Nr. 11/2005 vom 17.03.2005

Der grosse Arrangeur

Faschismus, Zweiter Weltkrieg, Aufstieg der BRD: Im Leben des Boxers Max Schmeling widerspiegelt sich deutsche Geschichte. Zwei Biografien beleuchten das Leben eines Sportstars, der stets die Nähe der Mächtigen suchte.

Von René Martens

Vier Autobiografien hat sich Max Schmeling unter seinem Namen schreiben lassen, die erste erschien bereits 1929, als er gerade mal 24 Jahre alt war. Weitere Bücher zu seiner Lebensgeschichte haben ihm äusserst wohlgesonnene Autoren verfasst, und natürlich hat er daran bereitwillig mitgewirkt. Schmeling hat die eigene Geschichtsschreibung gewissermassen kontrolliert, und deshalb ist über den Mann, der am 2. Februar in der Nähe von Hamburg im Alter von 99 Jahren starb, noch längst nicht alles gesagt. Vor allem die Debatte um die Rolle, die der bis heute einzige deutsche Weltmeister im Schwergewicht während des Nationalsozialismus spielte, scheint erst jetzt richtig zu beginnen. Die erste wissenschaftliche Schmeling-Biografie legte Volker Kluge noch 2004 vor, und Martin Krauss sollte die Diskussion mit «Schmeling. Die Karriere eines Jahrhundertdeutschen» - der ersten Biografie, die nach dem Tod des Idols erschienen ist - jetzt noch forcieren können.

Frontmann von Coca-Cola

Ein «Jahrhundertdeutscher» ist Schmeling, weil sich in seinem Leben ein Grossteil der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt: Weimarer Republik, Faschismus, Zweiter Weltkrieg, das so genannte Wirtschaftswunder, der Aufstieg der BRD zur Grossmacht. Krauss konstatiert, dass Schmeling stets die Nähe der Mächtigen gesucht habe - nicht nur die der Nazis. In der Tat fällt auf, dass sich der Star stets zu arrangieren wusste. Ende der zwanziger Jahre etwa begann Schmeling einzutauchen in die bohemistischen Zirkel Berlins, freundete sich an mit bildenden Künstlern, mit Film- und Theaterleuten, mit George Grosz, später auch mit Ernst Lubitsch.

Gegen die Rolle des Volkshelden, in der ihn die Nazis bald darauf inszenierten, wehrte er sich nur schwach, und alle späteren Distanzierungen wirken auch insofern lau, als der Status, den der Faustkämpfer in der NS-Zeit genoss, massgeblich das Leben des Nachkriegs-Schmeling beeinflusste - sowohl seinen gesellschaftlichen Ruhm als auch seinen geschäftlichen Erfolg als Frontmann von Coca-Cola Deutschland.

Eine herkömmliche Biografie würde der historischen Bedeutung Schmelings also kaum gerecht. Martin Krauss beginnt sein Buch deshalb «nicht mit der Kindheit des Helden, und es endet auch nicht mit seinem Lebensabend». Die eine oder andere Geschwätzigkeit - ungeachtet dessen, dass seine Akribie Respekt verdient - erlaubt sich dagegen Volker Kluge: «Seit Tagen litt er an einer schweren Erkältung, die er sich bei einer Autofahrt zugezogen hatte, als er bei geöffnetem Verdeck an einem milden Frühlingstag ...»

In die Sporthistorie ist Schmeling eingegangen, weil er «der einzige Mensch» war, «der gegen einen jungen und austrainierten Joe Louis gewinnen konnte» (Krauss) - mit diesem Erfolg über den als unschlagbar geltenden Schwarzen, den die NS-Propagandisten als «deutschen Sieg» feierten, war 1936 aber auch seine Rolle als Gallionsfigur des Regimes zementiert. Wie Krauss herausarbeitet, hatte Schmelings Karriere als politisches Symbol freilich schon viel früher begonnen. Als er 1928 gegen den Mussolini-Günstling Michele Bonaglia gewann, «mutete uns das wie ein Sieg der Demokratie über den Faschismus an», wie sich der Schauspieler und Theaterregisseur Fritz Kortner später erinnerte.

Zu Gast bei Hitler

Der Satz, auf den sich Schmelings Status unter den Nazis durchaus herunterbrechen liesse, fällt 1933: «Wenn Sie mal Probleme haben, lassen Sie es mich wissen.» Das sagt Hitler kurz nach der Machtübernahme in einem Gespräch mit Schmeling. Der Boxer folgt in den nächsten Jahren immer wieder Einladungen des Diktators («Es war auch Eitelkeit im Spiel», sagt Kluge über Schmelings Motivation), er pflegt laut Krauss «engen Kontakt» mit dem Reichswirtschaftsminister Hermann Göring, und zu seinen Freunden zählt er den Geschäftsführer der Reichskulturkammer, Hans Hinkel.

Die Nazis benutzten ihren Vorzeigeathleten auch als eine Art Diplomaten. 1936 sagt Schmeling, mit Blick auf die Olympischen Spiele in Berlin, gegenüber dem Olympischen Komitee der USA: «Im Namen aller deutschen Sportler kann ich versichern, wir werden keine Diskriminierung zulassen, aus welchen Gründen auch immer, und garantieren für einen korrekten Verlauf der Spiele.» Trotz solcher im grössenwahnsinnigen Tonfall verbreiteten Desinformationen fanden manche Nazis, der Star sei nicht auf Linie. Kluge hat recherchiert, dass 1936, in einer Sitzung der Berliner Ratsversammlung, ein SS-Mann sagte, er sei «überzeugt davon, dass auch auf einen so robusten Menschen wie Schmeling vier Wochen Konzentrationslager mit Frühsport ... bessernd wirken». Schmelings Kontakte zur NS-Spitze waren indes zu gut, als dass ihm dieses «Gekläff» (Kluge) hätte schaden können. Die hielten auch, nachdem 1938 sein Heldenstatus zu bröckeln begonnen hatte, weil er den zweiten Kampf gegen Joe Louis verloren hatte. Gerade mal 144 Sekunden brauchte der schwarze Amerikaner, um den Bilderbuchrepräsentanten der Herrenrasse auszuknocken.

Wer, wie Kluge und Krauss, all die Bücher vergleicht, die Schmelings Leben aufarbeiten, und andere Dokumente hinzuzieht, stösst auf sehr viele Widersprüche - vor allem, was Hilfeleistungen für Freunde betrifft. Ein Beispiel: Bei einem Stammtisch in der Künstlerbar Roxy in Berlin im September 1938 äussern sich die Wirtsleute, das Ehepaar Ditgens, gegen Hitler. Einer der Gäste, ein Kammersänger, verpfeift den Gastronomen, die Gestapo schreitet ein. Heinz Ditgens schreibt 1946 in einer eidesstattlichen Erklärung, Schmeling habe die Sache bereinigt, indem er Goebbels anrief, der Boxer berichtet in seinen «Erinnerungen», er habe seinen Freund, Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann, angerufen. Kluge geht allerdings davon aus, dass Schmeling, der das Ereignis auf das Frühjahr 1939 datiert, an dem Abend gar nicht in Berlin war. Eigenartig auch, dass der Sportstar im Fragebogen zur Entnazifizierung manche Rettungstaten, die er später anderswo ausführlich schildert, gar nicht erwähnt.

Auch Kluge und Krauss sind sich in manchem nicht einig, etwa was Schmelings Eintritt in die Wehrmacht betrifft: Kluge kommt nach seinem Quellenstudium zu der Überzeugung, der Boxer habe sich freiwillig gemeldet, während Krauss sagt: «Gegen diese Darstellung spricht, dass ein freiwilliger Eintritt in die Wehrmacht aus Schmelings Sicht keinen Sinn ergibt», weil er sich damit sein grosses Ziel, einen dritten Fight gegen Louis, verbaut hätte.

Verniedlichung Nazi-Deutschlands

Krauss schreibt, auch nach der NS-Zeit habe sich Schmeling «nur unscharf gegen seine Vereinnahmung durch die Nazis gewehrt», vor allem aber nicht habe sehen wollen, dass zwangsläufig alles, was er tat, politische Dimensionen hatte. Gewiss, Schmeling bewies Mut und moralischen Grundanstand, indem er bedrohten Menschen half, andererseits war seine politische Position eine Mischung aus Willfährigkeit und Naivität. Noch 1977 charakterisiert Schmeling in den «Erinnerungen» seine Besuche in Kriegsgefangenenlagern allen Ernstes als «eine Geste, mit der die Wehrmacht in dem immer erbitterter geführten Krieg überkommenen Prinzipien der Ritterlichkeit Genüge tun wollte».

Im Vergleich der Biografen liegt Krauss vorn, weil sich sein Buch flüssiger liest. Kluge dagegen recherchiert besser, als er schreibt. Darüber hinaus erschliesst sich bei Kluge letztlich nicht, warum er die politische Figur Schmeling so hart angreift, um im Nachwort dann ein albernes Fazit zu ziehen: Es könne nur «ein gerechtes Urteil geben: ‹Max Schmeling, Deutschland - Sieger nach Punkten!›» Aber gegen wen bloss?

Einen der besten Sätze zur politischen Funktionalisierung Schmelings hat 1997 der auch von Krauss zitierte Philosoph Wolf-Dietrich Junghanns in dem Aufsatz «Jagdszenen und Heldensagen. Motive neuer deutscher Boxpublizistik» formuliert: «Über die Jahrzehnte stand die Heroisierung Max Schmelings im Zeichen verschiedener nationaler Selbstbestärkungen.» So ähnlich, nur ideologisch ganz anders akzentuiert, hat es ein hochrangiger Funktionär der evangelischen Kirche Deutschlands bei der öffentlichen Trauerfeier ausgedrückt, die ein Monat nach dem Tod der Ikone stattfand: Schmelings Erfolge seien «Balsam für die Seele einer desorientierten Nation» gewesen. Auch nach seinem Ableben wird Schmeling also munter instrumentalisiert - und vielleicht hätte er gegen die zum schwarzrotgoldenen Zeitgeist passende Verniedlichung Nazi-Deutschlands zu einer «desorientierten Nation» nicht einmal etwas einzuwenden gehabt.

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