Nr. 20/2005 vom 19.05.2005

Das Kleine im Grossen

Das Festival Science et Cité feiert eine Woche lang ein Fest der Wissenschaften und der Künste.

Von Johanna Lier

Die junge Frau erklärt, wie die tiefrote Küchenschürze für Dienstboten aus den Philippinen funktioniert. Da gibt es oben rechts einen Knopf, berührt man ihn, kontaktiert ein in der Schürzentasche versorgtes Handy einen Computer, der wiederum sendet Nachrichten, wie zum Beispiel: «Hilfe!» Beugt man sich runter, um den Boden aufzuwischen, wird ein Sensor nach drei Minuten aktiviert, ein Piepston erinnert, dass man sich aufrichten soll, um Rückenschmerzen zu verhindern. Es gibt auch einen als Blume maskierten Knopf, mit dem man Nachrichten zur Liebsten oder zum Liebsten senden kann. Damit man während der Aufräumarbeiten nicht vergessen geht.

Das ethische Pulverfass

Zum zweiten Mal - heuer unter dem Motto «Gewissen und Wissen» - findet das Festival Science et Cité statt, diesmal in Verbindung mit der Woche des Gehirns, die es seit 1995 gibt. Das von der Stiftung Science et Cité und der European Dana Alliance for the Brain organisierte und vom Bundesamt für Kultur und der Pro Helvetia finanzierte Fest der Wissenschaften und der Künste vereint Universitäten, Forschungsprojekte und dieses Jahr zum ersten Mal Museen, Theater und Kunsthochschulen. Es gibt auch Filme, Konzerte, Performances, viele interaktive Experimente, Podiumsdiskussionen und Vorträge. Über 500 Veranstaltungen, die Kurator Rudolf Schilling als Anstoss zur Diskussion und zum eigenständigen Denken verstanden haben will, denn der Stoff birgt Zündstoff. Man sässe auf einem ethischen Pulverfass, sozusagen, sagt er.

Solch brennende Themen will das Projekt «Artists in Labs: The Swiss Experience» - das in Luzern gezeigt wird - mittels Kunst kommunizieren. Während eines Jahres arbeiteten KünstlerInnen aus der ganzen Welt in wissenschaftlichen Labors in der Schweiz, setzten sich mit den ForscherInnen und deren Projekten auseinander und entwickelten eine ihrem Medium gemässe Sprache, um so auf sinnliche und erlebbare Art zu formulieren, was vielen von uns oft gar zu abstrakt oder unverständlich daherkommt. Margareth Than aus Singapur hat ihre Küchenschürze, die den Dienstboten ihre Arbeit erleichtern soll, im CSM - Centre Suisse d’Electronique et Microtechnique - in Alpnach entwickelt und die WissenschaftlerInnen in Erstaunen versetzt, als sich herausgestellt hat, dass sie nicht nur wunderhübsche, dekorative Blumen malen kann, sondern auch fähig ist, hochkomplexe elektronische Sensoren zusammenzubauen. Der Filmemacher Thomas Isler, der sich am Geobotanischen Institut der ETH Zürich mit der Entwicklung genetisch veränderter Nutzpflanzen beschäftigt hat, ist wiederum überrascht, mit welch emotionaler Verve die ForscherInnen die ethischen Probleme diskutieren. Islers Film, den er auch in Vietnam gedreht hat, zeigt, dass in naher Zukunft wohl chinesische Konzerne den Nahrunsgmittelmarkt in Asien kontrollieren werden; neue Hegemonien zeichnen sich ab. Und wo die WissenschaftlerInnen Erkenntnisse suchen, stellen die KünstlerInnen immer wieder überraschende und sperrige Fragen.

Aber was ist der Mensch? Im wissenschaftlichen Magazin «Gehirn und Geist» veröffentlichten elf Forscher um den Neurowissenschaftler Gerhard Roth ein Manifest, das umreissen will, was man heute weiss, und was in den nächsten Jahren an Ergebnissen zu erwarten ist. Ein Dokument voller Widersprüche, in dem einerseits zugegeben wird, dass ein so hochkomplexes Organ wie das Hirn kaum zu erforschen sei. In beinahe pathetischen Tönen werden das Geheimnis und das Unfassbare der Schöpfung betont, denn auch eine analysierte Kantate von Johann Sebastian Bach gebe niemals das Gesetz ihrer Schönheit preis. Nicht zu überlesen sind aber die anderen Ansätze, in denen behauptet wird, man kenne heute minutiös die Lernschritte des kindlichen Gehirns und werde bald aufgrund schnellerer und somit genauerer Messtechnologien das individuelle Bild eines Gehirns erstellen können, um so Tendenzen in der Entwicklung eines Menschen vorauszusagen. Die erste These erstaunt, wenn man an alle die aktuellen Schulprobleme denkt, und die zweite Behauptung lässt einen schaudern. Denn wer garantiert, dass dieses Wissen nur der Entwicklung von Medikamenten und der Lust an der Erkenntnis dient?

Und genau das ist das Thema der Produktion der Theatertruppe Plasma um den Autor und Regisseur Lukas Bangerter, die in Zürich zu sehen sein wird. Seine vier Schauspieler agieren als Probanden von neurowissenschaftlichen Versuchen, sie choreografieren aber auch die Bewegungen ihrer eigenen Neurotransmitter und Neuropeptiden und springen sozusagen in ihrem Gehirn herum und übermitteln Botschaften, deren Codes schematische Handlungen auslösen. «Tip of the Tongue» heisst das Stück, aufgrund eines Phänomens, das den Zustand beschreibt, wenn man etwas sagen will, aber das richtige Wort dafür nicht finden kann. Warum passiert das? Während die vier Protagonisten darüber streiten, schlüpfen sie immer wieder in allzu menschliche Rollen. So wird das visuelle Experiment unversehens zum beschämt hervorgestotterten Geständnis, dass man halt einfach nervös wird und aufgeregt, wenn man eine Frau sieht, die einem gefällt; und im Exkurs über Bewusstsein stellt der Proband konsterniert fest, dass er, wenn er von sich spricht, nicht nur «ich» sagt, sondern das auch wirklich empfindet. Doch eines Tages wird alles verschwinden, nur die Teilchen werden die Welt ausmachen, bis auch diese vergangen sein werden, jedes Neutrino und jedes Photon. Zurückbleiben wird ein unendlich sich dehnender und schrumpfender Raum; atmende Leere.

Das kleinste Dorf

Übervoll dafür ist das Festivalprogramm. Es lohnt sich, auf der übersichtlich gestalteten Webseite herumzusurfen, um herauszusuchen, was einen interessieren könnte. So zum Beispiel die Ausstellung «Power of the Brain» in Zürich, die Neurowissenschaftliches audiovisuell erklärt und gleichzeitig Kunstwerke zum Thema zeigt. Oder die «Agora Box», ein Medienprojekt in Genf, Vevey und Freiburg. Die Videoinstallation entwickelt eine ganz eigene Suggestionskraft der Bilder, sodass die ZuschauerInnen zu interagieren beginnen, ob sie nun wollen oder nicht. Und als Dessert: «Das kleinste Gipfeltreffen der Welt», das in Freiburg gezeigt wird. Die Videokünstler Frank und Patrick Ricklin luden die Bürgermeister der sechs kleinsten Dörfer Europas zu einem Gipfeltreffen auf einen Hügel im Appenzell. Sie sind alle gekommen - und das kleinste Dorf zählt gerade mal drei EinwohnerInnen.

Festival Science et Cité und Woche des Gehirns in der ganzen Schweiz
19. Mai bis 5. Juni.
Infos: www.festival05.ch

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