Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Bis an die Zähne mit Requisiten bewaffnet

Vor zwanzig Jahren überraschten die Zapatistas die Welt. Die Männer und Frauen um Subcomandante Marcos wollten Mexiko befreien – und haben doch international viel mehr in Bewegung gesetzt als im eigenen Land.

Von Toni Keppeler

Es war eine verrückte Silvesternacht. In der Hauptstadt erhob Carlos Salinas de Gortari sein Glas auf das bei weitem wichtigste Werk seiner sechsjährigen Amtszeit als Präsident von Mexiko. Am 1. Januar 1994 Schlag Mitternacht trat das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta in Kraft: Kanada, die USA und Mexiko wurden zu einem gemeinsamen, kaum mehr regulierten neoliberalen Markt. Der Vertrag hat Mexiko von Grund auf verändert.

Zur selben Stunde, im südlichsten und ärmsten Bundesstaat Chiapas, krochen vermummte Guerilleros und Guerilleras aus ihren Verstecken im Nebel des Urwalds von Lakandonien, rückten in Kolonnen gegen San Cristóbal de las Casas und sechs weitere Provinzstädte vor und nahmen sie im Handstreich ein. Mit diesem Überraschungscoup betrat die zapatistische Befreiungsarmee die Bühne der Öffentlichkeit. Auch das hat Mexiko verändert. Wenn auch – das kann mit dem Abstand von zwanzig Jahren gesagt werden – nur ein bisschen.

Salinas de Gortari, ein Kapitalist durch und durch, glaubte, Freihandel und deregulierte Märkte, das sei die Zukunft. Die Weltgeschichte der vergangenen zwanzig Jahre hat ihm – zumindest vorläufig – recht gegeben. Die Zapatistas wirkten dagegen eher wie die wiederauferstandene Vergangenheit. Die Hochzeit der bewaffneten Rebellion hatte in Lateinamerika und in der Karibik Mitte der fünfziger Jahre mit dem Kampf Fidel Castros und seiner Getreuen in der Sierra Maestra in Kuba begonnen. 1994 war diese Zeit vorbei. In Nicaragua waren die SandinistInnen 1990 von der Macht abgewählt worden; die FMLN-Guerilla El Salvadors hatte 1992 einen Friedensvertrag mit der ultrarechten Regierung unterzeichnet; in Guatemala quälte sich der Bürgerkrieg in zähen Verhandlungen seinem absehbaren Ende entgegen; und im Hinterland von Kolumbien waren Scharmützel zwischen Guerillas, Armee und Paramilitärs Teil der international schon lange kaum mehr wahrgenommenen Normalität geworden.

In Mittelamerika und Kuba hatten sich die bewaffneten Aufstände gegen blutige Militärdiktaturen gerichtet. Internationale Solidarität, weit über die Linke hinaus und bis in Kirchenkreise hinein, war den Guerillas deshalb sicher. Aber was war in Mexiko? Dort herrschte mit der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) eine politische Kraft mit irgendwie linken Wurzeln, die den Befreiungsbewegungen der Region stets diplomatische Rückendeckung gegeben hatte. Mexiko war sicher keine lupenreine Demokratie – das war bekannt. Aber genauso wenig wurde das Land von blutigen Diktatoren beherrscht.

Inszenierung eines Kriegs

Schlechte Voraussetzungen also für eine kleine und schlecht bewaffnete Guerilla. Ihr militärischer Anfangserfolg – die Besetzung von sieben Provinzstädten – war dem Überraschungsmoment zu verdanken und währte nur wenige Tage. Dann zog sich die zapatistische Befreiungsarmee zurück in den Urwald von Lakandonien. Der linke chilenische Soziologe Tomás Moulián sprach später von der «Inszenierung» eines Guerillakriegs. Er meinte das nicht negativ. Er verstand die Zapatistas als ProtagonistInnen einer neuen Form des militanten Klassenkampfs, in dem die Botschaft, der Diskurs an erster Stelle stand; das Militärische dagegen war nur Theater.

Die Inszenierung war offensichtlich. Subcomandante Marcos, das öffentliche und zugleich versteckte Gesicht der Zapatistas mit den grünen Augen im Sehschlitz der über den Kopf gezogenen Wollmütze, war zur Ikone stilisiert, die – zumindest eine Zeit lang – dem Porträt Ernesto Che Guevaras mit dem melancholisch in die Ferne schweifenden Blick ebenbürtig war. Der Mann im grünen Drillich zeigte sich gerne auf dem Pferd, die Pfeife im Mund, über der Brust zwei gekreuzte Patronengurte wie einst Emiliano Zapato, der Namensgeber der Guerilla. Über die Schulter lugte der Lauf seines Gewehrs, und wer ein bisschen genauer hinsah, konnte erkennen, dass die Munition vor der Brust nicht in den Lauf des umgehängten Schiesseisens passte. Es waren dicke Schrotpatronen, optisch beeindruckend, doch fürs Töten denkbar ungeeignet; aber das war wohl auch nicht ihr Sinn. Sie waren keine Drohung, sondern eine Botschaft, ein revolutionäres Accessoire. Mit solchen semiotischen Zeichen stellte sich Marcos für die MexikanerInnen in die Tradition des Befreiungsheroen Zapata, für die internationale Öffentlichkeit in die des Che Guevara.

Der militärische Aufmarsch des 1. Januar 1994, sagt Moulián, war «ein Scheingefecht». Die Zapatistas «benutzten ihn als Sprachrohr, als Pamphlet, zur verbalen Auseinandersetzung – so wie sie auch die charismatische Führerfigur benutzten: Sie machten Marcos zu einer Gestalt der Massenmedien.» Die wenigen Male, die es zu einem wirklichen Gefecht mit der Armee kam, waren die RebellInnen heillos unterlegen. Allein in den ersten zwölf Tagen des Aufstands fielen – so sagte es Marcos – 46 seiner Leute. Zum Teil fand man ihre Leichen mit einem Spielzeuggewehr aus Holz an der Seite. Für die Inszenierung eines Gefechts mag so eine Waffe ihren Sinn haben. In einer wirklichen Schlacht aber kommt die Macht aus wirklichen Gewehren.

Ganz Mexiko befreien

Das fast operettenhafte Auftreten passte nicht zu dem Anspruch, der schon allein mit dem Namen vermittelt wurde: EZLN, das heisst auf Deutsch «Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung». Da trat ganz im Süden, in einem Teil des ärmsten Bundesstaats, eine winzige Guerillatruppe auf und wollte das grosse Mexiko befreien. Fast schon ein Witz, von dem man erwarten konnte, dass er allenfalls für ein paar Tage durch die vermischten Seiten der Tageszeitungen geistern würde. Doch da war noch ein anderes, ein neues Detail an der Ikone des Subcomandante Marcos: Über seiner schwarzen Wollmütze trug er stets den Bügel von Kopfhörern, vor seinem Mund ein kleines Mikrofon, an seiner Brust baumelte das dazugehörende Funkgerät. Marcos war stets verbunden, mit seiner Truppe und mit der Welt. Die Waffe der Zapatistas war die Kommunikation.

Die ersten Worte des ersten Communiqués der Zapatistas, verlesen von Marcos am 2. Januar 1994 in der Kathedrale von San Cristóbal de las Casas, begann mit einem Slogan, der seither bei allen sozialen Kämpfen Lateinamerikas millionenfach wiederholt wurde: «Hoy decimos ¡basta!» – «Wir sagen heute: Es reicht!» Was danach kam, klang noch sehr mexikanisch: die Geschichte der Unterdrückung der Armen, von der Kolonialherrschaft der Spanier bis hin zum korrupten Kapitalismus des neoliberalen Herrscherklüngels der PRI. Dem wurde ganz offiziell der Krieg erklärt. Triumphal wurde angekündigt, die zapatistischen Truppen würden in die über tausend Kilometer entfernte Hauptstadt marschieren und die Armee der Regierung besiegen. Sie würden kämpfen für «Arbeit, Land, Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden». Das «Volk von Mexiko» solle sich ihnen, den «freien Männern und Frauen», anschliessen.

Der umfassende Katalog der Ziele erinnert ein bisschen an Che Guevaras Aufruf: «Seid realistisch! Fordert das Unmögliche!» Und es war eben dieser unrealistische Utopismus, der damals, 1994, den Nerv einer lethargisch gewordenen Jugend traf. Alle, wirklich alle revolutionären linken Projekte waren zerbrochen oder zumindest verblasst. Weltpolitisch gab es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kein Gegengewicht mehr, das den Kapitalismus zu sozialen Zugeständnissen gezwungen hätte. Die Linke war gelähmt von resignativer Melancholie. Und dann stehen, am Tag des Nafta-Triumphs des Neoliberalismus in Nordamerika, im Süden von Mexiko ein paar Verrückte auf und sagen: Es reicht! So ein Fanal hatte niemand erwartet. Doch als es kam, war es gerade so, als hätte man lange darauf gehofft.

Ein neues linkes Projekt


Marcos erkannte sehr schnell, dass er international fast mehr Widerhall fand als im eigenen Land, und er richtete sich darauf ein. Die Rede von der «nationalen Befreiung» trat mehr und mehr in den Hintergrund, es ging um sehr viel mehr. Spätestens seit dem «Ersten Interkontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus» vom August 1996 in Aguascalientes, wo 3000 BesucherInnen aus 42 Ländern zusammen mit 2000 MexikanerInnen debattierten, war klar: Die Zapatistas waren die VorläuferInnen eines neuen linken Projekts. Sie waren die Ersten, die wieder klarmachten: Der ungezügelte Kapitalismus muss nicht das Ende der Geschichte sein. Der «Sozialismus des 21. Jahrhunderts»; die Antiglobalisierungsbewegung; neue linke Theorien, wie sie Michael Hardt und Antonio Negri in «Empire. Die neue Weltordnung» niedergelegt haben; auch Occupy – das alles kam erst danach.

Carlos Salinas de Gortari hat schlau auf die Herausforderung reagiert. Schon am 12. Januar 1994 ordnete er einen einseitigen Waffenstillstand an und stellte den Zapatistas eine Generalamnestie in Aussicht, damit Verhandlungen beginnen können. Die begannen tatsächlich einen Monat später und endeten nach einer Woche ohne Ergebnis. Salinas schickte 12 000 Soldaten ins Konfliktgebiet. Auch sein Nachfolger Ernesto Zedillo, ebenfalls von der PRI, spielte dieses Spiel aus Verhandlung und Repression. Seine Delegation einigte sich mit den Zapatistas im Februar 1996 auf das sogenannte Abkommen von San Andrés, einen Vertrag, der der indigenen Bevölkerung eigene Rechte und eine eigene Kultur garantiert – und der bis heute nicht umgesetzt ist. Im Oktober 1996 konnte die zapatistische Kommandantin Ramona beim nationalen Indígena-Kongress ungehindert auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, auftreten. Doch in Zedillos Amtszeit fällt auch das grösste Massaker in der Geschichte des zapatistischen Aufstands: Kurz vor Weihnachten 1997 überfiel eine der PRI nahestehende Miliz das mit den Zapatistas sympathisierende Indígena-Dorf Acteal und ermordete 45 wehrlose Männer, Frauen und Kinder.

Ramona, eine Indígena, schloss ihre Rede auf dem Zócalo mit einem trotzigen «nie wieder ein Mexiko ohne uns». Der Kampf um die Rechte der diskriminierten Urbevölkerung des Landes stand bei den Zapatistas immer in einer seltsamen Parallelität zur Rede von der gesamten Menschheit, die bisweilen in Science-Fiction-Manier ins «Intergalaktische» gesteigert wurde. Die beiden Themen bezogen sich zwar stets aufeinander, konnten sich aber doch nie richtig berühren. In Mexiko ging es um indigene Rechte, international um Humanität und den Neoliberalismus.

StudentInnen im Dschungel

Dieses Doppelgesicht tragen die Zapatistas seit ihrer Gründung. Sie sind aus einer kleinen studentischen Guerillaorganisation hervorgegangen, die 1969 im Norden von Mexiko gegründet wurde und sich Nationale Befreiungskräfte nannte. Sie hatte nur ein Gefecht mit Sicherheitskräften, im Februar 1974 im zentral gelegenen Bundesstaat von Mexiko. Dabei wurde ihre gesamte Führungsriege getötet oder gefangen genommen. Die versprengte Restgruppe gründete am 17. November 1983 die EZLN und wählte das vorwiegend von Indígenas bewohnte Hinterland von Chiapas als Operationsgebiet. Erst dort kamen die Zapatistas in Kontakt mit Mayagemeinden, in denen später die Guerillatruppe rekrutiert wurde. Marcos, mit bürgerlichem Namen Rafael Sebastián Guillén Vicente und ein studierter Philosoph, war als Sohn spanischstämmiger Eltern in Tampico im nördlichen Grenzstaat Tamaulipas aufgewachsen. Selber hat Marcos seine bürgerliche Identität nie bestätigt.

Die mexikanische Regierung ging – zum Schein – immer nur auf das indianische Anliegen ein. Auch der konservative Präsident Vicente Fox, der mit seinem Wahlsieg 2000 die siebzigjährige Herrschaft der PRI beendete, lud die Zapatistas zu Gesprächen darüber ein und glaubte, man könne das Thema «in fünfzehn Minuten erledigen». Der von den Medien begleitete Marsch der RebellInnen Anfang 2001 von Chiapas bis nach Mexiko-Stadt war ein gigantischer Propagandaerfolg. Doch die Verhandlungen dort endeten wie gewohnt im Nichts.

2003 zogen die zapatistischen Mayas die für sie logische Konsequenz: Sie schlossen die von ihnen beherrschten 27 «autonomen rebellischen Gemeinden» in fünf Verbände zusammen, die sie nach ihrer Mythologie «caracoles» (Schnecken) nennen und die von «Versammlungen der guten Regierungsführung» nach eigenen Regeln verwaltet werden. 2005 kündigte die Befreiungsarmee an, sie werde die Waffen niederlegen, und im März 2013 erklärte Marcos seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit. Subcomandante Moises, ein Maya vom Volk der Tzeltales, werde nun für die Zapatistas sprechen. Mit dem Wechsel der öffentlichen Figur geht ein Strategiewechsel einher: Man werde sich in Zukunft auf den Ausbau der eigenen Autonomie konzentrieren. Das verbindet die Maya von Chiapas mit der Indígena-Bewegung in ganz Lateinamerika, von Guatemala über Ecuador und Bolivien bis in den Süden von Chile. Dieses selbstbewusste und kämpferische Eintreten für eigene Rechte in einem eigenen Territorium, das gab es vor 1994 in Mexiko nicht. Immerhin das wurde erreicht.

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