Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Verfolgt mitten in der Schweiz

Isabella Huser erzählt von der Jagd der Behörden auf ihre jenische Familie. Die Sozialgeschichte wird dabei auch zur Musikgeschichte. Das Buch ist eine historische wie literarische Entdeckung.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Bloss fidele MusikantInnen? Die Familie Franz und Frida Huser-Storrer auf dem Weg in den Süden, der achtjährige Toni mit Akkordeon. Foto: Privatarchiv Isabella Huser

Irgendwann wird der Erzählerin bewusst, dass sich ihr Vater tatsächlich auf der Flucht befunden haben musste. «Es war nicht so, dass mein kindliches Selbst geglaubt hätte, mein Vater habe sich diese Geschichte ausgedacht. Er floh mit seinen Geschwistern vom Ort über dem Zürichsee, wo sie zur Schule gingen – keine Frage. Woran ich hingegen nicht glaubte, war die Gefahr.» Im Frühling 1929 hatten sich ihr Vater Toni, damals acht Jahre alt, seine Geschwister Franz, Frieda, Trudi, Rosa und Grittli über Nacht im Wald versteckt, weil die Gefahr zu gross geworden war. Die Gefahr, vom «Hilfswerk» Pro Juventute aufgespürt zu werden, so wie in den nächsten Jahrzehnten rund 600 Kinder in der ganzen Schweiz, und darauf in Heimen oder Bauernfamilien zwangsplatziert und als billige Arbeitskräfte ausgenutzt zu werden. In Richtung Gotthard sollten sie eilen, hatten ihnen die Eltern eingebläut, denn nur auf diesem Weg würden sie die Kinder einholen können.

So bekommt auch das überlieferte Familienfoto von der Axenstrasse plötzlich eine andere Bedeutung. Das Bild, das auf den ersten Blick eine vergnügte Musikantenfamilie mit Ross und Wagen auf dem Weg in den Süden zeigt, die Buben mit Akkordeon und Klarinette in den Händen. Toni, der das Akkordeon hält, hatte die Aufnahme seiner Tochter einst als Abzug im Weltformat geschenkt. Sie hängte es prominent im Wohnzimmer auf und zeigte es gerne ihren Gästen. «Wer gerade mit einem Waadtländer Weisswein zum ersten Mal vor dem stimmungsvollen Bild stand, erfuhr von meiner Herkunft als Zigeunerin.» Doch, schreibt die Autorin, die Aufnahme von 1929 zeige im Wissen um den Kontext keine fidelen MusikerInnen, sondern Flüchtende mit alarmiertem Blick: allenfalls etwas erleichtert, dass sie es über die Grenze des Kantons Zürich hinaus geschafft, ihre Verfolger fürs Erste abgeschüttelt haben.

Exakt und einfühlsam

«Zigeuner», der Roman von Isabella Huser, ist eine historische wie literarische Entdeckung. Eine historische, weil er die Verfolgung der Jenischen durch die Schweizer Behörden aus ihrer Perspektive erzählt. Anfang der siebziger Jahre deckte der Journalist Hans Caprez den Skandal in der Zeitschrift «Beobachter» auf. Bis heute sind immer wieder Anstrengungen nötig, damit die Aktion «Kinder der Landstrasse» im öffentlichen Bewusstsein präsent bleibt. Um es aus der eigenen Wahrnehmung zu sagen: Als Schulkinder in unserer Agglogemeinde verkauften wir noch Anfang der neunziger Jahre stolz Briefmarken für die Pro Juventute; erstmals hörte ich im Geschichtsstudium an der Universität von der schändlichen Geschichte der Organisation. Um nichts weniger als um die Vernichtung der jenischen Lebensweise ging es den Schweizer Sozialbehörden.

Literarisch ist das Buch beeindruckend, weil Huser sich darin auf eine Spurensuche begibt. Ausgehend von der Geschichte ihres Vaters und ihrer Mutter, die als Lehrerin aus Italien zuwanderte, entdeckt sie immer mehr Details in Archiven quer durch die Schweiz. Die Verfolgung, so exakt wie einfühlsam beschrieben, wird dadurch selbst nachverfolgbar. Zufallsfunde führen zu überraschenden Wendungen; mit der zunehmenden Dichte der Erzählung tritt das Unrecht in aller Schärfe hervor. Huser verzichtet dabei auf jegliches Selbstmitleid, vielmehr ist das Buch von Selbstbewusstsein im eigentlichen Sinn geprägt.

Es zeigt, wie sich die Jenischen für ihre Rechte gewehrt haben, auch wenn sie sich dabei bisweilen selbst verleugnen mussten. Verstörend etwa ist für die Erzählerin ein Ehrenanlass für Jenische, bei dem sie von einem Bekannten des Vaters erfährt, dass dieser ihm gegenüber die eigenen Kinder verleugnet hatte: Er fürchtete wohl um die Verfolgung auch der nächsten Generation.

Ein Brief an den Bundesrat

Die Geschichte der Familie Huser reicht in die Zeit zurück, als es diesen Staat in seiner modernen Form noch gar nicht gab. Überliefert sind ein Eustachius und eine Waldburga Huser, die zwischen Ob- und Nidwalden vermutlich als TagelöhnerInnen unterwegs waren. Ihr Sohn Remigius wurde bereits bei der Geburt gebrandmarkt, im Taufschein von 1775 bezeichnete der Stanser Pfarrer den Neugeborenen als «vagus», als Vagantenkind. Obwohl sie schon immer in diesem Gebiet, auf dem sich die moderne Schweiz entwickelte, anwesend waren, wurden sie als Jenische immer wieder ausgeschlossen. Doch wie das Beispiel von Balthasar zeigt, dem Sohn von Remigius, kämpften sie beharrlich für ihre Rechte.

Balthasar hatte im Tessin Anna Maria Graf geheiratet. Eigentlich war eine Hochzeit ohne Heimatort verboten, aber in der Gemeinde Magliaso konnten sie sich gegen Geld trauen lassen. Zurück in Obwalden, wurde Balthasar dafür mit Peitschenhieben bestraft, Anna Maria wurden die Haare abgeschnitten, die Familie fortan zwischen den Kantonen hin- und hergeschoben. Bis sich Balthasar 1857 an den Bundesrat wandte: «Seit Jahren bin ich genöthigt, mit Frau und Kindern in der Schweiz herumzuziehen, ohne eine Heimath zu besitzen. Ich sehe mich endlich gezwungen, mich an Sie zu wenden, besonders da ich für meine Vaterspflicht halte, für die Gesundheit und übermächtige Zukunft unserer Kinder zu sorgen.»

Nach einer langen Auseinandersetzung wurde Balthasar Magliaso als Heimatort zuerkannt. Im 20. Jahrhundert würde dann auch Alfred Siegfried, der Zentralsekretär der Pro Juventute, nach Magliaso reisen, um einen Stammbaum der «schlimmsten Sippe unter den Fahrenden» anzulegen. Der Ausschluss ging weiter, die Verfolgung begann.

Die Vorurteile als Rettung

Isabella Huser selbst verwahrt sich gegen den Begriff «Fahrende»; lieber spricht sie wie im Buchtitel von «Zigeunern», von «Reisenden» oder einfach von «unseren Leuten». Schliesslich ist sie in einem Haus aufgewachsen. Und auch die Familie ihres Vaters war nicht freiwillig aufgebrochen, sondern wurde zur Flucht getrieben. Dass ihr Vater Toni und seine Geschwister dabei der Verfolgung entgehen konnten, führt sie auf den Beruf ihrer Grosseltern zurück. Als MusikerInnen konnte die Familie reisend überleben, musste sich nicht niederlassen und die Kinder zur Schule schicken. In einem Hotel im Tessin spielten sie über den Sommer für Kurgäste Volksmusik. Der Familien mit einem festen Wohnsitz konnte die Pro Juventute einfacher habhaft werden. «Es ist eine makabre Umkehrung», heisst es dazu im Buch. «Die Vorurteile zu erfüllen, ist die einzig mögliche Rettung.»

Fast nebenher erzählt Huser so auch ein Stück Schweizer Musikgeschichte. Ihre VorfahrInnen handelten nicht nur mit Geschirr, mit Textilien und Rauchwaren, sondern auch mit dem Akkordeon. Balthasar, der den Bundesrat um das Bürgerrecht bat, hatte das neue Instrument zum ersten Mal in der Lombardei gehört. Nun lieferte er es in die Schweiz und bis ins Piemont. Die Musik blieb seither in der Familie, Husers Grosseltern traten mit Toni und den anderen Geschwistern als Gruppe Die Wandervögel auf. Fotos zeigen sie im Sennengewand, mit aufgenähtem Schweizerkreuz auf der Brust. Bekanntlich wurden die «Ländler» in den zwanziger Jahren in der Stadt erfunden, besonders in den Tanzlokalen im Zürcher Niederdorf. Unter den MusikerInnen waren damals auch zahlreiche Jenische. Mit seiner Formation Huserbuebe komponierte Toni mit seinem Bruder Franz später bekannte Polkas und Schottisch.

Man kann es als Paradox verstehen oder auch einfach als treffenden Kommentar zur Frage, wer denn eigentlich dazugehören soll zur Schweiz: Der Staat, der die Jenischen mit aller Härte verfolgte und ihre Kultur zerstören wollte, hat ihnen letztlich seine eigene, sogenannte Volksmusik zu verdanken.

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