Nr. 08/2007 vom 22.02.2007

Nouvelle Vague allemande

Das Filmfestival hat gezeigt, dass die «Neue Berliner Schule» im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz bestehen kann. Mit «Yella» war gar ein Film mit Signalwirkung zu sehen.

Von Julian Weber

«Das deutsche Kino ist die Fortsetzung der Schrankwand mit anderen Mitteln.» So formulierte es der Filmhochschüler Christoph Hochhäusler 1998 in dem von ihm mitbegründeten Magazin «Revolver», das als Stimme unzufriedener Filmschaffender gestartet war, angesichts von Spielfilmen wie «Ballermann 6» und «Das Leben ist eine Baustelle». Mit dem Blick auf ZuschauerInnenzahlen waren die deutschen Filme der neunziger Jahre tatsächlich immer perfekter, nicht aber künstlerisch anspruchsvoller geworden. Heute gibt es die Historienschinken und Beziehungskomödien made in Germany immer noch, aber, und das ist eine der positiven Ergebnisse der Berlinale 2007, die Genre- und Nummer-sicher-Filme bestimmen das Bild des deutschen Kinos nicht mehr allein. «Man kann auch ohne nennenswerte Einspielergebnisse künstlerische Positionen durchsetzen, wenn man die vitalen Interessen seiner Zeit berührt», sagt Christoph Hochhäusler, inzwischen Regisseur.

Seit dem Amtsantritt von Dieter Kosslick als Leiter der Berlinale im Jahre 2002 ist Bewegung in die deutsche Filmlandschaft gekommen. Die persönliche Handschrift von RegisseurInnen, in den neunziger Jahren quasi als obszön abgetan, ist wieder zugelassen. Das hat zu mehr Risikobereitschaft der RegisseurInnen geführt und zu mehr Stilbewusstsein, erkennbar in den deutschen Filmen an der diesjährigen Berlinale. Ob ein Behinderter, ein alkoholabhängiger Gerüstbauer und eine haftentlassene Frau in dem ostdeutschen Roadmovie «Alle Alle» über viele Schwierigkeiten hinweg zusammenfinden oder ob in der Dokumentation «Full Metal Village» der in Hessen lebenden Koreanerin Sung Hyung Cho die BewohnerInnen eines norddeutschen Dorfes, in dem einmal im Jahr ein Heavy-Metal-Musikfestival stattfindet, unter die Lupe genommen werden - die Themen sind breiter gestreut.

Filmhauptstadt Berlin

Inzwischen hat Berlin München als wichtigste Filmstadt abgelöst. Im Ausland wird gar eine «Nouvelle Vague allemande» mit der Stadt in Verbindung gebracht. In diesem Zusammenhang fallen immer wieder die Namen von Christoph Hochhäusler, Benjamin Heissenberg, Valeska Grisebach, Maren Ade, Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan. Die drei Letztgenannten waren auf der diesjährigen Berlinale mit neuen Filmen vertreten. Als «Neue Berliner Schule» firmierend, hängen diese FilmemacherInnen nicht etwa einer bestimmten Formensprache an. Vielmehr, so die Regisseurin Maren Ade, «ist der Begriff ‹Neue Berliner› als Überschrift sinnvoll für ein anderes Kino, das sich vom Mainstream absetzt». Mag die Diskrepanz zwischen kommerzieller Verwertbarkeit und künstlerischen Ansprüchen noch so gross sein, «zwei oder drei besondere Filme können die gegebene Situation für die nächsten Jahre ändern», urteilt Hartmut Bitomsky, Direktor der Filmhochschule DFFB in Berlin über die Zukunftsaussichten des neuen deutschen Kinos. Als Student wurde er übrigens 1968 von dieser Filmhochschule rausgeworfen.

Vielleicht zeigt Christian Petzolds «Yella» Signalwirkung, er war einer der mitreissendsten Filme der diesjährigen Berlinale. Die konzentriert erzählte Story einer ostdeutschen Buchhalterin, die in Hannover mit einem Finanzmanager zusammentrifft und dabei allerhand unheimliches Geschehen lostritt, brachte sogar das US-amerikanische Branchenblatt «Variety» zum Jubeln. Zwischen genau recherchierten Details und künstlerischer Reduktion, Anklängen an die Filmgeschichte und dem Vertrauen in die Fantasie hat Petzold zu einer ganz eigenen ästhetischen Linie gefunden. So wie die anderen Neuen Berliner sieht er sich nicht in erster Linie als politischer Filmemacher. Die Produktionsbedingungen seien an sich schon politisch genug, meint er. Petzold erinnerte die SchauspielerInnen an ihre negativen Erlebnisse bei früheren Castings. So sollten sie sich das fehlende Selbstbewusstsein, das viele Figuren in «Yella» kennzeichnet, für die Rolle zu eigen machen.

Die Frauenperspektive

Auch in den Sektionen «Panorama» oder im «Forum» setzten sich deutsche Filme der internationalen Konkurrenz aus und hinterliessen bleibende Eindrücke. Thomas Arslans «Ferien» zeigt vier Generationen einer Familie in der gemeinsamen Sommerfrische. Der Familie gelingt es nicht, im Urlaub vom Alltag abzuschalten, stattdessen brechen die interfamiliären Konflikte auf, kontrastieren turbulente Gefühlswelten mit dem Wetter und der einsamen Landschaft, die der Regisseur meditativ, ja fast körperlich um seine Figuren herum in Szene setzt. «Ferien» schärft mit seiner Langsamkeit die Seh- und Hörgewohnheiten.

Die «Perspektive deutsches Kino», 2002 ins Leben gerufen, gibt jungen Talenten die Chance, sich auf der Berlinale einem internationalen Publikum zu präsentieren. Dieses Jahr stammen acht der zwölf Produktionen der «Perspektive» von Frauen. Auch wenn Regisseurinnen im Durchschnitt immer noch weniger Fördergelder erhalten als ihre männlichen Kollegen, ist der Jahrgang 2007 als deutliches Zeichen zu werten. So auch «Hotel Very Welcome», das Spielfilmdebüt von Sonja Heiss. Ihr Film zeichnet die Trips von vier GlobetrotterInnen durch Indien und Thailand episodisch nach. Die ausgedachten Erlebnisse im Kontext der strapaziösen Reise des Filmteams lassen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Weder klappt die Verständigung mit den Einheimischen, noch finden die ProtagonistInnen bei den Sanjassins von Poona oder am Strand von Goa die erhoffte Erlösung. Auf sich selbst zurückgeworfen, wird ihnen die ganze Lächerlichkeit ihres Touristendaseins bewusst. «Hotel Very Welcome» wurde von der Regisseurin Maren Ade koproduziert. Hier zeigt sich ein weiteres Merkmal der Neuen Berliner: der rege künstlerische Austausch untereinander. Das Netzwerken hat dazu beigetragen, dass deutsches Kino wieder als soziale Kunst verstanden wird.

Nicht nur gelungene Spielfilmentwürfe gab es zu bestaunen, auch Dokumentationen, die deutlich ein Deutschland mit heterogener Bevölkerungsstruktur zeigen. «Die Realität hat eine eigene Anziehungskraft», sagt die Regisseurin Bettina Blümner zum Motiv ihrer Dokumentation «Prinzessinnenbad». Sie porträtiert darin drei Stammgäste eines Freibades, pubertierende Mädchen aus dem Kreuzberger Wrangelkiez zwischen Schule, ersten Drogen- und Liebeserfahrungen. Das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Porträtierten mit teils migrantischem Hintergrund, ihr Sinn für Humor und ihre sprachlichen Codes stehen im Kontrast zu chaotischen Familienverhältnissen, zu den verbauten Ausbildungschancen und den konfliktgeladenen Kontakten mit gleichaltrigen Jungs.

Die Autorenfilmer

Als fernes Wetterleuchten tauchte über dieser Berlinale noch einmal die alte Garde der deutschen Autorenfilmer aus den siebziger Jahren auf. Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie «Berlin, Alexanderplatz» wurde restauriert und in einer dreizehnstündigen Marathonsitzung gezeigt. Dem frühen Werk Wim Wenders’ war das Dokumentarfilmdebüt von Marcel Wehn gewidmet. «Von einem, der auszog» lässt Wenders’ Anfänge als Filmemacher Revue passieren, von «Alice in den Städten» bis «Im Lauf der Zeit». Wenders Wortkargheit überträgt sich auf den Fluss der Bilder, macht den Dokumentarfilm zu einem kargen, aber sinnlichen Erlebnis.

Ob sich die Neuen Berliner auf lange Sicht halten können, wird die Zukunft zeigen. «Was uns ganz klar fehlt bisher, ist ein Film, der wie ein Leuchtsignal den Himmel erhellt und damit auch andere Filme sichtbar macht», sagt Christoph Hochhäusler. Fürs Erste teilen «Yella» in Christian Petzolds gleichnamigen Film, für den die Hauptdarstellerin Nina Hoss mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, und Yella Rottenhöfer, die Hauptdarstellerin von Wim Wenders’ heute fast vergessenem Spielfilmdebüt «Alice in den Städten» schon mal den gleichen Vornamen.

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