Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Verschaff dir etwas Respekt

An diesem Wochenende versammeln sich wieder rund 150000 Menschen in Glastonbury zum grössten Openairfestival Europas. Aber was haben dort Gewerkschaften zu suchen?

Von Pit Wuhrer

«Seien wir doch ehrlich: Die britische Gewerkschaftsbewegung hat eine ganze Generation verpasst, das politische und soziale Experiment von Margaret Thatcher war unglaublich erfolgreich, und die Trade Unions haben bis heute nicht wirklich verstanden, welche Kraft da plötzlich über sie hereinbrach.» Geoff Martin ist ein nüchtern-analytischer Typ, der weiss, wo Defizite bestehen, vor allem auf der eigenen Seite. «Die meisten Gewerkschaften haben bis heute nicht kapiert, wie sie die Jugend gewinnen können.» Die Gewerkschaftstreffen bis hin zur Jahreshauptversammlung des Dachverbands TUC seien doch nur abschreckend. «Erzähle mal einem Jugendlichen, dass der Gewerkschaftstag das wichtigste Treffen der Bewegung ist! Die hören sich das vielleicht kurz an und wenden sich mit Grausen ab.» Sofern sie nicht vorher schon die Nase voll haben von muffigen Sitzungen, auf denen sich vor allem alte Männer über Geschäftsordnungsanträge streiten, die nichts bewegen.

Geoff Martin hat das alles schon erlebt. Er war fünfzehn, als Margaret Thatcher 1979 an die Regierung kam und auf die Gewerkschaften einzuprügeln begann. Mit sechzehn trat er einer Gewerkschaft bei, da hatte er gerade als Krankenpfleger begonnen, mit achtzehn war er bereits Belegschaftsvertreter. «Ich habe all die Attacken auf die Bergarbeiter, die Docker, die Drucker und die Rechte der Gewerkschaften mitbekommen, das härtet ab», sagt er. Seit zehn Jahren ist Martin ehrenamtlicher Vorsitzender der Londoner Sektion der Public-Service-Gewerkschaft Unison, die in London 130 000 Mitglieder hat. Und findet es «erschreckend, welche Gelegenheiten die Gewerkschaften verstreichen lassen». Dabei hätten die Trade Unions jetzt die beste Chance auf eine Erneuerung: «Viele Jugendliche haben trotz Thatcher und Blair ein soziales Bewusstsein entwickelt, auch wenn sie nicht in der Gewerkschaft sind.» Die Jungen, sagt er, engagieren sich für fairen Handel, unterstützen Hilfswerke wie Oxfam, sprechen sich gegen Rassismus, Ausbeutung und Umweltzerstörung aus. «Die Gewerkschaften haben es versäumt, diesen Radikalismus aufzugreifen.»

Geoff Martin ist sich sicher, dass seine Analyse stimmt. Denn im Hauptberuf ist der Mann mit dem kahl geschorenen Kopf und den Tätowierungen an den Oberarmen mittlerweile die treibende Kraft im Battersea and Wandsworth Trades Union Council (BWTUC), einem gewerkschaftlichen Bezirksverband im Südwesten von London. Dieser Bezirksverband versucht seit Jahren, Brücken zwischen den sozialen Bewegungen und den Gewerkschaften, zwischen den Aktionen in den Betrieben, der örtlichen Bevölkerung, den Unorganisierten in prekären Beschäftigungsverhältnissen und der internationalen Solidaritätsbewegung zu bauen. Mit einigem Erfolg. Manche sprechen sogar von einer «Volksrepublik in Südlondon», wenn vom BWTUC die Rede ist. Mit den gängigen Vorstellungen von einer Volksrepublik hat das kleine Büro an der Garratt Lane im Londoner Stadtteil Tooting zwar wenig zu tun. Und doch stimmt der Begriff. Denn nirgendwo sonst in Britannien werden gewerkschaftliche Grundsätze so konsequent umgesetzt wie hier, nirgendwo sonst trifft man auf ein Gewerkschaftsbüro, von dem aus so viele Initiativen gestartet werden. Hier bündeln sich die Stränge von gleich fünf Projekten, die beispielhaft sind für eine zukunftsorientierte Gewerkschaftsarbeit.

Arbeiterbier und Thatcherismus

Das erste Projekt reicht weit in die Geschichte zurück - so weit, dass sich von den fünf Festangestellten im BWTUC-Büro niemand mehr genau an das Datum und den Anlass erinnern kann. War es während des langen Bergarbeiterstreiks in den Jahren 1984-1985, war es anlässlich eines Ausstands der Feuerwehrleute? Ist ja auch egal. Jedenfalls hatte irgendwann in den achtziger Jahren jemand die Idee, während eines Rockfestivals in Südlondon Bier zu verkaufen, Dosenbier von der Ladefläche eines Lkw. Ein Haufen Geld kam dabei zusammen, und dieses Geld wurde gespendet. An den Streikfonds der Bergarbeiter, sagt Geoff Martin; nein, an die Feuerwehrleute, sagt Julie Brandreth, die gerade den Telefonhörer aufgelegt hat. Sie hängt seit zwei Stunden am Apparat, um Streikposten für einen Arbeitskampf gegen einen lokalen Beerdigungsunternehmer zu mobilisieren; der Streik soll am Montag beginnen. Der Bierverkauf machte Schule, und so entstand kurz darauf die Workers’ Beer Company (WBC), die viel Geld abwirft und mittlerweile jedes Jahr 2000 bis 3000 Freiwillige beschäftigt, die auf Grossopenairs wie Glastonbury, Reading, Leeds, Homelands oder dem irischen Folkfestival Fleadh in London Bier zapfen, Ökowein ausschenken, Mineralwasser servieren.

Einen Lohn erhalten die Freiwilligen jedoch nicht. Das Entgelt geht an die Organisationen, für die sie sich engagieren: Gewerkschaftsgruppen, Drittweltprojekte, Antirassismuskomitees, Umweltinitiativen. Mit dem Überschuss finanziert die WBC die Arbeit des Gewerkschaftszentrums, den Lohn für die Festangestellten und die Starthilfe für die anderen Initiativen - etwa eine Gewerkschaftskneipe im Südlondoner Stadtteil Clapham.

«Ohne dieses Geld könnten wir längst nicht so viel tun», sagt Geoff Martin. Es ist gut angelegt. Der BWTUC kämpft seit langem gegen die Privatisierungs- und Sparpolitik des Stadtrats von Wandsworth, dem Geburtsort des Thatcherismus. Die bürgerliche Mehrheit dieser Londoner Gemeinde hatte als Erste in Britannien die Grundsätze des Neoliberalismus verinnerlicht und würde sie auch weiterhin umsetzen, wenn da nicht die gewerkschaftliche Opposition wäre. Diese mobilisiert gegen die Wohnungsbaupolitik des Stadtrats (und hat vor kurzem den Bau von 600 Sozialwohnungen erzwingen können), gegen die Kürzungen der Spitalausgaben, gegen den Umbau des berühmten stillgelegten Battersea-Kraftwerks in ein Yuppie-Paradies mit Freizeitpark und 750 Luxuswohnungen - und veröffentlicht regelmässig Zeitschriften und Broschüren, die an U-Bahn-Stationen, vor Einkaufszentren und Moscheen verteilt werden.

Eine der jüngsten Broschüren analysiert zum Beispiel die letzten Todesfälle am Arbeitsplatz: «Wir haben herausgefunden, dass in den letzten vier Jahren im Bezirk vier Arbeiter umgekommen sind», sagt Martin. «Alle waren Tagelöhner, Schuld an ihrem Tod hatten die Firmen. Also haben wir eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, dass künftig die Verantwortlichen wegen Totschlags (Corporate Killing) vor Gericht belangt werden können.» Mit einer solchen Initiative könnten die Gewerkschaften zeigen, dass sie sich nicht nur um Lohnverhandlungen, sondern auch um Alltagsfragen kümmerten. Und welche Frage sei schon grösser als die, ob man von der Arbeit auch wieder heimkehre?

Gute Jobs für arme StudentInnen

Die Tagesarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber sie ist Erfolg versprechend. «Wir versuchen, Kontakte zwischen all den Aktivisten herzustellen, zu denen wir dank der Workers’ Beer Company Verbindung haben, sie zu vernetzen, die ethnischen Minderheiten einzubeziehen und Beziehungen aufzubauen», sagt Julie Brandreth und zeigt eine Postkarte, die überall verteilt wird: «Verschaff dir etwas Respekt, geh in die Gewerkschaft», steht auf ihr. Adressat sind die vielen Unorganisierten im Bezirk. Um sie direkt anzusprechen, hat der BWTUC im Juni letzten Jahres ein neues Projekt lanciert: Work Ethic.

«Die meisten Gewerkschaften haben immer noch das Bild des Normalarbeiters vor Augen», sagt Jeannie McTavish: Voll erwerbstätig mit normalen Arbeitszeiten und normalen Bedingungen. Tatsache sei jedoch, dass es jede Menge Bedarf an Teilzeitarbeit gebe; viele Studierende müssten beispielsweise nebenbei jobben, um ihr Studium zu finanzieren. «Aber das heisst noch lange nicht, dass sie sich auch eine schlechte Behandlung gefallen lassen müssen.» Aus diesem Ansatz heraus entwickelte der BWTUC das Konzept einer gewerkschaftlichen Leihfirma, für die McTavish zuständig ist: Gewerbetreibende und Serviceunternehmer wie Pubwirte wenden sich an Work Ethic, das ihnen Teilzeitkräfte zu Gewerkschaftsbedingungen vermittelt. Und das funktioniert? «Die Leute, die auf unserer Liste stehen, haben mittlerweile einen guten Ruf», sagt Jeannie McTavish, «dafür zahlen die Unternehmer gern mehr.»

Im Kern aber zielt diese Initiative auf mehr ab als nur die Vermittlung von gut bezahlten Gelegenheitsjobs. Eine Reihe von soziologischen Studien hat ergeben, dass der erste Arbeitsplatz darüber entscheidet, ob jemand jemals der Gewerkschaft beitritt. Wer in einem gut organisierten Betrieb anfängt, wird auch bei einem Betriebswechsel nach einer Belegschaftsvertretung, nach der Gewerkschaft fragen. Wer diese erste Erfahrung nie gemacht hat, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit nie beitreten. StudentInnen aber werden nach Abschluss ihres Studiums mit hoher Wahrscheinlichkeit Jobs ausüben, in denen die Gewerkschaft keine grosse Rolle spielt. «Wir wollen den Leuten frühzeitig vermitteln, wofür wir Gewerkschafter uns einsetzen», sagt Geoff Martin.

Ein Tower mit viel Solidarität

Das gilt auch für Left Field, die Pop- und Rock-Initiative des BWTUC, die am kommenden Wochenende wieder ihren grossen Auftritt hat. Zum vierten Mal in Folge ist das von Geoff Martin mit Billy Bragg und anderen linken Musikern lancierte Projekt an Glastonbury präsent, dem wohl grössten Openairfestival Europas. Dieses Festival hatte Anfang der siebziger Jahre als kleines, nichtkommerzielles Bluesfest auf einem Acker bei Glastonbury in der Grafschaft Somerset seinen Ausgang genommen und war Ende der siebziger Jahre von Michael Eavis übernommen worden. Das Publikum wuchs von 12000 im Jahr 1979 auf 150000 im Jahr 2003, und alle, wirklich alle Stars waren schon dort: Joan Baez, David Bowie, Van Morrison, UB 40, Elvis Costello, Paul McCartney, Joe Cocker, Velvet Underground, Bob Dylan, Jimmy Cliff, Oasis, Sinead O’Connor ... Der politische Impetus aber liess allmählich nach. In den achtziger Jahren war noch für die britische Friedensbewegung, die streikenden Bergarbeiter und Umweltgruppen gesammelt worden; in den neunziger Jahren blieb davon nur wenig übrig. Vielleicht war es schlechtes Gewissen angesichts des kommerziellen Erfolgs des Festivals, vielleicht auch der Druck der radikalen BierzapferInnen von der Workers’ Beer Company, die seit Jahren Glastonbury bedient - jedenfalls gewährte Eavis im Jahr 2002 den Linken einen Raum für das Left-Field-Festival im Glastonbury-Festival.

Und seither traten und treten dort auf: viele GewerkschafterInnen, Bianca Jagger (im Rahmen einer «Blood for Oil»-Debatte), Naomi Klein, linke Kabarettisten, linke KünstlerInnen und natürlich Billy Bragg und Tony Benn (der alte linke Labour-Politiker hat mittlerweile zwei mit Beats und Folk unterlegte CDs mit seinen wichtigsten Reden herausgegeben, darunter «Tony Benn’s Greatest Hits»). Da ist auch der Left-Field-Tower, den 2004 die Lehrlinge einer gerade stillgelegten Schiffswerft zusammengeschweisst haben: Er ist zwanzig Meter hoch, wiegt fünfzehn Tonnen und stellt Arbeiterfiguren dar, die weltumspannend am gleichen Strang ziehen.

Ebenfalls präsent waren und sind GewerkschaftsaktivistInnen aus anderen Ländern. 2003 berichtete der Vorsitzende der kolumbianischen Bergarbeiter über die Verfolgung von GewerkschafterInnen in Kolumbien; 2004 sprach ein Gewerkschaftsvertreter aus Haiti über die Arbeitsbedingungen in der Freihandelszone des Landes. Mit dem neuen radikalen Gewerkschaftsverband in Haiti pflegt der BWTUC eine Partnerschaft: Am vorletzten Fleadh-Festival hatten die Südlondoner so viel Geld aufgetrieben, dass sie monatlich 1000 Pfund (rund 2250 Franken) für die Organisationsarbeit nach Haiti überweisen können.

Für das kommende Festival verspricht Geoff Martin einen besonderen Auftritt: Im Dezember 2003 war der Führer der Hafenarbeiter von Ecuador zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Nach einem BWTUC-Aufruf spendeten viele der 3000 BierzapferInnen der Workers’ Beer Company und andere Aktive in Südlondon so viel Geld für Anwalt und Kaution, dass Washington Orellana wieder freikam. Jetzt tritt er auf Einladung des BWTUC in Glastonbury auf: «Er trifft dort auf die Leute, die ihn unterstützt haben - und die sehen zum ersten Mal den Kerl, dem sie geholfen haben. Das wird ein Knüller, auch weil wir zeigen können, dass wir etwas bewirkt haben.»

Fünf Initiativen

Der Ortsverband der Gewerkschaften im Südlondoner Bezirk Battersea & Wandsworth (BWTUC) unterhält derzeit folgende Projekte:
• Die Workers’ Beer Company ist die wichtigste Geldquelle des Ortsverbands. Mitte der achtziger Jahre gegründet, betreibt die Firma, die selber kein Bier braut, den Gastrobetrieb an grossen Openairfestivals wie Glastonbury, Reading, Leeds und Fleadh und an Gewerkschaftsveranstaltungen. Jedes Jahr arbeiten rund 3000 Freiwillige, allesamt Mitglieder von politischen und sozialen Gruppierungen, für die Company; dafür erhalten ihre Organisationen rund 13 Franken pro Arbeitsstunde. Im letzten Jahr konnten die an dieser Initiative beteiligten Gewerkschaften, Hilfswerke, Umweltgruppen und politischen Initiativen rund 3,4 Millionen Franken einnehmen. (www.workersbeer.co.uk)
• Mit Hilfe der Überschüsse der Workers’ Beer Company kaufte der BWTUC im benachbarten Stadtteil Clapham ein Pub, das sie Bread and Roses nannten (der Name geht zurück auf einen Song, der 1912 während eines langen Streiks von 27000 Textilarbeiterinnen in Massachussetts in den USA entstand). Das Pub bietet neben dem normalen Kneipenbetrieb Kleinkunst, Versammlungsräume und den (gewerkschaftlich organisierten) Beschäftigten die wohl besten Arbeitsbedingungen für Kneipenangestellte im ganzen Land. (www.breadandrosespub.com)
• Left Field, eine Art linke Pop&Rock-Agentur, organisiert Musik-, Kabarett- und Politveranstaltungen und im Rahmen von Glastonbury ein eigenes, linkes Festival. (www.leftfield.coop)
• Ethical Threads bedruckt und verbreitet T-Shirts, die in Firmen hergestellt werden, die alle internationalen Schutzkonventionen für Beschäftigte einhalten und von den jeweiligen Gewerkschaften zertifiziert wurden. Die T-Shirts werden im Auftrag von Gewerkschaften und linken Organisationen mit Logos versehen und ausgeliefert. (www.ethicalthreads.co.uk)
• Work Ethic ist eine Art gewerkschaftliche Leihfirma für jugendliche TeilzeitarbeiterInnen und Student-Innen, die an Unternehmen vermittelt werden, welche einen sozialen Mindeststandard einhalten. (www.workethic.org)

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