Nr. 18/2009 vom 30.04.2009

In sechs Minuten arbeitslos

Betriebsbesetzung in Nordirland, Streiks in nordenglischen Verlagen, Arbeitskämpfe bei der Bahn: Im Vereinigten Königreich weigern sich viele Belegschaften, die Zeche für die Krise zu zahlen. Doch die meisten Gewerkschaften halten sich zurück.

Von Pit Wuhrer, Belfast/Liverpool/London

«Siehst du den grünen Knopf hier? Wenn wir den drücken, könnte die Produktion sofort wieder anlaufen. Aber das wollen die ja nicht.» Carl Pilkins kann es immer noch nicht fassen. Er steht in der grossen Werkshalle neben der Maschine, die er jahrelang bediente, und kann doch nichts tun. «Die haben uns Ende März zu einer Betriebsversammlung einbestellt und uns erklärt, dass der Betrieb pleite sei. Sechs Minuten haben sie uns gegeben, um unsere Sachen aus dem Spind zu holen - keine Vorwarnung, keine Abfindung, fertig, aus.» 31 Jahre lang hat Pilkins in der Fabrik am Westrand von Belfast gearbeitet, zuerst als Werkzeugeinrichter, dann an der Gussmaschine. Er hat immer Autoteile für Ford hergestellt, Lüftungssysteme und Ventilsteuerungen. «Die sind dann im Kölner Ford-Werk eingebaut worden. Jetzt bekommen die Deutschen die Komponenten aus Südafrika und aus den Philippinen.»

Die Halle ist fast menschenleer. In einer Pausenecke trinken drei Arbeiter Tee. Auf den Transportbändern liegen halbfertige Produkte, zwischen den Gängen stapeln sich Transportboxen mit dem Ford-Logo. In der Kantine am Hallenende sitzen ein paar ArbeiterInnen und spielen Karten, an der Wand hängen Transparente und Solidaritätserklärungen aus Irland, Britannien, Brasilien, Australien und den USA. Unten am Tor lodert Feuer aus einer alten Tonne, acht Posten passen auf, dass nur KollegInnen das Werksgelände betreten. «Die haben uns schäbig behandelt», sagt einer. «Aber dafür haben wir ihnen gezeigt, dass wir nicht so mit uns umspringen lassen», ergänzt ein zweiter. Die 210 Beschäftigten, die der Konkursverwalter am 31. März um 13.06 Uhr aus dem Werk schicken wollte, haben ihre Sachen nicht gepackt. Sie sind geblieben.

«Wir hatten fünf Sekunden Zeit, um uns zu beraten», erzählt Charlie Maxwell, der stellvertretende Convenor, eine Art zweiter Betriebsratsvorsitzender. «Dann bin ich aufgestanden und habe gefragt: Wo sollen wir denn hin? Und so haben wir den Betrieb besetzt.» Die ArbeiterInnen halten wie bisher ihre Schichtzeiten ein, kontrollieren das Werk, achten peinlich genau darauf, dass nichts beschädigt wird (nicht einmal die Getränkeautomaten haben sie geleert) und treffen sich zu drei Versammlungen am Tag, für jede Schicht eine.

Ford habe ein übles Spiel mit ihnen getrieben, sagt Carl Pilkins. Seit er denken könne, sei die Fabrik an der Finaghy Road ein Ford-Werk gewesen. «Wir waren damals, als ich begann, 1200 Leute gewesen», erinnert er sich; danach sei die Belegschaft beständig reduziert worden. Im Jahre 2000 schliesslich habe der Konzern einen Teil seiner Komponentenfertigung an die hundertprozentige Ford-Tochter Visteon ausgegliedert. «Die wollten damals auch für andere Autofirmen wie Toyota, Honda oder Volvo produzieren. Da aber Toyota ganz sicher keine Teile mit dem Ford-Logo einbauen würde, haben sie Visteon gegründet», sagt Pilkins. Zumindest sei es ihnen so erzählt worden. «Wir haben aber immer nur für Ford und das Werk in Köln produziert.»

Bei den Übernahmeverhandlungen vor neun Jahren wurde den Ford-ArbeiterInnen von Belfast die Beibehaltung aller Arbeits- und Lohnbedingungen zugesichert, inklusive einer lebenslangen Beschäftigungsgarantie bei Visteon. Wirklich lebenslang? Charlie Maxwell geht in sein Büro und holt eine Kopie des Vertrags. Tatsächlich steht da «life time protection». «Keine Ahnung, ob die Ford-Manager das damals wirklich so meinten», sagt er. Aber Vertrag sei Vertrag. «Ford hat allerdings von Anfang an mit den Zahlen getrickst. Kaum war Visteon gegründet, hat der Kunde Ford dem Hersteller Visteon, also ebenfalls Ford, nur noch 2,50 Dollar für ein Teil gezahlt, das am Tag vor der Übergabe noch 10 Dollar Produktionskosten verursachte.» Kein Wunder, dass der Betrieb rote Zahlen schreibt. «Für Ford und Visteon ist die weltweite Autokrise nur eine Ausrede, um die Belfaster Fabrik dichtzumachen. Denn die Arbeit wird ja weiterhin getan.»

Breite Unterstützung

Die BesetzerInnen sind optimistisch. Die Stimmung sei ausgezeichnet, sagen sie, die Unterstützung von aussen könnte nicht besser sein. Die Bevölkerung spendiert Kuchen, Gewerkschaftsgruppen sammeln für den Streikfonds, und alle nordirischen Verbände - von der republikanisch-katholischen IRA-Partei Sinn Féin bis hin zu Mitgliedern des erzprotestantischen Oranierordens - haben ihre Solidarität mit den kämpfenden ArbeiterInnen erklärt, die der irisch-nationalistischen wie der britisch-unionistischen Gemeinschaft angehören. Auch die Regionalregierung steht hinter den BesetzerInnen. Zum ersten Mal seit langem hat sich die immer noch zerrissene nordirische Gesellschaft hinter eine Sache gestellt; wenn das Visteon-Werk stirbt, gibt es in Nordirland keine Autofabrik mehr.

Diese Einhelligkeit hat der Belfaster Visteon-Belegschaft wohl das Schicksal ihrer rund 330 englischen KollegInnen in Enfield und Basildon erspart, die auch am 31. März gefeuert wurden. Als die ArbeiterInnen von Enfield nördlich von London von der Besetzung in Belfast hörten, okkupierten sie ebenfalls ihren Betrieb, wurden aber bald von der Polizei vertrieben. «Hier hält sich die Polizei zurück», sagt Carl Pilkins. «Uns haben die Polizeichefs gesagt, dass sie erst eingreifen, wenn sie von einem Gericht zum Handeln gezwungen werden.» So wie die Stimmung ist, könnte das noch eine Weile dauern.

Die neue Gewerkschaft Disunite

Und die Gewerkschaften? «Die stehen in Nordirland und in Irland allesamt hinter uns», sagt ein Posten am Werkstor. Was die Zentrale in London vorhabe, wisse man jedoch nicht. «Vielleicht suchen die hinter den Kulissen bereits nach einem Kompromiss. Wir wollen aber keine Abfindung, wir wollen unsere Jobs zurück.»

Die Belfaster Visteon-ArbeiterInnen gehören allesamt der Grossgewerkschaft Unite an - und das ist vielleicht ihr Pech. Denn die Organisation «hat zwar momentan für alles Mögliche Zeit und Geld, nur nicht für die Mitglieder», sagt Gale Stevenson in Liverpool. Die rund zwei Millionen Mitglieder starke Unite ist vor zwei Jahren aus der Fusion von Amicus und der Transport and General Workers’ Union (TGWU) entstanden. Zwei Kulturen treffen da aufeinander: Einerseits die von oben nach unten strukturierte, eher konservative Gewerkschaft der Metallfacharbeiterinnen, Bankangestellten und Grafiker; andererseits die TGWU, die Transport- und Fliessbandarbeiterinnen, Sicherheitsleute, Bierbrauer, Försterinnen, Lebensmittel- und Reinigungsarbeiter vertritt und zu den Zeiten von Jack Jones eine militante und demokratische Gewerkschaft gewesen war.

«Der Zusammenschluss war ein Fehler», sagt Stevenson, die die Unite-Angestellten vertritt; in Liverpool, wo die TGWU lange Zeit besonders stark gewesen war, hätten sie ihn von Anfang an abgelehnt. Nun müssten die VertreterInnen der Gewerkschaftsbeschäftigten nicht nur 460 Jobs und Funktionen evaluieren, die beiden Apparate vereinheitlichen und sich mit dem Kompetenzwirrwarr herumschlagen. «Jetzt tobt an der Spitze auch noch ein persönlich ausgetragener Konflikt zwischen den Rechten und den Linken», sagt die 51-Jährige. Vor allem auf Amicus-Seite würden alle gemobbt, die eine andere Meinung als der Vorsitzende vertreten. «Eine solche Hexenjagd habe ich seit Tony Blairs Anfangszeit als Labour-Vorsitzender nicht mehr erlebt. Wer soll sich da noch um die Mitglieder kümmern?»

Nicht alle Trade Unions werden wie Fürstentümer geführt; es gibt auch Gewerkschaften, die eine konsequent mitgliederorientierte, kämpferische Politik verfolgen - die der Feuerwehrleute zum Beispiel, der LehrerInnen, der Bahnbeschäftigten oder die Public and Commercial Services Union (die Angestellte in Finanzämtern, Jobcentern, beim Zoll und bei der Küstenwache organisiert).

Begehrte Erntearbeit

Sie haben derzeit alle Hände voll zu tun. Die Arbeitslosigkeit steigt von Tag zu Tag, die Labour-Regierung senkt die Ausgaben, baut Arbeitsplätze ab und will noch mehr staatliche Aufgaben privatisieren (vgl. Text «Absturz in Raten» weiter unten). Wie dramatisch viele die Lage sehen, zeigen die vielen frühzeitigen Bewerbungen um Erntejobs. Früher habe man nur osteuropäische MigrantInnen für die Erntearbeit gewinnen können, zitierte letzte Woche der «Guardian» die Sprecherin einer Jobagentur, bei der sich 217 Arbeit Suchende um dreissig befristete Arbeitsplätze bewarben; darunter gerade mal 3 OsteuropäerInnen. «Manche wenden sich zwar empört ab, wenn sie hören, dass ihnen nur der Mindestlohn (5,73 Pfund in der Stunde, umgerechnet 9.70 Franken) bezahlt wird.» Und doch hätten die meisten, darunter vor kurzem noch hoch bezahlte Leute, ihre Bewerbung aufrechterhalten.

Eine der Gewerkschaften, die laufend Arbeitskämpfe führt, ist die National Union of Journalists (NUJ). «Gleich in mehreren Verlagen stimmen derzeit JournalistInnen über Kampfmassnahmen ab, in Glasgow, Leeds und York wird seit Wochen immer wieder gestreikt», sagt Miles Barter, der bei der 35 000 Mitglieder starken NUJ für Kampagnen zuständig ist. Vor allem die Belegschaften von Regionalblättern widersetzen sich dem Jobabbau, der im letzten Jahr rund 4000 redaktionelle Arbeitsplätze vernichtet hat. «Die Verleger nutzen die Krise, um die Redaktionen zu verkleinern», sagt Barter. Dabei würden manche Verlage noch gut verdienen. Natürlich spiele die allgemeine Zeitungskrise eine Rolle: Auch in Britannien haben Gratisblätter und das Internet den Verkaufszeitungen zugesetzt. «Aber wenn die Verlage die enormen Profite der letzten Jahre nicht allesamt eingesackt oder als Dividenden ausbezahlt hätten, gäbe es jetzt Spielraum für sinnvolle Umstrukturierungen.»

Die NUJ gilt als kämpferische Gewerkschaft. «Wenn die Mitglieder den Kampf wünschen, unterstützen wir sie dabei», sagt David Ayrton in der Londoner Zentrale. Und sie ist offen für neue Ideen. Da sich immer mehr Verlage aus der Provinz zurückziehen und manche Regionen bald keine Zeitung mehr haben, prüfe man derzeit genossenschaftliche Modelle, sagen Barter und Ayrton (und beginnen zu fragen, wie das denn bei der WOZ funktioniere).

Die üblichen Ausreden

Die NUJ ist im Unterschied zu vielen anderen britischen Gewerkschaften nicht mit der Labour-Partei liiert. «Eine zu grosse Nähe wäre mit journalistischen Prinzipien nicht vereinbar», sagt Ayrton. Die Distanz schafft offenbar Freiraum: Fast alle Gewerkschaften, die Konflikte nicht scheuen, haben ihre finanzielle Unterstützung für die Regierungspartei gekappt oder sind von Labour ausgeschlossen worden. «Die meisten Gewerkschaften scheuen jede Auseinandersetzung mit Labour», sagt Tony Benn, der grosse alte Mann der Labour-Linken, der in den sechziger und siebziger Jahren in der Regierung sass: «Sie glauben, dass Opposition dem Premier Gordon Brown schaden könnte - und untergraben dadurch ihre Glaubwürdigkeit.»

Man könne ja nicht mehr richtig kämpfen, sagen so manche Gewerkschaftssprecher; die von Margaret Thatcher in den achtziger Jahren durchgeboxten (und von Labour nie aufgehobenen) Antigewerkschaftsgesetze blockierten eine effektive Gegenwehr. Das ist zwar richtig, doch meist dient das Argument nur als Ausrede für die eigene Inaktivität. Die Bahngewerkschaft RMT, die ebenfalls die Gesetze einhalten muss, zeigt, dass sich Widerstand lohnt. Am letzten Mittwoch bestreikten RMT-Mitglieder die Londoner U-Bahn-Linie Victoria, und am Donnerstag kündigten RMT-Kondukteure der East Midland Trains gleich acht Arbeitsniederlegungen an. Der RMT hat ihr militantes Eintreten nicht geschadet: Keine andere Gewerkschaft hat in den letzten Jahren so viele Mitglieder gewonnen.

Dass man sich auch unter widrigen Umständen wehren kann, haben die Visteon/Ford-ArbeiterInnen von Belfast gezeigt. Sie kontrollieren weiterhin ihren alten Betrieb. Ende letzter Woche verurteilte zwar ein nordirisches Gericht ihre Besetzung, aber sie sind noch da - und tragen den Kampf nach draussen. Mit Flugblattaktionen vor den Türen der wichtigsten Ford-Händler versuchen sie, den Konzern dort zu treffen, wo es besonders weh tut - bei der Kundschaft.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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