Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

Sklaven, Geld, Musik und Fussball

Nach Jahrzehnten des Niedergangs erlebt die britische Hafenstadt eine neue Blüte. Aber wen erreicht der plötzliche Wohlstand? Und wie steht es um die einst so wichtige Arbeiterkultur? Ein Rundgang durch die Europäische Kulturhauptstadt 2008.

Von Pit Wuhrer, Liverpool

Eric Lynch ist noch ziemlich gut zu Fuss. Er kann laufen ohne Ende, nimmt nur selten den Bus und marschiert mit all der Energie, die in einem 76-Jährigen steckt, vor den StudentInnen aus Sheffield her, die ihm nur mit Mühe folgen können. «Dort oben, seht ihr den Kopf? Dort haben die Liverpooler Sklavenhändler eine Beute abgebildet», sagt er und zeigt mit seinem Stock auf die Fassade des Gebäudes, in dem einst die Hafenverwaltung sass. Und die Skulptur dort drüben an der Aussenwand des Cunard Buildings, dem früheren Hauptquartier der Cunard-Reederei? «Da haben sie das Porträt einer schwarzen Frau in Stein meisseln lassen!»

Metropole des Sklavenhandels

Seit seiner Jugend interessiert sich Eric Lynch für die Geschichte der einst wichtigsten Stadt im internationalen Sklavenhandel. Er hat über Jahrzehnte hinweg recherchiert, viele Dokumente ausgegraben und systematisch die Hausverwalter der wichtigsten Gebäude in der Liverpooler Innenstadt befragt: «Die wissen am besten über die Geschichte der Reedereien und Geldhäuser Bescheid, weil sie oft die Dokumente gelesen haben, die ihnen zur Vernichtung anvertraut wurden», sagt er. Und seit der ehemalige Bauarbeiter, der später für die Stadtverwaltung arbeitete, pensioniert ist, zeigt er auf seinen Touren durch die Liverpooler Innenstadt, was die Stadt am Fluss Mersey im 18. und 19. Jahrhundert so reich gemacht hat - reicher als die anderen britischen Städte und fast so reich wie London. Anhand der monumentalen viktorianischen Gebäude, die bis vor kurzem der Stadt ein Gesicht gaben, schildert er eine Geschichte, die die Mächtigen von Liverpool am liebsten vergessen machen würden.

Eric Lynch, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr aktives Mitglied seiner Gewerkschaft ist, wurde in Liverpool geboren; auch seine Mutter ist in Liverpool aufgewachsen: «Es gibt hier seit langem eine schwarze Community», erzählt er den etwas verdutzten Jugendlichen. Die meisten von ihnen waren bisher davon ausgegangen, dass Schwarze erst in den sechziger Jahren aus der Karibik nach Britannien migrierten.

Lynch beginnt seine Tour stets am Merseyside Maritime Museum an den restaurierten Albert Docks (dem bei weitem interessantesten Museum der Stadt), erläutert dann, dass nebenan das erste mit Schleusen versehene Dock der Welt entstanden war, und skizziert den profitablen Dreieckshandel: Liverpooler Reeder verschifften Waren aus dem Liverpooler Hinterland nach Westafrika, verschleppten von dort Millionen von SklavInnen in die karibischen Kolonien, von wo aus die Frachter mit Getreide, Tabak und Baumwolle wieder Richtung Liverpool segelten. Über ein Jahrhundert hinweg war die Stadt am River Mersey der wichtigste Hafen des britischen Empires.

Dieser Handel und das Leiden, sagt Lynch, hätten Liverpool gross gemacht. Dazu die Millionen, die im Transportwesen schufteten, die Seeleute, die Hafenarbeiter, die Fuhrwerker, die vielen MigrantInnen aus Irland, Wales und Nordengland, die früh starben, weil ihre Lebensbedingungen so erbarmungslos hart waren. «All das aber spielt heute keine Rolle.» Und weil kaum jemand zurückblicken wolle, sei die Europäische Kulturhauptstadt 2008 die vielleicht rassistischste Stadt Britanniens. «Wer als Schwarzer trotz aller Hindernisse eine gute Ausbildung absolviert hat, geht weg - nach Birmingham, nach Manchester, nach London. Überall haben wir bessere Chancen als hier», sagt Lynch.

«Frag doch mal in einem der Museen nach, wie viele Schwarze dort arbeiten. Zwei Dutzend werden sie sagen. Aber das eine Dutzend putzt, und das andere ist im Sicherheitsgewerbe tätig. In Leitungsfunktionen sitzen nur Weisse.» Und dann, so fügt er hinzu, kannst du dich auch gleich bei den beiden Fussballklubs Liverpool FC und Everton FC erkundigen. «Vor zwanzig Jahren hat ein Everton-Manager geschworen, dass niemals ein Schwarzer ins Team aufgenommen werde.» Das habe sich zwar geändert. «Aber wo bleiben die schwarzen Spieler nach ihrer Spielerkarriere? Und wo sind die schwarzen Manager?»

Erinnerungskultur von unten

Was Geschichte, was Kultur ist, werde doch von denen da oben definiert, sagt Lynch - und hat doch nicht ganz recht. Es gibt in Liverpool auch ein anderes Erinnerungsvermögen, das freilich eher im Verborgenen lebt und ohne PR-Tamtam auskommt; es gibt noch eine Kultur von unten.

Doch die fällt neben den Grossveranstaltungen und Feierlichkeiten im Kulturhauptstadtjahr 2008 kaum auf. Nur wenige hatten beispielsweise die Totenfeier für John Nettleton mitbekommen. Die Merseyfähren, die der aktive Gewerkschafter und ehemalige Seemann vor Jahren mit einem klugen Konzept vor dem Aus bewahrt hatte, stellten den Verkehr ein, als Nettletons Asche auf dem Fluss verstreut wurde. Fährmatrosen warfen ihr Blumen nach und ein Exemplar des Buches «The Ragged Trousered Philanthropists», eine Art Bibel der britischen Arbeiterbewegung. Geschrieben hat das Buch Robert Tressell, der 1911 in einem Liverpooler Armenspital an Tuberkulose starb. Die Philanthropen, die Menschenfreunde, das sind die Arbeiter, die den Kapitalisten alles schenken. Hobbyhistoriker Nettleton hatte jahrelang nach Tressells Grab gesucht, bis er es auf einem Armenfriedhof fand.

Gesucht werden müssen auch andere Beispiele einer Erinnerungskultur von unten. Schräg gegenüber dem Fussballstadion des Liverpool FC unterhalten zum Beispiel ein paar Unentwegte ein kleines Büro, das der Tragödie von Hillsborough 1989 gewidmet ist. Bei einem Cupspiel in Sheffield waren seinerzeit Liverpooler Fans von der Polizei in ein Käfiggehege gedrängt worden; 96 Liverpooler Fans wurden zerquetscht. Die Behörden und die Politik hatten das Ereignis bald vergessen; nur hier und am Stadion an der Anfield Road erinnern ein Büro und ein Schrein an das Desaster.

Auch den «Picket» (Streikposten) gibt es noch, den linken Club, der einst das grosse Arbeitslosenzentrum an der Hardman Street belebte, dann aber in ein Industriequartier bei den früheren Süddocks umziehen musste, weil das gewerkschaftliche Zentrum von der Stadtverwaltung nicht länger bezuschusst wurde. In diesem kleinern Club sang vor kurzem Elvis Costello (der in Birkenhead, auf der anderen Seite des Mersey, aufgewachsen war), um dem neuen «Picket» zu einem guten Start zu verhelfen. Und dann ist da natürlich noch das «Casa», das die Liverpooler Docker nach ihrem langen Streik gegen die Rückkehr des Tagelohns im Hafen zu einem Kulturzentrum und einem Treffpunkt linker Gruppen aufgebaut hatten.

Dave Jacques kommt oft ins «Casa» an der Hope Street zwischen den beiden grossen Kathedralen; sein Atelier liegt auf der anderen Strassenseite. Jacques ist bildender Künstler, er hat im ganzen Land, in Mexiko, den USA, Deutschland und Irland ausgestellt und spricht den schönen Singsang der «Scouser», wie sich die Liverpudlians selbst nennen.

Gibt es noch so etwas wie eine Arbeiterkultur? «Schwer zu sagen», antwortet Jacques. «Initiativen sind noch da, aber sie werden an die Wand gedrückt.» Die Politik Margaret Thatchers und ihrer Zöglinge in der Labour-Partei habe sich verheerend ausgewirkt. Liverpool ist demoralisiert, sagt er; vieles sei zerschlagen worden. «Noch nie haben sich so wenige Künstler für die Stadt interessiert wie jetzt im Jahr der Hochkultur.» Nur an den Rändern gebe es noch Initiativen, in Kirkby zum Beispiel und auch in Nordliverpool. Dort arbeitet er mit Schulklassen an einem Projekt, das an die unzähligen walisischen Arbeiter erinnert, die im 18. Jahrhundert den Liverpool-Leeds-Kanal gegraben hatten, einen der ältesten Kanäle der Welt und nur eines der vielen Grossprojekte des imperialen Liverpool.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist eins von Jacques' zentralen Themen. Er hat in den letzten Jahren viele Gewerkschaftsbanner angefertigt - grosse, an Stangen getragene Transparente, die auf keiner ArbeiterInnendemo fehlen dürfen. 2004 bemalte er die Wände des Newz Clubs im Stadtzentrum, der mittlerweile - und zu seinem Leidwesen - hauptsächlich von smarten BankerInnen frequentiert wird. Seine acht grossen Bilder zeigen «Some Liverpool Radicals»: revoltierende Iren und Waliserinnen, das Komitee des grossen Transportarbeiterstreiks 1911, gewerkschaftlich organisierte Tramfahrerinnen im Ersten Weltkrieg, Liverpooler Freiwillige in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs.

Derzeit arbeitet er an einer Serie von Kleinbannern, die dem katalanischen Anarchisten und Freidenker Francisco Ferrer gewidmet sind und thematisch eine Zeitreise des Widerstands beschreiben - von Anfang des 20. Jahrhunderts zurück ins 19. und nach vorn ins 21. Jahrhundert. «Die Grundsatzfragen - wer hat die Macht, und wer widersetzt sich unter welchen Bedingungen und mit welchen Ideen - haben sich nicht geändert», sagt Jacques, der auf den gestickten Fahnen das Spannungsverhältnis zwischen öffentlichem und privatem Raum thematisiert. Mit dieser Frage setzt er sich seit langem auseinander. «Schau dir nur mal an, was derzeit mit der Innenstadt passiert! Dort wird gerade das gesamte Zentrum privatisiert! Darf man da künftig überhaupt noch demonstrieren?»

Volksrepublik Merseyside

Dave Jacques kann sich in Rage reden, wenn er wütend ist. Da blitzt die Leidenschaft der Scouser auf, jenes merkwürdigen Volksstamms, der immer am Rande von allem existierte und stets im Zentrum des Tumults stand. Der die Mächtigen und die kulturellen Eliten respektlos behandelt und in der Katastrophe sentimental, passioniert und solidarisch agiert. Was haben die Scouser nicht schon alles erlebt? Die blutige Niederschlagung des Aufstands der Seeleute 1775, die vergeblichen Streiks der Tagelöhner im vorletzten Jahrhundert, die vielen Drohungen der Londoner Regierung (einmal schickte der frühere Innenminister Winston Churchill Kriegsschiffe in den Mersey, die ihre Kanonen auf die rebellische Stadt richteten), die Niederlage im Generalstreik 1926, die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, der Vernichtungsfeldzug von Margaret Thatcher, der Kollaps der lokalen Industrie, der Aufstand von Toxteth 1981, die Amtsenthebung von 47 linken GemeinderätInnen durch die konservative Regierung 1987, der lange und verzweifelte Kampf der Docker 1995 bis 1998 - all das hat die Stadt bewegt und geprägt.

«Schottland und Wales wenden sich derzeit von England ab», schrieb vor kurzem der «Guardian», «die Volksrepublik Merseyside ist dort bis heute aber nicht einmal angekommen.» Wie sollte sie auch? In Liverpool lebten bis vor kurzem mehr IrInnen als in Dublin. Die vielen MigrantInnen aus Irland, Osteuropa, China, Italien, aus der Karibik und aus Westafrika haben die Hafenstadt geformt - und eine Kultur des Miteinanders entstehen lassen, die es in Britannien sonst nirgendwo gibt.

Als 1985 bei einem Europacup-Endspiel im Brüsseler Heyselstadion Liverpooler Hooligans eine Mauer zum Einsturz brachten, die 39 italienische Fans begrub, schämte sich die ganze Stadt. Nach der Hillsborough-Tragödie 1989 trauerten die Liverpudlians monatelang - und boykottieren seither das rechte Massenblatt «Sun», das den Fans eine Mitschuld angedichtet hatte. Als 1993 der kleine Bub James Bulger von zwei Zehnjährigen getötet wurde, litten alle mit den Eltern. Dieses kollektive Mitgefühl zeigte sich auch nach dem Tod des elfjährigen Rhys Jones im letzten Sommer, den die Kugel eines jugendlichen Gangsters traf. «Liverpool ist eine emotionale, eine leidenschaftliche Stadt», sagt Eddie Roberts von der Transportarbeitergewerkschaft TGWU. Deswegen hat sie auch eine andere Seite: Nirgendwo in Britannien gibt es so viele KomikerInnen pro Quadratmeter wie hier.

Das neue Stadtzentrum

«Mich hat in all den Jahren der Vorbereitung niemand um eine Mitarbeit am Kulturprojekt 2008 gebeten», sagt Dave Jacques. «Erst zwei Tage vor der Auftaktveranstaltung rief mich einer an und fragte, ob sie eines meiner Gewerkschaftsbanner haben können. Da war offenbar ein paar Leuten aufgefallen, dass es in Liverpool auch eine Kultur diesseits der Popmusik gibt.» Jacques hat abgelehnt. Denn: «Was machen die aus dieser Stadt? Teile des Zentrums sind einfach nur scheusslich - und das wird noch schlimmer, wenn erst einmal die Bauzäune verschwinden.»

Einer, der diese «Scheusslichkeiten» gut kennt, ist Trevor Skempton. Der Stadtplanungsbeauftragte des Liverpooler Gemeinderats hat viel mit Grosvenor gerungen, der Baufirma des Duke of Westminster, einem der reichsten Männer im Land. Der krempelt derzeit auf knapp 200 000 Quadratmetern einen Teil der Innenstadt um, nachdem die Stadtverwaltung dem Investor das Gelände für sein Zwei-Milliarden-Franken-Projekt für die Dauer von 250 Jahren überlassen hat.

«Das Vorhaben ist nicht schlecht», sagt Skempton, ein linker Architekt. «Bisher ähnelte das Gebiet zwischen der Haupteinkaufsstrasse Lord Street und den Docks einer Brache - alte Lagerhallen und Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg.» Liverpool habe in den letzten Jahren seinen Status als Regionalzentrum eingebüsst. In den sechziger Jahren sei die Stadt nach London und Glasgow das drittgrösste Einkaufszentrum gewesen, jetzt liege sie auf Rang vierzehn. Nach zähen Verhandlungen mit der Stadtverwaltung habe Grosvenor einem städtebaulichen Konzept zugestimmt, das sich am italienischen Stadtmodell orientiert - keine Shoppingmall, sondern eine Mischung von Kaufhäusern und Wohnungen mit Strassen, Plätzen und Parks, die rund um die Uhr zugänglich sind.

Grosvenor habe mit sich handeln lassen, beim Grossinvestor Peel Holdings sei er sich da nicht so sicher, sagt Skempton. Dieses Unternehmen hat im Herbst 2006 und im Frühjahr 2007 gleich zwei gigantische Vorhaben angekündigt. Einerseits das Wirral-Waters-Projekt auf der anderen Seite des Mersey: Dort sollen auf zwei Quadratkilometern Hochhäuser, Hotels, Shoppingzentren und Luxuswohnungen aus einem heruntergekommenen Quartier wachsen (Kosten laut Angabe des Betreibers: neun Milliarden Franken). Andererseits das elf Milliarden teure Liverpool-Waters-Projekt mit bis zu dreissig, rund 200 Metern hohen Wolkenkratzern in den verfallenden Docks von Liverpool. Diese gehören mittlerweile der Peel-Holding, die auch den Liverpooler John-Lennon-Airport, die Flughäfen von Durham und Sheffield sowie den Manchester Ship Canal und den Hafen von Glasgow besitzt. Das erste Liverpooler Peel-Hochhaus soll Shanghai Tower heissen.

Die desolaten Verhältnisse

Positiv an dieser Entwicklung sei, dass sich Liverpool nach der Stilllegung der meisten Docks in den siebziger und achtziger Jahren wieder dem Wasser und dem Hafen zuwende, sagt Skempton. «Das wertet die Innenstadt auf, die 2004 ins Unesco-Weltkulturerbe-Programm aufgenommen wurde.» Und vielleicht zahle sich das ja aus. Immerhin sei der Stadt mit ihren 440000 EinwohnerInnen der Mittelpunkt einer Agglomeration, in der fast fünf Millionen Menschen leben. Und überhaupt: «Zum ersten Mal haben wir hier mit Grosvenor ein neues städtebauliches Konzept festklopfen können, das die Menschen nicht nur als Konsument - Innen wahrnimmt.»

Die Konzentration auf die Innenstadt hat jedoch auch Nachteile: Das Kulturhauptstadtjahr 2008 ist eine einzige Baustelle. Und: Die Konzentration auf die Innenstadt lässt die Innercity-Ghettos aussen vor, wie Skempton betont. Dort aber ist Liverpool so arm wie eh und je.

«Liverpool besteht aus zwei Städten», sagt Tony Mulhearn, der Mitte der achtziger Jahre Präsident der örtlichen Labour-Partei gewesen war. «Die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen hier liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt, viele suchen verzweifelt nach bezahlbarem Wohnraum, die meisten haben miserabel bezahlte Jobs. Kann man so was eine Kulturstadt nennen?» Das Clubleben habe die Fabriken und die Docks ersetzt, die in den achtziger Jahren zugemacht wurden. Und mit ihnen seien auch die Labour Pubs, die Workingmen's Clubs und die Arbeiterfussball- und Cricketturniere verschwunden - «kollektive Formen einer Arbeiterkultur, in der alle für alle da sind.»

Die politische Rechnung

Mulhearn war einer jener linken Liverpooler Gemeinderäte, die Mitte der achtziger Jahren der konservativen Thatcher-Regierung die Stirn boten: Sie investierten in den sozialen Wohnungsbau, obwohl ihnen das London verboten hatte, setzten Arbeitsbeschaffungsmassnahmen um, obwohl sie das nicht durften - und wurden 1987 in einem bis dahin beispiellos autoritären Akt von der Zentralregierung gefeuert und mit Schadensersatzprozessen überzogen.

«Die ganze Stadt hat rebelliert», freut sich heute noch Trevor Skempton. Und Mulhearn kann sich gut daran erinnern, dass damals fast alle Kulturschaffenden ihre Unterstützung anboten: spontane Theateraufführungen, Rockkonzerte, Lesungen zugunsten der 47 gefeuerten Labourlinken. «Beim Dockerstreik zehn Jahre später war das auch so», sagt der Organisator einer Gruppe mit dem Namen Alternative Kulturhauptstadt, die vor kurzem Ken Loach mit seinem Dokumentarfilm «Flickering Flame» über den Hafenarbeiterstreik nach Liverpool holte. Derzeit gebe es keine Organisationen mehr, die den grossen Konflikt wagen könnten, sagt Mulhearn. «Aber wenn sich die Arbeiterbewegung wieder aufrappelt, sind die Musiker und die Theaterleute alle wieder da.»

Diese Einschätzung teilt auch die Gemeinderätin Beatrice Fraenkel. Sie hat vor kurzem die Fraktion der in Liverpool dominierenden LiberaldemokratInnen verlassen: «Die Verantwortlichen des Kulturhauptstadtprojekts haben nie die Leute gefragt. Dabei geht es bei Kultur um nichts anderes als die Beziehungen zwischen den Menschen.» Denen auf der Strasse sei jedoch nie vermittelt worden, dass 2008 ihre Party ist. «Was hätte mit etwas Hilfe von oben nicht alles entstehen können!» Bei der Kommunalwahl Anfang Mai verloren die LiberaldemokratInnen ihre Kontrolle über den Liverpooler Gemeinderat. Und die Konservativen konnten - wie schon seit Jahren - keinen einzigen Sitz gewinnen. Auch das ist Kultur.

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