Rechte der Angestellten an, die vermehrt unter Druck gerieten. «Das wird hart», sagt Lampart. «Denn die Profitmaximierer haben sich in der Krise nicht geändert.»

Fehlender Kündigungsschutz

Die Gewerkschaften haben allerdings schlechte Karten: In der Schweiz herrscht der Grundsatz der Kündigungsfreiheit. Unternehmen können ihre Angestellten jederzeit ohne triftige Gründe entlassen. «Was es eigentlich bräuchte, ist ein Kündigungsschutz», sagt Vania Alleva. «Doch wir sind in den letzten Jahren mit allen Vorstössen in diese Richtung gescheitert. Zuletzt mit dem Versuch, die Arbeitsplatzsicherheit zumindest für die über Fünzigjährigen zu verbessern.» Die in der Krise erreichte Verbesserung der Arbeitslosenunterstützung sei zwar wichtig; erstes Ziel müsse aber die Verhinderung von Arbeitslosigkeit bleiben. Für Alleva bräuchte es aber noch mehr: Sie fordert, dass die Hilfsmassnahmen für die Unternehmen an die Bedingungen geknüpft werden, keine Entlassungen vorzunehmen.

Einige der entlassenen Eftec-Angestellten wollen rechtlich gegen ihre Kündigung vorgehen. Martin Baumann wurde vom Unternehmen am Dienstag zum Austrittsgespräch aufgeboten. Dort habe es plötzlich geheissen, die Kündigung sei aus Leistungsgründen erfolgt. «Wegen Differenzen mit der Vorgesetzten.» Auf Forderungen wie eine Abfindung oder Begleitung bei der Stellensuche sei die Eftec nicht eingegangen. Baumann sagt: «Dagegen werde ich mich wehren.» Er sei allerdings inzwischen auch froh, nicht mehr für ein solches Unternehmen arbeiten zu müssen.

* Name geändert.

Arbeitsmarkt

Wie viele Menschen verlieren ihre Arbeit?

Die Coronakrise trifft den Arbeitsmarkt mit voller Wucht: Das zeigen die neusten Zahlen des Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)* vom Dienstag. Seit Inkrafttreten der Massnahmen Mitte März stieg die Zahl der Arbeitslosen pro Werktag um etwa 1900 Personen. Ende März gab es gegenüber dem Vormonat rund 23 000 Arbeitslose mehr, ein Plus von 20 Prozent. Und gemäss Seco stieg die Kurve in der ersten Aprilwoche noch steiler an. Am brutalsten trifft es das Gastgewerbe. Hier war die Arbeitslosigkeit schon vor dem Ausbruch der Krise besonders hoch. Im März stieg nun die Quote von 5,2 auf 7,5 Prozent. Das sind allein in dieser Branche 4378 Menschen mehr, die nach einem Job suchen. Überdurchschnittlich betroffen sind auch der Handel und die Industrie. Besonders hart trifft die Krise ausländische ArbeiterInnen: Das liegt auch daran, dass die Saisonbetriebe in den Wintersportorten abrupt eingestellt werden mussten. Auch die Jugendlichen sind von der Krise überdurchschnittlich betroffen: Bei den 15- bis 24-Jährigen stieg die Arbeitslosenquote von 2,3 auf 2,8 Prozent an.

Der sprunghafte Anstieg der Arbeitslosenzahlen überrascht, weil gleichzeitig die Anträge auf Kurzarbeit explodieren: Schweizweit sind bisher Gesuche für 1,5 Millionen Personen eingegangen, also für bereits rund 30 Prozent der Erwerbstätigen. Im Tessin dürften 45 Prozent der Erwerbspersonen von Kurzarbeit betroffen sein. Das Seco geht im Fall einer monatelangen Fortdauer der Krise davon aus, dass 50 Prozent der Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen sein werden. Die Massnahme soll eine grössere Entlassungswelle verhindern. Doch eine kürzlich vom Wirtschaftsverband Economiesuisse bei seinen Mitgliedern durchgeführte Umfrage zeigt: Rund ein Drittel der Schweizer UnternehmerInnen ziehen in den nächsten Monaten Entlassungen in Betracht. Die meisten Befragten gehen von keinem baldigen Ende der Krise aus. Ihre wirtschaftliche Lage werde sich frühestens in einem halben Jahr wieder normalisieren. Sie kämpfen dabei nicht nur mit Absatzschwierigkeiten und Liquiditätsproblemen. Viele Unternehmen erhalten derzeit auch keine Produkte ihrer Zulieferer.

Sarah Schmalz

* Korrigendum vom 9.4.2020: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion wurde das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) fälschlicherweise als Bundesamt für Wirtschaft bezeichnet.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch