Nr. 36/2020 vom 03.09.2020

Gewalt kann keine Heilung bringen

Von Susan Boos

Ein Teenager wird zwei Wochen lang an ein Bett gefesselt – die «Sieben-Punkt-Fixierung»: Handgelenke, Fussgelenke, Oberschenkel, Brust sind ans Bett gebunden. Zusätzlich wird ihm ein Medikamentencocktail verabreicht. So geschehen vor neun Jahren auf Anordnung von drei Ärzten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Der Staatsanwalt beurteilte das Prozedere als Freiheitsberaubung. Deshalb standen die Ärzte letzte Woche vor Gericht. Der Prozess hat eine lange Vorgeschichte. Die Medien schrieben viel über den Fall Brian, vormals «Carlos» (siehe WOZ Nr. 46/2019). Die Psychiater sagten nun vor Gericht, die lange Fixation sei nötig gewesen, weil eine «grosse Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit vorlag». Der Richter sprach sie frei.

Brians Anwalt will das Urteil weiterziehen. Zum Glück. Es geht in diesem Fall nicht um Brian und nicht um die Justiz. Es geht um das Tabu der Zwangspsychiatrie. Was tun mit Menschen in einem psychischen Ausnahmezustand? Sie lassen nicht mit sich reden, sind aggressiv, überfordern. Also übergibt man sie der Psychiatrie. Sie soll dafür sorgen, dass die Verrückten wieder runterkommen.

Früher gab es Zwangsjacken, Elektroschocks, Lobotomie. Bei der Lobotomie wurde chirurgisch ein Teil des Gehirns zerstört. Viele Behandelte trugen Behinderungen davon. Die Psychiatrie hat sich zweifellos weiterentwickelt. Aber bei Menschen, die im psychischen Ausnahmezustand ausfällig werden, ist sie noch immer hilflos. Deshalb greift sie zu Gewalt, wo sie eigentlich heilen möchte.

Der Uno-Fachausschuss, der die Einhaltung der Behindertenrechtskonvention überwacht, ist «tief besorgt» darüber, «dass die Vertragsstaaten die Verwendung von physischen und chemischen Fesseln, Einzelhaft und andere schädliche Praktiken nicht als Folter anerkennen». Die Schweiz gehört zu den Vertragsstaaten. Es ist Zeit, endlich über das Tabu zu reden. Niemand sagt, dass es einfach wird. Aber Menschen im psychischen Ausnahmezustand sollten niemals Folter erleiden müssen.

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