Nr. 13/2005 vom 31.03.2005

Krawalle in der Vorstadt

In Sydney greift die Polizei seit Monaten hart gegen angebliche Kleinkriminelle durch - mit tödlichen Folgen.

Von Max Watts, Sydney

Es ist Freitag, der 25. Februar, kurz vor elf Uhr abends in Macquarie Fields, einem ärmlichen Vorort der australischen Grossstadt Sydney. Die Polizei setzt mit hoher Geschwindigkeit einem angeblich gestohlenen Auto nach. Der Fahrer des Autos, Jesse Kelly (20), verliert die Beherrschung über das Fahrzeug - andere behaupten, die Polizei habe das verfolgte Auto gerammt - und fährt in einen Baum. Zwei jugendliche Passagiere, Matthew Robertson (19) und Dylan Raywood (17), sterben. Unmittelbar nach dem Vorfall sammeln sich rund siebzig Personen um die Unfallstelle. Während der Fahrer des Unfallautos flüchtet, greifen die Zuschauer die Polizisten an, die sie für den Tod der beiden Jugendlichen verantwortlich machen. Auch in den nächsten vier Tagen bleibt Macquarie Fields in Aufruhr. Immer wieder werden Polizeigruppen von Jugendlichen aus dem Quartier angegriffen. Diese durchkämmt mit Hundertschaften systematisch das Quartier, setzt einen Helikopter, Pferde und Hunde ein und verhaftet rund sechzig Personen, darunter auch Brüder und Verwandte der Toten. Macquarie Fields wird während mehrerer Nächte von der Polizei abgeriegelt. Die Fahndung nach Jesse Kelly bleibt erfolglos.

Null Toleranz

Am 9. März hat sich schliesslich Jesse Kelly freiwillig gestellt. Ihm droht nun eine Anklage wegen Totschlags. Kelly gehört zu den Macquarie-Fields-Boys. Dies ist eine Gruppe Jugendlicher, die sich ein zerfallenes Haus mietete, es instand setzte und dort wohnt. Das Haus ist zu einem Treffpunkt auch für Obdach- und Arbeitslose geworden, die dort zu essen bekommen. Die Jugendlichen leben von Gelegenheitsjobs, klauen aber manchmal auch Autos oder verkaufen Drogen, wie Kellys Grossvater, der Politaktivist Peter Perkins (55) der WOZ sagt: «Diese Jugendlichen leben in einer anderen Welt. Sie sind von der Konsumgesellschaft ausgeschlossen. Sie haben ein anderes Verhältnis zu Eigentum. Sie teilen alles, was sie besitzen.»

Für die Polizei im Bundesstaat New South Wales (NSW) sind Jugendgruppen wie diejenigen von Macquarie Fields schon Monate vor dem tödlichen Unfall zu einem Hauptfeind geworden: Es sind Gangs, die zerstört werden müssen. Für sie gilt das Motto «Null Toleranz». Der Regierungschef von NSW, Bob Carr, sagt: «Null Toleranz heisst, präventiv vorzugehen. Wir durchdringen Problemzonen und setzen sie unter ständigen Druck.» Die Macquarie-Fields-Boys entgegnen in einer Verlautbarung: «Wir werden verfolgt, festgenommen, zusammengeschlagen, ohne einen Grund, ohne Anklage. Unser Haus, aber auch andere Wohnorte wurden wiederholt von der Polizei überfallen, durchsucht, durchwühlt, mit oder ohne Haussuchungsbefehl, ohne Erklärung. Die Hetzjagd am 25. Februar war der letzte Tropfen, noch dazu zwei tote Kumpel.»

Macquarie Fields liegt rund fünfzig Kilometer von der Innenstadt Sydney entfernt. Wäre es nicht zu den fortgesetzten Krawallen gekommen, hätte man in der City wohl wenig Notiz von dem tödlichen Zwischenfall genommen. Inzwischen drängt sich eine Parallele zu einem anderen Vorfall im südlichen Teil der Stadt auf, der sich vor einem Jahr ereignete: Am 14. Februar 2004 starb im Quartier Redfern der siebzehnjährige TJ Hickey, ein dunkelhäutiger Aborigine (Ureinwohner). Hickey wurde nach einem Sturz vom Fahrrad von einer Zaunspitze durchbohrt.

Rammender Polizist?

Nach Hickeys Tod kam es in Redfern zu Krawallen, Polizisten wurden mit Steinen und Flaschen angegriffen. Eine offizielle Untersuchung zu Hickeys Tod sprach von einem Selbstunfall. Diese Version wird jedoch von vielen angezweifelt: Für sie ist es erwiesen, dass das Fahrrad von TJ Hickey von einem Polizeiauto gerammt wurde und im Nachhinein Beweismittel gefälscht worden sind. Im September 2004 trat der Hilfspolizist Paul Wilkinson, selbst ein Aborigine, an die Öffentlichkeit. Er habe gehört, wie ein Polizeikollege damit geprahlt habe, TJ Hickey mit seinem Polizeiwagen gerammt zu haben. Wilkinson sagt, er sei von seinen Kollegen massiv unter Druck gesetzt worden. Sie hätten ihn zu Hause besucht und ihn mit dem Tode bedroht, falls er aussage. Auch hätten Unbekannte sein Auto angezündet. Wilkinson ist inzwischen von seinem Dienst beurlaubt worden, der Polizeikollege wurde befördert.

In den vergangenen Wochen haben in Redfern mehrere Demonstrationen anlässlich des ersten Todestages von TJ Hickey stattgefunden. Die Protestierenden forderten eine erneute Autopsie seiner Leiche. NSW-Premier Bob Carr lehnt diese ab. Der Fall sei abgeschlossen, kriminell seien diejenigen, die nach Hickeys Tod mit Gewalt reagierten.

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