Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Nur niemals zwölf werden

Der mexikanische Regisseur Luis Mandoki hat die Kindheitserinnerungen von Oscar Torres an den Bürgerkrieg in El Salvador effektvoll in Szene gesetzt.

Von Christoph Bühler

Chava (Carlos Padilla) lebt mit seiner Mutter und zwei Geschwistern im Dorf Cuscatazingo an der Frontlinie des Krieges. Das Dorf ist Spielplatz und Schlachtfeld zugleich: Immer wieder kommt es zwischen den Gärten am Rande des Regenwaldes zu Gefechten mit den Widerstandsgruppen - wenn Schüsse durch die dünnen Hauswände pfeifen, wird schnell klar, wieso Chava seine Hausaufgaben auf dem Bauch liegend schreibt. Der Elfjährige ist ein Erwachsener, der sich mit der tödlichen Bedrohung auseinander setzen muss, und gleichzeitig ein kleiner Junge, der mit Freunden im Wald spielt, sich verliebt und mit seiner überarbeiteten Mutter streitet.

Der salvadorianische Drehbuchautor Oscar Torres hat in «Voces inocentes» (Unschuldige Stimmen) seine Kindheitserinnerungen niedergeschrieben. Als der Bürgerkrieg in El Salvador gegen Ende der achtziger Jahre eskalierte, begannen Armee und Opposition ihre Soldaten unter den Jüngsten zu rekrutieren. Wer das zwölfte Lebensjahr erreichte, wurde vom Staat zum Militär eingezogen. Um diesem Schicksal zu entgehen, feierte Torres Jahr für Jahr seinen elften Geburtstag, bis ihm schliesslich mit vierzehn die Flucht nach Los Angeles gelang. «Die Wahrheit ist, dass ich als Kind keine Angst hatte, getötet zu werden. Ich hatte Angst, dass meiner Mutter etwas passieren könnte und ich in die Armee eingezogen würde», erzählt der Autor. Der zwölfte Geburtstag ist auch für Chava das Schlimmste, was ihm zustossen kann. Darüber kann auch die fehlende zwölfte Kerze auf dem Geburtstagskuchen nicht hinwegtäuschen: Für Chava ist die Kindheit zu Ende.

Ursprünglich wollte Torres die Geschichte des Protestliedes «Casas de cartón» - eine Hymne der Rebellen an die armseligen Wellblechhütten, die sie ihr Zuhause nennen - der venezolanischen Gruppe Los Guaraguaos erzählen, das während des Bürgerkrieges nur auf dem verbotenen Sender der Guerilleros zu hören war. Davon bleibt in «Voces inocentes» nur noch der musikalische Leitfaden: Auf einem kleinen Plastikradio, den Chava von seinem bei den Rebellen kämpfenden Onkel erhält, hört er immer wieder das Lied, das ihn mehrmals in Lebensgefahr bringt. Einmal läuft er mit laut aufgedrehtem Radio direkt an den Soldaten vorbei zur Schule. Der Pfarrer (Daniel Giménez Cacho), der aus seiner Sympathie für die Revolutionäre keinen Hehl macht, kann ihn noch rechtzeitig warnen, sodass Chava einen anderen Sender einstellt: Passenderweise erklingt dort «I Will Survive» von Gloria Gaynor.

In Szene gesetzt wurde die Geschichte in Mexiko vom mexikanischen Regisseur Luis Mandoki, bisher bekannt für gefällig glatte Hollywoodproduktionen wie zuletzt «Angel Eyes» mit Jennifer Lopez. Mit «Voces inocentes» versucht er sich nach fünfzehn Jahren wieder in seinem Heimatland, ohne aber auf die dramaturgischen Mittel des Hollywoodkinos verzichten zu wollen. Mandokis Erzählweise ist bemüht, stets der Perspektive des Kindes zu folgen. Dieser subjektive, naive Blick auf den Alltag im Ausnahmezustand wird jedoch immer wieder aufgebrochen durch Mandokis Anlehnung an eine Filmsprache nach Rezept: verwackelte Gefechtsszenen und Grossaufnahmen schmutziger, weinender Kindergesichter. Explizite Gewaltdarstellungen, in Zeitlupe zelebriert, kontrastieren mit ruhig dahinfliessenden Bildern, die überzeugend von kleinen Geschehnissen im Dorf erzählen. Ein schwieriger Balanceakt, der nicht ganz aufgeht und doch in Richtung eines politisch korrekten und zugleich pathetischen Gefühlskinos weist. Dank der authentischen Geschichte, die die Grundlage des Drehbuchs bildet, wird «Voces inocentes» trotzdem seinem moralischen Anspruch gerecht. Am Ende bleibt nicht bloss abgefilmter Kriegshorror, sondern vor allem eine Hymne an das Leben und die Menschen der «Casas de cartón».

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