Nr. 12/2005 vom 24.03.2005

Köpfchen gegen Kröte

Eingeführte Tierarten sind für Australiens Fauna eine Plage. Die giftige Zuckerrohrkröte versuchte man gar mittels Gentechnik loszuwerden. Doch die Natur ist schneller.

Von Michael Lenz, Cairns

Eine Giftkröte zieht raubend durch Australien. Käfer, Insekten und Frösche stehen auf dem Speiseplan der Zuckerrohrkröte. Problematisch ist das vor allem deshalb, weil diese kein australisches Tier ist. Die grünlich braune Kröte wurde 1935 aus Venezuela eingeführt, um Schädlinge in den Zuckerrohrplantagen von Queensland zu bekämpfen.

Statt aber nur den Zuckerrohrkäfern den Garaus zu machen, widmeten sich die Kröten auch der eigenen Vermehrung. Bis zu 35 000 Eier kann eine weibliche Zuckerrohrkröte produzieren. Die zahlreichen Nachkommen der Gastarbeiterkröten begannen, von Queensland aus über tausende von Kilometern bis Sydney im Süden und zum weltberühmten Kakadu-Nationalpark im Norden Australiens zu hüpfen.

Distanzwaffen

Die grünlich braune Kröte tötet nicht nur die Tiere, die sie frisst, sondern auch jene, von denen sie gefressen wird. Vögel, Schlangen, Salzwasserkrokodile, Eidechsen und sogar Dingos sehen in ihr einen Leckerbissen. Aber: Das Amphibium aus der Familie der Agakröten (Bufo marinus) ist für seine Feinde tödlich. Die Cane Toad, wie sie in Australien heisst, hat nämlich zwei Giftdrüsen am Hinterkopf, die sie auch als Distanzwaffe zur Abwehr von Attacken benutzt. Ob als Ei, Kaulquappe oder als 25 Zentimeter grosse erwachsene Kröte - die Zuckerrohrkröte ist immer giftig.

Grobes Geschütz

ÖkologInnen, HerpetologInnen und VirologInnen an Australiens Forschungskonzern CSIRO (Commonwealth Scientific Industrial Research Organisation) setzen auf die Gentechnik, um der Plage Herr zu werden. Mittels Rana-Viren soll ein Gen ins Genom der Zuckerrohrkröte eingeschleust werden, das deren Fortpflanzung verhindert. Das hat geklappt - nur fand dabei auch der Nachwuchs einheimischer Amphibienarten ein vorzeitiges Ende; der Versuch musste abgebrochen werden. Ein neues Projekt hat jetzt die Metamorphose der Kaulquappen zu Kröten im Visier. Durch die Einschleusung eines Proteins, das nur in ausgewachsenen Zuckerrohrkröten vorkommt, soll der Metamorphoseprozess verhindert werden. «Die Kaulquappe wird das Protein als Fremdkörper ansehen und eine Schutzantwort entwickeln», sagt Professor Alex Hyatt. Eine Gefahr für andere Arten, glaubt Hyatt zuversichtlich, bestehe diesmal nicht.

Während aber die Biotechnologie bislang scheiterte, hat die Natur begonnen, sich anzupassen. Die grüne Baumschlange und die rotbäuchige Schwarzotter haben in den siebzig Jahren seit Auftauchen der Zuckerrohrkröte grössere Körper und kleinere Köpfe entwickelt. Dank der grösseren Körper vertragen sie mehr Krötengift. Dank der kleineren Köpfe geraten sie nicht in Versuchung, grosse Kröten zu fressen, die besonders viel Gift enthalten. «Bisher dachten wir, dass ein solcher Evolutionsprozess Millionen von Jahren dauert. Aber offenbar kann er etwas schneller passieren als angenommen», sagt Evolutionsbiologe Ben Phillips von der Universität Sydney. Die beiden Schlangen hätten sich in gerade mal zwanzig Schlangengenerationen an die Gefahr durch die Cane Toad angepasst.

Lernfähige Vögel

Auch Vögel und Frösche haben gelernt, mit den giftigen Einwanderern umzugehen. Einige Vogelarten klatschen die Zuckerrohrkröte wie einen Pizzateig hin und her, um so an die ungiftigen Körperpartien zu kommen, sagt Phillips. Kürzlich entdeckten BiologInnen, dass sich der in den Northern Territories heimische Dahl’s-Aquatic-Frosch gefahrlos an Babyzuckerrohrkröten delektiert. Der Grund seiner Immunität ist ein Rätsel. Die Keelback-Schlange aus der Familie der Nattern wiederum hat ihre Immunität gegen das Gift des Bufo marinus ihren asiatischen Verwandten zu verdanken, die sich ihren Lebensraum mit Giftkröten teilen.

Abnehmender Froschgesang

Aber nicht alle Tierarten passen sich so schnell an. In den Northern Territories seien die Todesotter, die gefleckte Python und 47 weitere Schlangenarten von der Zuckerrohrkröte an den Rand der Ausrottung gebracht worden, sagt Phillips. Ein Schicksal, das auch den Kröten fressenden Beutelmardern droht. Im Northern Territory hatte in nur zwölf Monaten nach Ankunft der Kröten die Zahl der Beutelmarder alarmierend abgenommen. Auch der Bestand von Süsswasserkrokodilen und Goanna-Eidechsen wurde durch die Kröte reduziert.

Seit 1996 nehmen Zoologinnen der Uni Queensland im Kakadu-Nationalpark den Gesang der vielen verschiedenen Froscharten auf. «Seit der Ankunft der Zuckerrohrkröten vor etwa sechs Jahren haben wir festgestellt, dass die Zahl der verschiedenen Froschrufe abgenommen hat», sagt Gordon Grigg. Viele Tierarten seien offenbar so anfällig, dass sie keine Chance hätten, sich an die Krötengefahr anzupassen, sagt Phillips.

Etwas Ähnliches passierte im benachbarten Neuseeland, seitdem dort Mitte des 19. Jahrhunderts das Possum eingeführt wurde, ein australisches Beuteltier, das sich munter durch Neuseelands einzigartige Vogelwelt frisst und viele Arten ausgerottet hat. Mangels natürlicher Feinde haben nämlich viele neuseeländische Vogelarten im Laufe der Evolution ihre Flugfähigkeit verloren. Und eine verlorene Flugfähigkeit kehrt nicht so schnell zurück, wie Schlangenköpfe kleiner werden.

Es werde sehr lange dauern, bis die Natur eine Balance geschaffen habe, die eine friedliche Koexistenz zwischen der australischen Fauna und den Eindringlingen erlaube, vermutet Phillips. Die Regierung der Northern Territories in Darwin hat deshalb das Schutzprogramm «Insel Archen» ins Leben gerufen. Beutelmarder und andere gefährdete Tiere werden auf garantiert krötenfreie Inseln verbracht. Die Bevölkerung von Queensland hat unterdessen die Zuckerrohrkröten zur Volksbelustigung entdeckt. Cane-Toad-Rennen sind die Attraktion in bierseligen Nächten in den Pubs zwischen Townsville und Port Douglas.

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