Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Der Boom des modernen Nomadentums

Bei den Hochqualifizierten wie bei den Ungelernten wächst das Heer von Arbeitsuchenden, die gerne eine Festanstellung hätten, aber nur noch temporär beschäftigt werden – sogar im öffentlichen Dienst.

Von Susan Boos

Sandro Fässler will sich nicht beklagen, das betont er mehrmals. Er mag seine Arbeit, seinen Vorgesetzten, seine KollegInnen, deshalb möchte er auch nicht mit echtem Namen zitiert werden. Aber sein Arbeitsverhältnis ist skandalös: Er arbeitet im öffentlichen Dienst – angestellt ist er jedoch von einer Leihfirma.

Schon bei der Einstellung sei für ihn – wie auch für seinen Vorgesetzten – klar gewesen, dass es ein längerfristiges Arbeitsverhältnis werden könnte. Am liebsten bis zu seiner Pensionierung in ein paar Jahren. Doch er bekam keine feste Anstellung, sondern nur einen einjährigen Vertrag von einer Leihfirma, der wahrscheinlich regelmässig verlängert wird.

In der Abteilung, in der er arbeitet, wurde vor ein paar Jahren ein Personalstopp verhängt. Die Arbeit fällt trotzdem an, weshalb das benötigte Personal über eine Personalverleihfirma angeheuert wird. Buchhalterisch erscheint Fässlers Stelle nicht in der Rubrik «Personalaufwand», sondern unter «Externe Dienstleistungen». Theoretisch werden damit Personalkosten gespart, praktisch aber nicht, weil die Verleihfirma Gebühren kassiert.

«Kürzlich war ich mal krank, da wurde mir bewusst, dass ich schlechter gestellt bin als bei einer Festanstellung», sagt Fässler. Vom ersten Tag an musste er ein Arztzeugnis vorlegen und erhielt nur achtzig Prozent des Lohns. Festangestellte haben jedoch eine Karenzfrist von drei oder fünf Tagen.

Auch ist Fässler im Stundenlohn beschäftigt – Ferienanteil und 13. Monatslohn sind darin bereits eingerechnet: «Du musst selber dafür sorgen, dass du genug Geld zur Seite schaffst, sonst kannst du keine Ferien nehmen, weil in dieser Zeit ja kein Geld reinkommt.» Auch auf Gratifikationen habe er keinen Anspruch.

300 000 Temporäre

LeiharbeiterInnen sind Angestellte zweiter Klasse. Und das Verleihgeschäft boomt: «In den vergangenen zehn Jahren hat die Lohnsumme im Durchschnitt jährlich um knapp zehn Prozent zugenommen», sagt André Kaufmann, der bei der Gewerkschaft Unia bis vor kurzem für den Bereich Personalverleih zuständig war. Die Temporären haben im vergangenen Jahr eine Lohnsumme von etwa 4,7 Milliarden Franken erwirtschaftet.

Die LeiharbeiterInnen sind in der Krise die Ersten, die den Job verlieren. Sie sind aber auch die Ersten, die wieder angestellt werden, wenn es der Wirtschaft besser geht.

André Kaufmann hat den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Personalverleih, der seit drei Jahren gilt, mit ausgehandelt (vgl. «Bald mehr Lohn?» im Anschluss an diesen Text). Es sei gewerkschaftsintern umstritten gewesen, ob man für einen GAV überhaupt Hand bieten soll: «Denn eigentlich wollen wir den ganzen Personalverleih auf die klassische Temporärarbeit beschränkt haben. Das heisst zeitlich stark befristete Einsätze, vor allem um Arbeitsspitzen und Ferienabsenzen zu bewältigen. Die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre ist nicht rückgängig zu machen. Da ist es doch besser, wenigstens Minimalstandards zu haben.»

Selbstverständlich gibt es Temporäre, die nur mal jobben wollen, wie zum Beispiel StudentInnen. Doch sind das laut einer Studie von Swissstaffing – dem Verband der PersonalverleiherInnen – nur etwa zwanzig Prozent der vermittelten Personen, der grosse Rest sucht eine Festanstellung. Die Ende März publizierte Studie zeigt auch, dass der Anteil der gut ausgebildeten Leute, die temporär beschäftigt sind, kontinuierlich zunimmt.

Die Temporärbranche spürt im Moment den starken Franken. Im Januar lief das Geschäft noch gut, doch nach dem Entscheid der Nationalbank, den Franken nicht mehr künstlich tief zu halten, brach es im Februar sofort ein. Im März konnten, verglichen mit dem Vorjahresmonat, zehn Prozent weniger Personal vermittelt werden.

Georg Staub, Direktor von Swissstaffing, sagt der WOZ, er wolle das nicht dramatisieren: «Man kennt das Jahr erst, wenn der Mai vorüber ist, weil Anfang Jahr die Witterung und die vielen Feiertage die Daten verzerren.» Auch glaubt er nicht, dass wegen des starken Frankens der GAV bedroht sei. Die Verleihfirmen werden am 6. Mai über die Verbesserung des GAVs befinden.

Weniger feste Stellen

Im Kanton Aargau, zwischen Baden und Olten, sind viele Logistikbetriebe angesiedelt, etwa die Verteilzentren von Post, Migros und Coop. Oder auch grosse Produktionsbetriebe wie Frey und Mibelle, die beide der Migros gehören und Schokolade respektive Hygiene- und Kosmetikprodukte herstellen. All diese Unternehmen greifen regelmässig auf LeiharbeiterInnen zurück. Vor dem Oster- und dem Weihnachtsgeschäft sind es zum Beispiel bei Frey über 200 Personen, die für einige Wochen angeheuert werden.

Der Kanton Aargau ist sich der Problematik bewusst. Die Temporärbranche sei zwar ein eigentliches Erfolgsmodell, schreibt Thomas Buchmann, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA), in der Zeitschrift «Arbeitswelt Aargau»: «Allerdings gibt es auch Schattenseiten, so sind Karrieren von Arbeitsnomaden sehr instabil. Je länger diese dauern, desto mehr sinken die Chancen auf eine Feststelle.» Und Massimo Bastianelli, beim AWA zuständig für die Personalverleihfirmen, konstatiert: «Die Arbeitgeber gehen vermehrt dazu über, das Risiko vorübergehender Auftragsrückgänge auf die Mitarbeitenden auszulagern.» Temporärangestellte würden manchmal auch so eingesetzt und entlöhnt, dass die Firmen keine Pensionskassengelder bezahlen müssten.

2014 waren schweizweit über 300 000 Personen temporär beschäftigt, was 77 000 Vollzeitstellen entsprach. Schaut man die Statistik an, zeigt sich: Das «Risiko vorübergehender Auftragsrückgänge» wird auch auf den Sozialstaat abgeschoben. Im Kanton Aargau verdreifachte sich in den letzten fünfzehn Jahren die Zahl der verliehenen Personen. Die Zahl der Personen, denen eine feste Stelle vermittelt werden konnte, ging im selben Zeitraum um die Hälfte zurück. Der Arbeitsmarkt wird also umgepflügt: Es gibt immer weniger feste Stellen, dafür immer mehr temporäre. So wird eine Gruppe von flottierenden Arbeitsuchenden produziert, die nur beschäftigt werden, wenn es Arbeit gibt – und sonst beim RAV anklopfen müssen. Das ist schön für die Betriebe, lassen sie sich doch damit durch die Arbeitslosenkasse subventionieren.

Die Sicherheit schwindet

Sandro Fässler lebt schon lange als Arbeitsnomade. Als er noch jünger war, betreute er Kulturprojekte. «Damals konnte ich mir einreden, der Job sei spannend und gewähre Freiheit, doch letztlich war es auch einfach nur prekär. Was früher nur im Kulturbereich üblich war, wird sich zunehmend in vielen anderen Bereichen durchsetzen. Davon bin ich überzeugt.»

Fässler hatte auch einen Teilzeitjob an einer Universität, ebenfalls mit einem befristeten Vertrag, wie viele andere auch. «Es hiess immer, wir hätten kein Geld. Alle bangten, ob ihr Projekt durchkommt und ihr Vertrag verlängert wird. Das gab ein Hickhack und machte die Leute fertig.»

Er kennt wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die nur Jahresverträge hätten, und das schon seit vielen Jahren. Wenn man jung sei, gehe das. Aber sobald man Familie habe, mache einen diese Unsicherheit kaputt.

Sandro Fässler ist davon überzeugt, dass künftig immer mehr Menschen über Zeitfirmen beschäftigt werden. «Die soziale Sicherheit fällt weg. Jeder muss für sich die Verantwortung übernehmen, dass er fit ist und gesund bleibt. Wer nicht damit umgehen kann, wird daran zerbrechen.»

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