Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Ein Akt politischer Freundschaft

In «Gegenwartsbewältigung» seziert der deutsche Lyriker Max Czollek das deutsche Nationalverständnis – und entwirft Strategien für einen zeitgemässen Antifaschismus.

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

«Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden»: Der Politologe Max Czollek im Maxim-Gorki-Theater in Berlin, Dezember 2019. Foto: Mustafah Abdulaziz, Laif

Eines hat die Coronakrise eindrücklich gezeigt: Wenn der Wille da ist, lässt sich so einiges in Bewegung setzen. Da wurden Staatsschulden aufgenommen und Milliarden für Kurzarbeit ausgegeben, da wurde auf die Reisefreiheit verzichtet und die Einschränkung weiterer Grundrechte in Kauf genommen, und da erwachte schliesslich ein Bewusstsein dafür, dass sogenannte Systemrelevanz sich nicht aus dem Potenzial für die Profitmaximierung ergibt.

Für den Berliner Lyriker Max Czollek ist diese plötzliche Beweglichkeit kein Grund zur Freude. Denn geht es nach ihm, hat der Umgang mit der Pandemie weniger demonstriert, wie handlungsfähig Staat und Gesellschaft sind, wenn sie wollen – sondern, dass sie manchmal eben nicht wollen, was das Ganze nur noch viel schlimmer macht. Nur so lasse sich die ausbleibende Reaktion auf das Massensterben im Mittelmeer, die Nazistrukturen in deutschen Behörden, auf Anschläge wie jene in Halle oder Hanau lesen: als Ausdruck politischen Unwillens.

Die schmerzliche Erkenntnis einer «beschränkten Solidarität», die nur greift, wenn die potenziellen Betroffenen die eigenen Grosseltern sind, nicht aber für die Marginalisierten einer Gesellschaft gilt, steht am Anfang von «Gegenwartsbewältigung», Czolleks soeben erschienenem Essay. Eine Erkenntnis, um die Angehörige von Minderheiten in Deutschland schon lange wissen und die tiefe Spuren hinterlassen hat: «Dieser Staat liess sie nicht nur einmal im Stich, als sie auf seinen Schutz angewiesen waren», konstatiert Czollek. Gegenstand seines neuen Buchs sind die Konsequenzen aus dieser Einsicht.

Auf den Müll mit der Leitkultur

Entliehen ist der Begriff «Gegenwartsbewältigung» dem New-Klezmer-Sänger Daniel Kahn, der sich aus der Erkundung der verlorenen jüdischen Zukunft in Europa Handlungsfelder für das Hier und Jetzt erschloss. Der «Gegenwartsbewältigung» gegenüber steht die Bewältigung der Vergangenheit, eine Disziplin, in der die Deutschen ja bekanntlich Weltmeister sind. Ausgehend davon setzt der Politologe Czollek zur präzisen Vermessung eines Landes an, das sich nicht von der eigenen Vergangenheit emanzipiert hat und so auch nicht die Gegenwart neu denken kann.

Die Ursachen für diese Problematik verortet der 33-Jährige in einem deutschen Nationalismus, der sich durch «die Verbindung von völkischem Denken und kulturellen Überlegenheitsfantasien» auszeichnet. Als beispielhaft dafür sieht er die Antwort mancher auf die Frage, was gute Kunst ausmacht. Für den antisemitischen Komponisten Richard Wagner wie auch für gewisse Kulturschaffende heute sei die Voraussetzung dafür «eine Verwurzelung in der nationalen Kunst» – ein Diktum, das nicht bloss wieder jene ausschliesst, die nach dieser Sichtweise nicht verwurzelt genug sind, sondern auch verkennt, dass gute Kunst erst im Austausch entsteht.

Neben diesem Exkurs in die deutsche Kulturgeschichte streift Czollek diverse Themen, die in Deutschland zurzeit rege diskutiert werden: von Rassismus in der BRD und der DDR und Erinnerungspolitik über historische Kontinuitäten seit dem Zweiten Weltkrieg bis zum daraus resultierenden Mythos einer «bürgerlichen Mitte». In ihrem Bestreben, sich von rechts wie links gleichermassen abzugrenzen, nähert sich diese Mitte bloss der Rechten an. Die Skizze dieser Themen dient Czollek dazu, bürgerliche Kampfbegriffe wie «Leitkultur», «Heimat» und «Integration» zu sezieren, nur um sie endgültig auf den diskursiven Müllhaufen zu verbannen. War die Kritik an diesen Konzepten bereits wesentlicher Bestandteil seines ersten Essays «Desintegriert euch!» von 2018, leitet Czollek in «Gegenwartsbewältigung» daraus Strategien für den Kampf um gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung ab.

Identitätspolitik weiterdenken

Eine dieser Strategien ist die «wehrhafte Poesie», die Czollek auf einen knalligen, etwas albernen Slogan bringt: «Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden.» Schon immer habe es auch KünstlerInnen gegeben, die Kunst als Widerstand gegen den herrschenden Diskurs verstanden hätten. Eine Rückbesinnung auf deren Werk könnte den KünstlerInnen von heute helfen, glaubt er.

Als hilfreich sieht der Publizist die (viel debattierte) Identitätspolitik der letzten Jahrzehnte, für deren Weiterdenken er plädiert. «Wir definieren Verbündet-Sein als Art der ‹politischen Freundschaft›, bei der die Anliegen der Anderen zu den je eigenen Anliegen werden», erklärt Czollek. «Verbündet-Sein» bedeutet für ihn auch, von persönlicher Diskriminierung zu abstrahieren, um Diskriminierung insgesamt zu bekämpfen, «komplexe Intersektionalität» nennt er das. Die Gesellschaft, die er bereits in seinem letzten Buch imaginiert hat, ist ein «Ort der radikalen Vielfalt».

Wie dieser Ort gegenüber der Bedrohung von rechts – im deutschen Parlament wie auf der Strasse – wehrhaft bleibt, hat Czollek kürzlich in einem Interview beschrieben: Man müsse «den antifaschistischen Geist des Grundgesetzes für die plurale Gegenwart neu denken – als postmigrantischen Antifaschismus». Als Gesellschaft also, die allen Schutz bietet.

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