Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Wunderbar geschrieben, legt den Finger in die Wunde. Bitte noch mal, damit ich es noch tiefer spüre!

Was kann Literatur bewirken? Politik machen kann sie jedenfalls nicht, weiss die Schriftstellerin Anke Stelling. Wozu also schreiben, wenn es doch nichts bringt? Genau deswegen!

Von Anke Stelling

«Ich wünsche mir dringend Veränderung. Ich finde die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in Ordnung»: Anke Stelling. Foto: Anne Schönharting, Ostkreuz

Jetzt hab ich schon wieder mit einer Journalistin gesprochen. Ich wollte doch endlich mal aufhören damit. Wollte drauf bestehen, dass Schreiben mein Metier ist, nicht Reden. Auskunft geben, ja, aber schriftlich, literarisch, sorgfältig in Form gebracht. Das ists, was ich tue. Damit verdiene ich mein Geld. Das ist schon schizophren genug, dass Kunst- und Kassemachen bei mir zusammenkommen, da muss sich nicht auch noch das Stellungnehmen dazwischenschieben. Zumal es in den Gesprächen kaum um Literatur geht, mehr um Phänomene und Gesellschaft und Politik. Wieso manche erben und andere nicht, wie es ist, Kinder zu haben und dann noch Pandemie, warum Frauen sich nicht trauen und weisse Männer jetzt manchmal schon glauben, dass sie nicht mehr interessant sind. Ich will mich gerne dazu äussern, ich bin ungeheuer äusserungswillig (was ein Glück ist, sonst wirds schwer als Schriftstellerin). Und ich hab mich zu allem, wozu ich befragt werde, ja auch schon geäussert, deshalb werd ich ja gefragt. Damit ichs noch mal tue, nur jetzt mündlich.

Und ich fall prompt drauf rein. Denke, wenn ich wiederhole, worum meine Geschichten sich drehen, was die Figuren für welche sind, unter welchen Phänomenen – gesellschaftlich und politisch – sie zu leiden haben und wozu mein Nachdenken über sie mich geführt hat … wenn ich das alles in ein paar prägnanten Sätzen noch einmal zusammenfasse, dann könnte das was bewirken. Politisch und gesellschaftlich.

Letzte Woche sollte ich mich zur «Rückkehr der Klassenfrage ins deutsche Feuilleton» äussern. An der ich beteiligt gewesen sei wegen meines Romans über eine mittellose Frau, die sich fragt, woher ihre bessergestellten Bekannten eigentlich die Mittel haben, um es so viel besser zu haben. Die dann darauf kommt, dass vielleicht doch nicht alle vom selben Punkt aus gestartet sind, und wissen will, wo sie wohl hin ist, die nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Ob die vielleicht nur in ihrem Kopf existiert und wer sie da dann reingepflanzt hat – und genau an diesem Punkt, an dem meine Ausführungen jetzt auch sind, meinte der Interviewer, ich solle doch bitte mal aufhören, mich ständig hinter dieser Frau zu verstecken, und stattdessen über mich selbst reden. Wann ich mich denn zum ersten Mal für meine Herkunft so richtig doll geschämt hätte, woraufhin ich das Interview abbrechen wollte. Gleichzeitig hatte er natürlich recht, ging es mir exakt wie der Frau im Roman: Ich brauchte das Geld, das der Sender mir fürs Interview bezahlen wollte, dringend, weil nämlich am selben Tag das Berliner Mieterschutzgesetz für nichtig erklärt worden und meine Miete um dreissig Prozent gestiegen war. Also opferte ich meine Identität als Schriftstellerin derjenigen einer von Klassismus betroffenen Interviewten; das geht, das hab ich drauf. Die Frage ist, wie oft ich mir das leisten kann und wanns numschnabbt – ein Wort, mit dem meine schwäbische Mutter mich beerbt hat.

Meine Verlegerin sagt dazu: «Red ruhig mit den Journalisten, setz dich auf Podien, sprich das Radio voll … solange es den Kern deiner Arbeit nicht verletzt.» Denn der muss halten. Ein ganzes Arbeitsleben lang, das bei soloselbstständigen Künstlerinnen ohne Rücklagen und Rentenanspruch bis zum Tod reicht. Wenn dieser Kern bricht (verdorrt? nicht mehr auskeimt?), verliere ich meine Identität als Schriftstellerin endgültig statt nur für die Dauer eines Interviews. Also muss ich aufpassen, wie viel Platz ich der Diskussion sozialer Fragen sowie der damit eventuell erreichbaren Verbesserung meiner eigenen sozialen Lage gebe, sonst deckeln die am Ende noch das Erdreich, in dem der Kern liegt.

Eines weiss ich inzwischen sicher: Meine Scham gehört mir. Sie muss auf jeden Fall beschützt werden vor unerlaubtem Zugriff; als Teil meiner Erfahrungs- und Gefühlswelt ist sie auch Teil des Kerns. Ich brauche meine Gefühle als Stoff für meine Geschichten, und die Gefühle fühlen zu können, ist die Voraussetzung, um überhaupt zu schreiben. «Antrieb» wird das manchmal auch genannt, was mir aber nicht gefällt, weil das den Kern zum Motor und die Autorin zum Auto macht. Zumindest biomechanisch sollte die Metapher sein, ich bleib deshalb bei Kern – dass aus dem was wächst, hat auch mit dem Wunder des Lebens zu tun.

2014 sagt Jane Fonda in einem Interview in der «FAZ»: «Das Geheimnis ist, interessiert zu bleiben, statt interessant sein zu wollen.» Zwar wird sie da – wie meistens – nicht nach dem Kern ihrer Arbeit, sondern nach dem Geheimnis ihrer nicht enden wollenden Attraktivität gefragt, doch sie ist nachsichtig, scheint selbst nicht allzu streng zwischen Arbeit und Leben, Person und Persona zu unterscheiden, dafür in ihrer Antwort eindeutig zwischen Subjekt und Objekt. Interessiert, nicht interessant. Der Kern besteht darin, Subjekt zu sein, das eigene Fühlenkönnen über die eigene Wirkung, also die Gefühle anderer, zu stellen. Was wahrlich nicht leicht ist.

Bei wem Kunst- und Kassemachen zusammenfallen, ist zum Beispiel immer wieder versucht, die eigenen Gefühle den angenommenen Gefühlen der anvisierten LeserInnenschaft zu opfern beziehungsweise die Fülle der eigenen Gefühle dem Verkaufsbedürfnis als einzig Wichtigem. Da spreche ich, wie gesagt, aus Erfahrung. Und sage auch: Das geht nicht gut. Gelesen werden – also interessant sein – zu wollen, ist zu wenig, um daraus Literatur zu machen, und wer dann anfangen muss, sich mit Gewalt Gefühle zu verschaffen und von sonst woher ein Fühlen zu besorgen, braucht so starke Drogen und persönliche Dramen, dass es sich erst recht nicht mehr rechnet. Also pass ich lieber gleich auf die Gefühle auf und darauf, sie fühlen zu können. Setze mein Fühlenkönnen auch nicht ein für eine ohnehin schon fragwürdige Verstärkung meiner politischen Wirksamkeit.


Ich wünsche mir dringend Veränderung. Ich finde die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in Ordnung. Egal, wo ich hinsehe, fallen mir Missstände auf und Verbesserungsmöglichkeiten ein; ich konstatiere Ungerechtigkeit, Gewalt, Ausbeutung und Scheinheiligkeit, fordere Chancengleichheit, Zurückhaltung, Entlohnung und Bewusstsein. Meine Macht ist begrenzt. Nicht dass ich geglaubt hätte, oben erwähnter Roman würde sich direkt auswirken und etwa VermieterInnen dazu bringen, ab sofort auf Zahlungen, die über den Erhalt ihrer Immobilien hinausgehen, zu verzichten. Oder gar auf den Besitz dieser Immobilien selbst. Womit ich aber schon ein bisschen gerechnet hatte, war, dass zum Beispiel VermieterInnen nach der Lektüre wüssten, wie es sich anfühlt, Mieterin zu sein, also jeden Monat zahlen zu müssen, mehr und immer mehr, und sich das irgendwann nicht mehr leisten zu können und dann auch noch vorgeworfen zu kriegen, selbst dran schuld zu sein. Und ist das nicht auch schon was, diese Einfühlung?

Nein, denn was mir dann aufging – spät, dafür mit einigem Schrecken –, war, dass allerlei VermieterInnen den Roman lesen als eine Art Selbstgeisselung inklusive Ablasshandel: wunderbar geschrieben, legt den Finger in die Wunde, trifft genau den Punkt. Bitte noch mal, damit ich es noch tiefer spüre! – Und schon reicht die Romanfigur für diesen Zweck nicht mehr aus, soll die Schriftstellerin ihr einen Körper geben und an ihrer Stelle neue und immer bessere Schamgeschichten auf der Pfanne haben, die sie dann in Interviews und auf Podien verbrät. Denn ja, es gibt sie wirklich, diese arme Mieterin, es gibt sie ganz in echt und sie fühlt Scham und schuftet und hat Schuld, und wer mit ihr fühlt, muss nichts ändern, sondern hat schon alles getan. «Systemerhaltend» nennt man diese Wirkung, und sie ist schwer zu ertragen für eine, die sich nach Veränderung sehnt, noch schwerer, als wenn die heimlich erhoffte Veränderung einfach nur ausbleibt. Doch weder lässt sich die eine Wirkung herbei- noch gegen die andere Wirkung anreden; auf die Gefühle anderer beim Lesen und ob und zu welchem Handeln sie führen, hat niemand Einfluss. Nicht mal in Bezug auf die eigenen Texte.


1931 ist Walter Benjamin lesbar verzweifelt. Über den Erfolg von Kästners Gedichten, der auf den ersten Blick hoffnungsfroh stimmen könnte – Politisierung des Volkes durch einen linken Dichter! –, in Benjamins Augen jedoch nur daher rührt, dass sich die «gequälte Stupidität» der kästnerschen Verse mit der «negativistischen Ruhe» ihrer KonsumentInnen trifft. Sich paart und eine Melancholie hervorbringt, in der alles bleibt, wie es ist. Benjamin versucht in seinem Aufsatz «Linke Melancholie», zu ergründen, wies beim Kollegen zu dieser Schwermut kommen konnte, und stösst auf Routine: «Routiniertsein heisst, seine Idiosynkrasien geopfert, die Gabe, sich zu ekeln, preisgegeben zu haben.» Und Kästner teilt den Befund, hat sich lyrisch längst selbst untersucht gehabt:

Ich setze mich sehr gerne zwischen Stühle. Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen. Ich gehe durch die Gärten der Gefühle, die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

Man kann auch das wiederum witzig finden. Treffend beobachtet, köstlich serviert in biomechanischen Metaphern; Benjamin aber lässt es angewidert zurückgehen. Findet es traurig, so etwas witzig zu finden. Sich an der Leere zu laben, sich in ihr einzurichten. Er wirft Kästner Verrat vor: Kollaboration mit der Kapitulation vor der eigenen Hilf- und Gefühllosigkeit. Aber was könnte Kästner tun? Worüber schreiben, wenn sein stärkstes Gefühl das Ich-fühl-es-nicht ist? Immerhin fühlt ers noch genug, dass es ihm als Schreibanlass dient, und schreibt so gut, dass es sich vermittelt. Dass es traurig ist und dazu stets das Gleiche – «Sachliche Romanze», «Fauler Zauber», «Traurigkeit, die jeder kennt», «Ein Mann verachtet sich», «Ein Mann gibt Auskunft» –, ist natürlich traurig, aber eben auch das Einzige, was Literatur kann: das, was da ist, da sein zu lassen. Dieses Das wirkt hoffnungsvoll, wenn es sich um Hoffnung, Aufbruch und Utopie handelt, und schwermütig, wenn es Schwermut, Stillstand und Dystopie ist. Und in Wahrheit wirkt es eben gar nicht, sondern scheint nur so. Literatur kann scheinen und damit etwas erhellen, Politik machen kann sie nicht.

Aus Benjamins Vorwurf spricht Enttäuschung: darüber, dass die grosse Anschlussfähigkeit der kästnerschen Verse in der Melancholie liegt und sich die Rezeption im Anschlussfinden auch schon erschöpft. Kästner ist selbst enttäuscht davon, kommt aber nicht dagegen an, im Gegenteil, die Enttäuschung wird immer schlimmer und deshalb auch immer mehr Gegenstand. Er versucht, dem entgegenzuwirken, indem er schon während der Produktion in die Rezeption eingreift, manisch Anmerkungen, Vorwörter, Untertitel und Überschriften schreibt, und aus all diesen Moderationen spricht dann wieder nur dasselbe: der Wunsch des Autors, dass bitte wer anderes es fühlen soll (und zwar richtig). Er wendet sich den Kindern zu, erinnert sich, dass es bei ihm als Kind auch noch anders war, die Gefühle noch nicht tot, doch wie dorthin zurück? Durch Dramen, durch Drogen, durch Regression. Dadurch, doch noch Vater zu werden, nein, dann lieber doch nicht. Das ist alles traurig und mal im Ernst: Wie soll es anders sein? Schon mal versucht, durch  mehr als fünfzig Jahre des vergangenen Jahrhunderts hindurch Schriftsteller zu bleiben?

Das war jetzt eine moralisch-rhetorische Zwischenfrage im Stile Kästners. In der Hoffnung, dass sich vermittelt, wovon dieser Aufsatz spricht, hab ich mich direkt an euch gewandt – obs funktioniert, keine Ahnung. Ich finds nicht schlecht: als Ausdruck meiner kleinbürgerlichen Hilflosigkeit, meiner Identifikation mit dem armen Kästner. Zumindest mir selbst ist die jetzt völlig klar.


Und dann hab ich «Nomadland» gesehen. Ein unglaublicher Erfolg, über 200 Auszeichnungen laut Wikipedia, darunter der Goldene Löwe und drei Oscars. Ich sass davor, wie Benjamin vor Kästners Lyrik und deren Kritik- und Verkaufserfolg gesessen haben muss: fassungslos. Das also gilt dem weltweiten Kulturestablishment 2020/21 als Beitrag zum Zeitgeschehen, damit feiert es die eigene Politisierung – schliesslich handelt der Film von den Armen und Abgehängten, den Folgen der ungebremsten Ausbeutung im Kapitalismus!

Ich bräuchte weitere vier Seiten, um darzulegen, wie falsch und verlogen ich das finde, aber ich hab ja Gott sei Dank Benjamin und dessen Aufsatz. Nicht nur, weil sich seine Analyse eins zu eins auf «Nomadland» übertragen lässt, sondern vor allem, weil darin meine Fassungslosigkeit bezüglich der linksmelancholischen Rezeption dieses Films zum Ausdruck kommt. Ich mich also von Benjamin verstanden fühlen kann. Und im nächsten Schritt daran erinnern, dass es vielleicht auch seltsam ist, sich von einem US-amerikanischen Major-Studio-Western ein ernst zu nehmendes antikapitalistisches Statement zu erwarten. Mir im dritten Schritt dann ausmalen, wie ein solches wohl hätte aussehen können und was ich mir überhaupt von einem Film als Beitrag zum Zeitgeschehen erwarte. Eine konkrete Wirkung? Eine Wirkung darüber hinaus, dass die Schauspielerin es mal so richtig fühlt, die Regisseurin als erste eingewanderte Frau einen Regie-Oscar gewinnt und bei drei Millionen Dollar Budget vielleicht auch was für die Ausgebeuteten, die sich im Film selbst spielen, abgefallen ist?

Denn ja, das schmerzt in einer Zeit, die so dringend grundlegende Veränderungen nötig hätte, und bei Werken, die das wissen, weil sie diese Zeit und ihre Missstände zum Thema machen, schmerzt es noch mehr, und wenn diese Werke dann auch noch schalen Trost in längst entlarvten Mythen suchen, den obendrein noch finden und ihr bourgeoises Publikum, das höchstens mittelbar von den fürchterlichen Missständen betroffen ist, sich behaglich darin suhlt, ist es nicht zum Aushalten – aber auch der Kunst nicht zum Vorwurf zu machen. Denn das Politische an ihr ist nicht, was ihre Rezeption eventuell bewirkt oder dass sie auch nur etwas bewirken könnte, sondern dass ihre Wirkung nicht steuerbar ist.

Das ist schwer zu akzeptieren für Leute, die sich nach Veränderungen sehnen, Leute wie Benjamin und Kästner und bestimmt auch Chloé Zhao und Frances McDormand, auf jeden Fall für Leute wie mich. Uns bleibt nur Jane Fonda, aus deren Definition des Kerns sich auch das einzig Politische am Kunstschaffen ergibt: Es liegt im Schaffen selbst. Dass eineR sie macht, obwohl sie nichts bringt. Genau deswegen! Obwohl und weil sie nur da sein lässt, erstmal nur ein einzelnes Interesse, die eigene Perspektive, ein windiges Gefühl, selbst ein Ich-fühls-leider-nicht. Dass sie deshalb kein politisches Instrument sein kann, ist ihre politische Stärke. Das ist verdammt dialektisch, was sich wiederum darin zeigt, dass auch das Gegenteil stimmt: Das Politische an der Kunst ist auch, sie nicht machen zu müssen. Weil sie ja ohnehin nichts bringt. Ihre Konsequenzlosigkeit erlaubt Inkonsequenz, und deren politische Brisanz ist enorm. In der Kleinkindpädagogik birgt sie gar das Potenzial, Machtgefüge zu sprengen … Als Künstlerin ist das Politischste, was ich tun kann, den Kern meiner Arbeit zu beschützen. Mein Fühlenkönnen. Dass mich die Welt interessiert.

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