Nr. 28/2021 vom 15.07.2021

Doppeltes Doppelleben

Der Superheld mit dem etwas anderen Geheimnis: August Crimp kann nur dann fliegen, wenn er Frauenkleidung trägt. Erfrischend entspannt erzählt Steven Appleby in «Dragman» von Identität und Selbstfindung.

Von Alice Galizia

In der kugelsicheren roten Robe durch die Lüfte: Dragman auf rettender Mission. BILD: STEVEN APPLEBY, SCHALTZEIT VERLAG

«Aber … Dragman – das ist falsch», sagt Dragman; er kleide sich gern als Frau, mache aber keinen Drag. «Wenn überhaupt, bin ich trans. Glaube ich. Eigentlich versuche ich nur, ich selbst zu sein.» Aber da ist es schon zu spät: Wenn die Presse dir einen Namen verpasst, so erklärt ihm sein künftiger Sidekick Dog Girl, kannst du ihn nicht mehr ändern. Kurz zuvor hatte August Crimp, wie Dragman bürgerlich heisst, ein Mädchen gerettet, das von einem Hochhaus gefallen war – sie in der Luft aufgefangen, denn wenn August Frauenkleidung trägt, kann er fliegen. Jetzt steht er in der Bar des Superheldenclubs und muss sich im Schnellverfahren aufnehmen lassen, denn ohne Superheldenlizenz ist es eigentlich nicht erlaubt, Menschen zu retten. Aber so einfach ist das nicht – auch im Club gibt es einige, die einen Mann in Robe lieber gleich wieder vor die Tür stellen würden.

Willkommen in London und einer Welt, die eigentlich gar nicht so anders ist als unsere. Ausser, dass es in Steven Applebys Comic «Dragman» eben SuperheldInnen gibt, einen Club, wo sie sich treffen, und eine riesige Marketingmaschinerie um sie herum, schliesslich kann man mit so aussergewöhnlichen Kräften gutes Geld verdienen. Und ausser, dass es hier seit einigen Jahren möglich ist, die menschliche Seele zu orten und zu verpflanzen. Heisst vor allem: sie verkaufen zu können. Natürlich ist das Seelengeschäft ein dreckiges, die Leute bekommen zwar viel Geld für die verkaufte Seele, haben dann aber an nichts mehr Freude. Und natürlich ist das eine ziemlich einfache Metapher für einen ausser Rand und Band geratenen Kapitalismus, aber Appleby schreibt und zeichnet mit so viel Humor, dass einem das ziemlich egal sein kann.

Klassisch, aber schlau

Zurück zu August: Diese ganze Dragman-Sache ist, als die Geschichte einsetzt, drei Jahre her. Er hat das kugelsichere Paillettenkleid an den Nagel gehängt und will auch nichts mehr damit zu tun haben – denn er hat sich in Mary verliebt, mit ihr ein Kind bekommen und lebt ein ziemlich zufriedenes Familienleben. Das Problem ist nur, dass Mary panische Angst hat vor Superhelden, weil damals, als der legendäre Superheld Narr London rettete, ihre Eltern von einem durch die Luft geworfenen Bus zerquetscht wurden – ein Kollateralschaden. Also hat August ihr aus Angst, sie zu verlieren, gar nicht erst von seiner Zeit als Superheld erzählt. Als Mary dann Augusts Dragman-Kleidung in einer Kiste auf dem Dachboden findet, verrät er ihr nur den Wunsch, sich ab und zu als Frau zu kleiden. Das mit dem Superhelden, das schafft er nicht.

Aber jetzt geht ein Mörder um, der trans Frauen umbringt, alles Gäste aus dem Club «Pretty Pretty», in dem sich SuperheldInnen die Tanzfläche mit der queeren Community teilen. Viele können, ähnlich wie August, nur hier diese Seite ihres Daseins ausleben. Im Club sind sie sicher – oder waren es zumindest. Eines Tages steht Dog Girl vor Augusts Tür: Dragman muss wieder Dragman sein, den Mörder fassen und am besten auch dahinter kommen, welche Machenschaften hinter dem Seelengeschäft stecken; aber Mary sollte das besser nicht erfahren. Einigermassen klassisch also, diese Superhelden-Doppelleben-Geschichte, aber eben schlau gemacht, das mit dem heimlichen Ausleben einer queeren Identität zu koppeln.

Überzeugt, gestört zu sein

Steven Appleby erzählt seinen «Dragman» mit einigen Twists und vielen lustigen Einfällen, sodass dieses Buch extrem vergnügt daherkommt. Einzig die Zwischenteile, jeweils mehrere Seiten Text, in denen sich der Mörder Gedanken über seine Morde macht, sind nicht nur schwach geschrieben, sondern auch problematisch: Klar, die Beschreibung seines lüsternen Nachdenkens über die Morde und Vergewaltigungen soll schockieren, hat aber unweigerlich einen voyeuristischen Beigeschmack. Es ist nicht wirklich nachvollziehbar, wieso das hier so ausgebreitet werden musste.

Ansonsten aber trifft Appleby den Ton genau: Er geht erfrischend entspannt mit der so bitter umstrittenen Frage nach Identität, nach Selbstwahrnehmung und Fremdbezeichnung um. Und verpasst es dabei nicht, von Schikane und Ressentiments zu erzählen – und vom Schmerz darüber, nicht so leben zu können, wie man möchte. Er weiss auch, wovon er spricht: Im Nachwort schreibt Appleby, wie er selbst jahrzehntelang nur versteckt ab und zu Frauenkleidung trug, überzeugt davon, gestört zu sein. Erst spät fand er heraus, dass Crossdressing eine jahrhundertealte Kulturtechnik ist. Dass er, wenn er es denn will, als weiblich gelesene Kleider anziehen und trotzdem als Steven angesprochen werden kann. Und dass es tatsächlich Leute gibt, die damit kein Problem haben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch