Nr. 08/2022 vom 24.02.2022

Der Teufel im Therapiezimmer

Ein Oberarzt der Thurgauer Privatklinik Littenheid hat mit Aussagen zu satanistischen Ritualen schockiert. Doch ist er kein Einzelfall. Die «Satanic Panic» durchzieht die Fachwelt mit potenziell fatalen Folgen für Patient:innen.

Von Sarah Schmalz (Text) und Ursula Häne (Foto)

Satanic Panic im Thurgau? Die Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Clienia Littenheid.

Für Eveline Schiesser* ergab plötzlich alles Sinn, als sie vor Weihnachten die SRF-Dokumentation «Der Teufel mitten unter uns» sah. Der Film brachte ans Licht, dass in der Schweiz eine verstörende Zahl an Leuten glaubt, dass global vernetzte und im Untergrund operierende satanistische Zirkel auf blutrünstigste Weise Kinder missbrauchen. Der evangelikale Verein Cara (Care for ritual abuse) verbreitet dies, wie die Doku zeigt, ebenso wie etwa ein Zürcher Stadtpolizist und wie Lehrer:innen, die Kinder aus den Fängen der Satanist:innen befreien wollen. Am schockierendsten jedoch: Auch Therapeut:innen äussern sich im Film entsprechend. Die deutlichsten Aussagen macht Matthias Kollmann, Oberarzt auf der Traumastation der Privatklinik Clienia Littenheid.

Die Leitung der Clienia hat den Therapeuten sofort nach der Ausstrahlung freigestellt und sich von seinen Aussagen distanziert. Doch deutet alles darauf hin, dass Kollmann keineswegs ein Einzelfall ist. Wie diese Recherche im Folgenden zeigt, grassiert die sogenannte Satanic Panic gerade in der Fachwelt der Psychotraumatologie. Und Littenheid, wo der Psychiater Bernd Frank 2006 die erste Traumastation der Schweiz aufgebaut hat, scheint davon besonders beeinflusst.

Eveline Schiesser bewohnt ein altes Bauernhaus, an den Wänden hängen Hundebilder, Tibetfahnen, Cowboyhüte. Schiessers Tochter ist 21, als sie 2006 erstmals wegen psychischer Probleme Hilfe bei ihrem Hausarzt sucht. Fünf Jahre später beginnt die junge Frau zu glauben, sie sei bereits als Baby von Satanist:innen missbraucht worden. Ihrer Mutter schildert sie damals schemenhafte Szenen mit schwarzen Umhängen, Fackeln, Geschrei. «Details konnte sie nicht beschreiben», sagt Schiesser. «Alles blieb schablonenhaft. Doch war sie überzeugt, dass die ‹Sekte› bis heute die Kontrolle über sie hat. Das hat sie stark beeindruckt, sie hatte Angstzustände, Paranoia, konnte nicht mehr schlafen.» Lange hält ihre Mutter die Geschichte ihrer Tochter für einen tragischen Einzelfall. Bis eben zu diesem Tag, als die SRF-Dokumentation über ihren Bildschirm flimmert. An ihrem Küchentisch sagt sie: «Für mich hat sich auf einmal alles zu einem Bild zusammengefügt.»

Zwanzig Jahre unschuldig im Gefängnis

Rückblende in die achtziger und frühen neunziger Jahre. In ganz Nordamerika und vor allem in den USA breitet sich eine seltsame Massenhysterie aus. Anschuldigungen werden laut, satanistische Kulte würden Kinder entführen und missbrauchen. Angeblichen Geheimzirkeln werden grausamste Praktiken unterstellt; Babys würden geköpft und gegessen, Herzen herausgerissen, Blut getrunken. Diese Satanic Panic muss vor dem Hintergrund einer Gesellschaft verstanden werden, deren Popkultur sich schon in den Siebzigern an Satansbildern ergötzte; Bücher und Filme wie etwa «Rosemary’s Baby» liefern die Vorlage für stereotype Fantasien.

Endgültig angestossen wird die Satanic-Panic-Welle vom Buch «Michelle Remembers» der Kanadierin Michelle Smith und ihres Psychotherapeuten und späteren Ehemanns Lawrence Pazder. Dieser will Smith mittels Hypnotherapie dazu verholfen haben, sich jahrelang verdrängte Erinnerungen an satanistische Folter wieder bewusst zu machen. Auftrieb erhält die Satanic Panic zudem durch evangelikale Kreise, die die Panik auf Einrichtungen projiziert, die ihrer Ansicht nach die traditionelle Familie gefährden würden: Zahlreiche Beschuldigungen und Strafverfolgungen richten sich gegen Betreiber:innen von pädagogischen Einrichtungen wie Kinderkrippen oder Vorschulen. Zum grössten Kriminalprozess der US-amerikanischen Rechtsgeschichte wird in den achtziger Jahren das Verfahren gegen über hundert Erzieher:innen der Mc-Martin-Vorschule in Manhattan Beach (Kalifornien), die beschuldigt werden, einer satanistischen Sekte anzugehören und Kinder rituell zu missbrauchen. Während in diesem Fall im Jahr 1990 alle Anschuldigungen fallengelassen werden, produziert die Angst vor Satanist:innen in andern Fällen Justizopfer: Der krasseste Fall ist derjenige der texanischen Kindertagesstättebetreiber:innen Frances und Daniel Keller, die 1992 wegen haarsträubender Anschuldigungen wie des Essens von Babys zu je 48 Jahren Haft verurteilt und nach revidierten Aussagen erst 2013 freigelassen werden.

In wie vielen Fällen es tatsächlich Kindesmissbrauch gab, bleibt ungeklärt. Aufgearbeitet aber ist, wie die Falschaussagen über blutrünstige satanistische Rituale zustande kamen: Sozialarbeiterinnen und Polizisten führten unter dem Einfluss der Satanic Panic höchst suggestive Befragungen durch, etwa indem sie Kinder nach aggressiver Befragung belohnten, wenn diese endlich die geforderten Schilderungen lieferten.

Auch die Rolle mancher Therapeut:innen wurde nach den Geschehnissen aufgearbeitet. Parallel zur Hysterie gewann nämlich in der Fachwelt eine Diagnose an Popularität: die sogenannte dissoziative Identitätsstörung (damals noch: multiple Persönlichkeit). Dass nach besonders traumatischen Erlebnissen eine Fragmentierung der Persönlichkeit auftreten kann, ist weitgehend unumstritten. Im Zusammenhang mit der Satanic Panic aber verbreitete sich in der Fachwelt die Idee, dass insbesondere satanistische Kulte dazu fähig seien, ihre Opfer gezielt in einzelne Persönlichkeitsanteile zu spalten und für ihre Zwecke zu programmieren. Bianca Liebrand von der deutschen Sekten Info NRW sagt zu dieser sogenannten Mind-Control-Theorie: Manche Therapeut:innen glaubten, das passiere auf so perfekte Weise, «dass etwa ein Täter nur ein Wort ins Telefon sprechen muss, und der entsprechend konditionierte Persönlichkeitsanteil zieht die Dessous an und fährt zu ihm». Das Konstrukt tauge neben der bekannten Verschwörungserzählung, dass die Satanist:innen bis in höchste Kreise vernetzt seien, perfekt als Erklärung dafür, warum es ihnen gelinge, unentdeckt im Untergrund zu operieren. Liebrand, die sich intensiv mit der Mind-Control-Theorie und ihren Folgen in der Psychotherapie beschäftigt, sagt: «Sie entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Natürlich gibt es sexualisierte Gewalt und schwer traumatisierte Opfer, aber diese Idee der totalen Kontrolle ist viel zu schablonenhaft.»

Die Psychologin weist darauf hin, dass es sehr wohl Verbrechen von Leuten gegeben habe, die sich als Satanist:innen begriffen. Die USA wurden 1969 durch eine Mordserie der rechtsextrem-satanistischen Sekte von Charles Manson erschüttert. Die okkulte Ufo-Sekte Lineamiento Universal Superior, bekannt für schwarze Roben und Schwarzmagie-Rituale, kastrierte und ermordete zwischen 1989 und 1993 in Brasilien mehrere junge Männer. Im nordrhein-westfälischen Witten entführte 2001 ein selbsternanntes Satanistenpaar – der Mann ein ehemaliges NPD-Mitglied – einen Arbeitskollegen der Frau. Seine Leiche wurde im Wohnzimmer des Paares gefunden, mit einem in den Bauch geritzten Pentagramm. Weltweit wurde jedoch nie ein Indiz für die Existenz global vernetzter, mit Geheimwissen ausgestatteter und über Generationen im Untergrund aktiver satanistischer Zirkel gefunden. «Doch fern von den USA konnte sich diese Erzählung wohl besser festsetzen», sagt Liebrand.

In den USA kam es nach der Satanic-Panic-Welle zu mehreren erfolgreichen Schadensersatzklagen gegen Therapeut:innen. Die Betroffenen machten geltend, sie seien falsch diagnostiziert worden. Bei vielen wurden während der Therapie falsche Erinnerungen an satanistischen Missbrauch «hervorgeholt», oft mit dem Mittel der Hypnose. Im deutschsprachigen Raum hingegen wurde die Wirkung der Satanic Panic auf die Psychotraumatologie nie aufgearbeitet. «Hier werden sogar in Kliniken Traumatherapie-Behandlungen nach der Mind-Control-Ideologie angeboten», sagt Liebrand.

Wer sich bei deutschsprachigen Expert:innen über die dissoziative Identitätsstörung (DIS) einliest, kommt tatsächlich zum Schluss: Fragmente der Satanic Panic sind so tief und so breit in diese Fachwelt eingesickert, dass sie gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Als Päpstin der Branche kann die deutsche Traumatherapeutin Michaela Huber bezeichnet werden. Die Siebzigjährige hat während der Satanic-Panic-Welle verschiedene psychologische Fachbücher aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, die sich am Rande auch mit der DIS beschäftigen. 1995 gründete sie die deutsche Sektion der International Society for the Study of Dissociation. Huber reproduziert in ihren Büchern und Vorträgen unentwegt die Erzählung von generationenübergreifenden Netzwerken, die ihre Opfer über «Mind Control» kontrollierten. Manche ihrer Kolleg:innen gehen gar davon aus, dass satanistische Täter:innen ihre Opfer bereits als Fötus im Mutterleib in verschiedene Persönlichkeitsanteile spalten. Verbreitet ist unter DIS-Expert:innen auch die von Gedächtnisforschern widerlegte Annahme, dass sich Betroffene unter Therapie bis ins Säuglingsalter zurückerinnern könnten.

Schatten auf Littenheid

Oberarzt Matthias Kollmann spricht in der SRF-Doku «Der Teufel mitten unter uns» von unvorstellbaren Grausamkeiten und sagt Dinge wie: «Es gibt eine Parallelwelt, die sich extrem gut zu schützen weiss.» Eveline Schiessers Tochter liess sich zum ersten Mal im Jahr 2011 in Littenheid einweisen, «es folgten drei weitere Aufenthalte in den nächsten drei, vier Jahren», sagt ihre Mutter. Therapiert worden sei sie von Stationsgründer Bernd Frank persönlich.

Alle Schilderungen in diesem Artikel beruhen auf den Erinnerungen der Mutter, die nach einem Kontaktabbruch durch die Tochter erst seit zwei Jahren wieder vorsichtig mit ihr in Verbindung steht. Presseanfragen sollen diese nicht gefährden, auch sie beide sprächen im Moment nicht über das Thema. «Ich warte ab, ob sie irgendwann damit kommt.» Die psychischen Probleme von Eveline Schiessers Tochter beginnen 2006 mit einem sexuellen Übergriff während ihrer Ausbildung. Sie geht daraufhin zu einer Psychologin. Nach zweijähriger Therapie stellt ihr diese die Diagnose dissoziative Identitätsstörung. Heute blickt Schiesser etwas anders auf die Szene, als ihre Tochter zum ersten Mal «switchte» und plötzlich mit der Stimme einer Achtjährigen sprach. Sie fragt sich: War die DIS-Diagnose richtig oder schon der Beginn der Fehlbehandlung? Was sie weiss: Ihre Tochter las nach der Diagnose immer mehr Bücher zum Thema DIS und suchte später selbst Kontakt zur Traumastation in Littenheid. Erst hier, unter der Behandlung von Bernd Frank, sei sie zur Überzeugung gelangt, satanistisch missbraucht worden zu sein.

Für Sektenexpertin Bianca Liebrand ein typischer Ablauf. Auf der einen Seite stünden «meist sehr empathische und mitschwingende» Therapeut:innen, die sich zum Thema rituelle Gewalt und Programmierungen weiterbildeten, auf der anderen Seite Patient:innen, die sich oft schon mit vorgefassten Ideen auf die Suche nach darauf spezialisierten Therapeut:innen machten. Diese wiederum fühlten sich ob der vielen bei ihnen landenden Fälle bestärkt. «So vervielfältigt sich das.»

Schiessers Tochter beschuldigte irgendwann die gesamte Familie ihres Vaters, von dem die Mutter getrennt lebt, des satanistischen Missbrauchs. Glaubte, die «Sekte» sei allmächtig, habe überall ihre Finger im Spiel, auch bei der Polizei, weshalb sie vor einer Anzeige zurückschreckte. Sie glaubte auch, regelmässig Täterkontakt zu haben, klagte «danach» häufig über Schmerzen im Unterleib. Ihre Mutter fuhr sie in einer dieser Situationen für einen gynäkologischen Untersuch ins Spital. «Ich bestand auf einem gründlichen Ultraschall, doch der brachte keinen Befund.» Heute sagt sie: «Rückblickend macht mich vor allem wütend, dass man vulnerable Menschen, die ohnehin zu Angstzuständen neigen, noch paranoider macht.» Bianca Liebrand sagt, das Konstrukt aus ritueller Gewalt und Mind Control könne extrem destabilisierend wirken. «Das eigene Erleben der Betroffenen wird im Kern erschüttert. Sie können nicht mehr unterscheiden, was ihnen tatsächlich passiert ist und was nicht. Es könnte ja immer ein programmierter täterloyaler Persönlichkeitsanteil involviert sein.»

Szene aus der SRF-Dokumentation: In ihrem Einfamilienhaus im Appenzellerland schildert Gabriella Hagger verstörend gefasst, dass ihre Tochter die Familie beschuldigt, in einer satanistischen Sekte zu sein. «Auch mein Mann und ich sollen Babys geschlachtet haben.»

Was Hagger im Film nicht erwähnt, erzählt sie der WOZ an einem kalten, klaren Wintertag: Auch ihre Tochter habe diese Fantasien wohl unter der Behandlung des Littenheid-Arztes Bernd Frank entwickelt. Dieser therapierte sie nach einem Klinikaufenthalt in Littenheid 2017 in der eigenen Praxis. Die E-Mails, die Gabriella Haggers Tochter damals dem Therapeuten geschrieben hat, sind aktenkundig, weil sie ihren Vater 2017 wegen Missbrauch angezeigt hat. Die Mails an Bernd Frank beginnen oft mit einem: «Mir ist wieder eine Erinnerung hochgekommen …» – und sind blutrünstig. Einmal schildert Haggers Tochter, dass sie als Kind erlebt haben will, wie «Menschen in Umhängen […] einem Baby die Arme, Beine und den Kopf vom Körper abgehackt» hätten. An anderer Stelle schreibt Haggers Tochter, Kinder hätten regelmässig mit Waffen gegeneinander kämpfen müssen. «Es war erst vorbei, wenn die andere Person umgebracht wurde.» In einem weiteren E-Mail will sie sich sogar daran erinnern, bei einem Schwertkampf ein Nachbarsmädchen getötet zu haben, das sie namentlich erwähnt. Ihre Mutter sagt: «Dieses Mädchen lebt, das hätte man doch leicht herausfinden können.»

Eine Mauer des Schweigens

Dass Frank die «Erinnerungen» von Gabriella Haggers Tochter für real hält, lässt sich aus seinen Aussagen im Rahmen eines Kesb-Verfahrens schliessen. Es habe für ihn niemals den geringsten Zweifel am Narrativ der Betroffenen gegeben, wird er darin zitiert. Und weiter: Seine Klientin tue alles dafür, rituellen Missbrauch ans Licht zu bringen. Frank ist ein wichtiger Akteur in der kleinen Schweizer Szene der DIS-Therapeut:innen. Wie auch der freigestellte Arzt Matthias Kollmann doziert er am Schweizer Institut für Psychotraumatologie (SIPT) und hält auch regelmässig Vorträge an Fachkongressen. Nach seinem Abgang von der Clienia Littenheid blieb Frank der Klinik als externer Berater erhalten. Zwar schreibt die Klinik, das sei «nur für eine kurze Zeit» der Fall gewesen. Doch steht die dringliche Frage im Raum: Wirkt sein Geist dort bis heute weiter? Noch im November 2020 zumindest hat Frank den Therapeut:innen und dem Pflegepersonal einen Fortbildungskurs gegeben. Thema: dissoziative Identitätsstörung.

In Littenheid jedenfalls finden regelmässig einschlägige Veranstaltungen zum Thema «rituelle Gewalt» statt, die auf die Fachwelt ausstrahlen. Involviert sind auch klinikeigene Ärzt:innen. An der «Impulstagung rituelle Gewalt» vom Oktober 2018 etwa sprach eine Betroffene über ihren Ausstieg aus einer «okkulten Sekte», drei Traumatolog:innen hielten Vorträge zum Thema, darunter Fana Asefaw, leitende Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Littenheid. Wie die Folien ihres Vortrages zeigen, sprach die Traumaspezialistin von «Aussteigerinnen», die über «Zwangsschwangerschaften», «eingeleitete Geburten» und die «anschliessenden Opferung der Babys» berichten würden. Asefaw betont, sie habe lediglich Berichte von Patient:innen wiedergegeben, glaube selber keinesfalls an satanistische Gewalt. Dennoch schlussfolgert sie im Vortrag mit Verweis auf entsprechende Publikationen: «Trotz Meldepflicht für lebend-geborene Kinder in vielen europäischen Ländern werden viele der Betroffenen, die unter diesen Umständen gezeugt werden, nicht registriert.»** Empfohlen wird als Lektüre auch ein Buch des Vereins Cara. Organisiert hat die Veranstaltung die «Netzwerkgruppe gegen rituelle Gewalt», der auch Matthias Kollmann angehört. Im Oktober 2021 wiederum hielt in Littenheid mit Claudia Fliss eine der dogmatischsten Verfechter:innen der Mind-Control-Theorie einen Vortrag.

Die Leitung der Clienia Littenheid aber schreibt: «Die Mind-Control-Theorie wird in der Clienia Littenheid weder vermittelt noch gelehrt. Als seriöse Vertreter der Psychotraumatologie lehnen wir jegliche suggestive Therapieform ab. […] Wir setzen bei all unseren Behandlungen auf evidenzbasierte, leitlinienorientierte Methoden und externe Qualitätskontrolle.»

Auch die weitere Fachwelt wirkt auf einem Auge blind, das zeigt das Beispiel von Jan Gysi, einem der führenden Traumatherapeut:innen der Schweiz. Nach der SRF-Dokumentation meldet er sich mit einer Stellungnahme zu Wort. Gysi kritisiert darin, dass in der Reportage rituelle und satanistische Gewalt gleichgesetzt würden. Damit werde «der falsche Eindruck vermittelt, die Fachpersonen seien Anhänger einer Verschwörungstheorie».

Doch gibt es diese Unterscheidung überhaupt? Spricht die DIS-Fachwelt von ritueller Gewalt, wird der «satanistische Missbrauch» jedenfalls meist mitgemeint – mit all seinen Implikationen. Bei der DIS-Päpstin Michaela Huber etwa klingt das so: «Zu den Täterringen gehören destruktive Kulte unterschiedlicher religiöser Ausrichtungen, vor allem satanistisch okkulte Gruppen […], die Mind Control ausüben, um das Opfer verfügbar zu halten […] und ihre Spiritualität zu beherrschen.» Auch bei sich selbst scheint Gysi die Wirkung der Verschwörungstheorie nicht zu reflektieren: In einem Bericht zu organisierter Gewalt, den Gysi 2021 als Experte zuhanden der Strafverfolgungsbehörden verfasst hat, schreibt er von «einer Täterschaft mit Spezialwissen zu DIS», die über das Abspalten von Persönlichkeitsanteilen «die nahezu totale Kontrolle über ihre Opfer» erhalte. Stellung nehmen will Gysi dazu nicht. Auch Bernd Frank will nicht mit der WOZ reden. Auf Anfrage schreibt er: «Leider gebe ich keine Auskünfte diesbezüglich.»

Die Netzwerkgruppe Gegen rituelle Gewalt, die die geschilderte Fortbildung in Littenheid veranstaltet hat, ist direkt dem Interdisziplinären Netzwerk für Psychotraumatologie (INPS) angeschlossen. Dieses fördert die Vernetzung von Fachleuten aus dem traumatherapeutischen Bereich. Auf die Anfrage, ob man sich der Ausrichtung seiner Untergruppe bewusst sei, schreibt das INPS: «Sowohl das INPS wie auch die Netzwerkgruppe Gegen rituelle Gewalt distanzieren sich von Verschwörungstheorien. […] Uns ist ein differenzierter und sachlicher Umgang, basierend auf den neusten Erkenntnissen der Wissenschaft […], wichtig. Eine Gruppierung innerhalb des INPS, die diese Grundsätze missachtet, würden wir nicht tolerieren.»

Forensiker Thomas Knecht wird regelmässig als Gutachter beigezogen, wenn Anschuldigungen betreffend rituellen Missbrauch im Raum stehen. Er sagt: «Kindsmissbrauch ist sehr häufig. Einem rituellen Missbrauch bin ich nie begegnet.» Dem Fachkreis der DIS-Spezialist:innen attestiert er sektenhafte Züge: «Es fehlt an Reflexionsbereitschaft; wer anders denkt, wird ausgestossen.» Für den Psychiater zeugt die anhaltende Wirkung der Satanic Panic davon, dass die Externalisierung des Bösen leichter falle, als zu akzeptieren, «dass es Teil unserer Innenausstattung ist».

Wenn sich davon auch Therapeut:innen leiten lassen, lautet die grosse Frage: Wie viele Opfer produzieren sie? Derzeit kann nur spekuliert werden. Sekteninfostellen sprechen von zwei, drei Meldungen pro Jahr. Meist von Angehörigen, die den Kontakt zu den Betroffenen verloren hätten. Klar ist: Besonders gefährdet sind junge Frauen wie Gabriella Haggers Tochter, die mit siebzehn Jahren in eine massive psychische Krise rutschte. Erste Gutachten attestierten ihr damals eine «wahnhaft-psychotische Symptomatik», «manipulative und zwanghafte Tendenzen» sowie eine «borderlinenahe Abwehrstruktur». Ob sie je Missbrauch erlebt hat, lässt sich auch in diesem Fall nicht restlos klären. Erinnerungen an Übergriffe kamen auch bei Haggers Tochter erst in verschiedenen Therapien hoch. Die Anschuldigungen richteten sich gegen zahlreiche Personen aus dem Umfeld. Nachvollziehen lässt sich aus den Akten, wie sich die junge Frau immer mehr auf die traumatherapeutische Schiene begibt und sich schliesslich in ein Fantasiegebilde verstrickt, aus dem sich keine Fakten mehr extrahieren lassen. Das Verfahren gegen ihren Vater wurde 2018 rechtskräftig eingestellt.

Wird nun aufgearbeitet?

Während in den USA Sammelklagen gegen Mediziner:innen möglich sind, gibt es in der Schweiz kaum rechtliche Hebel. Medizinjuristin Franziska Sprecher von der Universität Bern sagt: «Wer einmal als Fachperson gilt, muss sich kaum fürchten.» Zwar können kantonale Aufsichtsbehörden Therapeut:innen die Berufsausübungsbewilligung einschränken oder als Ultima Ratio auch entziehen, wenn sie ihre Berufspflichten verletzen. Doch sind die Hürden für diese äusserste Disziplinarmassnahme hoch. Und geschädigte Patient:innen kommen kaum zu ihrem Recht. «Das ist wahnsinnig schwierig», sagt Sprecher, «gerade bei Therapien.» Betroffene müssten den Beweis führen, dass ein Behandlungsfehler zu einem konkreten Schaden wie etwa Arbeitsunfähigkeit geführt habe.

Die Juristin kritisiert auch den – «vom Gesetz durchaus gewollten» – grossen Einfluss der medizinischen Berufsverbände. Sie sagt: «Inzucht ist ein hartes Wort.» Doch gelte leider gerade in der kleinräumigen Schweiz: «Je spezialisierter ein Fachbereich ist, desto mehr muss man sich fragen, ob es noch eine kritische Rückkoppelung gibt. Man trifft auf die immer gleichen Leute, es droht eine Klüngelbildung respektive eine einseitige Fokussierung der Interessen. Und wenn es jemand darauf anlegt, kann er sehr dominant werden.»

Der Kanton Thurgau äusserst sich derzeit nicht dazu, ob er Verfahren gegen die Clienia Littenheid oder angeschuldigte Therapeut:innen ins Auge fasst. Sein Amt für Gesundheit schreibt: Man warte eine interne Untersuchung der Klinik ab. Die Klinik wiederum vermeldet: «Wir hatten nach Ausstrahlung der DOK-Sendung sofort Untersuchungen eingeleitet. […] Wir können Ihnen versichern, dass wir die Angelegenheit sehr ernst nehmen …»

Gabriela Hagger hat seit mittlerweile sechs Jahren keinen Kontakt mehr mit ihrer Tochter. 2019 reichte diese erneut Anzeige gegen Mitglieder der Familie ein: Mit anderen «Sektenmitgliedern» hätten diese sie überfallen. Die Anzeige reichte sie während eines stationären Aufenthaltes in Littenheid ein. Auf dem Austrittsbericht der Klinik ist später als vereinbartes Behandlungsziel vermerkt: «Distanzierung von der Sekte». Eveline Schiesser wiederum sagt, ihrer Tochter gehe es seit dem letzten Aufenthalt in Littenheid Schritt für Schritt immer besser. «Sie hat einen Therapeuten gefunden, der auf ihre Stabilisierung fokussiert.»

* Name geändert.

** Korrigenda vom 1. März 2022: Die WOZ hat diese Stelle angepasst. In einer früheren Version des Textes fehlte der Hinweis darauf, dass sich Frau Dr. Fana Asefaw auf Berichte von «Aussteigerinnen» beruft.

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