Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Stolze Black Panthers

Kaum eine kann das so entspannt wie sie: Die britische Rapperin Little Simz begibt sich auf ihrem neuen Album auf Identitätssuche. Das führt sie zur eigenen Familiengeschichte genauso wie zu Schwarzem Aktivismus.

Von Alice Galizia

In neunzehn Tracks gelangt sie zur Erkenntnis, dass sie sich selbst viel zutrauen kann: Simbiatu Ajikawo ist Little Simz. Foto: Nwaka Okparaeke

Eigentlich sollte sie jetzt aufstehen: Little Simz hockt im Schneidersitz auf einem roten Ledersofa, nickt mit dem Kopf zu den ersten paar Takten ihres Songs «Introvert». Kurz vor Erscheinen ihres neuen Albums hat sie für den US-Radiosender NPR ein «Tiny Desk Concert» im Wohnzimmer gespielt, zusammen mit einer Band; sogar drei Backgroundsängerinnen sind dabei. Aber Simz steht nicht auf, jedenfalls nicht gleich. Das von Fanfaren eingeläutete, in der Liveversion sympathisch reduzierte Intro des Albums rappt sie im Sitzen – unglaublich entspannt, aber trotzdem mit jener Deutlichkeit und jener Präzision, die ihren Flow ausmachen. Ohne dass sie dafür je besonders laut werden müsste.

«Sometimes I Might Be Introvert» heisst das vierte Studioalbum der 27-jährigen Simbiatu Ajikawo. Geboren in Nordlondon, Wurzeln in Nigeria, aufgewachsen bei der alleinerziehenden Mutter, heute Schauspielerin, Sängerin, Rapperin. Wie introvertiert eine ist, die mit einer solchen Selbstverständlichkeit vor der Kamera steht, ist natürlich zweifelhaft. Mag schon sein, dass das Koketterie ist (oder auch einfach ein Scherz: Die Anfangsbuchstaben des Albumtitels ergeben zusammen Simbi, ihren Spitznamen).

Du zeigst, sie tötet

Doch eigentlich passt der fragende Unterton zu den neunzehn Tracks, die Ajikawo hier versammelt. Sie führen sie in einer Art fragmentarischen Identitätssuche zu ihrer schwierigen Beziehung mit dem abwesenden Vater genauso wie zu Schwarzem Aktivismus. Und am Ende auch zur Erkenntnis, dass sie sich selbst ziemlich viel zutrauen kann.

Ganz selbstverständlich wirkt es nämlich auch, wie sie sich bei verschiedensten Genres bedient – Soul im ihrer Mutter gewidmeten «Woman», Grime in «Rollin Stone», Afrobeats im wunderbaren «Point and Kill», auf dem ihr der britisch-nigerianische Neo-Soul-Sänger Obongjayar seine weiche Stimme leiht. «Point and kill», so hat Ajikawo erklärt, ist eine Wendung, die auf Nigerias Märkten am Fischstand gebraucht wird: Die Kundin zeigt auf den Fisch, den sie kaufen möchte, die Verkäuferin tötet ihn. Aber auch sonst – es gehe darum, zu bekommen, was man wolle: «I do as I like […] I no fear nobody.»

Beängstigend perfekt

Keine Angst vor niemandem: Es besteht kein Zweifel, dass Ajikawo bekommt, was sie will. Das Label, auf dem ihre Alben erscheinen, hat sie vor Jahren selbst gegründet; heute wird sie von Grössen wie Kendrick Lamar und Stormzy gefeiert. Ihr Album produziert hat Inflo, der auch Michael Kiwanuka und Sault seine Handschrift verliehen hat. «Sometimes I Might Be Introvert» ist ein schon fast beängstigend perfektes Werk – und dadurch auch mal ein wenig zu glatt.

Umgekehrt macht dieser Hang zur Perfektion aber auch wieder Freude, gerade wenn man sich die Musikvideos zu den Songs anschaut: etwa jenes zu «Woman», in dem eine Gruppe Frauen nach einem Businessmeeting in bunten Roben durch ein herrschaftliches Anwesen tanzt. Oder noch aufwendiger produziert: «Point and Kill», in dem Little Simz auf dem Rücksitz eines Motorrads an verschiedenen Entwürfen Schwarzer Lebensweise vorbeifährt, mehr oder weniger klischiert – da stehen die frühen Black Panthers in ihren Jeansschlaghosen am Strassenrand, zwei Jungs in Cowboyverkleidung, ein Heiler, da sind Krankenpflegerinnen, Richterinnen und drei winkende und lachende «aunties». Was ihnen gemeinsam ist: Alle wirken stolz. Und am Ende finden sie sich in Glitzerkleidern wieder, beim Tanzen im Club.

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