Nr. 12/2005 vom 24.03.2005

Im Westen viel Neues!

Zeitgenössische Kultur aus der Romandie ist in der Deutschschweiz nicht sehr bekannt. Ein Festival in Bern will das ändern.

Von Julia Wehren

Vor acht Jahren landete der baskische Regisseur, Schauspieler und Bühnenbildner Oskar Gómez Mata einen Knüller. Er inszenierte mit seiner frisch gegründeten Compagnie L’Alakran in Genf «Boucher Espagnol» nach Texten von Rodrigo García. Das Stück überraschte Publikum und KritikerInnen mit einem fröhlichen Chaos auf der Bühne. Die tragische Geschichte eines verzweifelten Metzgersohnes war verpackt in ein präzise choreografiertes, überbordendes Spiel voller Farben, poetischer Bilder und Humor.

Nach «Boucher Espagnol», der insgesamt über 150 Mal gespielt wurde, inszenierte Oskar Gómez Mata «Tombola Lear», «¡Ubú!» nach Alfred Jarry, szenische Installationen sowie «Cerveau Cabossé 2: King Kong Fire». Es folgten Einladungen nach Frankreich, Spanien, Deutschland, Argentinien und Tunesien. Aber nicht in die Deutschschweiz. Nur einmal, 2001, trat L’Alakran am Zürcher Theater Spektakel auf, wo ihr Erstling in einer deutschen Version den ZKB-Förderpreis einheimste. Seither ist wieder Funkstille zwischen Ost und West, und auf der Tourneeliste reihen sich weiterhin die französischen, spanischen, südamerikanischen und welschen Städte aneinander.

Woran das liegt? Am anarchischen Spiel der spanisch-schweizerischen Compagnie? Oder einfach daran, dass sich Theater immer innerhalb der eigenen Sprachräume orientiert? Sandro Lunin, Mitveranstalter des Festivals Ouest-Est in Bern, kann nur Vermutungen anstellen. Tatsache ist, dass das welsche Theaterschaffen in der Deutschschweiz wenig bekannt ist, und umgekehrt, dass auch die bekanntesten Akteure der freien Deutschschweizer Theaterszene kaum in der Romandie auftreten. Etwas besser sieht die Situation in anderen Kultursparten wie der Musik, dem Tanz oder der bildenden Kunst aus. Doch auch hier gilt: Erst wer wirklich grossen Erfolg hat, schafft den Schritt über die Sprachgrenze.

Gegen diesen kulturellen Röschtigraben will das Festival Ouest-Est antreten. Es präsentiert während fünf Tagen in den Kulturhallen Dampfzentrale und im Schlachthaus-Theater in Bern Kulturschaffende aus der Romandie. Thema der ersten Ausgabe des in Zusammenarbeit mit der Pro Helvetia organisierten Festivals ist die Kulturszene der Stadt Genf.

Das Festivalprogramm ist rund um zwei Schwerpunktthemen zusammengestellt: Das eine widmet sich der Bühnenwelt der Compagnie L’Alakran, die drei Stücke vorstellen wird, und das andere dem Musiker und Veranstalter Polar. Letzterer ist an verschiedenen Produktionen aus den Bereichen Musik, bildende Kunst und Tanz beteiligt und stand dem Leitungsteam im Vorfeld auch als Berater zur Verfügung. In Zukunft soll das Festival einmal stattfinden.

Sandro Lunin sieht in der welschen und der deutschschweizerischen Kultur durchaus mehr als nur sprachliche Unterschiede. «Charakteristisch für die zeitgenössische Kultur aus der Romandie ist die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Sparten. Oftmals werden Theater, Tanz, Performance und bildende Kunst vermischt», sagt er. Diese Tendenz werde durch Institutionen gefördert, die sich an den Schnittstellen positionierten, wie das Théâtre de l’Arsenic in Lausanne oder das Festival La Bâtie in Genf. Auch bezüglich Zusammenarbeit unterscheidet sich die Kulturszene der Westschweiz von derjenigen der Deutschschweiz: «Die welschen Kulturschaffenden sind untereinander viel besser vernetzt», sagt Sandro Lunin.

Gerade L’Alakran ist eine Theatergruppe, die sich in der Nähe der bildenden Kunst ansiedelt und in ihre Inszenierungen Musik und Bewegung einfliessen lässt. «Psychophonie de l’âme», mit dem das Festival in der Dampfzentrale eröffnet wird, ist zum Beispiel eine Mischung aus Performance, Installation und Theater. Es existiert keine Bühne, das Publikum kann frei in der «lebendigen Ausstellung», wie die Compagnie ihr Stück nennt, umhergehen. Kleine Objekte und Fotos sind aufgestellt, mit Kreide steht auf den Boden geschrieben: «Geht so oft wie möglich an eure Grenzen». Oder: «Vergesst nicht, glücklich zu sein». «Psychophonie de l’âme» führt in zehn Sequenzen humorvoll durch die existenziellen Fragen des Lebens.

Ganz anders «Cerveau Cabossé 2: King Kong Fire». Das Stück für fünf SchauspielerInnen basiert auf Texten von Oskar Gómez Mata und dem baskischen Autor Antón Reixa. Es erzählt, wie Valentin Ressentit im Duden nach dem Wort «Hure» sucht und dabei auf ein Wirrwarr aus Wörtern stösst, die ihm noch weit mehr Sorgen machen als jenes: Ekel, Fernsehen, Kapitalismus, Liebe. Valentin könnte irgendeiner sein. Während die SchauspielerInnen erzählen, reisen sie durch verquere Hirnwindungen, aus denen Fantasmen, Ängste, Wünsche und Träume hervorkriechen. Zur Geschichte des Valentin gesellt sich die Geschichte des Spiels auf der Bühne, eine Art Metaebene, die das Geschehen reflektiert und doch alles unklar lässt.

«Mein Theater soll die versteckten, deaktivierten Sinne des Publikums wecken», sagt Oskar Gómez Mata. «Ich möchte, dass die Zuschauenden sich entscheiden, ob sie im Theater bleiben wollen oder nicht, ob sie das Stück lieben oder hassen und dass sie dies auch ausdrücken können. Dieses Handeln spiegelt sich in einer kritischen Lebenseinstellung wider.» Für den Regisseur heisst Theater machen «einen anderen Blick auf den Alltag werfen». Ein Akt, der immer politisch sei, im Sinne eines kritischen und reflektierten Blickes auf die Gesellschaft. Er nennt seine Truppe eine «Compagnie d’activisme et d’agitation théâtrale», ihren Namen hat sie vom wenig gemütlichen Skorpion entlehnt.

Das dritte Stück, das L’Alakran im Rahmen von Ouest-Est spielen wird, wurde 2004 von Oskar Gómez Mata und dem Ensemblemitglied Esperanza López im Zentrum für Gegenwartskunst in Madrid uraufgeführt. «Optimistic vs Pessimistic» hat in Bern als Work in Progress Schweizer Premiere, bevor es im Juni im Théâtre Saint-Gervais in Genf, der Heimstätte von L’Alakran, fertig gestellt wird. «Nichts ist schwarz oder weiss, glücklich oder richtig unglücklich, optimistisch oder pessimistisch», heisst es da. «Alles ist immer nur zwischendrin.»

Festival Ouest-Est
Bern Dampfzentrale und Schlachthaus, Di, 29. März bis So, 3. April. Compagnie L’Alakran, «Psychophonie de l’âme»: Schlachthaus, Di, 29. März, 19.30 h; Fr, 1. April, 19.30 h. «Cerveau Cabossé 2: King Kong Fire»: Do, 31. März, 21 h; Sa, 2. April, 20.30 h. «Optimistic vs Pessimistic»: Dampfzentrale, Fr, 1. April, 23 h. Infos für das weitere Programm: www.dampfzentrale.ch

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